Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Mai, 2009

Tabak steuern

Ich hatte sie auf einer regionalen Sportveranstaltung kennengelernt.
Sie stand da an der Zielgeraden eines beschaulichen Triathlons, hatte braune Haare und rauchte eine schmerzhaft aus der Menge hervorstechende magische Zigarette. Die Magie daran liess sich insofern ohne Probleme ausmachen, als dass sie auf eine ganz eigene und bewundernswerte Art leuchtete. Die Zigarette kulminierte nämlich exakt mit einem Leuchten, das der Abschalttaste einer Stromleiste im Dunkeln zum Verwechseln ähnlich sah.
Abgesehen davon, dass ich es heute nicht mehr weiss, bin ich mir ziemlich sicher, schon damals nicht gewusst zu haben, was ich an diesem Triathlon zu suchen hatte. Gefunden hab ich sie aber trotzdem.
Ich war damals knapp volljährig und wie es sich für eine lang erwartete, aufbrechende individuelle Zeitepoche gehörte, passierte gar nichts. Die grösste Lüge, die uns die Popmusik eingertichtert hatte, war, dass man nur zu den Menschen gehen müsste, um glücklich zu sein. Im Notfall auch an ein regionales Sportfest.
Es regnete auf eine lustige Weise. Stand man still, so war es trocken, wenn man sich aber bewegte, so spürte man die Tropfen im Gesicht, doch man hätte nicht mit Bestimmheit sagen können, ob sie von oben herabfielen oder schon immer an diesem Ort geschwebt hatten, bis man sie unwiderruflich pflückte. Für die erhitzten Sportler optimale Bedingungen.
Nachdem ich mir lässig und cool den Weg durch die Zuschauer gebahnt hatte und mich wie angeblich zufällig neben ihr wiederfand, lehnte ich mich weit hinüber bis zu ihrem Ohr. Ich ärgerte mich sehr, da mir plötzlich nichts mehr einfallen wollte, was ich sagen könnte, und ihr stattdessen wortlos ins Ohr atmete.
Sie schaute mich plötzlich an, mit ihren absolut gelangweilten Augen und ihrem langweiligen Gesicht. Sie hatte einen schlanken, aber mittelmässigen Körper und trug eine schwarze Regenjacke. Sie sah wie die Frau aus, die niemand kennt, weil sie zu uninteressant war um spannend zu sein. Jemand, über den man sagt, dass er ganz nett und cool sei. Aber über den es nicht mehr Wort zu verlieren gab, denn Zeit und Sprache war immer schon knapp und Legenden, Lieder und Lobpreisungen verdichteten sich nunmehr auf Verblichenes statt auf Verbliebenes.
Nur die Zigarette ragte aus ihrem Mund wie eine Gallionsfigur.
„Coole Zigarette.“
Sie paffte einmal.
Dann griff sie in ihre Jacke und bot mir auch eine an, eher genervt als zuvorkommend, obwohl beides in jenem Moment sehr vereinbar und sogar ausgesprochen symbiotisch schien.
Ich trug irgendeine Sorte Hose und eine Art von T-Shirt und ich bin mir sogar sicher, dass ich mir damals Gedanken darüber gemacht habe, doch im Grundsätzlichen fühlte ich mich im Schein dieses Glühens nackter, denn wenn ich mir meine schutzlosen Stunden nach der Geburt vorstellte.
Ich hatte nie geraucht, weil es sich nie getroffen hatte. Nicht, dass ich besondere Ansprüche hatte, um einen bestimmten Moment abzuwarten, andererseits hatte ich auch nicht die Ansprüche an Anspruchslosigkeit, aus jedem Moment einen Moment zu machen, in dem man mit Rauchen beginnt, aufhört und gleichzeitig wieder rückfällig wird. Ich bevorzugte etwas Strukturierung im Konsumieren von Welt.
Eigentlich wollte ich demenstprechend keine Zigarette, aber es war unhöflich, nachdem mein Spruch tatsächlich einer Bitte täuschend ähnlich sah. Ausserdem war die Versuchung gross, eine magische Zigarette zu haben.
Ich zündete sie an und es zischte leicht im Regen. Doch sie leuchtete nicht das magische Leuchten, das die ihrige verstahlte.
Wir rauchten eine Weile.
Niemand lief ins Ziel ein und es machte den Eindruck, als würde es nie geschehen. Die Menschen hatten keine Erwartungen darin, höchstens die Kinder, die man aber mittlerweile mit Bratwürsten in den Luftröhren zum Schweigen gebracht hat.
„Da kommt keiner mehr“, sagte ich.
„Ich weiss“, antwortete sie.
Und wir schauten uns nicht an, sondern auf die Rennbahn, die mittlerweile feucht und matschig war. Irgendwo standen ein paar Samariter, was schon an sich eine gute Tat war.
Niemand von uns beiden sprach ein Wort und leider war so etwas wie eine Konversation mit den ersten Sätzen bereits angeknickt und es entwickelte sich aus dem Nichts eine Stille, die zwar vorhin schon vorhanden gewesen war, doch nicht in der selben Rolle der Peinlichkeit.
„Tut mir leid“, sprach ich plötzlich zu dem Mädchen, „aber das Leuchten deiner Zigarette ist von da drüben ziemlich viel spannender als wenn man so neben dir steht.“
Sie zögerte zehn Sekunden, dann nickte sie.
„Das ist nichts Persönliches oder so. Und ich hoffe es macht dir nichts aus.“
„Bestimmt nicht“, hauchte sie in die hunderprozentige Luftfeuchtigkeit.
Ich kämpfte mich wieder zurück auf die andere Seite und starrte sie an und ab und zu sah sie verlegen zu mir hinüber. Sie war tatsächlich ziemlich nett und das Leuchten ihrer Zigarette war so sehr unnatürlich, es passte ohnehin nicht zu einem Sportfest, erstrecht nicht zu einem regionalen Sportfest, und zu Menschen als solche nicht.
Das war meine einzige wahre Liebe und seither habe ich sie nie mehr gesehen.
Schade, werde ich an Lungenkrebs sterben müssen.

Berufswunsch

Grausamerweise hatte Hermann oft das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Dann klingelte das Telefon.
„Herr Hermann?“
„Ja.“
„Sie sind mir immer schon sympathisch gewesen.“
Herr Hermann kriegte relativ schnell eine Gänsehaut und da ein solcher Anruf, vor allem aus der Quelle des Unbekannten, höchst beunruhigend war, spürte er, wie sich die Haare an seinen Armen aufrichteten.
„Herr Hermann, wie geht es Ihrer Frau?“
Herr Hermann hatte tatsächlich eine Frau. Aber die musste heute irgendwo in Mexiko sein. Beim besten Willen konnte er nicht ausmachen, wer der Anrufer war, geschweige denn, was er wollte.
„Mexiko ist gefährlich, aber ich glaube, es wird ihr gut gehen. Menschen sind äusserst toll darin, sich anzupassen. Frauen noch viel eher, als wir das je verstehen würden.“
Hermann konnte nicht einmal behaupten, dass ihm die Stimme bekannt vorkam.
„Wer sind Sie?“, meldete er sich zum zweiten Mal zu Wort.
„Wer ich bin? Das spielt doch für Sie keine Rolle. Viel spannender wäre die Frage: Wer sind Sie?“
Hermann war sich nicht sicher, ob er das für einen unhöflichen Scherzanruf halten sollte. Einerseits war das ein sehr rüppiges Verhalten, das der Anrufer an den Tag legte, andererseits sprach er sanft und einfühlsam und sein Kompliment hatte äusserst glaubhaft geklungen. Ausserdem war Hermann ganz grundsätzlich sehr anfällig auf Komplimente.
„Ich bin Günther Hermann und das hier ist meine Nummer. Wer sind Sie?“
„Bei allem Respekt, Herr Hermann, so einfach ist das nicht. Wissen Sie denn, wer Günther Hermann ist?“
Wie aus Reflex begann sein Gehirn zu rattern. Als ob etwas in seinem Kopf die Alternative auskosten wollte, dass es sich um eine Quizshow handelte, die ihm eine Preisfrage stellen wollte. Es wollte ihm einfach keine Persönlichkeit mit dem Namen Günther Hermann einfallen.
„Ich werde es Ihnen zu erklären versuchen. Hermann Günther, zweiundreissig Jahre alt, lebt seit fünf Jahren in der Schweiz, alleine und ohne Kinder. Er ist nicht unglücklich. Ausserdem ist er Astronaut.“
Hermann lachte unwillkürlich. Dieser Scherz war zu geschmacklos, um ihm Fassung entgegenzubringen. Für einen Moment wusste er nicht was sagen, dafür war er umso überzeugter, dass es sich um einen Scherzanruf handelte.
„Ich arbeite bei einer Brokerfirma. Ich bin dort sogar engagiert und sogar einigermassen bekannt. Man sagt, ich bewahrte einen kühlen Kopf und stünde mit beiden Beinen auf den Füssen. Denn es ist ein hartes Geschäft.“
„Aber eigentlich schweben Sie.“
Etwas Unheimliches regte sich in ihm. Es war, als ob dieser Satz ihn aufspringen lassen wollte. Natürlich vor Wut, anders konnte er es sich nicht erklären, aber er hatte auf einmal den unbeschreiblichen Drang, zu springen. Er hielt sich an der Wand fest, um dem Willen nicht nachzugeben.
„Sie schweben schon sehr lange, Herr Hermann.“
Er musste nicht mehr antworten, die Leitung schien von der satten Stimme voll erfüllt, sie führte das Gespräch strikte und es wäre auch unmöglich gewesen, aufzuhängen, so stark war der Sog, den sie auf menschliche Ohren ausübte.
„Könnten Sie mir jetzt einen Gefallen tun, Herr Hermann? Gehen Sie bitte in die Küche.“
Er brauchte nur ins Nebenzimmer zu gehen und er stand da. Er antwortete nicht, als er dem Wunsch Folge geleistet hatte.
„Gut. Jetzt öffnen Sie den Kühlschrank.“
„Ich soll den Kühlschrank öffnen?“
„Sie haben mich perfekt verstanden, Herr Hermann.“
„Wieso sollte ich das machen?“
„Sie werden es machen.“
Hermann legte die Hand an den Griff seines Kühlschranks. Plötzlich überkam ihn Angst, seinen eigenen Kühlschrank zu öffnen.
„Fürchten Sie sich nicht, Herr Hermann. Es ist nur ein Kühlschrank.“
Dann entschloss er sich, für seine Verhältnisse schnell, und riss mit aller Wucht, die er aufbringen konnte, die Tür auf.
Den Tisch, das Geschirr und Herr Hermann zog es in einem unglaublichen Sog hinein. Dann fiel die Tür zu und es war still.

Sie waren die besten Headhunter der Welt und man konnte ihnen nicht entgehen. Niemand wusste tatsächlich, wie sie es machten, den Menschen ihre Berufe zu geben, doch sie taten es seriös und korrekt. Heute lesen viele Leute den Stellenanzeiger genauer.

Sprichst Du Individualität? I sonyericsson it.

Unverständliche Sätze flimmerten über den Bildschirm, den er schon zu lange kannte, um ihn für eine technische Entwicklung zu halten. Sein Computer hatte mittlerweile in jahrelanger beruflicher und privater Abstumpfung den Stellenwert und die technische Besonderheit einer Tür erlangt. Man konnte sie öffnen, man konnte sie schliessen, sie verdeckte Sicht, trennte Raum und liess sich in manchen Fällen auch abschliessen. Langweilig, ziemlich praktisch allerdings. Unser Leben war voll davon.

Das Aktualisieren wird einige Minuten nach Herunterladen.

Es kümmerte ihn nicht. Irgendwie verstand er sogar, was ihm das Virenprogramm mitzuteilen versuchte. Vielleicht, überlegte er, war es nötig, dieselbe Sprache zu sprechen wie ein Objekt, um damit umgehen zu können. Und das war nicht Basic, das war nicht Java oder C++. Das waren Sätze mit zuvielen Hilfsverben, mit der etymologischen Deduktion einer Googleübersetzung aus dem Japanischen. Das war die Sprache von Menschen, die zwar Algorithmen verknüpfen konnten, aber sich bei jeglicher Kommasetzung zum Abwurf einer Atombombe gedrängt sahen.

Alte Menschen kannten diese Sprache nicht. Das waren Menschen, die sprachen noch von Wohnzimmerwandschränken und Kriegszeiten. Beides für die Moderne zwei unzugängliche Begriffe. Das eine bewies eine unökonomische Silbenüberzahl mit einer ulkigen Alliteration und das andere war politisch zu sehr aufgeladen. Es war geschickter von Attachments zu sprechen, von Konferenzen, von Sessions und von Aktualisierungen.

Alt-Werden war eine grausame Art zu sterben, überlegte er.
Dann allerdings wieder, war Sterben ohnehin eine grausame Art zu werden.

Alles was er sich wünschte, war ein Bewusstseinserweiterungspack.

Hungersnot

Ich kannte mal einen gar nicht dummen Esel namens Vielleicht. Er war alt, als ich ihn kennenlernte, und er schien schon immer alt gewesen zu sein. Nach einigen Minuten der Beobachtung konnte man sogar sagen, dass er weise war oder gewissermassen über Lebenserfahrung verfügte. Er war belesen und galt in vielen Kreisen als sehr intellektuell. Alles in allem versuchte Vielleicht aus der Reihe zu tanzen. Er wollte alle diese Klischees aufheben, mit denen Esel belastet wurden. Esel müssen nicht dumm sein, fand er. Esel müssen nicht nur Esel sein, fand er. Leider begriffen das seine Arte-Genossen nicht so recht. Den Rest des Beitrags lesen »

Verschwinden

Meine Gabel war mir schon wieder aus der Hand gerutscht und in einem Anflug von Schrecken wusste ich für einige Sekunden nicht, was ich damit machen sollte. Nachdem ich mich gefasst hatte, raffte ich mich auf und bog Zeigefinger und Daumen, um das Besteck wieder aufzupicken. Es ruhte kalt in meinen Handflächen. Langsam stiess ich in das Fleisch, dessen Konsistenz mich sehr an die Art Textilien erinnerte, die in den ägyptischen Museen als unterschiedliche Stoffe ausgeschrieben waren, doch aufgrund ihres Alters immer aussahen, als bestünden sie kaum mehr als aus ledrigem Plastik oder irgendeinem Gewülst von Latexmatten. Ich zerschnitt es, schob es mir in den Mund und kaute. Es schmeckte nicht einmal nach Haut.
Ich mochte es nicht, doch ich ass. Es war selbstverständlich zu essen und ich hatte Hunger.
Wir waren zwei Männer im Raum und keiner von uns freiwillig und wir assen. Den Rest des Beitrags lesen »

Freunde aller

Es gibt so Menschen, die sind Freunde von allen. Wenn man sie sieht, haben sie im selben Augenblick zehn Kumpels gesehen. Du weißt, dass sie Freunde von allen sind, dass sie überall und überall bekannt und überall beliebt sind. Sie grüssen schon auf zehn Meter Distanz und dann gleich Menschenreihen auf einmal.
Wenn sie einen sehen, wissen sie manchmal kaum, ob sie die Hand heben, Hallo sagen oder lässig vorbeilaufen sollen. Wenn du etwas erzählst, haben sie es schon einmal gehört, wenn du eine Geschichte erfindest, erinnert es sie an einen Film, den sie schon einmal gesehen haben.
Kommst du zu Hause ans Internet haben sie viermal soviel getan wie du und es auf Facebook festgehalten. Sie kennen dich besser als Yagoogle! und wissen alles über dich.
Du hörst sie durch mehrere Gänge und Zugabteile und es wird schönes Wetter, wenn sie denselben Platz betreten.
Sie kennen alle Menschen über drei Ecken und machen sich ihre eigene Hierarchie. Meistens haben sie ein cooles Hobby wie Bilder malen, Poetry slammen oder Fotos schiessen, oder mindestens haben sie Freunde, die das alles machen. Wenn sie noch kein eiPhone haben, bekommen sie es bestimmt zur nächsten Feier des Tages.
Ihre Agenda haben sie immer und überall dabei. Es ist ihr Schutzschild, wenn sie aufgeregt darin nach einem freien Termin blättern, falls ihnen Leute über den Weg laufen, die sie lieber nicht kennen würden oder die zu grüssen sie sich für einmal zu schade sind.
Sie gehen immer um zwei ins Bett und stehen um fünf auf. Sie sind gut genug in der Schule, um gut genug zu sein, aber zu schlecht, um als Streber zu gelten und im Falle eines all diesen Eigenschaften trotzenden Vorwurfs kennen sie immer noch die Geschichte von einem, der zwar jeden Tag kiffe, nie an die Uni gehe und dennoch die besseren Noten mache als sie.
Man kann ihnen keinen Vorwurf machen, denn das wäre Erregung öffentlichen Ärgernisses und ihr guter Wille zum Wohle aller steht ausser Frage. Die Meinungsfreiheit wird immer noch von ihnen – auf Anfrage und mit freundlicher Genehmigung  – vergeben und wenn es dazu kommt, dass man sie als seine besten Freunde sieht, dann ist man zwar nicht etwas Besonderes, aber wenigstens Teil der Gesellschaft.

Sie sind überall.

Genesung

Blutest Du noch? Den Rest des Beitrags lesen »

Nie mehr schlechte Zukunft

Es gibt gar
nicht soviele Worte zu verlieren.

Es war einmal
ein König eines grossen Königreichs, der hatte drei gesunde Söhne.

 

Der
älteste Sohn war ein aufstrebender, kräftiger junger Mann in seinen
besten Jahren. Er war selbstbewusst und gewinnend, an Frauen mangelte es ihm
nicht. Er spielte beim FC Thun auf der Auswechselbank, Fussball war seine
Leidenschaft. Wenn immer es ging, traf er sich mit seinen Dienern im Vorhof und
kickte Bälle durch die Scheiben der Blockhäuser.

 

Der mittlere
Sohn war ein aufgeweckter, Kreativität versprühender Bursche, der
alles mit Photoshop machen konnte. Oft fuhr er abends mit dem Bus nach Dänikon
und zeichnete solange er durfte auf einem
Bänkchen am Waldrand Fallstudien für einen Sonnenuntergang, den er
dann nachzeichnete, auf Poster bedruckte und an seine Fangemeinde verkaufte.

 

Nur der
jüngste Sohn machte seinem Vater ein wenig Sorgen. Statt abends mit den anderen
zu feiern, bevorzugte er es, Computerspiele zu spielen, auf dem Internet zu
surfen und Joy Division-Platten zu hören. Bis er volljährig war,
hatte er sich nie mit einem Mädchen vergnügt, nie einen anderen
Adligen im Wettkampf besiegt, nie etwas verkauft, produziert, geschaffen,
bewiesen, erreicht oder bewirkt. Er sass immer nur in seinem Gemach und spielte
Sims.
„Und dann spielt er auch noch Sims“, beklagte sich der König
oft bei der Königin, „Ein Spiel für kleine Mädchen! Wenn
er doch wenigstens Call Of Duty oder F.E.A.R. oder Doom oder etwas zocken
würde, das beweisen würde, dass in ihm sowas wie Energie steckt.“
Heimlich klebte der König einmal eine Vorrichung an die WC-Schüssel,
um zu schauen, ob sich sein Sohn hinsetzte, um zu pinkeln. Er war erleichtert,
aber verwirrt, als er feststellte, dass es nicht so war.
„Weißt du, mir ist egal, wenn er schwul wäre. Aber dann
müsste er es sich eingestehen und damit selbstbewusster auftreten, nicht
sich im Dunkeln verkriechen.“

 

Es war an einem
ruhigen Sommertag, an dem jeder der drei Söhne seiner Lieblingsbeschäftigung
nachging, als ein Bote beim König eintraf und die Nachricht
überbrachte, dass eine Prinzessin von grosser Schönheit und hoher
Gnade einen würdigen Gemahlen suche. Sie habe allerdings gewisse Standards
um festzustellen, ob die Bewerbungen nicht zu average seien. Normalerweise
würde sie ja gerne qualitative Vorstellungsgespräche vornehmen, doch
das sei heute ja sowieso etwas old-fashioned und man müsse halt mit dem
Lifestyle gehen. Ihr sei nichts anderes übriggeblieben, als die
Anforderungen hochzuschrauben. Als Mitgift fordere sie eine Perle, die nach der
Legende in der Regionalzeitung nur einmal am Boden des Ozeans existiere und in
einer gefährlichen, blutrünstigen Muschel gefangen sei.
Der König freute sich sehr über diese Aufgabe: endlich konnten sich
seine Söhne beweisen. Er trommelte sie alle zusammen, um ihnen die
Nachricht zu überbringen. Der älteste Sohn liess sofort seinen
Fussball liegen und der zweitälteste stellte seinen Computer auf Standby.
Nur der jüngste liess sich nicht blicken und war nirgends zugegen.
Kaum erfuhren sie von der Aufgabe, beschlossen die beiden Brüder zum Ozean
zu fahren und die Perle zu holen. Sie nahmen beide eine Limousine und fuhren
ans Ufer.

Der ältere
Bruder wusste, dass er körperlich weitaus besser in Form war, als sein
kleiner Bruder und sprang kurzerhand ins Wasser, um nach der Perle zu tauchen.
Doch der jüngere Bruder war gar nicht dumm und beschloss, einfach auf das
Auftauchen seines Bruder zu warten, einen Blick auf
die Perle zu werfen und ein 3D-Abbild der Perle nach dem Original herzustellen.
Die zerstochenen Reifen an der Limousine seines Konkurrenten würden
dafür sorgen, dass er ohne Probleme als Erster der Prinzessin die Perle
überreichen könnte.

Doch der
Älteste tauchte ohne Perle auf. Die Muschel sei leer gewesen, jemand
müsse die Perle bereits entwendet haben. Schnell fuhren die beiden nach
Hause, der eine laut über seine platten Reifen fluchend und
fürchteten sich vor der Enttäuschung ihres Vaters.
Diese erwartete sie bereits, als der Vater auf seinem Thron hockte und sie
verwirrt anschaute. Ihr kleiner Bruder, behauptete er, hätte die Perle
schon längst nach Hause gebracht.
Wütend und ohne anzuklopfen stiessen die beiden die Tür zur
Dunkelkammer ihre Bruders auf. Sie waren vom Anblick ganz entrückt. Der
Raum war eingedunkelt, die Fenster mit dicken Tüchern behängt, einige
Räucherstäbchen liessen das Zimmer dunstig erscheinen. Das
lächelnde Gesicht ihres Bruders wurde vom Blau des Computerbildschirms
angeleuchtet und hinter ihm auf dem Bett, gelangweilt und abwesend, lag die
schönste Frau, die sie je in ihrem Leben gesehen hatten: die
Prinzessin.  

„Wie hast
du das nur gemacht?“, fragten sie, „Wie hast du die Perle
gekriegt?“

Ihr kleiner
Bruder schaute sie an. „Ach, wisst ihr, das war nicht so schwierig. Der
Blog Ozeanplattform hat vor zwei Tagen schon getwittert, man solle mal bei der
Facebookgruppe „Perlenfreunde“ vorbeischauen und die Google Earth
Oceanic Application herunterladen, um dort Neuigkeiten über die wichtigsten
Erkenntnisse der Tiefseeforschung zu erfahren. Hab das natürlich kurz mal
im Blog hingepostet, bei einem Schiffsvermieter hingepinnt, der hat mir als
Gegenleistung für ein MySQL-Packet gleich ein HDR-Bild seiner Yacht
geschickt und mir angeboten, es zu vermieten. Hab ich natürlich nicht
gezögert, sondern in der Mailinglist und in Foren rumgefragt, ob die mir
helfen können, kurz bei Google Maps ausgedruckt, hingefahren,
Tauchausrüstung ran, abtauchen, Gift in die Muschel, Perle raus,
Prinzessin holen und das Ganze dann bei Ebay versteigert. Die Bilder bei Flickr,
wie ich die Perle heraushole, sind übrigens sehr beliebt.“

Die anderen
beiden Brüder nickten nur und schlossen die Türe wieder.

Das
Königreich sollte fortan ein starkes 2.0-Imperium werden und die beiden
älteren Brüder suchten ihr freiwilliges Exil, flüchteten vor einer
Welt, die sie nicht verstanden.