Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: September, 2010

Der Fluch

„Was schauen Sie mich eigentlich so an?“
Ich schreckte hoch. „Ich? Ich schaue gar niemand an“, sagte ich zum Mann, den ich nicht gesehen hatte.
„Nein, nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf so heftig, dass seine Aussage zweifellos richtig war. „Ich bin mir sicher, dass Sie mich angeschaut haben.“
„Ich habe Sie nicht angeschaut“, sagte ich überzeugt, aber ich war nicht überzeugt, nun, überzeugt schon, aber nur überzeugt, nicht zu sagen, ich hätte ihn angeschaut. Was hätte das auch für eine Rolle gespielt? Man darf doch anschauen, wen man will.
„Doch, doch“, sagte der Mann langsam, mit zusammengekniffenen Augen und einem ausgesprochen hässlichen Gesicht, „Ich bin mir ganz ganz ganz sicher, dass Sie mich angeschaut haben. Ich täusche mich nicht.“
„Hören Sie, ich weiss nicht, was sie wollen. Ich habe Sie nicht angeschaut.“
„Aber natürlich haben Sie das! Und jetzt haben Sie keinen Mut, es einzugestehen.“
„Hören Sie, ich darf doch anschauen, wen ich will. Ich habe Sie nicht angeschaut und auch wenn, ich wüsste nicht, warum Sie das so stört.“
„Ah, auf dieser Schiene fährt der Zug!“, rief der Mann aus, „Warum sollte mich Ihr Blick auch stören? Was mich stören sollte, das ist mein ausgesprochen hässliches Gesicht. Das ist es, was Sie denken, das haben Sie im ersten Moment gedacht, als Sie mich angesehen haben!“
„Nein. Nein!“, rief ich aus, „Das habe ich nicht gedacht, ich habe nicht gedacht, dass Sie hässlich sind.“
„Und jetzt, da ichs sage, ja? Da fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen: Moment! Der Mann ist ja ausgesprochen hässlich! Das ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen. Ich habe das einfach übersehen! Sagen Sie mal, wollen Sie mich für blöd verkaufen? Ich weiss, wenn mich einer anschaut und Sie, Sie haben mich richtig richtig richtig angeschaut.“
Langsam wurde es mir zu bunt. Ich stand auf und stieg ohne ein weiteres Wort aus dem Bus, denn ich war an der richtigen Station. Als ich an der Kabine des Fahrers vorbeiging, um aus der Tür zu schlüpfen, hielt er mich kurz an der Jacke zurück und flüsterte eindringlich: „Mann, er kann nichts dafür! Mann.“ Und dann blickte er wieder in den Rückspiegel, um zu sehen, ob er von der Szene etwas mitbekommen hatte.
Als ich draussen stand, sahen mich die Menschen aus dem Bus vorwurfsvoll an. Eine alte Frau, die ihre Handtasche auf den Schoss presste und gegenüber des hässlichen Mannes sass, eine jüngere Frau mit ihrem Sohn, die ein stilles Kopfschütteln andeutete und unablässig über die Schultern ihres Kindes strich, als ob sie damit die Versuchung, eines Tages gleich ungehobelt wie ich zu sein, austreiben könnte. Ein Mann mit dickem Bauch und einem Overall, der sein Mittagessen während der ganzen Fahrt auf den Knien liegen liess, weil er offenbar genug hatte und sich nicht überwinden oder aus Müdigkeit nicht den nötigen Aufwand erbringen konnte, das Sandwich loszuwerden.
Sie alle sahen mich an, mit bewegtem Blick und sie teilten mir ihr Unbehagen mit.
Doch ich war nur ein von kurzer Dauer hässlich handelnder Mensch, der den Bus verlassen hatte. Dann, als der Bus schon wieder losfuhr, wandten sie alle zeitgleich den Blick von mir ab und auf den Mann mit dem ausgesprochen hässlichen Gesicht. Ihre Augen wurden glasig und klar, ihre Mienen steinern und ihre Interesselosigkeit aufgesetzt. Nur ihr Mund verriet die Besessenheit.

Einige Erkenntnisse, die für sich sprechen.

Jetzt kann ich sagen, dass ich mich daran gewöhnt habe.
Es stimmt, auch heute noch legt sich meine Stirn manchmal in Falten, wenn ich die Leute um mich her betrachte und sehe, wie sie ruhelos ihren Geschäften nachgehen. Aber es weckt in mir das Gefühl von Ergebenheit und Mitgefühl, wenn ich jemanden anhalten und zögern sehe, und eine Freude macht sich in mir breit, wenn ich feststelle, dass er sich schliesslich entschlossen und seinen Weg im Geschehen wieder aufgenommen hat.

Man betrachte zur Veranschaulichung dieses Umstandes das folgende, zufällig gewählte Beispiel:
Als ich früher im Zug sass und durch die Landschaft rollte, war es mir ein grosses Anliegen, an der Fensterseite zu sitzen – so gross sogar, dass ich mich manchmal mit meinem Bruder darum gezankt habe, bis er pikiert und drohend nachgegeben hat, was aber ein Spiel war, denn ihm waren die Zeitungen ohnehin eine tiefere Welt.
Manchmal sah man am Fenster einen anderen Zug auf gleicher Höhe neben einem herfahren, auf einem Gleis, das sich mehr und mehr in die Richtung des eigenen lenkte und es gefiel mir, mit dem Gedanken zu spielen, dass die beiden Züge ineinanderkrachten und wie ich meinen Kopf zwischen die Beine und meine Hände gekreuzt darüber legte, wie ich es in den Sicherheitsanweisungen des Flugpersonals gesehen hatte, und wie ich, unversehrt, langsam aus dem rauchenden, stillen Wrack zweier gekippter Zugwagons stieg und in der grellen Sonne blitzelnd nach Verletzten suchte.
Nur geschah es immer, dass die beiden Züge aneinander vorbeizogen, wie neckend umeinander hertänzelten, und es war mir immer ein kurzlebiges Unglück, dass die beiden Züge in ihren Gleisen unverrückbar blieben. Unerheblich, denn kaum waren die beiden Züge auf gleicher Höhe, begann das Wettrennen und ich fieberte darum, im schnelleren Gefährt zu sitzen.
Nun geschah es immer, dass der andere Zug weitaus langsamer schien, und dass man die Fenster zählte, die man an ihm zurücklegte, dass man hoffte, bis zum vordersten Wagon zu krakseln. Doch der Weg wurde mühselig und schwer und immer langsamer stiess man vor und plötzlich wendete sich das Blatt und in trauriger Überlegenheit zog der andere Zug nach, drängte sich, erst langsam, Fenster für Fenster, vor und immer schneller zog er, bis nur noch das Ende des letzten Wagens zu erkennen war und auch dieser floh weg in die Weite.

Ich denke heute, dass fast alle Dinge so bewandt sind und dass ich mich an ihre Bewandtnis gewöhnt habe.
Die Gewöhnung ist eine leichte Sache, leichter als Geschirrwaschen oder Autofahren, aber es kann auf Dauer sehr anstrengend werden und die Monate ihrer Inkrafttretung sind mit langanhaltenden Kopfschmerzen verbunden. Dennoch ist es nun möglich, zu sehen, welche Züge schneller sind als andere, welche Menschen diejenigen sind, die zögernd anhalten und weitergehen, und welche jene sind, die anhalten und für immer stehenbleiben. Letztere sind meistens jene, die auf der Fensterseite sitzen wollen. Dessentwegen halte ich viel von Menschen, die Zeitung lesen.