Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Juli, 2010

Ein Ding der Unmöglichkeit

Das Nashorn sah hoch.
„Du musst da hochklettern, um wieder ein Mensch zu werden“, wiederholte der alte Mann.
„Wieso?“, fragte das Nashorn nach einigem Nachdenken.
„Es ist nicht gut möglich, dass du einfach so wieder ein Mensch wirst, nicht wahr?“
Das Nashorn zuckte mit den Achseln. „Es ist aber auch nicht gut möglich, dass ich mit viel Mühe ein Mensch werde, oder?“
„Oh, warum nicht?“ Der alte Mann fuhr sich durch den langen weissen Bart. „Räume haben viele Türen.“
„Aber mir scheint es, es sei nicht gut möglich, dass ich einfach so ein Mensch werde, nicht weil es unmöglich ist, einfach so ein Mensch zu werden, sondern weil es nicht gut möglich ist, überhaupt Mensch zu werden?“
„Was bist du nur für ein dummes Nashorn“, erwiderte der greise Mann, „Die Sterne schlafen nicht bei Nacht. Auch das Schicksal macht keine Verbeugungen“
Das Nashorn sah wieder hoch. Der Baum war riesig und hatte wenig Äste, um sich daran festzuhalten.
„Als Mensch hätte ich es einfacher, da hochzuklettern.“
„Warum bist du immer so zynisch, dummes Nashorn? Die Ameise hat ihr Nest auch nicht aus einem Ast gebaut. Alle Flecken geben ein Muster. Wer zweimal schrubbt, muss auch aufwischen. Auch Affen können lachen.“
„Und warum sprechen Sie eigentlich in Rätseln?“, fragte das Nashorn.
„Nur ein versohlter Hintern hat einen König getragen… Es ist ja wohl nicht gut möglich, dass ich die Dinge einfach so sage, nicht wahr?“
Das Nashorn sah den Baum hoch und zuckte mit den Achseln.

Die Fabrik

Die Pausen waren kurz. Es reichte kaum, um eine Zigarette zu rauchen.
Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bereits während er durch die Türe ging, die Zigarette hervorzuholen und sich in den Mund zu stecken. Dann lehnte er sich an die Wand neben dem Ausgang und zündete sie an.
Das Schlechte an den Pausen war, dass man die Hände zu spüren begann. Die Maschinen hinterliessen schwere Schürfwunden und blaue Flecken. Auch Durst machte sich bemerkbar und der Magen begann zu grollen.
Trotzdem liebte er die Pausen, denn in der Pause konnte er rauchen und lehnen. Und sie stand in der Nähe, mit der Zigarette zwischen ihren Fingern, in der mit Schwielen versehenen Hand, ihr schwarzes Haar klebte an der Stirn.
Sie sah auch im Overall gut aus. Sie rauchte nicht sachte, sondern in Salven und laut wie ein Staubsauger. Ihre roten, blutunterlaufenen Augen versteckten eine Geschichte des Wochenendes. Das silberne Piercing an der Nase war mit ockerfarbenen Flecken beschichtet. Sie sah aus als hätte sie weder Geld noch Bedürfnisse. Manchmal spuckte sie auf den Boden, und machte ein Gesicht, als schmeckte sie Blut in ihrem Mund. Natürlich sah sie ihn nie an. Dafür war sie viel zu intensiv.
Die Klingel ertönte und sie gingen wieder hinein, sie zuerst, er wartete noch. Er drückte die Zigarette an der Wand neben der Tür aus, er drehte sie ihm Uhrzeigersinn und dann im Gegenuhrzeigersinn, liess sie zu Boden fallen, stellte seinen Fuss darauf und drehte seine Zehenspitze erst im Uhrzeigersinn, dann im Gegenuhrzeigersinn, um der Glut den Garaus zu machen.
Im Sommer öffnete sie den Overall und liess ihn bis zur Hüfte hinunterbaumeln. Sie rauchte im Sommer langsamer als im Winter, selbst in der brennendsten Hitze. Er ertrug die Hitze schlecht. Er ging an heissen Sommertagen auf die andere Strassenseite, wo das Dach ein wenig Schutz bot.
Von da konnte er sie ein wenig beobachten. Sie rauchte und drehte sich in leichtem Hin- und Herwippen, so dass sie in der kurzen Pause meistens eine ganze Drehung schaffte.

Es war an einem Sommertag, als ihm eine Maschine eine Wunde am Oberarm zugefügt hatte. Die Blutung hatte nicht ganz aufgehört, es tropfte noch ein wenig. Er hätte sich verarzten lassen können, doch er wollte rauchen gehen. Er schritt über den Türrahmen und trat hinaus ins Freie, mit der Zigarette im Mund und dem Feuerzeug in der Hand.
Es war ein lustiges Wetter. Die Wolken zeigten nicht eindeutig, ob es zu heiss war, um in der Sonne zu stehen. Es war zu heiss, beschloss er, doch in diesem Moment trat sie hinaus, und öffnete ihren Overall, der bis zu ihrer Hüfte hinunterfiel. Ihre Nüstern bliesen sich auf, als sie sich die Zigarette in den Mund steckte. Er blieb also stehen.
Sie drehte sich hin- und herwippend im Kreis. Sie hatte sich bereits um einen Viertel gedreht und ihm den Rücken zu gewandt. Die Pause würde bald vorbei sein. Er dachte für einen Bruchteil an Sex und dann an die Wunde, die ihm die Maschine zugefügt hatte. Als sie etwa eine halbe Drehung hinter sich hatte, warf sie einen Blick auf seine Wunde, sah ihm aber nicht in die Augen.
„Verdammt heiss“, sagte sie.
Er runzelte die Stirn, drehte die Zigarette mit dem Daumen zwischen den Fingern. „Es geht noch“, antwortete er. Ginge es nicht, wäre er im Schatten.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich hasse das Geräusch dieser Maschinen“, klagte sie weiter. „Ständig dieses Quietschen und Zischen. Ich hasse alle Maschinen, ich hasse sogar meinen Staubsauger!“ Sie saugte laut an ihrer Zigarette und spuckte zu Boden.
Sie war widerlich.
„Sie könnten neue Maschinen machen, finde ich“, antwortete er.
„Ja. Und dann ziehen sie es von unserem Lohn ab.“
„Alles klar“, sagte er, „Lass mich in Ruhe.“
„Mach ich schon, Dicker“, antwortete sie, nicht im Mindestens überrascht, „Fick dich.“
Es klingelte. Die Pause war zu Ende.
„Mal sehen“, sagte er, drückte seine Zigarette an der Wand aus, im Uhrzeigersinn, im Gegenuhrzeigersinn, auf dem Boden, im Uhrzeigersinn, im Gegenuhrzeigersinn und ging in die Fabrik zurück, zum allerersten Mal vor ihr. Sie stand draussen und nahm noch vier Züge, bevor sie eintrat.
Von da an waren sie verheiratet.