Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Januar, 2010

Der Spagat eines sehr langen Mannes

Es war einmal ein Mann auf der Welt, der war sehr lang.
Nicht lang im Sinne von gross oder hoch, und breit war er auch nicht. Auch seine geometrische Tiefe und seine Ausdehnung im Speziellen waren nicht auffällig, nein, auch nicht seine Ausmasse oder sein Umfang waren die Ursache seiner Besonderheit. Er war ein Mann der Länge, der ausgesprochen, ja, fast übertrieben lang war.
Der Mann fürchtete stets um Aufmerksamkeit, denn es kam ihm so vor, als zögen alle Menschen an ihm achtlos vorüber. Deshalb fasste er eines Morgens den Entschluss, den Spagat zu machen.
Viele Menschen blieben überrascht stehen und es bildeten sich bald, beeindruckt von diesem Spektakel, ganze Trauben von Passanten, die dem Mann zusahen, wie er seinen Spagat machte.

Schon nach wenigen Stunden maulte einer jedoch: „Was schaut ihr diesen Mann so an, als brächte es euch etwas, dass ein Mann den Spagat machen kann?“
„Aber sehen Sie sich doch diesen Spagat an“, verteidigte sich ein anderer, „Und es ist ja nicht nur der Spagat. Sehen Sie doch, wie ausserordentlich lang dieser Mann ist!“
Der sehr lange Mann wurde ein wenig verlegen, weil diese Peinlichkeiten in Anwesenheit seiner Akrobatik hervorgehoben wurden, konnte sich allerdings nicht dagegen wehren, da ihm bereits der Spagat viel Mühe bereitete und seine Konzentration in Anspruch nahm.
„Nur weil dieser Mann lang ist, macht es seinen Spagat doch nicht besser! Auch kurze Männer machen Spagate“, rief der Erste aus.
„Aber er ist nun einmal ein langer Mann, das macht ihm nicht so schnell einer nach! Davon abgesehen kann auch nicht jeder den Spagat.“
Der sehr lange Mann lächelte dankbar.
„Aber wie wäre es, wenn dieser Mann die Post austragen würde oder einkaufen ginge?“, hielt der Erste dagegen, „Das macht ihm auch keiner so schnell nach, denn das alles macht er sehr lang, wie ihn die Natur nun einmal geschaffen hat.“
Darauf wusste keiner etwas zu antworten, einige nickten, andere schüttelten den Kopf, aber geändert hatte sich an der Situation erst einmal nichts.

Dann rief der Erste: „Du, langer Mann, wieso machst du den Spagat?“
„Weil sonst keiner sähe, wie lang ich wirklich bin“, stiess der sehr lange Mann zwischen seinen Zähnen hervor.
„Dahinten“, meinte plötzlich der Erste laut, „macht ein sehr dicker Mann den Handstand.“
Und im Nu war die Menschenmenge verschwunden und der sehr lange Mann setzte zu einem sehr langen Weinen an.

Der Blick

Mit diesem Blick machte sie ihn immer ganz allein.
Und wenn er so unglaublich allein war, dann war ihm oft zum Rennen zumute.
Und wenn er rannte, dann hielt er lange nicht mehr an.

Er rannte über Täler und Berge und Schluchten und Ränder und Ecken und Stock und Stein und Menschen und Tiere und Wasser und Lüfte. Natürlich war ihm bei alledem nicht wohl, denn schon bald merkte er, dass er noch viel alleiner war, als er anfangs gedacht hatte. Alles befand sich im ewigen Besitz des Stehenbleibens, nur er rannte durch die Welt. Und er wurde ganz wütend auf sich selbst und auf ihren Blick, den ihn so allein gemacht hatte. Er wunderte sich sogar eine ganze Weile, während er keuchend rannte, dass ein Blick die Fähigkeit hatte, einen alleine fühlen zu lassen, denn immerhin war ein Blick auch eine Art von Aufmerksamkeit und wem Aufmerksamkeit zu teil wurde, fand er, der konnte ja gar nicht so ganz allein sein.

Er rannte weiter, bis ihm die Beine so sehr schmerzten, dass er wusste, dass er nicht mehr ganz allein war.
Dann kam er zu ihr zurück und warf ihr einen Blick zu, der ihn immer ganz wichtig machte, und sie schloss dann für gewöhnlich sehr lange die Augen.

Pech

Heute ist ihm etwas Erstaunliches widerfahren.
Morgens stand er auf, betrat den Tag und er bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte: Er war kein König geworden.

Socken

Das meiste, was in ihm drinsteckte, waren Socken.
Ich weiss nicht, woher sie kamen. Sie verbreiteten einen übelriechenden Geruch und liessen sich in seinem ganzen Körper finden. In seiner Lunge befanden sich zwei Frauenstrümpfe, was ich mir ja noch hätte erklären können, weil ich kein fantasieloser Mensch war und schon vieles gesehen hatte. Mich wunderte nur, dass aus seiner Milz ein paar blutgetränkte Socken hingen und sein Blinddarm von einem weiteren umschlungen war. Auch die Unterhose, die sich in seinem Kniegelenk versteckte und die ich erst nach einer halben Stunde entfernen konnte, liess ein ungutes Gefühl bei mir zurück. Es war als hätten sie ihn innerlich gefressen, die Socken und Strümpfe, als hätten sie ihn zu Tode gestunken. Ich stapelte die blutigen Knollen von Unterwäsche auf dem Ablagetisch.
Dann füllte ich die Waschmaschine und begann mit dem ersten Waschgang. Dass mir das nicht noch einmal passierte!

Die Rückkehr der Schreibattacken

Ich schuld euch was, hier habt ihr was.
Vermutlich ist es flüssiger zu lesen, als die letzte Kurzgeschichte, weil sie auch in einen chronologischen und logischen Rahmen eingebettet ist. Ich würde nicht allerdings behaupten, dass sie besser als bisherige Geschichten sei. Aber überzeugt euch am Besten selbst.

Klick.

Wie kann ein Wort etwas bedeuten?

Letztes Jahr, ungefähr in diesem Monatsabschnitt, schrieb ich einen Text zu einem angeblich philosophischen Thema. Dieses lautete: „Wie kann ein Wort etwas bedeuten?“ Natürlich war meine Antwort eine trockene und langweilige, wie sie erwartet wird, und damals war es tatsächlich soweit gekommen, dass ich mich für die zweite Runde qualifizierte und ein Wochenende in Philosophie  „praktizieren“ durfte. Da ich mich dieses Jahr bereits zum zweiten Mal bewerbe und den neuen Text in diesen Minuten abgeschickt habe, werde ich die letztjährige Antwort nun grosszügig mit euch teilen.

Wie kann ein Wort etwas bedeuten?

Wie kann ein Wort was bedeuten? Etwas? Etwas was?
Wie kann ein Wort „etwas“ bedeuten?
Was kann das Wort „etwas“ bedeuten?
Wie kann das Wort „etwas“ „etwas“ bedeuten?
Wenn wir das richtige Publikum finden, das das Verständnis des Wortes „etwas“ mit uns teilt, dann wissen wir, wie es „etwas“ bedeuten kann.
Vielleicht aber ist es das falsche Publikum, das unser „etwas“ als irgendetwas anderes versteht.
Genaugenommen ist es das Publikum selbst, das richtige wie das falsche, sind es die sprechenden Produzenten und hörenden Konsumenten der Sprache, die sich im selben Wort ungefähr einig werden müssen.
Das Wort „etwas“, definiert durch seine Eingesessenheit im Sprachgebrauch, durch seinen organischen Auswuchs, der kein vermeintlicher Organismus ist, sondern nur seiner Dynamik wegen so scheint, der sich durch etliche Münder erstreckt und sich über die Zungen windet, ist für jeden, der die Sprache beherrscht, ein ähnliches „etwas“.
Zwar nicht das gleiche, denn jeder hat schon nach einem anderen „etwas“ im Leben gesucht, kennt andere „etwas“, stellt sich etwas anderes unter „etwas“ vor.
Worte in unserem Leben werden durch die Erfahrungen in unserem Leben geformt und geschaffen und ausgetauscht und verändert. Und wenn wir philosophische Essays über „etwas“ lesen, denken wir immer noch (an) ein anderes „etwas“ als ein anderer Leser oder der Autor.
Und doch verstehen wir einander, denn die unterschiedlichen Abweichung des Wortes weisen nur geringe Bedeutungsunterschiede auf und wir sind oft sehr tolerant im Verstehen von Wörtern.
Würden wir aber einen Passanten auf der Strasse fragen, er solle uns „etwas“ zeigen, so würde er uns irgendetwas zeigen, worüber wir nicht unzufrieden sein dürften. Schliesslich hat der Passant durch die gesellschaftliche Defintion des Wortes „etwas“ die Berechtigung, irgendetwas zu zeigen, etwas Unbestimmtes, was ihm gerade in den Sinn kommt.
Man fände das Wort wohl im Duden und doch hat es kaum einer je nachgeschlagen, niemanden kümmert der genau Wortlaut, solange wir unseren Aktivwortschatz im Do-it-yourself-Prinzip aneignen und weiterverwenden können. Wir lernen solange die Bedeutung dieses Wortes, bis wir damit im Gebrauch nicht wieder auf Probleme stossen, bis wir darunter das Gleiche verstehen, wie jeder, mit dem wir im Kontakt dieses Wort gebrauchen oder gebrauchen könnten.
Das Wort „etwas“ bezeichnet – philosophisch betrachtet – alles Seiende. Alles Seiende ist im eingeengten Horizont des einzelnen Menschen nichts anderes, als was sich ein einzelner Mensch inmitten anderer Menschen, die dieses Wort gebrauchen, unter Seiendem vorstellen kann. Etwas kann also alles sein, was einem Individuum als Teil des Kollektivs in den Sinn kommt. Da aber einem Menschen nicht etwas in den Sinn kommen kann, das nicht ansatzweise mit seinen Erfahrung im Zusammenhang steht, ist das Wort „etwas“ an den Zusammenhang mit seinen persönlichen Erfahrungen geknüpft.
Wenn wir das Wort „etwas“ benutzen, dann müssen wir beachten, dass der Konsument, der Zuhörer, der Leser, seine eigenen Erfahrungen damit verknüpft. Wir müssen diese Besonderheit in die Bedeutung des Wortes miteinbeziehen. Die Tatsache, dass das eigene Wort in anderen Ohren anders klingt, ist Teil der Definition.
So gesehen könnte man sagen, die Worte definierten sich durch ihre Extensionalitäten, durch reine Mathematik, durch Logik. Wort „A“ bedeute seiner Extension zufolge Gegenstand „B“.
„Mond“ ist das Ding, die kleinere Scheibe am Himmel, von den beiden grösseren, das ist doch klar.
Und trotzdem scheitert diese Logik an der Komplexität des dynamischen Sprachgebrauchs. Gerade am Beispiel des Wortes „etwas“ lässt sich herauslesen, dass ein Wort nicht unbedingt einen Gegenstand bezeichnen, und erst recht nicht, dass es in allen Köpfen den gleichen Gegenstand assoziieren muss. Das Extensionalitätsprinzip ist in unserer Sprache deshalb an vielen Stellen unzutreffend. So gibt es auch die Worte „Morgenstern“ und „Abendstern“ und „Venus“, die im Grunde alle den gleichen Planeten bezeichnen, die Mathematik ist hier mengenlehrentechnisch unfähig, eine korrekte Funktion zu setzen.
Stattdessen werden die Wörter stets geschliffen, in der Jugendsprache, in Verhaspelungen, in alternativen Formen, in Grammatikfehlern, in Abkürzungen, im ganz normalen Gespräch, überall bekommt das Wort „etwas“ eine neue Facette, ein weiterer Teilsatz in seiner Definition. Was man linguistisch Analogie nennt, führt schlussendlich in einem dialektischen Prozess zwischen Sprechendem und Zuhörendem, zwischen Schreibendem und Lesendem, zu einer kompromissbereiten Bedeutung.
Interessanterweise ist die neue Bedeutung dann nie dieselbe, wie die ursprünglich von einem der beiden Konversationspartnern benutzte, sondern es bedeutet dann sofort irgendetwas anderes.
Etwas anderes? Irgendetwas.