Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: April, 2011

Phänomenale Kastration

Vor vier Tagen schrieb ich den Text Phänomenaler Rückzug.

Heute beschäftigt ein Fall die Zeitungen. Er dreht sich um einen Waffenliebhaber, der über mehrere Behördenmitglieder Dokumente niedergeschrieben hat, in denen sie gefoltert und getötet wurden. Ich zitiere den Tagesanzeiger von heute morgen:

Unbestritten war, dass der Mann in 153 Dokumenten minutiös aufgeführt hatte, wie er die 26 Personen foltern und töten wollte. «Da läuft einem der kalte Schauer über den Rücken», sagte selbst der Verteidiger. Er sprach von «furchterregenden, abstossenden Vorkehrungen» und einem «sadistischen Gedankengut, das schlimmer nicht sein kann». Doch das seien eben bloss «Gedankenspiele gewesen, mit denen er seine gewaltige Lebensenttäuschung und seinen Frust abreagiert hatte». Gewisse Dokumente seien über ein Jahr alt gewesen. Trotzdem habe der Mann «aus eigenem Antrieb» die Theorie nie in die Praxis umgesetzt oder umsetzen wollen.

Wurde je jemand dafür bestraft, dass er etwas Böses dachte?

Nie.

Er wurde bestraft dafür, dass er seine Gedanken aussprach oder niederschrieb – meistens sogar nur, wenn er sie ausführte. Aber der Kopf ist unser zu Hause, wo wir die makabersten und perversesten Sachen aufbewahren. Sie sind in jedem Verstand vorhanden. Wenn einer so dumm ist, sie aufzuschreiben, wird er dafür bestraft.
Warum?
Ich kann es euch sagen. Weil wir den Gedanken völlig verzerrt haben, ihn sterilisiert haben, sobald wir ihn aufgeschrieben oder ausgesprochen haben. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich das eines Tages machen müsste, aber ich zitiere Hermann Hesse: „Es wird gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.“

Der einst perverse Gedanke – der den Reiz seiner Perversion entnommen hat– wird mit seiner Vergegenständlichung zu einem Gedanken eines Perversen, eines Objekts, das man beschuldigen, analysieren, verklagen, therapieren oder verwahren kann. Um die Perversion des Gedankens aufrecht erhalten zu können – was wir wollen, weil es seinen Reiz ausmacht – müssen wir ihm die Perversion zusprechen, die ihm von Rechtswegen zusteht. Wir müssen darauf zeigen oder auf den Autoren zeigen und sagen: „Der hier ist Verrückt! Nur ein Skrupelloser kann so etwas denken!“
Aber in Wahrheit ist das eine Stimulation des Perversionsgehalts des Gedankens.
Jetzt, warum braucht es das?
Die Antwort ist der Grund, weshalb ich meinen Post von vor vier Tagen erwähnte:
Es braucht diese Stimulation, weil ein niedergeschriebener Gedanke seine Perversion verliert. Er verliert seine Perversion durch seine Strukturierung, durch den entkräftenden Prozess, ihn in Worte zu packen, er verliert seine Erregungsfähigkeit, seinen Affektionsgrad, wenn er nicht gefühlt wird. Wenn wir von Schicksalsschlägen sprechen, erleben wir sie nicht mehr. Das hat einen therapeutischen Vorteil. Nicht aber für den Gedanken des Schicksalsschlags.
Wenn die Perversion eines perversen Gedankens verschwindet, was haben wir dann noch? Welchen Gehalt hat dann der Gedanke noch?
Nichts und keinen, deshalb müssen wir sie aufrecht erhalten. Und Menschen, die zeigen was sie denken, müssen eingesperrt werden.

Aber philosophisch lustig, dass man etwas aus eigenem Antrieb nicht in die Praxis umsetzen wollen kann. Schliesslich ist das Nichttun selten etwas, dem man einen Antrieb zuschreiben möchte.

Die Regel des kleinsten Bedauerns

Was sollte sie machen? Sollte sie ihn anrufen?
Die Art, wie das Telefon dalag, gefiel ihr nicht. Es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Und wenn er abnahm, was sollte sie sagen? Sie würde stottern. Oder schlimmer: Sie würde nichts sagen können. Sie würde auflegen. Und dann? Dann würde sie vermutlich später noch einmal anrufen.
Was sollte sie also machen?
Was hätte er gesagt? „Hallo?“, „Wer ist da?“?
Sie hätte geschwiegen, gehustet, gestottert, sie hätte erklärt, wer sie sei.
Und dann?
Dann hätte sie erklärt, dass sie ihn etwas fragen wollte. Und auf seine Erwiderung würde sie einen Alltagsgegenstand nennen, von dem sie vorgab, ihn unbedingt zu brauchen. Würde ihr einer einfallen? Hoffentlich nicht. Aber es würde ihr bestimmt einer einfallen. „Kannst du morgen deine Sneakers mitnehmen.“
„Warum?“
„Damit ich sie einem Freund zeigen kann.“
Oder:
„Kannst du morgen deinen Tucker mitnehmen?“
„Hast du keinen?“
„Nein… Meiner ist kaputt.“
Aber was war, wenn alles schief lief? Zum Beispiel so:
„Kannst du morgen dieses Buch mitnehmen?“
„Nein.“
Oder so:
„Hast du Klebstoff?“
„Du hast doch aus einem anderen Grund angerufen.“
Oh mein Gott. Ihre Kehle trocknete ein wie eine griechische Tomate. Aus allen Ecken kroch ihr die dunkle Klarheit der Realität entgegen. Er würde sie sofort durchschauen. Es gab keine Möglichkeit, ihn anzurufen. Es war einfach unmöglich.
Sie sah zum Telefon hin.
Sie versuchte standzuhalten.
Aber sie war die Erste, die wegschaute.
Es gefiel ihr einfach nicht, wie das Telefon dalag.
Vielleicht war sie auch nur verrückt geworden. Wieso wollte sie ihn anrufen, wenn es gar keinen Grund gab, ihn anzurufen? Wenn sie nichts von ihm wollte, wieso sollte sie überhaupt anrufen?

Dann klingelte das Telefon.

Sie schluckte und schmeckte den Geschmack von griechischen Trockentomaten.
Was zum?

Phänomenaler Rückzug

Wann hat es jemals etwas gebracht, einen Gedanken niederzuschreiben?
Wann ist je etwas klarer oder deutlicherer geworden, indem man es aufschrieb?
Wann ist dir ein Stein vom Herz gefallen, wann wurde je eine Last erleichtert, wann ein Problem lösbar, wann eine Idee fassbar durch das Fassen in Worte?
Wann wurde etwas verständlicher, einfacher, simpler?
Wann brachte ein Niederschreiben von Gedanken auf lange Zeit hin einen Erfolg für den Gedanken selbst?
Wann hat man sich je selbst besser verstanden oder die Welt dadurch besser verstanden?

Nie.

Noch nie ist etwas klar und deutlich zu Tage getreten, nie etwas einleuchtend dargestellt worden, nie etwas Neues gebracht worden, dadurch, dass man es aufschrieb.
Und weshalb wollen uns immer alle das Gegenteil weiss machen, Lehrer, Schriftsteller, Schreiner, LKW-Fahrer und Verbrecher? Weshalb glauben sie alle daran, obwohl es offensichtlich nicht stimmt?
Ja, man braucht sich nur umzuschauen. Je mehr wir Dinge aufschreiben, desto strukturierter werden sie. Wenn wir etwas aufschreiben, dann ist es in Worte gefasst. Es lässt sich vervielfältigen, immer wieder ansehen, korrigieren, lesen, überfliegen, durchdenken und überdenken.
Wenn wir aber am Ende davon einmal innehalten wollen und uns zurückbesinnen auf den Moment, in dem der Gedanke noch nicht in Worten existierte, dann sehen wir was passiert ist. Ganz sicher ist dadurch nichts klarer geworden. Nein, man hat die Dinge verschleiert.
Wenn dir heute jemand eine Idee zeigt: er bastelt dir ein Werkzeug oder eine Maschine und führt sie dir vor, dann versteht du sie viel besser als wenn du dir morgen das Handbuch zu Gemüte führst. Wenn ein Pfarrer an der Beerdigung deiner Eltern zu dir kommt und dich an der Hand fasst, was hättest du davon, wenn er dir in der Bibel die Vorzüge Gottes und seiner Kinder belegen würde?
Wenn dir dein Junge sagt, dass er nur Augen für dich hat? Was soll daran deutlicher sein, als wenn er nur Augen für dich hat?

Wenn einer dir die Welt erklärt, dann geschieht eine Verschleierung. Manche Philosophen würden sagen, dann erklärt er dir eine zweite Welt. Die erklärte Welt. Aber das ist nicht alles. Wenn dem so wäre, dann wäre die erste Welt ja immer noch da und noch gleich deutlich zu verstehen wie immer. Dann gäbe es eine zweite und eine erste Welt. Man könnte die Erklärung beachten oder sie nicht beachten.
Aber dem ist nicht so.

Wenn dir einer die Welt erklärt, dann zerstört er sie.
Er dupliziert die Welt nicht. Er formt nicht zu einer echten eine erklärte Welt hinzu.
Er zerreisst die eine, die echte, Welt in zwei Teile. In die erklärte Welt und die zu erklärende Welt.
Beide sind nicht deutlich und für sich verständlich. Die erklärende Welt enthält Informationen zu der zu erklärenden Welt, aber ist dadurch etwas einfacher geworden?
Nein. Wir haben aus einem, zwei Probleme gemacht. Gratuliere. Wir müssen jetzt auch noch die beiden Welten in Beziehung setzen.

Das lernen wir schon in der Schule. Interpretieren.
Setzen Sie den Schiller mit der heutigen Welt in Beziehung. Interpretieren Sie.
Welche Relevanz hat Shakespear heute noch? Interpretieren Sie.
Warum hat Cicero Chiasmen benutzt? Interpretieren Sie.
So klingen die Selbstzerstörungsmechanismen der Schule. Wann ist ein Gedicht schöner geworden durch seinen Interpretation? Wann ist ein Gedanke besser geworden dadurch, dass man ihn in Beziehung zur heutigen Welt setzt? Wann ist eine Entscheidung einfacher geworden, wenn man Pros und Kontras ihrer Folgen in eine säuberliche Tabelle eingetragen hat?
Weil Shakespear die typischen Themen widerspiegelte – Tod, Liebe, Verrat, Vertrauen, List, Elend und Familie – ist er auch heute noch relevant?
Bedeutet das nicht, dass wir nur unsere Welt dem Shakespear gegenüberstellen? Dass wir sie schminken, gut anziehen, sie zurecht machen um mit der Relevanz Shakespears übereinzustimmen?
Wir interpretieren nicht nur Shakespear, wenn wir Shakespear interpretieren.

Und so ist es mit jedem Gedanken auf der Welt.
Ihn zu lesen macht ihn schwerer zu fassen.
Das Fiese daran ist, dass wir glauben, Gedanken in Worten verpackt seien leichter zu verstehen. Was für eine Lüge!
Die Struktur, die ein Liebesbrief oder Descartes‘ Meditationen aufweist, wie verhängnisvoll sie doch ist: Wir glauben, so und so sei es zu verstehen, wir glauben, man kann es so und so interpretieren. Aber wir bemerken nicht, dass wir uns in immer tiefere Abgründe hinunterstürzen.
Denn irgendwann verstehen wir, dass wir selbst die einzelnen Wörter, die der Struktur unterliegen, nicht verstehen, ja, dass sie keinen Sinn ergeben, wenn sie nicht genau definiert sind. Und jede niedergeschriebene Definition dieser Worte führt in tieferes Verderben, denn niedergeschriebene Definitionen sind nicht leichter zu verstehen als einfach erfasste Begriffe.
Ja, wir wissen in jedem genauem Sinn nicht einmal, was das ist, eine Struktur, denn Struktur ist auch nur ein Begriff.

Und deshalb sollten Gedanken gar nie niedergeschrieben werden.
Aber da kann man wohl nichts machen.

Wie man mich findet

In meiner Zeit als Blogger habe ich schon so einige Suchanfragen entdecken können, die auf meinen Blog führen. Eine komplette Liste, die ich von Zeit zu Zeit aktualisieren werde, findet sich hier.

Ich studiere sie gerne, denn manchmal sind sie meine grösste Inspirationsquelle. Ja, um ehrlich zu sein gibt es soviele von verschiedenen Arten von Suchanfragen, dass es einen erstaunen würde. Und ein Vorzug daran, einen eigenen Blog zu haben, ist zu sehen, was ein User in seinen privaten Momenten bei Google eintippt. Natürlich ist das nicht fair, wenn wir nach etwas suchen müssen, sind wir im Prinzip schon verletzbar. Aber ich möchte eine kleine Zusammenstellungen der Highlights geben:

Da gibt es die allgemeinen und nicht sonderlich überraschenden, aber doch irgendwie ernüchternden Tatsachen. Einerseits wurde nicht mit meinem Namen am meisten mein Blog aufgefunden, sondern mit dem Suchtitel „Maturaufsatz“, worauf erst mein Name folgt.

Suche Aufrufe
maturaufsatz 26
cedric weidmann 18

mindestens doppelt so oft wurde aber nach einem Thema im Bezug zu „Schiller“ und seine Aussage über die Unvernunft der „Mehrheit“ im „Demetrius“ gesucht, worüber ich immerhin tatsächlich etwas geschrieben habe.

Dagegen hat mein Künstlertitel „quappe“ einige auf die falsche Fährte gelockt.

Quappe 14
quappen im oktober 1
quappen an der oder 2009 1
quappe 2010 1
quappen im januar 1
quappe bedeutung 1
quappe am tag 1
quappe+sex 1
wie lange wird eine quappe 1

Kuriosere dieser Sorte sind:

gehen quappe 2011 1
quappen allergie 1
quappen schublade 1
quappen häuser 1
miriam quappe 2
quappe milz 3

(was zum Teufel ist an der Milz von Kaulquappen so besonders?)

und natürlich mein Liebling:

gerichte aus quappe 1

Auch würde ich gerne einmal mit einigen Suchern die Google-Regeln durchgehen. Es ist zwar richtig, dass Anführungszeichen oder ein „+“ eine stärkere Bindung kennzeichnen können, aber dazu muss man auch die richtigen Regeln anwenden.

„Lara montag“ 2
„sind durch dasselbe gemacht“ 2

zum Beispiel sind eher sinnlose Anfragen, da der Algorithmus ohnehin nach den zusammenhängenden Ausdrücken zuerst sucht.

definition vom wort "etwas"
2

Zwar hat hier jemand die interessante Logikregeln des Anwendens versus Benennens angewandt, hilft aber beim Suchen wenig. Kommt dazu, dass die Spezifizität vom Wort „etwas“ ohnehin zu Wünschen übrig lässt. Haarsträubend wird es aber hier:

Schiller „mehrheit“ 1
\“schriftsteller und wahnsinn\“ 1
„das narrative element was gossip girl“ 1

(Versucht erst einmal das Zeichen „\“ zu machen!

Zum dritten Punkt: es sinnlos einen unzusammenhängenden falschen Satz stärker zu binden)

Verräterisch ist aber das folgende Beispiel, dass die Prioritäten des Suchers aufdeckt:

"er fickte" mädchen
1

Hauptsache also ist das „er fickte“ – nicht, dass noch etwas anderes fickt! -, das Mädchen aber darf man auch getrost austauschen gegen Pferde, Männer oder Bäume.

Es gibt allerdings noch erstaunlichere Tatsachen, bei denen man sich fragt, was sich der Sucher überlegt haben könnte:

selecta automat verloren 2

(Zugegeben, ich weiss was gemeint ist. Das weiss jeder, der einmal einen Selecta-Automaten benutzen wollte.)

nackt am sofa 1

Wohlbemerkt: am Sofa

quappe wo 1
hübsche nasen 1
hässliche nase sprüche 1

Ah, was für ein Abbild unserer Gesellschaft!

Eine fast Borgesche Paradoxie lässt sich im folgenden Treffer finden:

gab es die unsterblichen 1

Weitere Kuriositäten:

ich wachse wie ein baum 1
nemo wenn im nichts passiert dann passiert ihm nichts 1
wie kommt denn nur das nashorn fort 1
ich wachse dir entgegen 1
kollektivierung wir 1

Und zum Abschluss einige meiner Klassiker, die ich mir immer wieder gerne anschaue, weil sie eine eigene Geschichte zu erzählen scheinen.

T-shirt sprüche bester fahrlehrer 1
Wie verhält sich dozent wenn er in studentin verliebt ist? 1
es war einmal ein mann der rannte so schnell er konnte durch die welt 1
Zeugenschutzprogramm startkapital 1