Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Oktober, 2009

Perspektive

Warnhinweis: Diese Geschichte kann Spuren von Fisch, Nüssen und Stichhaltigkeit aufweisen. Ich persönlich würde aber nicht danach suchen.

„Ich denke jeden Tag darüber nach, wie ich es schaffe, dass sich der alte Arsch alle seine Knochen bricht.“

Die Rede war dabei von unserem Lehrer, Herr Bantli, der uns oft damit quälte, uns die Lebenszeit zu rauben, um sie mit irgendwelchen Lehrplänen zu füllen, deren Inhalte – sollten wir später einmal aus der Primarschule raus sein – wir in keinster Weise würden verwenden können. Aber das wussten wir damals noch nicht. Wir gingen nur von Vermutungen aus und diese Vermutungen sagten mir, dass Herr Bantli ein schlechter Lehrer war.
Ramon warf sein Fahrrad zu Boden. Und legte sich daneben in die Wiese. Ich stellte ebenfalls mein Fahrrad ab und legte mich zu ihm hin.
Herr Bantli war eine interessante Figur. Manchmal, wenn er zu spät kam, parkierte er so knapp vor der Türe des Schulhauses, dass es in der grossen Pause einen Stau beim Ausgang gab und sich die Schüler vor Ungeduld und Dichte ins Gesicht schlugen. Ins Gesicht schlagen, das sei keine tolle Sache, sagte Herr Bantli oft. Ich fand, dass es nicht ganz falsch sei, was der Herr Bantli sagte, nur waren seine Behauptungen statt falsch, fast immer nicht richtig. Es war eben eine Sache des Standpunktes. Der Zustand und die Tätigkeit vom Schlagen waren nicht ein und derselbe Umstand und hätten sich in der Frage, ob es gute oder schlechte Dinge seien, nicht stärker unterscheiden können.
Wir lagen mit dem Rücken auf dem Gras und schauten in den Himmel. Ramon suchte in seiner Lederjacke nach Zigaretten.
Herr Bantli war ein seltsamer Typ. Manchmal kam er im Winter mit Hawaihemd und Shorts in die Schule, worauf Wochen folgten, in denen er immer die gleichen grauen Kleider trug und er nicht den Eindruck machte, sich zu waschen. In diesen Zeiten sprach er immer nur mit sehr tiefer Stimme und wenn man aufstreckte, nahm er einen oft gar nicht dran. Manchmal, wenn wir wieder zu laut waren, oder etwas kaputt gemacht hatten, verwarf er die Hände und vergrub dann sein Gesicht in ihnen, während er seufzte, dass er einem sogenannten Pestalozzi einmal die Birne weichprügeln wolle. Das gefiel mir, denn es unterstützte meine Ansicht: Schlagen war, moralisch betrachtet, eine Sache der Perspektive.
Endlich hatte er sie gefunden und Ramon steckte sich die Zigarette in den Mund. Dann suchte er nach dem Feuerzeug.
Herr Bantli war ein spezieller Mensch. Oft ignorierte er Ramon in den Stunden, während er anderen fast willkürlich Gehör schenkte. Er hörte sich am Liebsten morgens die Geschichten an, die wir Kinder auftischten, um uns dafür zu entschuldigen, dass wir die Hausaufgaben gemacht hatten. Er nahm dann für gewöhnlich seinen Stuhl und stellte ihn vor die Klasse, setzte sich darauf und nahm ganz interessiert Anteil. Manchmal baute er die Geschichten aus und schlug bessere oder logischere Varianten vor. Ab und zu sogar fantastischere, so dass man nie sicher war, ob er einem jetzt böse war oder nicht. Das Vergessen von Hausaufgaben hatte aber nie Konsequenzen, wenn man eine gute Geschichte erzählte. Das war auch der Grund, weshalb wir kaum mehr die Hausaufgaben lösten, sondern uns nur neue Geschichten ausdachten. Das war das Tollste an Herr Bantli, nichts an ihm machte auch nur vergleichsweise so viel Spass.
Ramon entzündete seine Zigarette und nahm einen tiefen Zug.
Herr Bantli war ein alter Arsch. Einmal, als Ramon noch nicht an unserer Schule war, war ich auf dem Pausenplatz verprügelt worden. Sie waren zu viert gewesen und hatten auf mich eingetreten. Aus dem Liegen konnte ich das Fenster des Lehrerzimmers sehen. Ich konnte sehen, wie Herr Bantli im Zimmer stand und eine Tasse Kaffee trank. Die andern traten auf mich ein, immer länger, lange, eine ganze grosse Pause lang, und Herr Bantli hatte sich währenddessen zehntausendmal Kaffee zugeträufelt.
Ramon gab mir die Zigarette weiter. Ich nahm einen Zug und gab sie ihm zurück.
Herr Bantli war ein alter Arsch, das war schon richtig. Ich konnte mir nur nicht gerade vorstellen, warum man wollte, dass er sich alle seinen Knochen bräche. Vor allem, und das beschäftigte mich natürlich, schien es mir etwas zu fantastisch zu sein: es war gar nicht so einfach, jemandem alle Knochen zu brechen. Die kleinsten Knochen des Menschen, das waren Hammer, Amboss und Steigbügel im Ohr, das wusste ich aus einem der Was ist was?-Hefte, die ich während der Pause gelesen hatte, als ich mich nicht mehr auf den Platz getraut hatte. Und um die zu zerquetschen bräuchte es einen ziemlichen Druck. In einer Schrottpresse, die Autos zu Würfeln zerstampfte, oder so. Aber auch da würden wohl die Hautreste und die Knochensplitter der grösseren Knochen diese kleinen Knochen noch so beschützen, dass sie nicht gebrochen würden. Natürlich könnte man nun diesen Zerquetschprozess wiederholen, bis eine Art Mühle aus der Schrottpresse geworden wäre. Dann stellte sich nur die Frage, ab wann Herr Bantli noch Herr Bantli war, denn gestorben war er dann ja schon lange. Und ob seine Knochen dann noch ihm gehörten, denn wenn einem Knochen immer gehörten, dann war der ganze Boden ja voll von Menschen. Mir wurde es bei diesem Gedanken etwas unwohl, auf dem Boden zu liegen, und setzte mich auf.
„Was machst du?“, fragte Ramon.
Ich nahm einen Zug von der Zigarette, die er mir anbot und gab sie zurück. Ich sagte: „Alle seine Knochen?“
„Ja, alle seine Knochen. Bis auf den letzten. Und ich will, dass es knackt.“ Er versuchte das Geräusch zu imitieren, spuckte sich dabei aber nur auf die Hose. Ich lachte und er lachte auch.
„Und das machst du… jeden Tag?“, fragte ich.
„Ja, jeden Tag“, antwortete er.
Das stimmte mich nachdenklich. „So schlimm finde ich Herr Bantli auch wieder nicht. Er macht ein paar dumme Dinge, nervt und so… Aber irgendwie… Ich denk einfach nicht, dass ich mir jeden Tag vorstellen könnte, dass er sich alle Knochen bricht. Einmal in der Woche vielleicht. Oder nicht gerade alle Knochen. Das finde ich nämlich schon etwas extrem.“
„Was?!“, rief er mit gerunzelter Stirn aus und setzte sich ebenfalls auf, die Gräser reichten uns nur bis zu der Brust und wir konnten uns deshalb wieder ansehen, „Wovon redest du? Ich spreche nicht von Herr Bantli, nur damit dus weißt! Ich spreche von diesem Nils, der immer alle zusammenschlägt auf dem Pausenplatz.“
„Ach so, der Arsch.“
„Ich denke jeden Tag nach, wie ich es schaffe, dass er sich alle seine Knochen bricht.“
Das war natürlich etwas anderes, dachte ich. Das war einfach eine Sache der Perspektive.

Die weiteren Aussichten

Gehen wir von zwei Dingen aus:

1. Wir sind weit weg von allem
2. Alles ist weit weg von uns.

Übrig bleibt uns dementsprechend nicht viel. Aber immerhin könnten wir noch einen Blog betreiben.

Einzelteile

Patricia war 22 Jahre alt, hatte eine Grossmutter aus Argentinien, die ihr monatlich Briefe über Themen schrieb, die Personen ihrer Altersklasse im Weitesten nichts anging, und würde heute Nachmittag in ihre Einzelteile zerlegt werden.

Aber alles hat seine Ordnung.

Ich beginne im Folgenden damit, dass ich zuerst darlege, weshalb uns diese Geschichte speziell etwas angeht, werde damit fortfahren, die Person genauer abzulichten und versuche, im weiteren Verlauf der Ausführungen, die Einzelheiten des Ereignissen so zu schildern, wie es zum tragenden Verständnis nötig ist.

Hintergrund.

Patricia war jene Frau, die immer aus den Lautsprechern der SBB erschall, wenn eine Station im Zug angekündigt wurde. Sie war damit neben Johannes, jenem Typen, der die Verspätungen an den Bahnhöfen ausrief, die wichtigste Stimme der Schweizer Öffentlichkeit.

Zur Person.

Patricias Aussehen war weder erwähnenswert noch unerheblich.
Patricias Hobbies beschränkten sich auf die Dinge, die alle anderen Menschen auch taten. Vereinfacht kann man es sich so vorstellen, dass sie das am Liebsten tat, was am Liebsten zu tun am Naheliegensten wäre, plus einem Hobby, das man von einer Person wie ihr nicht erwarten würde.
Patricias Beziehungsstatus hatte sie bei Facebook seit viereinhalb Jahren unterdrückt und das würde sie nicht ändern.
Patricia war ein entscheidungsträger Mensch, der viel Schokolade ass und ein wohlklingendes Gähnen hatte.

Das Ereignis.

I)            Die Vorgeschichte.

Ihre Grossmutter hatte in ihren ausufernden Briefen wieder von Dingen geschrieben, die sowohl inhaltlich wie auch orthografisch gleichermassen spektakulär waren. Das lag daran, dass die Grossmutter auch schon etwas älter geworden war, und sich ihre Handschrift, die es dem Verstand gleich tat, dem Sterben hingegeben hatte.
In ihren letzten Briefen hatte sich die Schreibe ihrer Grossmutter allerdings mit beträchlicher Geschwindigkeit verändert und aus den langen Ausschweifungen waren knappe Botschaften geworden, die Patricia nicht mehr richtig zu verstehen vermochte.
Vor zwei Wochen hatte sie einen Brief erhalten, in der die Grossmutter schrieb, sie solle doch unbedingt ein Loch in ihren hübschen Garten graben, sie täte das auch und zwar erfolgreich. Für welchen Zweck erfolgreich wollte sie nicht erläutern und mit Ausnahme der normalen Höflichkeiten waren keine weiteren Hinweise angefügt.
Fünf Tage darauf folgte ein Schreiben, das in energischer Schrift und mit farbenfrohen Adjektiven vom Verbrennen erzählte, obwohl es eher ein Philosophieren war, dem Patricia nicht wirklich folgen konnte. Aber natürlich antwortete sie brav auf die Briefe, denn sie hatte einmal als Kind damit angefangen und war seither von ihrem Gewissen an Ketten gelegt worden. Sie schrieb, bemüht den Ton ihrer Grossmutter zu kopieren, dass im physikalischen Prozess des Brennens das Verbrennen als ein Pseudoziel fungierte. Genauer hatte sie ihre eigenen Thesen auch nicht verstanden.
Vor einer Woche kam ein Brief, der in kaltem Ton zeigen liess, dass ihre Antwort der Grossmutter nicht zum Gefallen gewesen sein konnte, und beschwor, dass Patricia sich wieder ihren Wurzeln zuwenden soll. Der exakte Wortlaut war: „Vielleicht wäre es besser, du würdest wieder dahin zurückkehren, wo du hergekommen bist.“ Damit endete die Nachricht.
Natürlich nahm das Patricia mit Bestürzung auf, aber beruhigte sich mit dem, wenn wir ehrlich sein wollen, kaum beunruhigenden Gedanken, dass ihre Grossmutter den Verstand verloren haben musste.

II)          Die essenziellen Ereignisse.

Seither war kein Schreiben mehr eingetroffen.
Patricia tat an diesem Vormittag einige Dinge, die nicht nennenswert waren, und noch einige andere, von denen ich jetzt nicht erzählen will.
Hätte sie zum diesem Zeitpunkt bereits gewusst, dass sie an diesem Nachmittag in ihre Einzelteile zerlegt würde, hätte sie womöglich genauer ihren Körper betrachtet und gesehen, dass diesen Morgen ihr Körper mit gestrichelten Linien überzogen war.  Eine umfasste die ungefähren Konturen der Milz, eine andere den Schienbeinmuskel, sogar um die Augen und die Nasen hatte sie diese feinen Striche, doch sie war heute nicht bei der Sache und es war ihr nicht aufgefallen.
Nach dem Mittagessen begab sie sich nach draussen, um etwas zu lesen.
Dies tat sie ungestört zwei Stunden lang, bis ihr ein Keuchen auffiel, das hinter ihr erklang. Sie sah nach hinten und sah ihre Grossmutter. Sie schaufelte ein Loch.

III)        Das Zerlegen.

Emotionale Regungen und detailreiche Einzelheiten sind unwichtig, deshalb kann ich zusammenfassend sagen, dass die Grossmutter Patricia ihren Linien entlang ausschnitt und die einzelnen Körperteile in das gegrabene Loch legte, das sie mit Benzin übergoss und anzündete.

IV)       Die nachfolgenden Ereignisse.

Die Leiche Patricias konnte wegen der Verstümmelungen nicht identifziert werden, aber es war aufgrund sehr eindeutiger Hinweise davon auszugehen, dass sie es war.
Das Loch war extrem fruchtbar und bald wuchsen Blumen darauf, die allerdings von den nächsten Bewohnern des Hauses mit grosser Vehemenz jede Woche geschnitten wurden.
Es konnte festgestellt werden, dass die Grossmutter mit einem ungültigen Visum eingereist war. Dies entdeckte ein Zugschaffner im Zug nach St. Gallen, von wo aus die Grossmutter eine Velotour machen wollte, allerdings erst sieben Minuten nachdem das Herz der alten Frau ausgesetzt hatte. Der arme Mann rief ganz verstört die Polizei, war bleich und hörte sein eigenes Pochen durch den ganzen Kopf hallen, so dass er der Stimme kaum Beachtung schenkte, die von der Decke kam und sprach: „St. Gallen. Endbahnhof. Wir bitten Sie alle auszusteigen und verabschieden uns von Ihnen.“

System

Ich werde nun das System erklären.

1

Wir sind eine gewisse Anzahl Menschen auf einem Planeten.

2

Alle auf irgendeine vorstellbare Weise verwertbaren Eigenschaften dieses Planeten haben einen noch nicht eindeutig festgelegten, aber bestimmten, festen Wert.

3

Für alle diese Werte gibt es einen Gegenwert in Geld.
Das bedeutet: Alles Geld dieser Welt entspricht dem Wert aller bestehender Güter dieser Welt.
Geld ist also ein Ersatzgut und ein Stellvertreter für Güter.

4

Das vorhandene Geld hat insgesamt immer den gleichen Wert.
Wenn mehr Geld hergestellt wird, verliert es an Wert, da es mit demselben Gegenwert auskommen muss.

5

Wenn ein Mensch Geld verdient, verliert dieses ein anderer.

Geld ist ein Nullsummenspiel, das vorgibt, durch seinen Fluss – seine ungleiche Verteilung also – eine antreibende Wirkung zu haben.
Die antreibende Wirkung soll neue Güter durch mehr Arbeitsaufwand und Wertschöpfung herbeiführen.

6

Die ungleichen Geldströme führen zu einem tief in der menschlichen Moral verwurzelten Antrieb, diese wieder ausgleichen zu wollen.
Das ist ein Motor der Menschen, der zu Fortschritt führt.

7

Es ist zweifelhaft, dass Fortschritt nur durch Ungerechtigkeit herbeigeführt werden kann.
Ungleich verteilte Geldströme können ins Stocken geraten oder einfrieren.
Ein solcher Fortschritt ist ein erzwungener, kein intrinsischer, wobei letzterer um ein Vielfaches wirksamer wäre.

Es stellt sich nicht die Frage, ob Geld oder Kapitalismus zu Fortschritt führen.

Es stellt sich die Frage, ob Eigentum zu Fortschritt führt.

8

Eigentum ist ein Spiel, dessen Regeln auf Werten basieren.
Werte sind ein Spiel, dessen Regeln auf Bedürfnissen basieren.
Bedürfnisse sind ein Spiel, dessen Regeln wir selbst basteln können.

9

Es ist unser Spiel.