Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Februar, 2010

Probe

Ich bin ein feiger Mensch.
Ich bin so feige, ich gäbe nicht mal zu, dass ich mich vor Menschen fürchte, die etwas wagen.
Aber ich muss mir keine Sorgen machen.
Dafür haben wir die Mutprobe erfunden.

Hubschrauber

Nur mit Mühe konnte sich Jack aus dem Wrack herauszwängen.
Die Hitze der Wüste schlug ihm ins Gesicht, aber sie war eine willkommene Abkühlung. Schnell rannte er weg, bevor die Flammen den Tank des Helikopters erreicht haben würden. Er stolperte jedoch über die erste Düne und seine vom Absturz noch zitternden Beine liessen ihn auf dem ungewohnten Sand zu Boden fallen. Er rollte in ein Dünental hinab und horchte im Stillen auf den Knall der Explosion. Es war ein Wunder, dass der Helikopter noch nicht in der Luft explodiert war. In seiner Wunde an der Wange geriet beim Herunterstürzen ein wenig Sand, was höllische Schmerzen verursachte. Er biss jedoch auf die Zähne und riss sich stattdessen zusammen, mit dem unklaren aber oberstem Ziel vor Augen, zu überleben.
Sofort raffte er sich hoch und kletterte halb auf die nächste Erhöhung des unendlichen Sandes. Als er die nächste Düne erklommen hatte, blickte er zurück in grösster Verwunderung, dass der Helikopter noch nicht in die Luft gegangen war. Gerade in diesem Moment, als er das brennende Wrack und die eindrückliche Spur sah, die der Aufprall hinter ihm verursacht hatte, blies ihn ein riesiger Druck von der Kante und er fiel hinab ins Tal.
Der Knall kam erst viel später und er hörte es kaum mehr. Er spürte noch, wie seine Arme langsam feucht wurden. Das Blut trat aus seinen pochenden Striemen. Dann fielen ihm die Augen zu.

Bevor er ganz wegtrat, kämpfte sich Jack wieder aus seiner eigenen Dunkelheit. Er bemerkte, wie er langsam einzuschlafen drohte, wehrte sich aber wie wild gegen die Klauen, die sich um ihn schlossen und ihn zum Träumen bringen wollten. Nur mit letzter Kraft schaffte er es, sein linkes Augenlid aufzubringen, denn das rechte war vom eingetrocknetem Blut zugeklebt. Als er bemerkte, dass er noch lebte, schoss eine unerklärliche Euphorie durch seinen kaum noch vorhandenen Körper, er sprang auf und rannte los, in eine unbestimmbare Richtung, ohne die Augen wirklich offen zu halten.
Auch wenn sein Körper ihn zu retten versuchte, so waren die Chancen auf Überleben gering. Die freie, offene Wüste barg für ihn im besten Falle ewige Einöde, in der er verdursten würde. Im schlechtesten aber unzählige von Gefahren, die man sich nicht vorstellen kann oder – man darf es niemandem verhehlen – will.
Jack hatte es zwar seit dem Helikopterabsturz und der vergeblichen Suche nach der Archäologin für tot erklärt, doch sein ausserordentliches Glück war immer noch da. Bereits nach vier Stunden stolperte der blind rennende Jack über einen Stufe. Als er hinfiel und damit zum ersten Mal innehielt, sah er sich um. Offenbar war er bei einer Oase gelandet. Die Stufe, über die er gefallen war, gehörte zum Eingang einer Siedlung, aus deren ockerfarbenen Mauern einige saftiggrüne Palmen hervorguckten und erst da merkte Jack, dass er am verdursten war.
Er raffte sich ein letztes Mal auf und rannte in das erstbeste Gebäude – eine grosse Villa, in der der Anführer der Siedler wohnte. Sofort brachte man, als man erkannte, wie angeschlagen Jack war, einige Krüge voller Wasser und Verband ins Gebäude und einige Krankenschwestern wurden beordert, ihn zu verbinden und pflegen.
Es dauerte einige Tage, bis Jack wieder in der Lage war, zu gehen und zu sprechen. Sobald es ihm möglich war, verliess er das Gästehaus, das ihm zugewiesen wurde, und versuchte den Anführer wiederzufinden. Er betrat die grosse Villa, an deren ungefähren Aufenthaltsort er sich noch von seiner Flucht vor einigen Tagen erinnern konnte.
„Es freut mich, dass Sie auf den Beinen sind“, sprach dieser ohne Jack anzusehen, als er sein Zimmer betrat. Er war ein alter Mann, der aus dem Fenster sah und Jack den Rücken zugewandt hatte.
„Ich… Ich tue das nicht oft, aber… Ich wollte mich bedanken“, sagte Jack, „Für alles, was Sie für mich so fraglos getan haben.“
„Natürlich. Das ist für uns selbstverständlich. Niemand wird bei uns sterben.“ Er machte eine kurze Pause. „Sie haben grosses Glück, dass Sie noch leben. Die Wüste ist sehr gefährlich. Nun aber: Woher haben Sie ihre Verletzungen? Das waren weder Wüstenfüchse noch Hyänen.“
„Ich – ja!“, Jack lachte verlegen mit Blick auf seine Arme, die noch alle in Leinen gebunden waren und unter denen sich nicht viel mehr als Knochen verbarg, „Ich bin mit dem Helikopter abgestürzt.“
Plötzlich drehte sich der Mann um. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Verwirrung.
„Womit sind Sie abgestürzt?“
„Mit dem Helikopter.“
„Ah“, er nickte gedankenabwesend, sah wieder hinaus über die Wüste und drehte sich dann zum erneuten Male zu Jack um. „Ein Helikopter sagen Sie?“
„Ja“, sagte Jack. „Wieso?“
„Nun, das ist interessant“, murmelte er. Er näherte sich Jack und gebot ihm, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Aus einer alten Schublade zog er wählerisch zwei Zigarren hervor, drückte Jack eine davon in die Hand und entzündete sie beide.
„Wieso ist das interessant?“, fragte Jack.
Der Anführer lehnte sich sehr weit über den Tisch und faltete seine Hände zusammen.
„Die Sache ist die…“ Er verstummte und blickte starr auf den Tisch, als müsste er sich für die folgenden Worte sammeln.
„Was ist die Sache?“, fragte Jack mit seiner typischen Ungeduld.
„Nun“, begann der Anführer verschwörerisch und sehr langsam, „die Sache ist: Ich habe keine Ahnung, was ein Helikopter ist.“
„Was? Was soll das heissen?“, Jack war entrüstet, „Das ist Ihr ganzes Problem? Dass Sie nicht wissen was ein Helikopter ist. Ich könnte es Ihnen ja auch einfach erklären.“
„Dann erklären Sie es mir“, sagte der Anführer.
„Gut. Sehen Sie, es ist ein Fahrzeug, wie ein Auto, kennen Sie ein Fahrzeug?“
„Natürlich kenne ich Fahrzeuge! Verkaufen Sie mich nicht für dumm“, rief der Anführer zornig aus.
„Nun, der Helikopter ist wie andere Fahrzeuge, nur fliegt er eben in der Luft.“
Der Anführer zog lange an seiner Zigarre und erwiderte dann: „Das verstehe ich nicht. Wie kann es in der Luft sein?“
„Nun, indem es fliegt. Ein Helikopter macht das mit einem Propeller. Er arbeitet mit Luftdruck, der durch die Dynam-“
„Was ist das, ein Propeller?“, unterbrach ihn der Anführer.
„Ich, äh, ich… Haben Sie einen Mixer?“
„Sowas?“ Der Anführer zeigte ans andere Ende des Zimmers.
„Genau“, sagte Jack erfreut, „Der Mixer also dreht. Der Propeller ist eine Art… Nun ja, eine Art Mixer, der über dem Helikopter befestigt wird und mit dessen Drehung der Helikopter in die Luft befördert wird.“
„Ich verstehe nicht ganz“, entgegnete der Anführer, „Sie sagen, der Helikopter sei ein Fahrzeug das fliege und es fliegt mit einem Propeller. Ein Propeller ist jedoch etwas, das einem Helikopter eigen ist, man befestigt aber einen Propeller auf dem Helikopter. Ich finde, das ist verwirrend.“
„Nein, nein! Sie haben mich falsch verstanden, der Propeller gehört zum Helikopter, er ist ein Teil vo-“
„Bitte verlassen Sie das Haus“, fuhr der Anführer dazwischen, „Lassen Sie mich bitte eine Weile darüber nachdenken.“

Jack stand vor der Siedlung, die Wüste überblickend und schüttelte den Kopf.
Und diese ganze Verrücktheit musste er sich antun, weil sein Heliktoper von einigen Spionen sabotiert worden war, dachte er.
Plötzlich hielt er inne und musste schlucken. Sein Helikopter?
Er wusste noch nicht einmal, was das war.

Der unsterbliche Tiger

Viele, viele hundert Kilometer von hier entfernt, vielleicht tausende, ich kenne die Distanz nach Indien nicht genau, irgendwo in dieser Ferne und vor langer Zeit, gab es einen unsterblichen Tiger.

Er lebte in den unerschlossenen Wäldern des Ostens, von denen man sagte, sie wären trotz der herapprasselnden, glühenden Sonne eiskalt, da die dichten Wipfel ihrer Bäume eine undurchdringliche Decke über das Dickicht zögen. Inmitten dieses ausgedehnten, von seltenen Erzählungen überlieferten Schattens trieben sich, so viel wusste man bereits damals, verschiedene Rudel von Tigern umher. Die genaue Anzahl dieser Rudel, die Grösse ihrer Territorien, die Gründe für ihr ständiges Herumstreifen, geschweige denn die Beschaffenheit ihrer Rollenverteilungen waren selbst den Förstern und Tierschützern unbekannt. Sie entblössten in dieser Sache aber ihre wissenschaftliche Eitelkeit, denn ihr Unwissen gestanden sie öffentlich niemals ein. Stattdessen betonten sie in ihren Berichten die schwierige Situation der Tiger, denn bei der Verklärung einer bedrohten Art wurden paradoxerweise weniger Fragen gestellt und die Lücke ihres Wissens nicht aufgedeckt. Selbst untereinander zogen die Tierschützer diese Überzeugung später zu Rate, damit sie sich nicht mit ihrer eigenen Wirkungslosigkeit konfrontieren mussten, und immerhin war es für einen wahren Tierschützer nie ganz falsch, eine Rasse als bedroht zu betrachten.
In Wirklichkeit jedoch war es den Anwohnern der Wälder nicht ganz wohl bei diesen undurchsichtigen Betrachtungen. Selbst wenn sich die allgemein verbreitete Kunde des aussterbenden Tigers auch in den waldnahen Döfern zu setzen begann, so wussten immerhin die Dorfältesten noch von der Gefahr, die im Dunkeln hinter den gitterstabähnlichen Baumpfählen lauerte. Sie setzten alles daran, den Tigern zu huldigen, und, auch wenn man ihre vor Besorgnis zusammengezogene Stirn den neuen Gefahren – Arbeitslosigkeit, Feuerwaffen, Traditionsverlust – zuschrieb, so war sie alleine dem Geräusch von Tatzen zu verdanken, das manchmal flüsternd aus Richtung des Waldes wehte.
Angenommen, es hätte tatsächlich nur wenige Rudel von Tigern gegeben, wie war es dann möglich, dass sie an mehreren Orten, die Monatsreisen voneinander entfernt waren, aus dem Wald schossen und Haustiere zerfetzten? Wieso geschah das alles in einer einzigen Nacht? Hatten sie sich abgesprochen? Warum hatte kein einziger Mensch einen von diesen Tigern gesehen, die Spuren aber auf hunderte von ihnen hingewiesen? Und, um die Erstaunlichkeiten abzurunden, wie konnte es sein, dass die Waldtiger, von deren Ernährung man nichts wusste, in einer einzigen Nacht auf den Geschmack von Schweinen und Hunden gekommen waren?
Das waren die Fragen, die sich die Jungen stellten, und es bot sich beim verzweifelten Suchen nach Antworten der einfache Schluss, dass es immerhin mit der Bedrohung des Menschen zutun hätte, der sich um die Wälder der Tiger wie eine Klammer geschlossen haben muss, aus der sie sich hatten befreien müssen. Die Erfahrenen jedoch, unter ihnen die Dorfältesten, waren dieser Erklärungssuche vor ihrem Beginn schon müde, wussten aber im Stillen, dass es damit nicht getan sein würde. Bereits von früher war bekannt, dass die Tiger dieses besonderen Waldes ebenfalls besondere, verwirrende Eigenheiten aufwiesen. So war es, wenn man den verwaschenen Legenden glauben will, nicht unüblich, dass Menschenkinder von den Tigern entführt und aufgezogen wurden. Ebenfalls stimmte sie die Tatsache vorsichtig, dass sogar seit Jahrtausenden der überlieferten Tradition keine eindeutigen Kenntnisse über die Tiger vorhanden waren. Es war beinahe so, als hätten ihre Urgrossväter vor Scham die Lücke ihres Wissens mit Schweigen und dem Praktizieren von zusammenhangslosen Riten zugedeckt. Sie segneten, als sie sahen, dass die Jungen das Problem nicht in ihrer ganzen Weite zu verstehen suchten, die Unbegreiflichkeit des Waldes als eine höhere Fügung der Natur, als eine mystische Zusammenfügung der Unverständlichkeit der ganzen Welt und sie akzeptierten ihre Kenntnislosigkeit wie andere einmal aufgeben nach dem Geheimnis zu fragen und das Verwirrspiel des Zauberkünstlers still hinnehmen mit der Überzeugung, die Vergesslichkeit werde sich über die Neugierde hermachen.
Die Dorfältesten wussten zwar, dass sie richtig lagen, denn sie hatten eine eigene, hochkonzentrierte Form der Eitelkeit, aber sie wussten nicht, dass selbst die Tiger ihnen hätten recht geben können.
Unter den Rudeln selbst nämlich herrschte eine gewisse Verständnislosigkeit, denn so unterschieden sie sich in ihrer Formung, dass sie nie wussten, wann ein Rudel wo auftauchen würde und welche Ziele dieselben verfolgten. In gewissen Rudeln war die Verwirrung gerade darüber am grössten, dass völlige Unstimmigkeit über die eigenen Regeln, Ziele und Vorhaben innerhalb des Rudels bestanden. Man konnte sagen, das Auftauchen eines Tigers aus dem Dunkeln stiftete unter den Tigern unangenehme Verwirrung, denn er bot für sie keinen Aufschluss über das, was sich im Dunkeln befand. Doch die Tiger der eigenen Reihen bewegten sich so strukturlos und zufällig, dass selbst ihr Verhalten den anderen keine Rückschlüsse auf ihre individuellen Absichten bot und es kam manch einem Tiger so vor, als bewegte er sich in einem fremden Rudel, als schliche das Böse, das auch Tiger dem Unbekannten eher als dem Bekannten zuzuschreiben geneigt waren, um einen her. Gleichzeitig war es ihnen allen klar, dass sie ohne die Hilfe ihres Rudels nicht überleben würden, und sie stoben weiterhin zusammen aus, eine Willkür befürchtend, die unberechenbar aus einem ihrer Mitstreiter herausbrechen könnte.
Sie alle wussten um keine Eindeutigkeit und um keine Bestimmbarkeit bescheid, es schien, als wäre alles in diesem Wald, sie selbst sogar, das Schreiten ihrer eigenen Tatzen, das Brüllen ihres Leibes, das Knurren ihres Magens, als wäre das alles eine zufällige Fügung, von denen sie sich im Nachhinein als Urheber behaupteten. Die Natur war das oberste Gesetz, doch es schien nach keinen verfolgbaren Abläufen gerichtet zu sein, sondern wandelbar und unkontrolliert. Nach den Jahrtausenden des Herumstreifens der Tiger war es ihnen zweifelhaft, dass es tatsächlich so etwas wie eine Chronologie zwischen Ursache und Wirkung gab, sie sahen in dem allen ein und dasselbe, während sie die Wirkung als eine kausale Folge gänzlich aufgaben – denn sie wussten ja nicht, was im nächsten Moment innerhalb ihres Rudels geschehen würde -, schlossen sie auch die Existenz einer Ursache aus, da alles, was sich ihnen als Ursache bot, in Tat und Wahrheit nur eine künstliche und weiterhin zufällige Begebenheit war, über die und deren Eigenschaften als Kausalität zu entscheiden sie sich im Nachhinein berufen fühlten.
Das Land um den Wald und der Wald selbst schraubten sich vor Unwissen in ein unbekanntes Zentrum. Alle Naturgesetzte waren von einer Unregelmässigkeit abhängig, um die sich die Menschen und die Tiger wie eine Spirale drehten, mit dem unbestimmbaren Gefühl, dass inmitten dieser Spirale, im Zentrum, die Regel für die Unregelmässigkeit zu finden sei, von der Hoffnung zehrend, dass der wahre Grund für das Verhalten der Tiger zwar nicht von Menschen oder Tigern erkannt werden konnte, dass er aber immerhin in einer Art von höheren Natur verankert wäre. Diese Verankerung glaubten sie – wenigstens die Dorfältesten und die schlauen Tiger -, einem zarten Bauchgefühl folgend, im Zentrum des Waldes zu finden. Denn wenigstens in der Mitte müsste ein Urprinzip stehen. Dieses Hoffnungsschimmers harrten sie willensstark.

In der Mitte des Waldes lebte der unsterbliche Tiger.
Es gab einige Eigenheiten, die den unsterblichen Tiger auszeichneten, wovon seine Unsterblichkeit natürlich die interessanteste war. Den unsterblichen Tiger hatte nie ein Mensch gesehen, so glaubten die Menschen, und auch die Tiger sagten sich, dass sie ihn nie zu Gesicht bekommen hätten. Nicht, dass sie den unsterblichen Tiger mit Sicherheit erkannten hätten, sie wussten nicht einmal, ob er sich äusserlich von sterblichen abhob, aber die Tatsache, dass ihn niemand gesehen hatte, stand ausser Frage. Das lag mitunter an der Vorstellung, dass die Entfernung des unsterblichen Tigers ihn unsterblicher machte, als er ohnehin war, denn, wenn man ihn nie sehen konnte, so war er auch – und das war ein unbewusster Effekt – sicher. Alles, was man sehen konnte, zeigte eine gewisse Blösse und eine Schwäche, und die Tiger und Menschen waren deshalb froh, dass sie den unsterblichen Tiger nie sahen. Hätte nur irgendwas, sein Auftauchen beispielsweise, die Unantastbarkeit des unsterblichen Tigers in Frage gestellt, so hätte es auch seine Unsterblichkeit in Frage gestellt und das durfte auf keinen Fall geschehen, gerade deshalb, weil er die Regelhaftigkeit all ihrer Naturgesetze auf sich vereinigte und angeblich die letzte Konstante der Welt auf sich trug.
Niemand wusste eigentlich – um den Gedanken hiermit weiterzuziehen – warum der Tiger unsterblich sein sollte. Immerhin wäre die Welt verloren gewesen, wenn er plötzlich gestorben wäre und es war eine unverhohlene Vereinfachung, ihn deshalb unsterblich werden zu lassen. Im Grunde konnte man sagen: Der unsterbliche Tiger wurde nur unsterblich gedacht. Man könnte, nach diesen Erkenntnissen voreilig schliessend, auch behaupten: Der unsterbliche Tiger wurde nur zum Tiger gedacht, es gab ihn gar nicht!
Interessanterweise gab es den unsterblichen Tiger jedoch trotzdem.
Von seiner Position als Zentrum der Spirale wusste er genausowenig wie von seiner Unsterblichkeit. In gewissem Sinne war er mit einer ausserordentlich ergiebigen Form von Naivität bestraft, die ihn innerhalb der riesigen Schattenfelder in der Mitte der Wälder wie ein kleines Kind durch das Dickicht tollen liess. Zum Vorwurf konnte man es ihm nicht wenden, denn er hatte sein ganzes Leben lang keinen Menschen und selbst keine anderen Tiger gesehen, es war, wie es sich die Aussenwelt erhoffte. Er war abgeschnitten und sicher, doch weder spürte der Tiger einen Drang nach Sicherheit – er kannte die Gefahren der Welt noch nicht einmal – noch war wirklich klar, in welchem Verhältnis Unsterblichkeit und Sicherheit miteinander verkehrten. Der unsterbliche Tiger fühlte sich also unsterblich, denn er fürchtete keine Gefahr, wusste auch nicht, was Gefahr sei und selbst wenn er es gewusst hätte, was hätte es einem Unsterblichen ausgemacht? Oder: Welche Gefahr hätte er fürchten können? Oder anders: Was spielte es für eine Rolle, ob er unsterblich war oder nicht? Wäre er sterblich gewesen, so hätte das keinen Unterschied für niemanden gemacht, denn niemand kannte ihn und er selbst fürchtete keinen Tod. Wenn er unsterblich gewesen wäre, so wäre das ebenfalls niemandem aufgefallen.
Und ebendiese Irrelevanz war das traurige Schicksal des unsterblichen Tigers.

Der Schrei und die folgende Tatenlosigkeit der Luft

Ständig schrie sie seinen Namen in die Luft, als hätte diese ihn, aus undurchsichtigen Verstrickungen von Verantwortlichkeit heraus, plötzlich durch dieses schmerzerfüllt Piesacken zurückzugeben.

Nach der Abwesenheit antwortender Luftstösse und -züge zu schliessen, war es dem Gasgemisch jedoch nicht danach, die hoffnungsvolle Antropomorphose zu ihrem Gefallen zu erwidern, und schloss seinerseits eine Verbindung zwischen der Schreienden und dem Nachgeschrieenen aufgrund seiner Verständnislosigkeit gegenüber den Emotionsregungen fester Materialen aus.

Der Spucker, erster Teil

Till fror.
Seine Freundin rückte auf der Bank näher und schmiegte sich schlotternd an ihn. Durch den Bahnhof zog ein harscher Luftzug und Dunkelheit bedeckte die beiden in trügerischer Absicht.
„Ich freue mich darauf, zu Hause zu sein“, sagte Miriam durch ihre klappernden Zähne.
„Ja, ich mich auch. Und ich freue mich auch darauf, auszuschlafen“, antwortete Till.
Miriam bejahte stumm und plötzlich erklangen Schritte auf dem Bahnhof.
„Ach, da kommt jemand. Nachts, um diese Zeit? Ich dachte, wir wäre die Einzigen, die auf so dumme Ideen kommen.“
Till schwieg aufmerksam und spuckte auf den Boden.
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