Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: August, 2009

Die Schlucht

Einmal war ein Mann in der Schlucht.
Wenn er nach oben sah, betrachtete er die Wölbungen des alten Gesteins und wenn er mit seinem Blick daran hochklomm, erreichte er irgendwann das grosse, eintönige Blau, das zwischen den beiden Klippen wie ein dick gezogener Strich die Grenze zog.
Unten rauschte Fluss.

Einmal war eine Frau in der Schlucht.
Wenn sie nach unten sah, betrachtete sie die Windungen des kalten Gewässers und wenn sie ihm folgte, konnte sie das Toben der Ströme hören, deren Hallen von den Wänden schlug.
Oben zwitscherten Vögel.

Dann sah der Mann nach unten.
Entgegen seiner Erwartungen, sah er nichts, da sich seine Augen mit der plötzlichen Dunkelheit nicht messen konnten, die ihm nach dem Blick nach oben in den hellen Himmel die Augen zu versengen schien.
Oben zwitscherten Vögel.

Dann sah die Frau nach oben.
Entgegen ihrer Erwartung, sah sie nichts, geblendet vom Licht und von Sinnen getrübt, war sie blind, erstarrt mit dem Kopf im Nacken.
Unten rauschte Fluss.

Der Mann sah also die Frau nicht und die Frau sah also den Mann nicht, auch wenn sie sich gegenüber, an den beiden kalten Steinwänden, standen. Sie hörten sich nicht, sie sahen sich nicht und alles andere spielte keine Rolle.

Aber keine Sorge: der Altersunterschied der beiden wäre frappant gewesen und einer festen Beziehung hätten sie ohnehin nie standgehalten.

Integration

Einmal sprang eine Gazelle wie ein Känguruh.
„Warum springst denn du wie ein Känguruh?“, fragten die Gazellen die Gazelle.
„Warum nicht?“, antwortete die Gazelle und hüpfte durch das hohe Gras durch die Steppe und davon.

„Warum springst denn du wie ein Känguruh?“, fragte der Albatros die Gazelle.
„Warum denn nicht?“, fragte diese keck zurück und war schon verschwunden.

„Warum springst denn du wie ein Känguruh?“, fragte die Mücke.
„Warum nicht?“, sagte die Gazelle und war weg.

„Warum siehst du eigentlich aus wie eine Gazelle?“, fragten irgendwann die Känguruhs.
„Warum springst denn du wie ein Känguruh?“, fragte die Gazelle.
„Warum nicht?“, gab das verwirrte Känguruh zurück und beliess es dabei.

Ästhetik

Manchmal machte ihr Freund auf dem Balkon Seifenblasen mit der Seifenblasenmischung.
Sie hat ihm schon oft gesagt, dass er das nicht immer machen soll. Es kam ihr irgendwie seltsam vor und ausserdem war es ungesund, wenn man das schluckte. Und sie kannte ihren Freund, dem würde das mit absoluter Sicherheit irgendwann passieren.
Wenn die Seifenblasen in die Luft stiegen, dann schwebten sie zum Teil sehr lange in der Luft, manchmal zerplatzten sie aber auch gleich.
Sie sahen pink aus, aber eigentlich waren sie ja durchsichtig.
„Jetzt hör einmal auf, diese Seifenblasen zu machen“, sagte sie.
„Wieso denn?“, fragte er ohne sie anzusehen und blies eine Seifenblase mit der Seifenblasenmischung.
„Das vergiftet doch die Umwelt.“
„Die Umwelt?“
„Ja, da wo du deine Seifenblasen hinschleuderst“, entgegnete sie verärgert, „>Darf ich vorstellen? Umwelt – Jan. Jan – Umwelt. Ach, wie ich sehe kommt ihr nicht besonders miteinander klar.<“
„Ach, komm schon, lass mich.“
Und dann sah er einer besonders grossen Seifenblase nach, die ihm vor dem Gesicht schwebte und auf und abstieg bis sie über den Balkon hinausflog. Ihr Blick folgte auch dieser giftigen Kugel.
Und das war eine Seifenblasengeschichte.

Geisterhaus

Das Geisterhaus wurde 1921 unter dem neuen Direktor des Freizeitparkes aufgebaut. Es gehörte zu den Geisterhäusern mit der besten maschinellen Inneneinrichtung. Der Baumeister damals, Jonathan Schneider, war bekannt dafür, Elemente der Statik ungewohnt einzubauen. Es gibt beispielsweise eine Schleudermaschine, die einem gar nicht als solche erst auffällt und wenn man draussen ist, glaubt man, auf dem Kopf zu stehen. Es wurde 1951 von einem Unbekannten abgebrannt und 1971 sabotiert. 1983 mit dem Beschluss der Gesellschaft für Sicherheit in Freizeitpärken haben sich die Sicherheitsauflagen enorm verschärft. Fast alles musste renoviert und gemässigt werden. Deshalb ist das Geisterhaus heute auch sehr viel weniger besucht, auch wenn es immer noch gerne als Motiv auf den Postkarten und den Teetassen benutzt wird.

Dennoch gibt es immer noch Menschen, die aus dem ganzen Land anfahren, um dieses Geisterhaus zu besuchen. Eine Ecke nämlich hat sich über alle Jahre einen Ruf gemacht und wird deshalb gleichermassen gefürchtet wie geliebt. Es geht nämlich die Legende, dass jeder der diese Ecke besuchte, jemand anderen auf dem leeren Podest stehen sähe. Nämlich diejenige Person, vor der man sich am meisten fürchtet.

Natürlich hat man davon gehört, den Tod gesehen zu haben, den Teufel, aber es gab weitaus skurrilere Sachen. Einer hat seine eigene Mutter gesehen, der er mit sechszehn abgehauen war, einer den amerikanischen Präsidenten. Eine Frau erzählte, sie hätte Gott erblickt und eine andere behauptete, einen lebendigen Elefanten auf dem Podest gesehen zu haben. Deshalb sei das Geisterhaus auch für alle Menschen Furcht einflössend, die diesen Ecken im Geisterhaus aufsuchen, egal wieviel sie sich schon gewohnt seien.

Thomas Steiger, Angestellter des Freizeitparks, hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, bei seinen täglichen Überprüfungen in die gefährliche Ecke des Geisterhauses zu stehen.
Auf dem Podest sah er immer noch und jede Woche wieder seinen Englischlehrer auf ihn hinunterblicken. Immer trug er dieses hässliche orange Hemd, das er schon damals in der Schule getragen hatte und sah prüfend über seine Brille auf ihn hinab.
Ständig hat er ihm irgendwelche Fragen gestellt und auf ihn herabgesehen, wenn er wütig war die Brille auf den Kopf geschoben. Und immer noch bekommt Thomas Schweissausbrüche, wenn er diesen Ecken des Geisterhauses betritt.
Dieser Anblick, über Jahre hinweg, der Anblick seines grössten Albtraums hatten ihm aber so sehr zugesetzt, dass er seine Versetzung forderte. Und als man im Bogen, den er ausfüllen musste, fragte, welche Qualifikationen er habe, gab er an, dass er über gute Kenntnisse in der englischen Sprache verfügte. Natürlich stimmte das nicht, schon in der Schule war er schlecht, deshalb war der Lehrer auch immer so besonders streng und jähzornig ihm gegenüber, aber er hoffte, dass es seine Chancen erhöhte, diesen grässlichen Job aufzugeben.
Vier Tage später, als er schon wieder, wegen einer Beschwerde, das Geisterhaus überprüfen musste, hörte man eine tiefe Stimme durch die Mauern hallen.
„It’s a shame, Thomas! This was a lie and you knew it. You couldn’t even read the Catcher in the Rye.“


Zwei Tage später betrat Kommissar Grenchen den Tatort. Er sah seinen Psychiater auf dem Podest stehen, doch er beachtete ihn nicht. Wie er feststellte und seinem Sekretär diktierte, musste Thomas auf brutalste Art und Weise umgebracht worden sein.
Der Assistent, der das alles mit zitternden Händen aufgeschrieben hatte, fragte schüchtern: „Und, was denken Sie, wer hätte das machen können?“
„Was? Wer?
“, fragte der Kommissar erstaunt darüber, dass das in Frage stand, Ich nehme an, der hier wars.“ Der Kommissar zeigte auf das Podest.
„Mein Fahrlehrer?!“, schrie der junge Assistent.

Die darauffolgende heraufbeschwörte Verwirrung führte zu mehreren hundert Verhören diesen Mord betreffend und der Gerichtsprozess wurde mit viel Widerwillen allerseits begonnen.
Aufsehen erregten die für unaufklärbar betrachteten Geschehnisse erst wieder, als der Richter bei der Besichtigung des Tatorts Selbstmord beging, weil er angeblich sich selbst auf dem Podest gesehen haben soll.
Thomas Steigers Fall hat man seither in Ruhe gelassen und manchmal, wenn ein Besucher von dieser Mordgeschichte gehört hatte, sah er auf dem Podest den Thomas Steiger, mit Axt und Wunden lebendig stehend.

Wenigstens lebte er noch. Irgendwie.

Daedalus

In unserem Garten sah ich letzthin einen Vogel.
Er war vollkommen schwarz und im verklumpten Spätsommergarten wanderte er wankend durch die Pfützen, die der frische Regen geformt hatte. Ich war nie besonders gut im Erkennen von Vogelarten und mir kam mein verstorbener Onkel in den Sinn, den das viele Rauchen umgebracht hatte. Er war von jener Sorte Mensch, die man immer sitzen sah. In Sesseln, auf Barhockern, auf einem Stein, ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an die aufrechte Haltung meines Onkels erinnern, denn in keinem der ins Gedächtnis eingebrannten Bilder hatte er einen Auftritt, bei dem er stand. Und immer wenn er sass hatte er ein Buch auf dem Schoss. Ein Schmetterlingsbuch, ein Pflanzenbuch, ein Buch über Wolken, Bücher, die die Natur aufs genauste beschrieben und er kannte alles, was sich ausserhalb des Fensters abspielte, schien es. Seltsam daran war allerdings, dass er immer nur sass und nie spazieren ging. Woher seine Passion rührte, Vogelarten auswendig zu lernen, wenn er sich doch nie die Mühe machte, sie zu betrachten, konnte ich mir bis jetzt nicht erklären, aber es hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
„Was schaust du denn so?“, fragte Lisa.
„Ich?“
„Du starrst in den Garten, als würdest du darauf warten, dass darin eine Mine hochgeht.“
„Ach.“
Lisa legte stutzig die Zeitung auf den Tisch und schaute nach oben zu mir, wie ich über den Stuhl gelehnt nach draussen sah.
„Wenn du weiter so starrst, geht vielleicht noch eine hoch.“
„Schau dir das einmal an“, erwiderte ich. Sie erhob sich und gesellte sich zu mir. „Siehst du diesen schwarzen Vogel da?“
„Ach, der ist ja hübsch, was ist das für einer?“
„Keine Ahnung.“
„Deinen Onkel, wie hiess er? Deinen rauchenden Onkel müsste man fragen.“
„Ja.“
„Schade, dass er tot ist. Er war so ein schlauer Mensch.“
„Siehst du das?“, fragte ich.
„Was?“
„Er geht.“
„Ja, so siehts aus.“
„Er fliegt nicht, nie, ich habe ihn den ganzen Morgen beobachtet und er ist nie geflogen.“
„Ach, echt? Meinst du, er hat was mit den Flügeln?“, fragte sie mit mehr Geduld als Interesse.
Ich antwortete nicht und beschloss, das zu untersuchen.

Draussen war es kühler als man dem Wetter zu entnehmen versucht war. Ich stampfte durch den nassen Regen, der so aufgeweicht war, dass der Schlamm aus den Poren der Wiese quoll. Man hätte ihm besser Sorge tragen sollen, wohl, aber jetzt kaum auch dieser Gedanke zu spät.
Der Vogel war noch nicht weit gekommen, als ich bei ihm angelangt war. Immer noch schritt er durch die Wiese, desinteressiert und mit stolz erhobenem Kopf.
Ich bückte mich hinunter und war ihm ganz nah, doch er flog nicht davon. Höchstens hüpfte er ein paar Schritte.
Ich ging ihm nach und untersuchte seine Flügel genau. Es war nicht Mitleid oder Hilfsbereitschaft, die mich dazu trieb. Tieren gegenüber hatte ich diesen Drang nicht. Das überliess ich lieber meinem Onkel, aber der konnte nun ja auch kaum mehr helfen. Die Flügel schienen nicht verletzt, waren weder krumm noch angeschürft. Mit dem Vogel war alles in Ordnung.
„Sag mir, Vogel, warum fliegst du nicht?“
Sein Verhalten beschäftigte mich nämlich aus einem anderen Grund. Wie kam es dazu, dass Jahrtausende menschlicher Kultur des Nachsinnens so oft in einer Bewunderung eines Wesens endeten, von dem man glaubte, sei uns doch unterlegen? Immer schon hatte man sich gewünscht, wie ein Vogel durch die Luft fliegen zu können und die Welt zu betrachten, von oben, und sich zu bewegen: Frei von allem. Den Duft der Freiheit zu schnuppern.
Dieser Vogel allerdings nahm die Träume so vieler Menschen auf die Schippe, dass mir eine Gänsehaut über die Arme kroch.
„Warum zum Teufel fliegst du nicht endlich?“, rief ich ihm zu, während er davonstakselte, und bewarf ihn mit einem Dreckklumpen. Er schüttelte sich und blieb stehen.

Dieser Vogel hatte Daedalus umgebracht.

Ich betrachtete ihn und plötzlich schien es, als betrachtete er mich auch. Mit grossen Augen und schiefem Kopf sah er über seinen gelben Schnabel zu mir. Ich traute mich nicht etwas zu sagen.
„Weißt du denn, was das wert ist, zu fliegen?“
Er gab mir keine Antwort.
Und dann blieben wir beide sehr lange so stehen.
„Was hast du denn?“, fragte eine Stimme hinter meinem Rücken.
Ich riss mich los vom Anblick und drehte mich um. Im Gartenstuhl, der halb im Schlamm versank, sass mein Onkel und raucht eine Zigarre.
„Wieso?“, hauchte ich leise, ohne zu verstehen, was ich fragte.
„Du bist immer noch so naiv wie als du so klein warst.“ Mit der flachen Handfläche schien er gegen den Boden zu drücken und stellte mich auf einer Grösse von einem Meter dar.
„Aber das ist wahrscheinlich nicht etwas, das mit dem Alter abnimmt, nicht wahr?“, sagte er mit einem Augenzwinkern.
Ich sprach nicht. Ich konnte mit Mühe verhindern auf die Knie zu fallen.
„Was glaubst du“, sprach er sehr langsam, „was in diesem Moment passiert?“
„Ich habe Halluzinationen?“
„Halluzinationen?“, fragte der Onkel verwirrt.
„Nicht“, folgerte ich fraglos. Ich nahm nicht an, dass sich eine Halluzination seiner Unwirklichkeit bewusst war und überhaupt schien mein Kopf zu sehr taub, um ihn mit solchen Gedanken zu beschäftigen.
„Lisa telefoniert gerade mit dem Anwalt und bereitet die Scheidung vor.“
Ich sah hinüber zum Haus. Es sah nach irgendeinem Haus aus, auf keinen Fall nach meinem. Ich konnte niemanden durch die dunklen Scheiben entdecken, auch wenn ich genau wusste, wo das Telefon war. Ich brauchte es nicht zu sehen, ich wusste, dass mein Onkel recht hatte. Mein Onkel hatte immer recht.
„Und du?“
„Ich?“, fragte ich.
„Was tust du jetzt?“
„Ich weiss nicht.“
„Wirst du fliegen?“, fragte mein Onkel und er hob die Zigarre etwas von sich weg, während er sich nach vorne lehnte. Immer noch war er mindestens vier Meter von mir entfernt.
„Fliegen?“ Ich sah nach oben in den Himmel, die Regenwolken verdeckten immer noch einen Teil des Lichts, doch der aufbrechende Morgenhimmel bot ein kaltes Blau zur Schau. „Ich kann nicht fliegen.“
Der Onkel lachte onkelhaft. „Korrekt. Was also wirst du tun?“
„Ich… Ich nehme an, wenn dieses Gespräch vorbei ist, meinst du?“
Der rauchende Onkel nickte.
„Ich nehme an, dann gehe ich wieder ins Haus.“
Er zog zufrieden an seiner Zigarre und wippte auf dem Gartenstuhl vor und zurück.
„Weißt du noch, wie du mich früher immer sehr traurig gemacht hast, weil du dir die Namen der Vogelarten nie merken wolltest?“, fragte er.
„Ja.“
Er sah sieben Sekunden nachdenklich zu Boden. „Egal, das spielt auch keine Rolle mehr.“
Und mit diesen Worten versank der Stuhl des Onkels immer mehr im Schlamm und langsam aber sicher versanken seine Beine und auch sein Rumpf, worauf sein Oberkörper folgte und der Onkel regte sich dabei nicht. Ruhig zog er an seiner Zigarre und sass. Als sein Kopf, sein Körper und der Stuhl schon versunken waren, ragte noch sein Arm aus dem Boden und die Zigarre glühte in seiner Hand. Der Anblick ekelte mich, also wandte ich mich ab und ging zurück ins Haus.