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Monat: Mai, 2010

Philosophie des Mitteilens

➳ Zu den Aphorismen 124 und 125 aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft

Im Vorwort der Fröhlichen Wissenschaft reisst der Erzähler die Aufmerksamkeit auf eine einfache und sehr persönliche Weise an sich:

– Aber lassen wir Herrn Nietzsche: Was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde? …

Genau. Das ist die zentrale Frage.

Was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde?

Es ist gar nicht so, als ob in einem Werk von Nietzsche eine eindeutige Antwort auf diese kryptische Frage gefunden werden könnte. Viel mehr zieht sie sich unbeantwortet und durchwegs als ein Spielzeug des Erzählers durch das ganze Schaffen Nietzsches. Ich möchte zeigen, ob und inwiefern dieses Spielen mit Distanzierungen, Blickwinkeln und Bildern mit der philosophischen Haltung korrespondiert, die Nietzsche zugeschrieben wird. In einfachen Worten: Warum lässt er die Frage zu, was uns das angehe?

Bezug und Selbstbezug

Die Referenzialität spielt bei Nietzsche eine ausserordentlich wichtige Rolle.

Dass das Auf-etwas-Beziehen unabdingbar für seine Texte ist, lässt sich am offen­sichtlich­sten an seiner extensiven Verwendung von Metaphern feststellen.1 Doch neben der Referenzialität tritt bei näherer Betrachtung auch eine starke Reflexivität zu Tage, also ein verstärktes Interesse am „Sich-auf-sich-selbst-Beziehen“, am Selbstbezug.

Die obige Textstelle mag dabei als Paradebeispiel dienen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Nietzsche sich selbst – seinen Namen, seine Krankheit, seinen Schreibstil, seine Erfolglosigkeit – oft zum Gegenstand seiner Schriften macht2 und womöglich ist es diese Tatsache, die an der bisweilen masslos übertriebenen Mythifizierung seiner Persönlichkeit die Hauptschuld trägt.

Ich skizziere nun, wo Referenzialität und Reflexivität Mittel der Aphorismen 124 und 125 aus „Die fröhliche Wissenschaft“ werden.

Metaphern (Referenzialität)

Der Aphorismus 124 ist die Perversion einer Metapher.

Der Schiffsaufbruch, als eine vielleicht abgedroschene Verbildlichung für allgemeinen Pioniergeist, wird aufgegriffen und modifiziert. Um diese Schiffsmetapher zu illustrieren benutzt er eine zweite Metapher, mit der gesagt sein soll, dass die Brücke abgebrochen, also der Rückweg versperrt ist. Zurückkehrend zur Schiffsmetapher wird dieses Bild aber um einen entscheidenden Unterschied ergänzt: „Wir“ haben das Land nicht nur verlassen, sondern „abgebrochen“; es ist existiert gar nicht mehr.

Doch als ob diese Metapher – allen Verwendungen von moralischen und rhetorischen Figuren zum trotz3 – nicht reichte, tanzt einem im zweitletzten Satz ein Einschub entgegen. Diese dritte Metapher zeigt das Bild eines Vogels im Käfig. Wie der Text im nächsten Satz jedoch wieder auf die Schiffsmetapher zurückfällt, scheint die Funktion dieser dritten Metapher einzig zur Verbildlichung der ersten Metapher.

Der nächste Aphorismus, Nr. 125, ist nicht im gleichen Masse verbildlicht. Mit der Ein­führung durch den Erzähler wird der Geschichte sogar einen gewissen Eindruck von Echtheit abgerungen, weil er sie erzählt, als ob er sie gehört, auf keinen Fall also erfunden hätte.

Und wenn hier auch die Geschichte kompakter erscheint und sie nicht in einem Feuerwerk von Metaphern ausufert, so ist dennoch eine gewisse Tendenz zum Malerischen offen­kundig.4 Die Anlehnung an die Diogenes-Anekdote mit der Laterne auf dem Marktplatz weist auch darauf hin, wie gerne in Nietzsches Texten mit solchen Bezügen gespielt wird.

Situation (Reflexivität)

Der Wechsel von Sprechendem und Angesprochenem vernebelt in vielerlei Hinsicht den Blick auf eine eindeutige Analyse. In 124 kann das „wir“ als Leser und Erzähler gedeutet werden, aber auch als Erzähler, der von sich in der dritten Person spricht.

Das Lenken vom angesprochenen „Wir“ zum angesprochenen „Schifflein“ ist auf rezeptions­ästhetische Art ähnlich zu verstehen wie das Gleiten von der Einführung in 125 in die er­zählte Situation auf dem Dorfplatz.

Interessant ist die inhaltliche Situierung.

Der tolle Mensch ruft „Wohin ist Gott?“ und gibt sich unverzüglich Antwort: „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich!“

Das sagt er jedoch erst noch nachdem die folgende Tatsache vom Erzähler klargestellt wurde:

Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Der tolle Mensch teilt also jenen Leuten mit, dass Gott tot sei, die dadurch nicht direkt betroffen sind, ganz im Sinne von: „Was geht es uns an,…?“

Es wäre möglich, dass die häufige Interpretation, dass hier von Nietzsche auf provokative Weise Gott für tot erklärt wurde, etwas zu hoch gegriffen ist. Bezieht man die Situation auf den historischen Kontext, so war Nietzsches „Gott ist tot!“ womöglich seit Darwin keine Aufregung mehr wert.5

In 124 lässt sich etwas Analoges beobachten. Der eigentlichen Feststellung, dass „wir“ das Land hinter uns gelassen hätten, kann durch die Interpunktion eine neue Bedeutung beigefügt werden. Das Ausrufezeichen stellt einen Appell dar, bei der der Erzähler die Angesprochenen darauf aufmerksam machen will, dass sie zu Schiff gegangen sind. Gleich dem tollen Menschen also, vermittelt der Erzähler hier etwas bereits Vergangenes und so Wichtiges, dass es eigentlich nicht hätte untergegangen sein dürfen.

Ethische Pluralität

Jean-Claude Wolf zerlegt in seinem Buch „Das Böse als ethische Kategorie“ Nietzsches metaethische Haltung.

Auch wenn Nietzsche selbst behauptet „Nihilist“ zu sein6, so konstatiert Wolf eine Diskrepanz zwischen dem Nihilismus und seiner Ethik. Nihilismus sei eine Form des lokalen Skeptizismus und für einen solchen müsste eine klare philosophische Trennung zwischen Wissenschaft und Ethik vorhanden sein. Bei Nietzsche findet sich – wie fast alles, was Ordnung schafft – keine solche Trennung und deshalb praktiziere er einen globalen Skeptizismus.

Da es aber unterschiedliche solcher globaler Skeptizismen gibt – genaugenommen ist sogar die Kant’sche Erkenntnistheorie eine Form davon – spezifiziert Wolf Nietzsches Skeptizismus. Er vertrete einen epistemologischen Perspektivismus7, das heisst mit anderen, nicht weniger unklaren Worten: einen perspektivischen Subjektivismus.

Ein epistemologischer Perspektivismus führt zu einer Pluralität von Wirklichkeiten.

Für Nietzsche gibt es nichts „an-sich-Wahres“, aber Irrtümer, die zum Leben notwendig sind (sogenannte Grundirrtümer).8 Diese Grundirrtümer finden sich in allen Perspektiven. Gleichzeitig ergibt sich aus dem Lesen der fröhlichen Wissenschaft der Eindruck, die Ethik sei subjektiv, müsse also von jedem selbst eingerichtet werden. Bei Nietzsche handelt es sich dabei weder um einen Amoralismus noch um einen Relativismus: so etwas wie Ethik existiert – unbestritten – nur ist sie weder allgemeingültig noch dogmatisch. Interessant ist, dass er sich als Philosoph ausnahmsweise bescheiden gibt, denn auch seine Perspektive ist nur eine von vielen.9

Perspektiven Nietzsches

Versucht man nun mit diesen Erkenntnissen die Aphorismen zu lesen, so bieten sich einige Begründungen für Nietzsches Stilmittel an.

Das Referenzielle seiner Texte, das Metaphorische meist, bezeugt eine gewisse Distanz zwischen Leser, Bild und dem, was hinter dem Bild stecken soll: dem Zu-Vermittelnden. Bei Nietzsche-Rezeptionen geht es aber viel mehr als nur um das. Es geht um die Suche nach dem Zu-Vermittelnden. Wie Schobinger zeigt, tut sich dabei ein enormer Fächer an Bedeutungsmöglichkeiten auf: Er betitelt das entsprechende Kapitel mit „Die Unausschöpf­barkeit des Sagens“.

Unter Anwendung eines weiteren Bildes kann diese Rezeption mit der erkenntnis­theore­tischen Sicht Nietzsches verglichen werden.

In den Aphorismen vernebelt das Bild – durch gezeigte Überspitzung und Brechung von Metaphern, durch das Wechseln von Ansprechpersonen und die Eingliederung von Binnengeschichten – den Blick auf das Zu-Vermittelnde. Es ist möglicherweise gar unmöglich, vom Bild auf das Zu-Vermittelnde zu schliessen.

Hier tut sich die Parallele zum globalen Skeptizismus auf. Auch da bietet die wahrnehmbare – nehmen wir Kants Vokabular zu Hilfe – Erscheinung keine Rückschlüsse auf das dahinter­liegende Ding an sich.

Die Autoreflexivität verstärkt diesen Vergleich. Das Sich-auf-sich-selbst-Beziehen, die Rolle des tollen Menschen als – vielleicht – Zarathustra als – vielleicht – der Übermensch als – vielleicht – Friedrich Nietzsche selbst, zwingen eine Mehrdeutigkeit auf, dem kein Leser gerecht wird. Die Mehrdeutigkeit kann aber andererseits auch als eine Pluralität der Wirklichkeit verstanden werden – nämlich wie das oft rezeptionsästhetisch vereinfacht gesagt wird und was leider sehr naiv klingt: Für jeden bedeutet dieser Text etwas anderes.

Literaturverzeichnis

Nietzsche, Friedrich (1966). Werke in drei Bänden – Zweiter Band. Carl Hanser Verlag München: München.

Precht, Richard David (2007). Wer bin ich und wenn ja, wieviele? – Eine philosophische Reise. Wilhelm Goldmann Verlag: München.

Schlaffer, Heinz (2007). Das entfesselte Wort – Nietzsches Stil und seine Folgen. Carl Hanser Verlag: München.

Schobinger, Jean-Pierre (1992). Miszellen zu Nietzsche – Versuche von operationalen Auslegungen. Schwabe & Co. AG Verlag: Basel.

Wolf, Jean-Claude (2002). Das Böse als ethische Kategorie. Passagen Verlag: Wien.

Zimmer, Robert (2005). Das Philosophenportal – Ein Schlüssel zu klassischen Werken. Deutscher Taschenbuchverlag: München.

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1– Aber lassen wir Herrn Derrida: Was geht es uns an, dass sich alle Texte auf etwas beziehen? …

2„Denn dieses Bedürfnis weist in Richtung der von Nietzsche reflektierten Formen von Traditionsrezeption, die ein weites und komplexes Feld bilden. In ihm spielen die autoreflexiven Äusserungen mit ihren Rückblicken auf die eigenen Veröffentlichungen eine markante Rolle“ | Schobinger, p. 35

3„Seide und Gold und Träumerei der Güte“, „es ist wahr, er brüllt nicht immer“ | Nietzsche, p. 126

4„Gott ist tot!“, Kirchen sind „Grüften und Grabmäler Gottes“ usw. | Nietzsche, p.127

5„«Gott ist tot» – schreibt er das eine um das andere Mal –, aber das wissen die meisten seiner Zeitgenossen schon von Darwin und anderen.“ | Precht, p. 25

6Zimmer, p. 176

7In Wirklichkeit ist das nur einer von drei Perspektivismen, die Wolf feststellt. Er räumt diesem jedoch am meisten Gewicht ein und fasst in ihm manchmal die anderen zusammen.

8Wolf, p. 135

9„Es ist kein Zufall, dass Nietzsche seine Maximen über den Irrtum als Voraussetzung oder Element des Lebens meist tentativ, […], formuliert. Er vermeidet damit den performativen Widerspruch, der aus der dogmatischen Formulierung skeptischer Thesen folgt.“ | Wolf, p. 136

Wie man sich richtig verhält

Man muss nicht immer „kraft des mir verliehenen Amtes“ sagen, um jemandem zu zeigen, dass man ihn liebt.

Der Rücken von Aaron Ursprung

Er war immer für sie da, er tröstete sie in schlechten Zeiten und brachte sie selbst in Zeiten voller Zufriedenheit zu einem hämischen Lachen. Aaron war eine Schulter, an die man sich jederzeit anlehnen konnte.
„Ich bin dir dankbar dafür, dass du immer für mich da bist“, sagte sie zu Aaron.
„Wie meinst du das?“, fragte er über die Schulter.
„Ich meine…“ Sie war verwirrt über die Frage, aber wusste, dass Aaron oft gerade heraus Dinge fragte, die er einfach wissen wollte. Womöglich um ein allgemeines Interesse zu bekunden oder um sicher zu gehen, die Menschen nicht falsch zu verstehen. Überhaupt tastete sich Aaron fast unnatürlich in jeder Situation ab, als wollte er sicher gehen, dass er nicht auf eine Unernsthaftigkeit hereinfiel, auf die er nicht gefasst war. Er langte wie mit unsichtbaren Tentakeln über ihr Gesicht, um versichert zu sein, dass sie noch eine Nase, einen Mund, zwei Augen hatte. Manchmal dachte sie sich, wie es wohl wäre, wenn sie plötzlich keine Nase mehr hätte, oder wenn sie plötzlich als Antwort etwas völlig Unerwartetes von sich geben würde, das überhaupt nicht zu ihr passte. Würde Aaron zurückschrecken? Wäre er noch gleich einfühlsam und verständnisvoll? Aber natürlich würde sie das nie ausprobieren. Aaron war ein zu wichtiger Fels in ihrer Brandung, als dass sie seine Standfestigkeit für irgendein neugieriges Spielchen aufs Spiel setzte.
„Ich meine, ich bin froh, dass du da bist“, sagte sie endlich und betrachtete den warmen, nackten Rücken von Aaron.
„Bin ich denn da?“
Die Frage irritierte sie nun wirklich. Es kam ihr vor, als streckte er seine Tentakel in ihren Hals, um sich im Klaren darüber zu sein, dass sie ihn nicht verschlucken wollte. Wie konnte sie ihm sagen, dass sie ihn auf keinen Fall verschlucken wollte? Ganz im Gegenteil.
„Natürlich bist du da. Du bist immer da. Du bist immer da, wo ich bin. Du hilfst mir, wo du kannst. Ich weiss nicht, wo ich heute ohne dich wäre.“
Aaron brummte langsam, wie es oft klang, bevor er sprach. Er brachte seinen Motor zum Laufen, der einen dunklen Klang verursachte. Erst dann stieg aus diesem Brummen ein Satz, aber flüssig, auf keinen Fall schmerzhaft abrupt. Manche Menschen schnitten mit ihren Stimmen wie mit Messern durch die Stille, aber Aaron wusste genau, wie er seine Zuhörer auf sich vorbereitete und wenn er sprach, waren alle ruhig und spitzten die Ohren.
„Du wärst auch da, wenn ich nicht wäre“, antwortete Aaron bestimmt und drehte sein Schultergelenk, als hätte er sich eine Verkrampfung eingeholt.
Manchmal wünschte sie sich, sie könnte sein Gesicht sehen. Sie hatte schon oft versucht, den Blick um ihn herumzuwinden. Dazu hatte sie schon allerlei Tricks benützt. Sie schwang sich zum Beispiel vom Bett, als würde sie plötzlich ein Buch vom Nachttisch holen wollen, um Aaron ins Gesicht zu sehen. Kaum hatte sie sich jedoch bewegt, erhob sich Aaron von der Kante und wandte sich ab, während er seinen Blick aus dem Fenster richtete. Seine Bewegungen hatten bei diesem fluchtartigen Abwenden immer etwas Impulsives und Verärgertes. Seine Stimme klang aber liebevoll wie immer und er sprach nie über solche Vorfälle. Im Gegenteil, ihm fiel in Sekundenschnelle eine Liebkosung, eine Tröstung, ein Witz oder ein schlauer Spruch ein, den er mit ihr teilte.
Über die Zeit hatte sie den Eindruck gewonnen, dass Aaron nur seinen Rücken zeigen wollte, und sie sah sich wohl oder übel gezwungen, den Finger aus dieser Wunde zu ziehen, wenn sie weiterhin in die Vorzüge seiner sprachlichen Einfühlsamkeit kommen wollte. Er wollte eben nur seinen Rücken zeigen, also würde er auch nur seinen Rücken zeigen.

„Warum bist du immer für mich da?“, fragte sie plötzlich aus irrwitzigen Laune heraus und lehnte ihren Kopf an seinen Rücken.
„Das bin ich gar nicht.“
„Wie meinst du das?“, fragte sie, erfreut, den Spiess umgedreht zu haben.
„Ich bin gar nicht da“, antwortete er und seine Stimme klang seltsam verändert, als ob er plötzlich unbeschreiblich wütend wäre und damit erhob er sich, während er ihr die Unterlage unter ihrem Kopf wegzog. Er verliess das Zimmer durch die offene Türe und sie starrte ihm noch nach und sah sprachlos wie sich der Schatten langsam über seine Schulterblätter legte und dem Nacken entlangwanderte.

Gossip Girl – Die Kollektivierung eines Erzählers

Gossip Girl gehört zu den erfolgreichsten Fernseh-Soaps im europäischen Raum und gilt für immer mehr Menschen und eine neue Generation als stilweisend. Die Geschichte über Intrigen und Gefühle am „Hof der Welt“, der Upper East Side in NYC, haben eine fesselnde Anziehungskraft. Die wenigen Protagonisten, sechs in der Hauptsache, im Ganzen aber nur um die 18 Personen, sind jung, schön, stinkreich und stören sich auch nicht daran. Aber auch in ihrer Welt gibt es Probleme, Angst, Hoffnung und das farbenfrohe Arsenal an emotionalen Haltungen, das für ein Oszillieren zwischen guten und schlechten Zeiten nötig ist.

So weit also die Einbettung in den unspektakulären Rahmen. Man darf sich an dieser Stelle nur zu Recht fragen, was an dieser Serie für ein neues Lebensbild so exemplarisch sein soll, schliesslich haben wir das alles schon erlebt. Und was die Schönen und Reichen angeht: es wundert keinen, dass man bei unserer Generation vom „Revoltieren gegen das Revoltieren“ spricht. Konvention und Spiessertum haben wieder ihren Reiz. Daran haben Alt-68er, Punks, David Bowie und Nietzsche gleichermassen Schuld. Unsere Generation ist das Steinewerfen müde geworden und deshalb ist unterwürfig das neue aufmüpfig.

Bei dieser Feststellung darf man es auf keinen Fall belassen. Gossip Girl als eine einfache, gut gemachte Sendung abzutun, die ihren Reiz visuell ausschöpft, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht. Gossip Girl versteckt vieles, was für die Jugend des 21. Jahrhunderts prägend ist und diese Dinge sind auf einem sehr hohen Niveau einzusiedeln.

Ich möchte auch den Grund dafür zeigen, wie sich eine in haarsträubenden Masse konventionell orchestrierte Fernsehsendung, die 40 Minuten pro Sendung dauert (das ist aufs Ganze gesehen etwa doppelte so lang wie die meisten anderen Soaps), langatmig geschnitten ist und sich um die immer gleichen Personen dreht, über 3 Staffeln lang erhalten konnte (eine Staffel beinhaltet zwischen 18 und 25 Sendungen) und immer noch lebt. Übrigens betrachte ich den Erfolg der Serie für so erheblich, dass ich die dem Drehbuch zugrunde liegenden Bücher ignorieren werden.

Wer ist es und wenn ja, wieviele?

Jede erfolgreiche Soap hat wenigstens etwas, was sie auszeichnet. Gut aussehende Schauspieler helfen nicht über Längen hinweg. Harry Potter hatte das Zaubern. Knight Rider das sprechende Auto. Die Superheldencomics das Doppelleben der Superhelden. Simpsons die Mehrdeutigkeit der Primitivität. Das narrative Element, was Gossip Girl anderen Sendungen zuvor hat, ist die Einbettung des Internets.

Gossip Girl ist der Deckname einer anonymen Person (Stimme und Inhalt suggerieren, dass es sich um ein Mädchen handelt), die über die betreffenden Protagonisten berichtet. Es ist sozusagen die Tratschtante, die sich an eine breite Öffentlichkeit richtet, und wird so zur anonymisierten Klatsch-Presse im Mini-Format. Wenn in der Schule ein Protagonist beim Betrügen von einem Schüler beobachtet wird, meldet er dies sogleich an Gossip Girl weiter, die diese Information in der Gerüchteküche aufbereitet und dann auf dem Internet publiziert.

Gossip Girl ist – nicht komplett zwar und über die Serie hinweg oft widersprüchlich auftretend – der Haupterzähler der Geschichte. Sie (oder er…) treibt die Handlung voran. Narrativ wird dadurch jeder Mensch zum Erzähler. Lustig ist das vor allem dann, wenn die Protagonisten selbst Gossip Girl Informationen zusenden, um Falschmeldungen zu verbreiten oder Geheimnisse zu lüften, und damit sowohl Teil der Erzählung wie auch Teil des Erzählers werden. Gossip Girl ist weder ein auktorialer noch ein personaler Erzähler, deshalb spreche ich auch von der „Kollektivierung des Erzählers“ und also von einem kollektiven Erzähler.

Und hier sind die zwei zentralen Vorzüge des Internets hervorzuheben, die diesen kollektiven Erzähler ermöglichen.

Erstens ist das Internet das schnellste bekannte Informationsmedium und die Neuigkeiten übertragen sich in so kurzer Zeit, dass der narrative Gürtel sehr eng geschnallt ist.

Zweitens ist das Internet (noch) ein Punkt der absoluten Anonymität. Eine völlig Neuartigkeit in diesem Ausmass, das erzähltechnisch attraktive neue Möglichkeiten bietet. Diese Anonymität ist auch ein Kritikpunkt des Internets und seine Aufhebung wird bereits diskutiert. Dass Anonymität zu Unverantwortlichkeit und damit zu dystopischen Absichten führt, ist leider ein grosses Problem, für Neugierige aber auch einfach ein interessanter Umstand.

Was passiert also, fragt der Neugierige, wenn der Erzähler kollektiv ist, aber unbekannt?

Das ist eine der spannensten Fragen, die man überhaupt stellen kann. Weshalb ist sie so spannend? Ganz einfach. Endlich fokussiert sich die Problemstellung der Erzähltechnik auf das andere Glied der Kommunikationskette: den Rezipienten.

Die Lage ist nun: Alle wissen so ziemlich alles (oder immerhin sehr viel) über die Narration und jeder kann das auch jederzeit kundtun (man nehme den Blog von Gossip Girl als Beispiel). Das Problem ist jetzt nicht mehr, wie man etwas herausfindet, sondern viel eher: Was will man wissen? Was interessiert die Menschen? Worüber wird geredet?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Gossip Girl integriert die bekannteste Form des Erzählens, die heute ungeahnte Ausmasse erreicht hat. Märchen, Fabeln, Romane, das sind die konventionellen Erzählungen. Hollywood-Filme, Texte in Musikstücken und vielleicht auch einmal die Rahmengeschichte eines Videospiels – das alles sind Erzählungen, die wir als solche offensichtlich wahrnehmen.

Die einflussreichste Erzählung, die sich heute immer grösserer Beliebtheit erfreut und Erwachsene fast genauso wie Jugendliche fesselt, ist aber in unserem Alltag versteckt.

Ich spreche von jener Sorte von Märchen, in denen wir uns darum kümmern, ob Jolie und Pitt tatsächlich heiraten, wer mit wem ein Techtelmechtel hatte und wohin die Wege der Schönen und Reichen führen. Diese Dinge sind keine altbekannten Märchen. Sie sind noch nicht erzählt, es gibt kein bestimmtes Ende ihrer Geschichte (andererseits lassen gewisse Wiederholungen vielleicht einige Ereignisse erahnen). Ausserdem erzählen sie sich etappenweise, jeden Tag oder jede Woche, meistens in Zeitungen oder in Zeitschriften (wie die Serie auch jede Woche fortgesetzt wird). Wenn man es aber genau betrachtet, besteht kein Zweifel: Es sind alles Geschichten über die Schönen und Reichen. Warum es ausgerechnet die Schönen und Reichen sind, ist eine andere Frage. Ich vermute, weil wir keine besseren Auswahlkriterien haben.

Und – da sind wir wieder – diesselbe Art von Erzählung macht sich auch Gossip Girl zu nutze. Die anonyme Bloggerin steht stellvertretend für die yellow press, die Boulevard-Presse, und sie erzählt Geschichten über Personen, die stellvertretend für die Schönen und Reichen sind. Wenn diese Personen, ausser in den erzählten Geschichten, auch noch im Alltag der Protagonisten vorkommen, dass sie also sozusagen Brad Pitt neben sich im selben Schulzimmer haben, treibt die Idee der komplexen Erzählung auf die Spitze. Das Interessante wird durch Realitätstreue noch verfestigt. Das ist schliesslich auch der traurige Grund, weshalb alle Menschen Tratschgeschichten, aber nur wenige noch Märchen lesen.

Gossip Girl ist in höchstem Masse selbstreferenziell. Allen sechs Protagonisten ist klar, dass sie in einer Erzählung drinstecken und gleichzeitig können sie daran mitschreiben, während andere, die in der Geschichte nicht Erwähnung finden, auch mitschreiben können.

Das führt die sogenannt „Fokalisierung“ in einen Bereich des Lächerlichen – denn dem Erzähler ist nicht mehr zu trauen.

Es folgt daraus leider die absehbare Tatsache, dass sowohl das Buch, wie selbstverständlich auch der Film (Filme erwecken ohnehin oft den Eindruck von Abwesenheit irgendeines Erzählers), ihre gesamte Erzählung nicht auf Gossip Girl stützen, sondern mit einem auktorialen Erzähler ergänzen. Die Idee aber ist bahnbrechend.

Es gibt einen Grund, weshalb Gossip Girl so erfolgreich ist: Es trifft den Nerv der Zeit. Kommunikationstechnisch (und seht nur, ich blogge das sogar!), thematisch (mit dem Tratschen werden wir alle nie aufhören!) und leider auch ästhetisch (die Bildsprache Kitsch zu nennen wäre eine Verharmlosung, während das Schnitttempo stark an Stummfilmzeiten erinnert) ist diese Fernsehsendung exemplarisch für meine Generation.

xoxo

Das ist ein Beitrag zum Projekt Essays über das neue Leben.

Gründe für den Baum, mit mir zu sprechen

Ich sah in den Himmel.
„Warum bist du so nervös?“, fragte eine Stimme. Es war der Baum, der mit mir sprach.
„Ich weiss nicht“, antwortete ich, „Es scheint mir nur immerzu, als müsste etwas passieren.“
„Was meinst du, sollte passieren?“, fragte der Baum.
„Das ist es ja gerade, was ich nicht weiss. Wenn ich es wüsste, dann würde es mich vermutlich weniger bedrücken. Aber mir scheint stets, dass nichts von selbst vor sich geht auf der Welt.“
„Das ist eine arrogante Meinung“, sagte der Baum, „Ich selbst zum Beispiel tue gar nichts und es passieren eine Menge Dinge auf der Welt.“
„Du bist womöglich auch nur ein Baum“, antwortete ich.
„Das ist wahr. Aber was sollte ich auch mehr sein?“, sagte der Baum verärgert, „Niemand verlangt von mir, etwas anderes zu sein, und niemand verlangt, dass ich etwas zum Passieren bringe.“
„Aber ich bin doch ein Mensch“, antwortete ich, „Wir sind die, die Dinge geschehen lassen.“
„Das ist das Lustige an euch Menschen. Immerzu glaubt ihr, der Ursprung von allen Dingen zu sein und selbst wenn ihr begreift, dass ihr selbst auch nur einem Ursprung gehorcht, so glaubt ihr immer noch fest überzeugt, dass auf euch etwas folgen muss.“
Ich starrte in den Himmel und achtete darauf, wie sich die Wolken zu einem Gewitter zusammenzogen. „Ich wundere mich, was daran falsch sein soll“, erwiderte ich, „Du bist auch ein Baum, dich muss es ja auch nicht stören, wenn nichts passiert. Aber schau mich an: Wenn nichts passiert, dann bin ich wertlos.“
Der Baum seufzte. „Ich wachse in den Himmel, weil ich den Himmel berühren will. Ich wachse aus dem Boden, weil ich ihm entrinnen will. Ich werfe meine Blätter im Herbst ab, weil ich den Schnee und die Kälte nicht ertrage. Und ich ertrage die Kälte nicht, weil meine Zellen nicht robust genug sind, ich wachse in den Himmel weil ich dann dem Licht entgegenwachse – ausser Konkurrenz. Hinter jedem Weil weilen weitere Weils, denn immerzu gibt es von allem eine Ursache.“
„Das ist wahr“, antwortete ich.
„Dein Fehler ist nur, dass du immerzu denkst, weil alles eine Ursache habe, sei auch alles eine Ursache. Das ist doch Irrsinn.“

„Aber warum?“

„Weil es keine Ursache dafür gibt.“

Ich sah in den Himmel.

Wie Robert König zu seinem Namen kam

Variante I

Er wurde so getauft.

Variante II

Sein Vater, Wolfgang König, hat ihn so getauft.

Variante III

Sein Vater, Wolfgang König, benannte ihn nach einem guten Freund, Robert Grieshaber.

Variante IV

Sein Vater, Wolfgang König, benannte ihn nach einem guten Freund, Robert Grieshaber, der wiederum seinen Namen von seinem Vater erhalten hat.

Variante V

Robert König heisst in Wirklichkeit Peter Wandermann und ist Künstler. Mit seinem Umzug nach Ostberlin schaffte er sich ein Pseudonym an, um sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Robert König schien ihm unbescheiden genug.