Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: September, 2009

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

Ein beschränkter Personenkult wird in jedem Blog praktiziert.

Aber noch lange bevor man glauben soll, dass man mich kennt, sollte man mindestens meine Texte kennen. Schreiberfahrungen hab ich im Alter von 14 Jahren gesammelt. Damals war ich ein kleiner Knirps, der Regale in der Migros nur von der Froschperspektive kannte. Einer, der mit dem Kickboard Unfälle zu stande brachte, vor denen zu warnen, Verkehrspolizisten nicht einmal erwägt haben, und die haben jetzt wirklich alles verboten. Ich war so einer, der war hoffnungslos mit seinen Legobausteinen unterfordert. Und so habe ich mit Schreiben begonnen. Natürlich wäre ich besser beim Legobauen geblieben, Ingenieure sind heute gesucht, aber das Beste ist selten das Lustigste.

Und als ich mit Schreiben angefangen habe, da hat mich der Teufel geritten, überhaupt der einzig vertretbare Grund, um dieses Vergehen zu entschuldigen. Und als mich der Teufel geritten hat, da habe ich mir, verhängnisvoll, zum Ziel genommen etwas Längeres zu schreiben. Eine Novelle oder einen Roman oder eine Romansammlung, eine Bibliothek!
Herausgekommen sind anständige 28 Seiten eines angefangenen Romans, die den ersten von drei Teilen umfassen sollten. Die beiden folgenden Teile lassen noch auf sich warten.

Ich habe den Text angefangen, kurz nachdem ich 15 geworden war und ich war damals stolz wie ein Opa auf den Traktor.

Der Ausschnitt präsentiert einen Einblick in die ersten 9 Seiten.

https://quappe.wordpress.com/marionettenkonig

Ökonomie

Rotkäppchen: Grossmutter, warum machst du Anführungszeichen um mich rum?

Grossmutter: Damit ich dich besser GOOGELN KANN!

Was bisher geschah (Originalversion)

Ein Mann

Zwei Kinder

Drei Jobs

Vier Wände

Fünf Katzen

Sex

Sieben Sachen

Achtsame Grosseltern

Neun Tage Urlaub

Zehn Millionen Fragen

und

ein Arsch offen.

Das Medium ist die Botschaft

Für gewöhnlich halte ich mich zurück, nicht-fiktive Geschichten zu erzählen.
Zuweilen ist das Kriterium „nicht-fiktiv“ aber einfach unzureichend definiert, um die Mannigfaltigkeit des Lebens zu umfassen.
Manche Geschichten, die das Leben schreibt, sind sogar besser, als alle, die ich jemals machen könnte.
Eine davon nimmt ihren Anfang in der Zusammensetzung des heutigen Internets und ich muss davon berichten, weil ich Teil davon bin. Dieses neue Medium zeigt eine unscheinbare Kraft, eine Schnelligkeit, die Marshall McLuhan mit dem Begriff des Global Village prophezeit hat. Dieses Internet ist noch viel verworrener und rasanter als man so düster munkelt. Die Blogger scheinen die Fürsten eines inhaltlosen Reiches von Informationen und Spassvideos zu sein, aber sie sind noch viel mehr. Das Internet erweitert die vierte Gewalt um einen Medienträger und es, man kann sich sicher sein, tut das nicht extrem kontrolliert.
Das Internet, als vielleicht eine kommunistische Ersatzform für die heutige Bevölkerung, ist heute für Bewegungen verantwortlich, die man Twitter, Facebook, Flashmobs, WoW, Monopoly City Streets oder Buchtrailer nennt. Diese kreativen Meteoriten sind meiner Ansicht nach diskussionlos bereichernd für die Gesellschaft.

Beginnen wir mit dem ersten Beispiel.

Kanye West, in den Zeitungen aufgetaucht wegen seiner unbeschreiblich fehlgeratenen Einlage an den jüngsten MTV Music Awards, jagt durchs Internet mit seiner humpelnden Rhetorik. Siehe dazu diese Mashups, die mit geschriebenen Tools für jeden Nutzer selbst gekocht werden können.
Doch damit bleibt das Thema nicht lange den Printmedien fern. Kurz darauf bekommt nämlich die Meldung auftrieb, Barack Obama persönlich hätte sich zu Kanye West mit den Worten „He’s a jackass“ geäussert.
Das Internet antwortet am selben Tag mit dem T-Shirt-Aufdruck:


Zweites Beispiel.
Vor vier Tagen, am 14. September, bin ich zum ersten Mal auf folgendes Bild gestossen.


Die kraklige Nachricht eines Unbekannten toppt jeden Ausdruck von Lakonie. Der Spruch macht in wenigen Stunden, wie man es im Internet geometrisch und soziologisch nur mit Unbehagen bezeichnen kann, „die Runde“. Mitten im Wahlkampf, brisant und auf der politischen Seite der meisten Blogger (von der Piratenpartei wollen wir nicht anfangen) und wahrscheinlich auch Blogleser reitet der Spruch auf einer Welle von Begeisterung. Als bemerkenswert gilt dabei die Einfachheit der Botschaft, mit zwei A’s, zwei H’s, in stilloser Schrift und trivialer Alltagssprache geschrieben, die für viele Deutsche ihre Haltung zur Politik widerspiegelt.

Kurze Zeit später hat man einen riesigen Creative-Common-Und Alle so: „Yeaahh“-Merchandising-Act:

T-Shirts, Taschen, etc.

Songs

Rap


Mischt man nun die beiden Beispiele zusammen, kommt man ungefähr zu diesem Resultat:



Was das alles mit dem echten Leben zu tun hat?
Zu sehen im Video eines zu Merkels Rede versammelten Flashmobs, der jeder Satz der Kanzlerin mit Yeaahh kommentiert. Das ist eben Politik.

Einheit des Ortes

In Ninas Wohnung gab es keine Türen mehr.
Es fiel ihr erst Tage später auf, als sie auf den Balkon wollte, um frische Luft zu schnappen und verdutzt feststellen musste, dass sie zum dritten Mal im Kreis gegangen war, ohne eine einzige Türe zu sehen. Sie trat mit dem Fuss ganz sachte gegen die Wand, an der Stelle, an der die Wohnungstüre für gewöhnlich hätte sein sollen. Sie hatte sonst keine Ahnung, wie sie zu reagieren hatte. Es passiert nichts. Sie umschlang die Teetasse, die sie in den Händen hielt, noch fester und fragte sich, wieso ihr das nicht aufgefallen war.

In Thomas‘ Wohnung gab es plötzlich eine Tür mehr.
Dort wo normalerweise der Wandschrank gestanden hatte, war heute eine moderne Tür in einen frisch gestrichenen Rahmen eingelassen. Aus der Küche lief noch ein Bob Dylan-Lied, während er ganz leicht die Türklinke hinunterdrückte. Er hätte schwören können, dass es diese Türe nicht hätte geben dürfen.

Nina ging viermal in ihrem Gang hin und her, bevor sie sich neuen Tee einschenkte. Den alten hatte sie über den Spannteppich geträufelt. Sie achtete auf die Uhr und achtete damit nicht nur darauf, dass die Zeit noch normal ging, sondern dass sie überhaupt noch vorhanden war, denn solange Uhren vorhanden waren, das wusste selbst Nina, war alles noch irgendwie erhalten.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass das Licht brannte.
Fenster gab es keine.

Thomas öffnete die Tür immer weiter und es erschien ihm nicht mehr als tiefes Dunkel. Er hustete und erinnerte sich zeitgleich an eine Dokumentarsendung, die er auf Sat3 gesehen hatte, die das Vordringen in die verborgenen Grabkammern der Pyramide von Gizeh begleitet hat. Meistens war das Ganze eh eine Enttäuschung.

Nina dachte über ihren Mietvertrag nach. Eigentlich war das schon ziemlich viel, was sie da zahlte. Vor allem dafür, dass plötzlich der Balkon weg war. Und die Türe hätten sie ihr auch nicht wegnehmen dürfen. Vielleicht, dachte sie, wollen sie das Gebäude ja abreissen, und sie wurde ganz still um zu lauschen, aber sie konnte keine Geräusche hören ausser den Bob Dylan Songs, die aus der Wohnung unter ihr drangen.

Thomas sah hinein und merkte, dass es ein Raum war, den er einmal gekannt hatte, vor sehr langer Zeit. Er mochte sich nur nicht richtig daran erinnern.
Er erinnerte sich, wie seine Grossmutter von Räumen erzählte, wie sie waren, bevor er geboren wurde. Aber das hatte mit der Situation erstmal überhaupt nichts zu tun, keine Ahnung, wieso ihm das gerade eingefallen war.

Nina hielt den Atem an. Dann blubberte sie in ihren Tee. Sie tippte die Maus ihres Computers an und stellte ernüchtert fest, dass das Internet abgestürzt war.

Thomas ging im Raum umher. Nichts daran war misteriös. Er hatte ein Bett, das weiss bezogen war, mit einer Nachtischlampe daneben. Es gab ein paar Fenster und eine Heizung und es schien sehr gepflegt.

Nina öffnete die Tür zu ihrem Kleiderschrank und zog sich um, weil ihr danach war.

Thomas prüfte die Federung des Bettes und legte sich hin.

Daraufhin passierte nichts Erwähnenswertes mehr.

Terminator

Mensch: „Es ist ein schöner Tag.“
Maschine: „Na ja. Das kann man so nicht sagen.“

Mensch: „Die Vorsokratiker haben den Mythos bereits abgeschafft.“
Maschine: „So würde ich das nicht ausdrücken.“

Mensch: „4 plus 4 gibt 8.“
Maschine: „Das würde ich nicht behaupten.“

Mensch: „Ich habe Hunger.“
Maschine: „Nein, nein, das kann man so auf keinen Fall sagen.“

Mensch: „Ich bin keine Maschine.“
Maschine: „Das müssten wir jetzt etwas differenzierter betrachten.“
Mensch: „Nein, nein, so würde ich das nicht ausdrücken.“
Maschine: „Moment, moment, das müssen wir uns genauer unter die Lupe nehmen.“
Mensch: „So kann man das also nicht sagen.“
Maschine: „Nein?“
Mensch: „Nein.“

Wenn du das liest, habe einen Fallschirm dabei.

Ich kannte mal einen Typen, der sich immer nur Typ nannte.
Er hatte selten mehr als fünf Kleidungsstücke gleichzeitig an.
Er gab mir allerlei Ratschläge auf den Weg:
Wenn du einer alten Frau die Einkaufstaschen trägst, frag sie erst nach ihrem Sternzeichen.
Wenn du Champagner trinkst, dann dreh dich zuvor im Kreis, um das zu korrigieren, das hat etwas mit dem Gleichgewichtssinn zu tun.
Wenn du in der Nähe eines hohen Gebäudes stehst, dann habe immer einen Strohhalm dabei.
Wenn du einen Hund siehst, rauche eine Zigarette.
Wenn du im Stau stehst, versuch zu wenden.
Wenn du im Zug sitzt, trink rückwärts.
Wenn du einen Spagat machen willst, hol vorher einen Vorschlaghammer.
Wenn du dir das Fernsehprogramm ansiehst, kleb ein Buch an den Bildschirm.
Wenn du Hunger hast, atme viermal tief und huste dann.
Wenn du auf einem Spielplatz stehst, bringe Leim mit.
Wenn du das nächste Mal in einem Laden stehst, ziehe dir die Socken aus.

Ich kann nicht behaupten, dass es mir etwas gebracht hätte.
Na, und wenn nicht?, fragte ich.
Wenn du dich das fragst, habe immer einen Fussball dabei, antwortete er.
Aber ich habe keinen Fussball dabei, antwortete ich.
Das ist schade. Ich hätte jetzt gerne Fussball gespielt. Die Menschen, glaube ich, die Menschen wären viel besser, würden sie sich an Ratschläge halten, antwortete er.
Ich weiss nicht, antwortete ich, ich weiss nicht.