Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juni, 2009

Eine Frage des Versandes

Wer bringt bloss all das Seelenheil in all die Seelen rein?

Es sind die Mutterseelen allein.

Das Portrait des jungen Mannes als Künstler

Bernd hatte ein Haus neben der Tankstelle.
Wenn er hinausschaute, sah er irgendwas. Cédric weiss nicht genau wen oder was. Cédric weiss gar nichts. Er schreibt einfach irgendwas, in der Hoffnung, dass es Sinn ergibt. Aber das tut es nicht. Cédric kann nicht schreiben, konnte es nie und wird es nie können. Tja. Das war es, was Bernd im Dunkeln neben der Tankstelle gesehen hat. Es war Cédric, der dort eine Zigarette rauchte, bis er wieder an die Kasse arbeiten ging.

Trickle Down oder Hoffnungsschimmer

4 Swimming Pools, ein Haufen hübscher Frauen davor, Daft Punk spielt in meinem Haus, Reservenkonto überquillt, Liegestuhl ausgebreitet, Karibikluft, eigene Insel, eigener Flugplatz, eigener Pilot, eigener Erfolg, Sex und Drogen und Künstler aus aller Welt als Gäste, eigener Zeppelin, Acht-Meter-Bett, gute Ausbildung, gutes Wetter, viele Tiere, kühles Trinken und ein gutes Gespräch

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Verkrampfte Hand am Abzug an der Pistole an der Schläfe

Folglich:

4 Swimming Pools, ein Haufen hübscher Frauen davor, Daft Punk spielt in meinem Haus, Reservenkonto überquillt, Liegestuhl ausgebreitet, Karibikluft, eigene Insel, eigener Flugplatz, eigener Pilot, eigener Erfolg, Sex und Drogen und Künstler aus aller Welt als Gäste, eigener Zeppelin, Acht-Meter-Bett, gute Ausbildung, gutes Wetter, viele Tiere, kühles Trinken, ein gutes Gespräch und ein glückliches Leben

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Verkrampfte Hand Bernds am monatlichen Lotterieschein

Moralpredigt

Kind: Papa, haben die Menschen im Himmel alle Flügel?
Papa: Du meinst, ob sie Engel sind? Nein, nicht alle Menschen sind Engel.
Kind: Warum nicht?
Papa: Fragst du, weil Engel so aussehen wie Menschen? Das liegt daran, dass sie von Menschen gezeichnet werden.
Kind: Nein, Engel sehen nicht aus wie Menschen. Sie haben Flügel.
Papa: Achso.
Kind: Haben sie Flügel, damit sie fliegen können?
Papa: Ja, ich denke schon.
Kind: Wohin wollen sie denn fliegen? Ich dachte, es sei so schön im Himmel.
Papa: Hm. Vielleicht fliegen sie auf die Erde um den Menschen zu zeigen wie schön es im Himmel ist.
Kind: Wieso sollte es schön sein, wenn man im Himmel ist, wenn man nicht fliegen kann?
Der Vater und das Kind schweigen nachdenklich.
Kind: Ich will nicht in den Himmel.
Papa: Schon gut, mein Kind, du musst nicht, wenn du nicht willst.

Installation

Auf der Spitze des Berges stand eine Installation.
Im Tal erzählte man sich allerlei Geschichten, wie sie entstanden sei.
Doch niemand konnte sie benutzen.
Dann ging die Installation kaputt.
Damit hörten die Menschen auf, sich Geschichten zu erzählen.
Stattdessen hörte man auf Propaganda und vergass, sich zu wehren.
Den Politikern wurde vertrauensselig alles abgeknöpft.
Sie verweigerten heimlich die Renovation der Staumauer.
Das Tal wurde überschwemmt.
Priester, Pfarrer und Politiker beschwörten Zusammenhänge zwischen dem Zusammenstürzen der Installation und der Überschwemmung.
Die Menschen glaubten es, gingen hoch und bauten sie wieder auf.
Unterdessen versickerte das Tal im Schlamm.
Die Installation wurde zusammengebaut.
Doch es gab keinen bewohnbaren Platz mehr, keine Leute und keine Politiker.
Die Menschen zogen weg und erfanden die freie Marktwirtschaft.
Und die Geschichten verstummten.

Verrotten

„Kapstadt bei Nacht ist perfekt“, sagte sie, an die Reling gelehnt, die Lichter an der Küste betrachtend.
Natürlich war es perfekt. Für einen Moment schienen alle Probleme verschwunden. Doch sie würden hartnäckig irgendwie in der Grosshirnrinde bleiben und, wenns sein musste, auch unter den Fingernägel, wo es unglaublich und jeglicher Anatomie zum Trotz zum Kratzen reizte.
Dann ging sie ohne ein weiteres Wort fort. Vielleicht ins Bett, es war mir egal.
Das hier war nicht mehr ihr Spielbrett. Nun ging das Ganze noch einmal von vorne los, und diesmal spielte nur ich mit. Und diesmal würde ich es schaffen. Ich stand am Fuss des Berges von Problemen, doch es machte unheimlich viel Spass. Ich war ein Abenteuerfetischist, Erlebnisse ergeilten mich auf unbeschreiblich Weise. Doch inmitten all dieser Aufbruchsstimmung stellte sich mir eine Frage. Den Rest des Beitrags lesen »

Autopilot

Es ist vier Uhr Nachmittags
Das Tropfsteinpflaster raucht nach Hanf
Sieht nicht nach einem Tag aus
an dem es viel zu verlieren gibt
Hallo sag ich mal
Hier spricht Ihr Pilot
Willkommen
an Bord jetzt
geht es nur noch
abwärts
für jedwede Turbulenzen
verantworten Sie doch einfach
Ihre Mutter.
Manche Triebwerke lachen jetzt.
Um das zu verstehen
brauchen Sie
wie ein Kind
in der Kopfsteinhöhle
zu werden
und
sich dem auszuliefern
was sich ergibt
was man verdient
was man bekommt
wie einem Piloten
in der Frontkabine
bekifft und zugedröhnt
aber keine weiteren
beunruhigenden Verhältnisse.
Ankunftszeiten
interessieren kein Schwein.

Abrechnung

Vor einer Weile habe ich einen überaus kommunikativen und trotzdem durch und durch fiktiven Leser getroffen. Ich werde ihn Nemo nennen.

Nemo: „Ich habe dann übrigens schon verstanden, was du damit gemeint hast.“
Cédric: „Wieso?“
Nemo: „Na ja, keine Ahnung, man könnte es fast Intuition nennen, es ist auch irgendwie offensichtlich. Dein Tonfall, der Stil und alles. Es ist schon ziemlich klar, wie du das gemeint hast.“
Cédric: „Das verstehe ich nicht.“
Nemo: „Das kann man auch sehr schlecht verstehen, weißt du, man spürt das halt einfach, ob jemand etwas anderes meint, als er sagt. Deshalb ist das ja auch nicht gleich ein Lügen, nicht wahr?“
Cédric: „Ja, nein, das ist mir jetzt zu kompliziert. Nein, ich mein, ich verstehe das nicht, weil ich doch gar nichts eben gesagt habe.“
Nemo: „Wie gesagt, es war nunmal ersichtlich, was du damit gemeint hast. Wenn du meinst, du hast nichts gesagt, dann ist das eine Lüge.“
Cédric: „Wovon sprichst du überhaupt?“
Nemo: „Von deinem Text, den du letzthin gebloggt hast, diese Traumsequenz. Spielabend hiess er, glaube ich.“
Cédric: „Achso, den mocht ich also gar nicht. Ich verstehe aber immer noch nicht, was du da verstanden hast.“
Nemo: „Nein, ich hab das jetzt nicht unbedingt so verstanden, wie du gedacht hast, man würde es meinen. Ich weiss, was du gemeint hast und habe deshalb vielleicht etwas anderes verstanden als die meisten, nämlich das, was du gemeint hast.“
Cédric: „Aber das weiss ich ja selbst nicht recht.“
Nemo: „Natürlich tust du das. Ich habe es schon verstanden. Es war sogar auf eine Art und Weise sehr überzeugend.“
Cédric: „Nun gut. Es freut mich natürlich, dass du dir Gedanken zu meinem Text gemacht hast.“
Nemo: „Tust du doch auch.“
Cédric: „Ich weiss nicht, ich denke, nicht so viele wie du.“
Nemo: „Ach, komm schon, dir ist nur peinlich, dass ich dich durchschaut habe.“
Cédric: „Hm. Aber wie willst du mich denn durchschaut haben?“
Nemo: „Nein, also die Parallelen zu deinem Leben sind ziemlich ersichtlich. Wie du wieder mit deine Maturitätsarbeit aufrollst, die sich um Spiele dreht, wie du deine Vergangenheit bewältigst, wie du mit deiner Familie und der Schule abrechnest, man sieht alles da drin. Wirklich alles.“
Cédric: „Hm. Okay. Ich hoffe, das ist nicht wahr.“
Nemo: „Natürlich. Ich kenne dich.“
Cédric: „Und wenn ich mich nicht selbst kenne.“
Nemo: „Das ist mir doch egal.“
(Kurze Pause)
Cédric: „Ja, wieso nicht? Wem nicht?“
Nemo: „Aber ich finds cool, dass du schreibst. Nicht alles zwar, aber du weißt schon. Manche Texte mag ich auch nicht lesen, die sind viel zu lang. Und ein paar finde ich schon etwas verstörend.“
Cédric: „Ja. Natürlich. Schau mich doch an.“