Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Mai, 2011

Der Satz (IV)

Meine Mathematiker kennen meine Nachkommastellen/Fragen, wer ich war, könnt ihr meinen Nachkommen stellen

Prinz Pi, Der neue iGod

Der Satz (III)

Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit, aber sie ist auch eine Wirklichkeit.

Antonio Gramsci, Gefängnishefte

Dichter

Wenn ich einen Dichter
der etwas zu sagen
wüsste
kennte
hätte
ich schon mehr
von der Welt gesehen
als mir lieb
blieb.

Der Satz (II)

Auf dem Totenbett möchte kein Marxist „Das Kapital“ lesen.

Milan Machovec, Jesus für Atheisten

Eklige sterbende zuckende Masse

Unter ihrem Fuss knackste ein Schneckenhaus.
Sie hob mit später Vorsicht die Sohle in die Luft und sah hinab.
– Bist du da jetzt draufgestanden? fragte Mark, der weiter vorne stehen geblieben war und an seiner Lederjacke zupfte.
– Schon erstaunlich! dachte sie, während sie in die Knie ging um die Überreste des Schneckenhauses zu betrachten, Wie schnell diese Häuser zerbrechen und am Ende die Tiere nicht mehr wie Tiere aussehen sondern wie eine eklige, sterbende, zuckende Masse, mit der man kein Mitleid empfinden kann.
Mark kam widerwillig näher und schielte unter ihre Sohle. Es wollte ihm nicht in den Kopf, was sie so beschäftigte und er zuckte deshalb mit den Schultern. Mark war ein geschäftiger junger Mann, immer ungeduldig etwas zu tun, als hätte er nur noch seine letzte Woche zu leben.
– Iih, ist ja eklig, sagte sie endlich, aber im Ton der Verwirrung.
– Die leben gefährlich, die Dinger, meinte Mark aus reiner Höflichkeit während er die klebrige Masse mit einer vagen Kreisbewegung seines Zeigfingers aus der Luft einzukreisen versuchte, dann nahm er sie wieder am Arm, komm Sara, wir müssen weiter sonst kommen wir wieder zu spät.
– Zu spät wohin? fragte sie.
– Was wohin? Wieso bist du so verwirrt? fragte Mark erstaunt, doch würdigte sie keines Blicks. Du weisst doch, dass wir zu meinen Eltern fahren.
Plötzlich ging sein fliegendes Schreiten in Rennen über und sie musste zu sprinten anfangen, um mitzuhalten.
Sie sahen den Zug schon einfahren als sie noch ganz oben am Hügel waren.
– Verflucht, ich wusste, wir würden es nicht schaffen!, rief Mark aus, blieb stehen und lehnte sich keuchend gegen eine Hauswand. Er spuckte zu Boden, sein Gesicht war rot angelaufen und seine Nase hatte zu tropfen begonnen, Blut und Schleim sammelte sich an seiner Nasenspitze und er verzerrte seine Züge zu einer Maske der Qual.
– Schon erstaunlich! wiederholte Sara im Stillen, schon erstaunlich!

Der Club

Ich bin diese Schritte so leid.
Niemand von uns Männern hat je tanzen gelernt.
Die meisten von uns stehen in einer Ecke, mit einem Glas in der Hand und schauen die tanzenden Frauen an, während unsere Blicke immer wieder verstohlen zu einem Mann, der es besser kann als wir, hinüberwandern.
Ein paar Mädchen und du umkreisen uns, zupfen an den Ärmeln unserer in Komplementärfarben karierten Hemden, feuern uns an oder stacheln uns auf.
Wir zucken mit den Schultern und heben die Achseln, das Glas in der Hand geht mit. Nicht ehrlich gemeinte entschuldigende Handbewegungen zeigen an, dass wir nicht in der Stimmung, der Lage oder dem Pegel sind, mitzumachen.
Wenn ein weiteres Lied beginnt, fällt das Wippen meines Fusses leicht aus dem Takt. Zum Glück hat es keiner gesehen.
Ich rieche das Parfum an meinem Hals, es mischt sich mit dem meiner Freunde und stetzt sich in meinem Speichel fest.
Ich glaube, dass ich dieses Lied kenne, aber ich bin mir nicht sicher, denn der Bass wiederholt sich im immer gleichen Satz.
Vielleicht ist das ein Remix von was Bekanntem. Mir will der Name nicht einfallen, aber ich bin mir sicher, dass es mich glücklich machen würde, wenn er mir einfiele.
Ich verliere mich im immer gleichen Satz, mit dem ich dich ansprechen werde.
Du schaust weg, gehst tanzend in die Knie. Für einen Moment habe ich vergessen, dass du tanzt.
Es sieht dämlich aus, wenn du tanzt.
Ich schreie einem Kumpel, den ich kaum kenne, einen Kommentar ins Ohr, einer, der deine Freundin betraf, mit ihren langen schönen Haaren. Du hast keine schönen Haare.
Nach jedem Wechsel des Lieds brecht ihr in Kreischen aus, ruft, dass das euer Song sei und kommt hergetapselt, zerrt an uns und wir weichen zurück wie Wild gegen die Felswand. Wir stehen uns auf die Füsse, wenn wir euren Aufforderungen widerstehen, auch wenn wir aussehen, als kümmerten sie uns nicht.
Dann löst sich einer und geht als Opferlamm zum Altar der Tanzenden. Er wippt vom einen Bein aufs andere und bewegt seine Finger. Wir lachen ihn aus, aber bitter. Ein Mädchen schlingt den Arm um seinen Hals und drückt ihren Rücken an seinen Bauch. Die Lichter blitzen auf. Wir haben aufgehört zu lachen.
Ich gehe ein Bier holen und weil ich nicht unauffällig genug davonschleiche, geben mir die anderen Bestelllisten auf.
Vor der Theke schlägt mir versehentlich ein brauner Pferdeschwanz ins Gesicht, das Mädchen entschuldigt sich nicht und sieht mich vorwurfsvoll an. Sie benutzt Garnier.
Ich bestelle ein Bier und weil ich weiss, dass mich der Barkeeper nicht hört, lehne ich mich bereits nach vorne um zum zweiten Mal zu schreien. Sein Gesicht ist von Furchen zerkratzt, aber nicht müde. Ein gewaltiges Zucken fährt durch die Lider seiner sepiafarbenen Augen wie ein übermächtiger Zug durch die Landschaft pflügt.
Als ich zurückkomme, sind die meisten meiner Freunde verschwunden und bei euch gelandet. Einer tanzt mit dir. Er hat seine Arme unbeholfen um deine Hüften geschwungen und begreift nicht, dass dein Blick immer wieder zu mir herübergleitet.
Als er dich loslässt, habe ich mein Bier hinuntergestürzt und fühle mich im Stande, mit dir zu sprechen. Ich lalle, aber nicht weil ich betrunken bin.
Möchtest du etwas trinken?, frage ich.
Du nickst und als ich frage, was du trinken willst, nickst du wieder.
Ich gehe zurück zum Barkeeper, hebe die Hand über die Theke, er wendet sich mir zu, beugt sich herab, zwinkert mit den Augen und ein Zucken durchfährt sein Gesicht, als wäre meine Bestellung ein Leiden, dessen Schmerzen er herunterschlucken müsste.
Als ich zurückkomme, gebe ich dir den Shot. Du trinkst ihn in einem Zug leer und drückst mir das Glas in die Hand.
Deine Hand zupft an meinem Hemd, du fragst, ob ich tanzen käme.
Ich bin müde und wünsche mir, es wäre morgen. Du sagst, du bist noch nicht müde.
Mein Blick gleitet zurück zum Barkeeper, er bedient eine junge Frau und schenkt zu viel Alkohol in das viel zu grosse Glas.
Einige Männer tummeln verwirrt in der dunklen Ecke des Clubs.
Ich sehe deine wunderschönen Beine. Mein Blick gleitet nach oben zu einer dunklen Stelle an der Decke und ich fasse dich bei den Hüften.
Meine Augen brennen vor Qual und vor Zorn.

Der Satz (I)

So weit war an dich geschrieben, was ich mit mir gesprochen hatte, als mich mitten in meinen zarten Gedanken und sinnreichen Gefühlen über den ebenso wunderbaren als verwickelten dramatischen Zusammenhang unsrer Umarmungen ein ungebildeter und ungefälliger Zufall unterbrach, da ich eben im Begriff war, die genaue und gediegne Historie unsers Leichtsinns und meiner Schwerfälligkeit in klaren und wahren Perioden vor dir aufzurollen, die von Stufe zu Stufe allmählig nach natürlichen Gesetzen fortschreitende Aufklärung unsrer den verborgenen Mittelpunkt des feinsten Daseins angreifenden Missverständnisse zu entwickeln, und die mannichfachen Produkte meiner Ungeschicklichkeit darzustellen, nebst den Lehrjahren meiner Männlichkeit; welche ich im Ganzen und in ihren Teilen nie überschauen kann, ohne vieles Lächeln, einige Wehmut und hinlängliche Selbstzufriedenheit.

Friedrich Schlegel, Lucinde