w-archiv

Monat: April, 2010

Wintergarten

Sie lag auf dem Bett und schrieb einen Brief an ihren Onkel. Ich hatte ihr schon tausendmal gesagt, dass das nicht gesund sei, weil man von dieser Haltung Rückenschäden bekäme. Aber wie sie jetzt so dalang und alle Ratschläge missachtete, war es mir auch vollkommen egal.
„Was soll ich ihm sagen? Soll ich ihm vom Haus schreiben? Ich weiss nicht, ob er mitbekommen hat, dass wir umgezogen sind“, fragte sie, während sie ihre Beine spielerisch auf und ab springen liess wie die Metallgelenke einer einfachen Jahrmarktsachterbahn.
„War er nicht einmal hier?“, entgegnete ich nachdenklich.
Ihr Onkel war ein Mann, der sich nicht oft von dem Ort wegbewegt hatte, an dem er geboren worden war und daran würde sich mit Sicherheit auch nie etwas ändern. Wenn er uns tatsächlich einmal in diesem Haus besucht hatte, überlegte ich, musste er es mit dem nervösen Blick getan haben, den er zeitlebens für Momente ausserhalb seiner Heimatstadt eingeübt hatte. Und diesen Blick andererseits hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, so lange fast, dass ich ihn zu vermissen begann, schliesslich vermisst man alles irgendwann.
„Ich weiss es nicht… Was soll ich dann schreiben? ‚Hey, wir sind übrigens umgezogen‘? Ich meine, wenn er wirklich einmal in diesem Haus gewesen war, wäre es dann nicht unglaublich beleidigend, seinen Besuch so zu ignorieren? Im Stil von: ‚Vielleicht warst du auch mal hier, was bei deiner Nesthockerei ein erinnerungswürdiges Ereignis gewesen wäre, aber natürlich nicht unbedingt unvergesslich, was der Grund dafür ist, dass wir uns nicht sicher sind, whatever’… Mann! Man kann doch nicht wissen, in welchen Häusern welche Onkel schon gestanden sind!“
Ich überlegte ein bisschen, während ich immer noch am Fenster stand und an meinem Kaffee nippte. In der Ferne konnte ich den Tornado beobachten, der sich, je länger das Gespräch dauerte, desto stärker in unsere Richtung zu wenden schien.
„Nun, du musst ihm ja nicht schreiben, welches Haus es ist“, erwiderte ich langsam, „Wir könnten seit seinem letzten Besuch ja plötzlich umgezogen sein.“
„Ja, das stimmt. Also soll ich ihm einfach schreiben: ‚Wir sind übrigens umgezogen.‘ Und dann nichts mehr? Keine Beschreibung des Hauses? Damit er am Ende auch noch das Gefühl bekommt, dass wir ihn in überhaupt nichts einbeziehen wollen.“
„Wollen wir?“, fragte ich überrascht.
„Nein,.. nein. Du weisst, was ich damit meine. Wir würden ihm schon sagen, wo wir wohnen.“
Ich zuckte mit den Schultern. Die Bewegungen des Wirbelsturms hatten etwas von einer Bauchtänzerin, schien es mir, es war eine einzige zuckende Röhre. Die Blitze, die ihn umgaben, liessen seine Grautöne zum Ausdruck kommen.
„Was hättest du ihm denn von unserem Haus erzählen wollen?“, fragte ich, plötzlich von einem Gedanken beunruhigt, der mir gerade gekommen war.
„Nun, vom Wintergarten. Und dass es sehr modern ist. Vielleicht auch, dass man von hier aus die Ebene gut überblicken kann und dass das sehr toll ist, weil du das doch so gerne machst.“
„Moment. Wir haben keinen Wintergarten“, sagte ich besorgt.
Sie sah mich an, als wäre ich tot. „Natürlich haben wir einen Wintergarten“, antwortete sie, „Du hast ihn doch selbst gebaut.“
„Ich habe ihn abgebrochen“, sagte ich. Das war vor vier Monaten. Der Feuerwehrmann hat mir gesagt, dass es die Fluchtwege versperrte und unzulässig sei.
„Was?“, rief sie entrüstet aus.
Der Tornado war nun noch zwanzig Meter entfernt. Im Auge der Sturms würde es ruhig sein, überlegte ich.
„Ich liebte diesen Wintergarten“, sagte sie mit Tränen in die Augen.
„Eben“, murmelte ich.

Rockpost

Auf gehts! Auf, zum nächsten Thee Silver Mt. Zion Konzert.
Vom letzten hatte ich ja mit hinreichender Irrelevanz berichtet, aber ich mag mich entsinnen, dass sich die Fragmente dieser Impressionen noch auf dem alten Blog befinden.
Letztes Mal habe ich mich nach St. Gallen gewagt, um sie zu sehen, in der Befürchtung, es könnte die einzige Möglichkeit gewesen sein. Und vielleicht habe ich mich getäuscht. Aber das macht meine Erfahrungen nicht weniger einzigartig. Das kanadische Post-Punk/Post-Rock-Orchester mit New Age-Appeal sind einfach ein absolutes Muss für jeden Fan von grossartiger, pathetischer Musik. Und deshalb muss es gesehen werden.
Ausserdem findet man ihre Texte und ihre Stimmungen in dutzenden meiner Texte wieder. Sie sind so etwas wie eine Hauptinspirationsquelle.
Wiedermal bleibt die Frage mit dem umfallenden Baum im ausgestorbenen Wald: Wenn es ich es nicht hörte, gäbe es dann gute Musik?

Es gibt eine einfach Antwort, wenn man den Post von vor 6 Tagen in Betracht zieht:
Nein. Es gäbe einen Scheiss was.

Adleraugen

Die Sonne brannte mir auf den Rücken und ich schwitzte. Die Müdigkeit begann langsam Überhand zu nehmen. Weither hörte ich eine Frau lachen. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich hatte Durst, aber ich musste meine Aufgabe erfüllen. Wieso war das alles nur so kompliziert? Immer noch hielt ich mit Adleraugen Ausschau, doch sie verloren langsam ihre Kraft.
Als ich nicht mehr lange zu leben hatte und mich auf die Strassenseite schleppte, um den Menschen Platz zu lassen, hatte ich schon lange mit Selbstgesprächen begonnen. „Wo ist es? Ich kann nichts finden, nirgendwo.“ Ich wand mich und kroch noch über die Gräser am Wegrand. Dann brach ich völlig zusammen, umklammerte die Flasche in meinen Händen und ich spürte noch, wie mein Wille dem obersten Ziel nachhing, eine Sammelstelle zu finden. Wieso gab es nur nirgends eine PET-Sammelstelle?
Ich verdurstete.

Zugeständnis

Ich bin ein grossartiger Solipsist, denn ihr müsst zugeben: Ihr kommt euch schon verdammt echt vor!

4-stündiger Maturaufsatz mit Bezug auf Schillers Demetrius

Zweifel

Die Demokratie, wie wir sie kennen, hat eine lange Geschichte hinter sich.

Historiker beziehen sich oft auf die griechische Demokratie, wenn sie nach deren Ursprünge suchen. Betont wird dabei jedoch, dass es sich bei diesem anfänglichen Modell um eine Demokratie eines Bruchteils der Bevölkerung handelte. Stimmberechtigt waren weder Sklaven, noch Frauen, keine Gefangenen und keine Einwohner von Ortschaften in der Peripherie der Stadtstaaten. Das „Volk“ war ein sehr eingeschränkter Kreis von Bürgern.

Andere Historiker sagen, die Schweiz sei das wirkliche Paradebeispiel für Demokratie, womit aber bereits ein riesiger geschichtlicher Sprung gewagt wird. Auf die halbdirekte Demokratie, die im Bund so stark verankert sei wie kaum irgendwo auf der Welt, und die es schon so lange gebe, sind die Schweizer sehr stolz. Heute, nach mehreren tausend Jahren Geschichte, sind die Menschen überzeugt, dass jeder vernünftige, also mündige, Einwohner eines Landes ein Mitbestimmungsrecht im Staat haben sollte1.

Diese Überzeugung wurzelt im Humanismus. Er hatte die Aufklärung ins Rollen gebracht und mit ihm den optimistischen Anthroposophismus. Er brachte eine Bewegung mit sich, die an erinnerungswürdigen Ereignissen mitgewirkt hat, namentlich der französischen Revolution oder der Märzrevolution des 19. Jahrhunderts, und die uns schliesslich in die Gegenwart getragen hat, zu unserem Verständnis der Politik.

Zweifel an der Demokratie

Der heutigen Auffassung von Demokratie liegen zwei philosophische Überzeugungen zugrunde.
Erstens geht sie davon aus, dass die Welt aus verschiedenen politischen Subjekten besteht. Dass es ausser dem eigenen denkenden Subjekt noch andere gibt, die zumindest politische Relevanz haben.
Und sie findet zweitens, dass diese Subjekte alle gleich viel politisches Gewicht haben sollen.

Doch wie funktioniert unsere Demokratie? Bestimmen die „Meisten“ tatsächlich über den „Rest“? Kann die Mehrheit des Volkes alles veranlassen, was es will?

Hier taucht eine Problematik auf, die in der modernen Form der Demokratie vorhanden ist. Der Minderheitenschutz beispielsweise zählt zu den grossen Errungenschaften humanistischer Vorstellung. Ist er jedoch demokratisch?
Nein, denn Demokratie – wenn man sie als die Herrschaft der Mehrheit betrachtet –widerspricht jedem Zuspruch der Minderheit.

Die institutionalisierte Demokratie ist jedoch keine radikale Herrschaft der Mehrheit, sie ist schliesslich auch nicht vollkommen direkt. Es gibt überpositive Rechte, Menschenrechte, Religionsfreiheiten, Meinungsfreiheiten und der Schutz der Menschenwürde. Sie sind ein Bestandteil der angeblich demokratisch bestimmten Staatsform, stehen aber immer über den Gesetzen, die die Demokratie verabschieden könnte.

Man kann jedoch anders fragen: Sind diese überpositiven Rechte demokratisch entstanden?
Vermutlich nicht, denn sie verletzen zwei Prinzipien der Demokratie.
Einerseits liegt die Entstehung dieser Rechte eine Weile zurück, sie repräsentieren also nicht zwingend die heutige Meinung der Mehrheit, was im eigentlichen Verständnis von Demokratie der Fall sein sollte.
Andererseits ist die Entstehung selbst auch kaum direkt-demokratisch verlaufen. Humanistische Intellektuelle, aufklärerische Anführer, französische Revolutionäre, UNO-Räte und Abgeordnete haben diese Rechte schriftlich aufgesetzt und damit eingeführt, nie war es das eigentliche Volk.

Trotzdem werden sie geachtet und das überpositive Recht gilt als das wichtigste überhaupt.

Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man Schillers Fürsten sprechen hört. Sein Urteil, dass die Mehrheit „Unsinn“ sei, muss in aufgeklärten Ohren nicht nur arrogant, sondern auch alarmierend klingen. Dennoch lässt sich fragen: Hätten wir auch Menschenrechte, wenn man in der Geschichte stets demokratisch entschieden hätten? Möglicherweise nicht.

Die Entscheidung irgendeines Staates, demokratisch zu sein, wurde auch nicht demokratisch gefällt. Humanismus und Aufklärung hatten ihre Figuren, ihre Triebfedern und die erfolgreichsten Staaten sind oft von einem klugen Präsidenten geführt, nicht tatsächlich von der Mehrheit.

Schillers Fürst ist mit dieser Ansicht nicht allein, selbstverständlich auch nicht in intellektuellen Kreisen. Ein grosser Vertreter dieser staatsphilosophischen Überzeugung war Macchiavelli, der in seiner Schrift „Der Fürst“ eine absolutistische Herrschaft verteidigte und erklärte, nur sie könne zum grössten Wohl der Bevölkerung führen. Ähnliches Gedankengut lässt sich neben Goethe und Schiller zum Beispiel auch bei Nietzsche entdecken. Sie alle sind wie der Fürst Leo Sapieha überzeugt, dass die Mehrheit zu keinem Erfolg führe.

Haben sie Recht?

Zweifel an der Mehrheit

Einmal von der Argumentation des Fürsten abgesehen, dass Verstand „stets bei wen’gen nur gewesen“ sei, deren Anerkennung mir als humanistisch geprägtem Menschen sehr widerstrebt, lässt sich mit gutem Gewissen weiterfragen, was das eigentlich ist: eine Mehrheit.

Von einer Mehrheit kann man bei einer statistischen Verteilung sprechen, wenn bei einer Entscheidung etwas mehr als 50% aller politischen Subjekte für eine Meinung einstehen. Dass bedeutet, dass dabei immer noch fast 50% nicht einverstanden sein können. Das Prinzip der Demokratie schreibt jedoch vor, dass die Menschen zu ihren Mehrheitsentscheiden stehen sollten. Es ist, so betrachtet, ein sittlicher Fehler, wenn sich die Wähler im Nachhinein über die Resultate einer Minarett-Initiative beschweren, selbst wenn sie „Nein“ gestimmt haben. Dass diese Diktatur der Mehrheit zu Problemen führt, ist vorprogrammiert.

Schliesslich kommt man schnell zu der Überlegung, ob es wirklich richtig ist, den Utilitarismus walten zu lassen und zu sagen, dass Menschen statistische Nummern seien. Viele stimmen über Themen ab, über die sie sich nicht richtig informiert haben, oft betrifft es sie nicht und in den meisten Fällen gibt es bei einer konventionellen Abstimmung eine gewaltige Zahl von Stimmberechtigten, die gar nicht an der Urne auftauchen. Sollte man, wenn man über komplizierte Bildungsreformen abstimmt, nicht den Lehrern, Schülern und Rektoren mehr Gewicht einräumen, als jenen, die davon nicht betroffen scheinen?

Deshalb ist das Argument des Fürsten nicht nichtig, wenn er sagt: „Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen“. Es war ja nie tatsächlich so, dass Menschen gleich gewesen wären – Menschen sind verschieden – oder dass sie mathematischen Zahlen entsprächen. Die statistische, utilitaristische, sehr liberale und auch irgendwo kapitalistische2 Vorstellung, dass Menschen auf eine Stimme reduziert werden und dass man diese zählen kann, ist in Anbetracht der Ideologie, dass Menschen einzigartige und vernünftige Wesen seien, eigentlich absurd.

Die Philosophie der Aufklärung akzeptiert zwar die Unterschiede der Menschen, geht aber davon aus, dass durch Bildung alle Menschen zu urteilsfähigen, mündigen, schliesslich vernünftigen Bürgern werden. Dass sie also fähig sind, sich selbst eine Meinung zu bilden und damit alle gleiche Rechte und gleiche politische Mitbestimmungsanteile verdient hätten.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben jedoch gezeigt, dass mit Propaganda Menschen politisch beeinflusst werden können. Die Unterschiede zwischen meinungsbildenden Informationen und politischer Werbung sind vage und oft werden wir nicht gerade unparteiisch über bevorstehende Abstimmungen in Kenntnis gesetzt. Werbung ist für politische Interessengruppen offenbar eine lohnende Investition, man kann folglich davon ausgehen, dass sie eine gewisse Wirkung hat. Der gebildete Mensch, der fähig ist, sich „aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu führen, ist damit in Frage gestellt. Geht die Demokratie womöglich von zu hohen Ansprüchen an die Menschen aus? Funktioniert sie nicht, weil die Menschen nicht ihr Idealbild erfüllen?

Das Zweifeln-Dürfen

In verschiedenem Wortlaut wird oft Churchill zitiert, der sich so ungefähr geäussert haben soll: „Die Demokratie ist eine schlechte Staatsform, aber die beste, die bisher bekannt ist.“

Ich möchte gerne an diesem Gedanken festhalten.

Man kann klarstellen, dass es eindeutige Probleme mit der vorherrschenden Form der Demokratie gibt, wie erwähnt wegen Störfaktoren wie Propaganda, – vielleicht – fehlender Bildung oder dem überpositiven Recht. Die Demokratie ist also keineswegs ein einwandfreies System, obwohl der Gedanke, auf dem es aufgebaut ist, im Grunde genial und fortschrittlich ist. Weshalb jedoch sollten wir ein System haben, dass nur fehlerhaft funktioniert, anstatt – wie es der Fürst bei Schiller zu fordern scheint – eine Bildungsaristokratie, in der nur jene entscheiden dürfen, die über die Sache Bescheid wissen?

Ich erinnere mich an eine Äusserung des französischen Philosophen Jaques Derrida, bei einer Diskussion um die Kulturkonflikte zwischen „Westen“ und „Osten“. Er gibt einen wichtigen Grund für das Bestehen und einen Vorzug der Demokratie an.

Die Demokratie, wie sie ideologisch existiert, nennt er die démocratie à venir. Dieser Begriff soll darauf hinweisen, dass die Demokratie die einzige Staatsform ist, in der das Zweifeln und das Kritisieren im System integriert sind. Die Demokratie kann sich selbst abschaffen, wie das vielleicht bei der NSDAP vor dem zweiten Weltkrieg passiert ist. Sie kann ihre Entscheidungen kritisieren und nach besseren Lösungen suchen. Die démocratie à venir ist ein Sinnbild für etwas ewig Wiederkehrendes im System, dass es von innen heraus zu verbessern sucht.

Die Demokratie kann alles das sein, was die Mehrheit will. Wenn die Mehrheit es will, kann es auch keine Demokratie sein, und trotzdem wäre das dann demokratisch.

Das ist es, was das System von allen anderen abhebt, weil es die Fähigkeit zu einer effizienten Verbesserung aufweist. Eine Staatsform, die Kritik erlaubt und zu ihrer Grundlage erkort, ist eine Staatsform, die demokratisch ist, denn sie stimmt mit den anfangs erwähnten zwei Prinzipien überein.

Erstens ist sie aktuell. Zweitens ist sie mehrheitsfähig.

1 Das Ausländerstimmrecht fehlt noch zur Erfüllung dieses Konzepts, es sei denn, man bestehe darauf, den Ausländern – aus welchen Gründen auch immer – die Mündigkeit abzuerkennen.

2 Das Verständnis von Stimmen als Werteinheiten entspricht dem Verständnis von Währungen. Das spiegelt sich auch im metaphorischen Vokabular der Politik: Man kann Stimmen gewinnen, anhäufen, verlieren, in den Sand setzen, verspielen, usw.

Du Held

Als du aufwachst, merkst du, dass du nur Überreste angehäuft hast.
Die Ruine deines Bettes wackelt mit jedem Husten stärker.
Neben dir liegt sie.
Sie ist noch nicht aufgewacht und suhlt sich noch im Traum deiner mit austeilenden Erschütterungen fortsetzenden Gestalt.
Der Wecker starrt dir ins Gesicht.
Morgendliche Rituale erstrecken sich über perverse Zeitdimensionen.
Die ewige Wiederkunft hat dir gerade noch gefehlt.
Du hustest, sie schläft, du wirkst, sie bäumt, du krämst, sie labt.
Im wallenden Vorhang glaubst du, die Eltern deines besten Freundes zu entdecken.
Das Fragen deiner Augen ist ein Elend in der Welt.
Der Hunger hat dich aufgefressen.
Selbst deine Erektion ist kalt, du Held.
Deine baren Füsse schreien nach Kohlen und die Türklinken machen den Eindruck, als wollten sie dir einen Bären aufbinden.
Im Spiegel siehst du aus wie ud.
Der Wind, der dir auf der WC-Schüssel durch die Arschritze zieht, wird immer strenger mit dem Alter.
Von weither krähen die Paviane aus der Kanalisation.
Du versuchst, das Geräusch der Giraffen zu imitieren, doch scheiterst.
Dein Leben entschlüpft deinen Fingern als wäre es Fruchtwasser.
Im Ohr klingen dir noch die Lobe deines Vaters.
Du weisst nicht mehr, was du letzten Sommer getan hast.
Du tauchst den Kopf in die Badewanne.
Es kommt dir vor, als könntest du die Wale singen hören.
Sterben kannst du später auch noch.
Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Wildnis

Irgendwann sagte ich dem Mann neben mir, er solle mit dem ständigen Blöken aufhören.
Das hat er gar nicht gut aufgenommen. Er hat die Zeitung demonstrativ hochgezogen, dass er sich damit die Augenbrauen hätte stutzen können, und atmete wie ein Bulle. Ich konnte ihm aber kaum sagen, er solle mit dem Atmen auch noch aufhören. Das Animalische hatten einige Menschen nun einmal drin. Dass deswegen Männer im Flugzeug blökten, meckerten, schnaubten und röhrten hatte die Natur offenbar bereitwillig in Kauf genommen, nur hoffentlich, sagte ich zu mir, für einen Zweck, den es gerechterfertigt hätte.
Der kleine Knabe neben mir war aber auch nicht gerade das Sinnbild des Apollinischen und zwischen dem Herumkurven eines Spielzeugautos auf dem herunterklappbaren Tisch streute es vereinzelte Erbrechungsgeräusche.
Ich hielt ihm eine Kotztüte hin und versuchte ihm die Eigenheiten der Zivilsation beizubringen. Als der Knabe die Tüte in die Hand nahm, fast über sein Gesicht stülpte und ein Geräusch von sich gab, als würde sich der Magen in einen Hydranten verwandeln, wurde mir klar, dass er gar nicht erbrechen musste.
Ich fragte eine Stewardess nach einer Serviette, doch als sie fragte: „Warum?“ war ich so entrüstet, dass ich nur ein rabenhaftes Krächzen zu stande brachte.
Zwei Reihen vor mir führte eine dicke Frau im Gespräch mit ihrem gebildeten Mann den Begriff „Imbiss“ auf seinen etymologischen Ursprung zurück, dass er für alle Ewigkeit allen Passagieren in Erinnerung bleiben würde.
Hinter mir fauchten sich zwei junge Mädchen wegen Kleidungsstücken an.
Ein Kleinkind krabbelte den Sitz vor mir hoch und runter und spähte mit seinen überquellenden Babyaugen zu mir hinüber. Es wieherte, quakte und brüllte, entschuldigte sich jedoch für keine solche Anwandlung.
Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich einen Baum und ein Affe keifte von oben herab. Wir waren in der Wildnis gelandet.