Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Dezember, 2009

Vic Chesnutt

Manchmal trifft einen der Schlag sehr langsam.
Man möchte gar von einem Stupsen sprechen, von einem Stossen vielleicht, bevor man merkt, dass diese Einwirkung stärker wird, gröber, wie ein Drücken, ein Pressen, schliesslich ein Quetschen.
Es ist nicht schön am Ende des Jahres. Das war es noch nie. Nach allen Rückblicken beginnt es einem schwindlig zu werden, die Auflistungen von Meisterwerken, die bemühte ignorante In-Ordnung-Bringung von Ereignissen, das realitätsfremde Setzen von Prioritäten – alles das drückt meine Stimmung eher, als sie zu beleben. Das Zurückschauen hab ich mir für mein Grossvaterdasein aufgespart.
Und vor der grossen Hürde, erhobenen Kopfes vorauszuschauen, scheiternd lag ich im Graben zwischen 2009 und 2010, zwischen zwei Dekaden. Man hat dieses Gefühl „Es ist doch scheisse“, was gut ist, weil alles besser werden kann.
Doch es ist klar: was dick ist, kommt noch dicker. Was schlimm ist, kann schlimmer werden.
Ich weiss jetzt nicht, wie ich das sagen soll, denn so etwas zu sagen, ist nicht einfach. Schnell klingt es lakonisch, bald zu emotional, nie, garantiert nie jedoch so, wie es klingen sollte.
Leider musste ich vor einer halben Stunde erfahren, dass Vic Chesnutt gestorben ist.

Traurig wäre wohl die Tatsache, dass keiner, der diesen Text je lesen wird, weiss, um wen es sich dabei handelte. Aber Dinge nach Traurigkeit einzuschätzen bekommen eine andere Farbe, wenn man Vic Chesnutt kennt.
Vic Chesnutt war ein Mann, der hatte so ziemlich alles verloren.
Nach Trunkenheit am Steuer brach er sich 18-jährig den Nacken, litt seitdem unter einer besonderen Form der Querschnittlähmung, sass zeit seines Lebens im Rollstuhl und konnte anfangs nur noch die Akkorde F, G und C spielen – „well, that’s what I was gonna do“, wie er sagte, als wäre jede Alternative ausgeschlossen gewesen.
Was nun im Folgenden mit Chesnutt geschah, kann nur unter axiomatischen Bedingungen als „Aufstieg“ bezeichnet werden. Einer der grössten Songwriter dieses Jahrzehnts wurde nie erfolgreich, obwohl er es hatte: das Talent, die Leidenschaft und intelligente Musik. Alles, was ihm gegönnt war, war das Ansehen in der Indiependent-Szene.
Der Mann im Rollstuhl, mit der Gitarre, der ein bisschen nasalen Stimme und sehr zynischen Texten hat einige der bewegendsten Musikstücke aller Zeiten geschrieben und seine Fans wissen das. Ich weiss das.
Und obwohl in seinem Leben vieles schief gelaufen war und er grosse Rückfälligkeit in die Opferrolle gezeigt hat, war er immer humorvoll geblieben und hatte seine autobiografischen Texte sehr ironisch, aber nicht unernst vertont.

It’s okay – you can take a condom
It’s okay – you can take Valtrex and
It’s okay – you can get an abortion
And then keep on keepin’ on.

You are – never alone.

Er war überzeugter Atheist, Befürworter von Hanf als Medikament, ein Jungtalent, spielte Gitarre mit fünf, Trompete mit neun, bewegte sich in vielen Genres: Rock’n’Roll, Folk, Acid Rock, Hard Rock, schlichtem Songwriting, Industrial Electronica, New Wave, Post-Rock.
Er war das Opfer seines selbstverschuldeten Autounfalls, Opfer von starker Alkoholsucht, Opfer der Erfolglosigkeit des Untergrundmusikers, Opfer von „four or five“ erfolglosen Selbstmordversuchen und schliesslich Opfer des amerikanischen Gesundheitssystems.
Vic Chesnutt nimmt sich an Weihnachten, der einsamsten Zeit des Jahres wie manche sagen, das 45-jährige Leben.
Er konnte seine Gesundheitskosten nicht mehr bezahlen, musste seine lebenswichtige Operation auf nächstes Jahr verschieben. Das System hat ihn einfach liegen gelassen und er reagierte darauf mit einer Überdosis Muskelrelaxans.

Interview vom 1. Dezember

Endlich auch ein Kriminalroman (300 Wörter)

Pedro Almando, 37-jähriger Inhaber einer Werbeagentur, wird 7:32 Uhr morgens in seiner Wohnung brutal stranguliert.
Kommissar Nielsson, Alkoholiker und Exzentriker, stellt vier Verdächtige zur Rede: Lara Montag, 20-jährige Deutsche und Ex-Angestellte Almandos, Werner Konrad, 60-jähriger Personalabteilungsleiter der Werbeagentur und potenzieller Kündigungskandidat, Eleanor Wespe, 38-jährige Geliebte des Opfers, sowie Lukas Almando, der 18-jährige Sohn der Opfers, jetziger Waise und alleiniger Erbe.
Nachdem Nielsson nicht verheimlicht, dass er am meisten Werner Konrad verdächtigt, wird er in einem zweideutigen Gespräch mit Eleanor Wespe betrunken. Am nächsten Morgen trifft er zufällig auf Lukas, der bereits sein geerbtes Geld abhebt, um Schulden zurückzuzahlen, die er in zwielichtigen Geldspielen mit seinen Freunden verloren hat.
Eleanor Wespe, der er das in einem erotischen Gespräch offenlegt, zeigt sich begeistert von dieser Tatsache und klagt Lukas an.
Der Kommissar resümiert in einigen sehr melancholisch angehauchten und emotional labilen Situationen die Ergebnisse und er kommt zu einem Schluss.
Am nächsten Tag stellt er alle zur Rede und behauptet, man müsse über den Schuldigen abstimmen und dieser müsse einer von den Vieren sein. Bei Werner Konrad streckten alle ausser Werner selbst und Lara Montag auf. Bei Eleanor Wespe streckte nur der Kommissar selbst auf. Bei Lukas Almando streckte Eleanor Wespe auf.
Der Kommissar schliesst nun, dass die Mörderin Frau Montag gewesen sein müsse. Pedro Almando habe sie gefeuert, weil sie ein Verhältnis mit seinem Sohn gehabt habe und ausserdem schwanger geworden sei und aus Geldnöten Pedro Almando umgebracht hätte, ohne dass Lukas selbst davon gewusst hätte. Lukas, der nun zugab das Geld aber bereits für sich selbst gebraucht zu haben, liessen Lara Montag so verzweifeln, dass sie während dem Gespräch plötzlich das Fenster aufmacht, hinausspringt und sofort stirbt.
Nielsson schliesst in einem fulminanten Abschlussdialog mit Werner Konrad über allgemeine Wahrheiten des Alterns und der Welt der Verbrechen die ganze Geschichte ab.

Textstatt Aargau in Brugg

Autorenlesung

Mittwoch, 9. Dezember 2009, 19.15 Uhr

Seit September haben junge Schreibtalente während dreier Wochenenden im Müllerhaus literarische Knochenarbeit verrichtet, unter der Anleitung der Zürcher Schriftstellerinnen Svenja Herrmann und Ulrike Ulrich immer wieder die eigenen Texte gekürzt, ergänzt, umgebaut, an Sätzen gefeilt und Formulierungen geschliffen.
Jetzt präsentieren die zehn aus den vielen Bewerbungen ausgewählten Teilnehmer/innen der «Textstatt Aargau 2009» in Brugg ihre Texte der Öffentlichkeit:
Melanie Bösiger, Ennetbaden, Nora Hossle, Oberrohrdorf, Rebecca Knoth, Rütihof, Nora Kohler, Zürich, Michael Kuratli, Zürich, Barbara Lussi, Riehen, Janos Moser, Suhr, Sandra Ujpétery, Zürich, Cédric Weidmann, Affoltern a. A., Till Widmer, Oberwil-Lieli.
Begrüssung: Martin Wehrli, Vizeammann der Stadt Brugg
Moderation: Ulrike Ulrich, Leiterin Textstatt Aargau, Schriftstellerin

Achtung: Die Lesungen finden im Rathaussaal Brugg statt.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Stadt Brugg.

Freier Eintritt

Toleranz

Yaman hatte in seinem Kopf schon lange eine Burg gebaut.

Sie war gross und aus altem Stein gebaut, den die Ahnen aus dem Süden hingebracht hatten. Die Mauern, die sie umgaben waren alt und solide und die Zugbrücke wurde für all die Fremden, die aus weiter Ferne hinströmten, ohne Zögern niedergelassen. Viele Läden und Handwerksstuben gab es in ihr, die Menschen waren ein reges Volk und waren öfter draussen als in den Häusern. Morgens krähte ein Hahn durch die Höfe, während auf dem Turm der König stand und den Sonnenaufgang bewunderte. Er waltete mit Geschick und liebevoll und während sich sein Volk an ihm freute, so freute er sich sehr an seinem Volk.
Die jungen Frauen des Volkes waren schön und die jungen Männer stark und es war nicht unüblich, am Wochenende eine prunkvolle Hochzeit zu feiern. Diebe hatte es in den ganzen Jahren keine gegeben, bis auf ein paar Ausnahmen, die man aber mit einem überlegenen Lächeln und milder Strafe zur Vernunft gebracht hatte.

Vera hatte einen Wald in ihrem Kopf wachsen lassen.

Er blühte gesund und wuchs schnell. Er breitete sich mit der Zeit immer weiter aus, bis er sogar den Burggraben und danach die Mauern überwunden hatte, durch den der Wald wucherte. Überall schossen Pflanzen aus dem Boden, in die Häuser, durch die Strassen. Auf den Dächern wuchsen Wiesen und Pilze und die Menschen lachten, ob einem so faszinierenden Geschehnis, und gingen auf ihnen spazieren. Oft kam es vor, dass ein junges Paar die Gelegenheit und die Anwesenheit der mit grünen Blättern geradezu protzenden Büsche nutzte. Die Vögel zwitscherten und dem Burgvolk war es, als würden sie damit mit immerwährender, süsslicher Musik belohnt.
Ein Baum wuchs sogar bis zum Königsturm hinauf und der König ass manchmal einen Apfel, den er ergreifen konnte. Ragte einmal ein Ast in das Fenster eines Hauses hinein oder wuchs ein Busch im Bett, so nahm man es gelassen und die ganze Gemeinschaft suchte nach einer Lösung für das Problem. Der Wald und das Burgvolk gehörten schon bald untrennbar zusammen.

Irgendwann begann das Wunder der wohlbehüteten Burg einzustürzen.
Die Bäume breiteten sich rasend schnell aus. Alles schlug wurzeln, selbst in den Häusern der grossen Familien, die bis anhin verschont waren und die nicht in ein anderes Haus verlagert werden konnten. Die Bäckerei wurde von einem riesigen Busch niedergerissen und in der Mitte des Marktplatzes, wo sich das Burgvolk oft zusammenfand, entstand ein kleiner See. Die Tiere, die mit dem Wald kamen, hatten sich mittlerweile an die Menschen gewöhnt und bald kam es schon zu Überfällen von Wölfen und Bären auf die Bürger.
Anfangs war es den Menschen nicht richtig bewusst und sie wussten nicht, ob sie enttäuscht oder gleichgültig über den neuen Zustand sein sollten. Der See war schön anzusehen und der Wald verbreitete ein warmes Gefühl. Erst als der Turm des Königs langsam von einem langen Stamm, der ihn durchwucherte, zum Einsturz gebracht wurde und er nur im letzten Moment fliehen konnte, breitete sich allgemeine Unruhe aus.
Man zögerte nicht lange und griff bald zu Messern und Mistgabeln, nach allem, was schneiden oder schaden konnte. Dann legte man Feuer.

Yaman hatte ein Feuer in seinem Kopf.

Reisebüro

Er rieb sich die Schläfen.
Sein Gesicht sah alt aus und er wischte einen Tropfen vom unteren Rand des Spiegels weg.
Draussen irgendwo schlüpften Schildkröten aus Eiern und rannten über die Küste zum Meer.
Er hielt sich an der Heizung seines Badezimmers fest und kroch unter die Dusche. Das Wasser rann ihm über die Schultern, die so lasch hingen, dass sie nach der Seite wegzukippen drohten. Ein Auto hupte vor dem Fenster.
Draussen irgendwo assen grosse Fische kleine Fische.
Er wanderte zu seiner Küche, wo er frühstückte und seine Zeitung las. Die Bücher, die auf dem Fenstersims verstreut waren, hatte er nie angefasst. Seit wann das Radio lief, wusste er nicht.
Draussen irgendwo erschlugen Kokosnüsse Menschen.
Im Tram zum Zug und im Zug zum Bahnhof und auf dem Weg zur Arbeit sah er Menschen. Es war kalter Winter, die meisten gingen nicht mehr ohne Winterjacke aus dem Haus, und hell war es ohnehin nicht. Er konnte nicht sagen, ob es Morgen oder Abend war. Er kaufte sich am Kiosk Kaugummis, die er tief und unauffindbar in seiner Jackentasche verstaute.
Draussen irgendwo wurden Delfine von Touristen begrabscht.
Er atmete gasförmigen, warmen Asphalt ein. Die Hälfte seines Lebens war das Abbild seiner anderen Hälfte. Er lebte weder seinen Traum, noch träumte er sein Leben, beides schloss sich bedingungslos aus. Er setzte sich an seinen Bürotisch und begann die Arbeit damit, seine Kugelschreiber auf Tüchtigkeit zu testen. Als er damit fertig war, bewarf er seinen Arbeitskollegen mit einem Papierknäuel.
Draussen irgendwo tauchten Menschen unter.
Er machte sich einige Gedanken, einer davon lautete: Ich bin zum Grad meiner höchsten Inkompetenz aufgestiegen. Er prüfte auf Facebook, ob es ihn ablenken könnte und als er damit fertig war, ging er kurz an die frische Luft um zu rauchen.
Draussen irgendwo sprangen Paviane durch die Luft.
Er hustete lange und ausgiebig, dann setzte er sich neben die Strasse und zückte sein Handy hervor. Er warf es auf die Strasse und sah zu, wie es von einem vorbeirauschenden Auto überfahren und zerquetscht wurde.
Das Leben war zu wahr, um schön zu sein.