Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juli, 2011

Der Vogel und die Patrone

Paul sah aus dem Fenster.
„Was siehst du?“, fragte Lisa.
„Ich sehe einen Vorgarten und einen Brunnen. Ein kleiner Mann und eine junge Frau sitzen davor. Die Frau scheint auf jemanden zu warten und schaut ständig auf die Uhr. Der kleine Mann kramt in seiner Tasche.“
„Seiner Tasche? Was sucht er in seiner Tasche?“
„Er sieht nicht eigentlich aus, als würde er nach etwas suchen. Aber… vielleicht doch, jedenfalls kramt er darin, er könnte sich aber auch nur massieren.“
„Massieren? Hat er einen Herzinfarkt? Muskelkater?“
„Ich weiss nicht, er könnte natürlich auch nach etwas suchen.“
„Was siehst du noch, Paul?“
„Ich sehe einen Pfirsichbaum und ein Vogel sitzt darauf.“
„Was ist das für ein Vogel?“
„Nun, kein besonders schöner, speziell auch nicht, aber er schaut den Mann an, der vor dem Brunnen auf der Bank sitzt. Ich kenne Vögel nicht, aber ein wenig angriffslustig hält er schon nach ihm Ausguck. So als wollte er ihn nächstens attackieren.“
„Hat der Mann in der Zwischenzeit etwas gefunden?“
„Nein, aber… aber er lächelt. Oh, ich glaube er hat doch etwas gefunden. Er holt es hervor-“
„Was ist? Was ist es?“
„Nun,… Ich weiss nicht recht, von hier oben sieht alles aus wie eine Reflexion des Fensters.“
„Sag schon.“
„Ich denke, nun, ich denke er hält eine Pistole in der Hand.“
„Was?!“
„Na ja, ich bin mir nicht sicher.“
„Um Gottes Willen, die arme Frau!“
„Die hat bis jetzt noch nichts bemerkt. Aber Moment, der Mann hält noch etwas anderes in der Hand. Ich glaube, es ist ein Bündel Postkarten.“
„Postkarten? Ja was will er denn!“
„Er spricht die Frau an.“
„Sieht sie denn seine Pistole nicht?“
„Nein, er hält sie versteckt hinter seinem Rücken.“
„Oh Gott, wieso macht er sowas!“
„Ich kann es mir nicht erklären. Jetzt streckt er der Frau Postkarten hin… Sie nimmt sie zögerlich. Und schaut sie an.“
„Wies-“
„Oh!! Jetzt hält er die Pistole auf ihr Gesicht.“
„Oh, nein. Nein, nein, nein.“
„Er spricht mit ihr. Ich glaube nicht, dass er sie erschiessen will. Die junge Frau jedenfalls ist kreidebleich. Sie… Moment.“
„Was tut sie?“
„Sie… Sie schaut weiter die Postkarten an. Womöglich zwingt er sie dazu. Es ist ein riesiger Stapel und er hat noch einen zweiten Stapel auf dem Schoss. Er schreit sie an, vermutlich, dass sie jeden einzelnen Brief lesen müsse.“
„Sollten wir nicht die Polizei rufen?“
„Vielleicht sollten wir, aber sie käme ohnehin zu spät, denn mittlerweile hat er die Waffe wieder aus der Hand gelegt. Er scheint sehr zufrieden. Die Frau kämpft sich weiter durch die Postkarten. Bald hat sie den ersten Stapel hinter sich.“
„Was wohl auf diesen Postkarten steht?“
„Nichts spannendes, nehme ich an. Die Frau sah anfangs nicht sehr interessiert daran aus. Jetzt im übrigen auch nicht, sie hat nur Schweisstropfen auf ihrem weissen Gesicht und müht sich damit ab.“
„Wer tut so etwas Krankes? Wer will diese Postkarten jemandem aufzwingen?“
„Vielleicht kann er nicht lesen und sie muss es ihm vorlesen. Allerdings bewegen sich ihre Lippen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie laut liest.“
„Vielleicht sind es seine eigenen Postkarten“, mutmasste Lisa, „die er an niemanden adressieren konnte und jemandem zum Lesen geben möchte.“
„Stimmt. So, der Mann hat noch einen Stapel ausgepackt.“
„Oh, die arme Frau…!“
„Aber was ist das! Der Vogel hat sich niedergestürzt auf die Pistole und piekt den kleinen Mann ins Gesicht. Jetzt rennt er davon und lässt die Frau mit den Postkarten und dem Vogel zurück.“
„Eine Elster? Weil es glänzte!“
„Richtig, genau. Eine Elster. Und jetzt sitzt die alte Frau da. Sie liest immer noch die Postkarten. Die Pistole liegt neben ihr.“
Eine ganze Weile lang schwiegen sie.
„Jetzt passiert was, jetzt passiert was!“, rief Paul aus. „Sie steht auf. Und sie hält sich die Pistol ans Kinn!“
„Oh nein! Wir hätten doch die Polizei rufen sollen. Vielleicht waren Drohbriefe in den Postkarten versteckt!“
„Doch, nein, sie drückt nicht ab. Sie hebt die Pistole hoch. Und gibt einen Schuss ab, um die Elster zu verjagen. Sie fliegt davon. Ausser Sicht. Die Frau geht zu einem Briefkasten am Ende der Strasse und wirft die Postkarten ein. Sie sieht müde aus.“
„Aber…“ Lisa schwieg. „Wieso habe ich keinen Schuss gehört?“, fragte sie dann.
„Ach!“, rief Paul aus und sprang vom Fenstersims. „Du weisst genau, dass sie in Zürich starke Verglasungen wegen dem Autolärm haben.“
„Ich würde sehr gerne hinaussehen.“
„Es sind alle verschwunden. Ohnehin weisst du, dass Mama dir verboten hat, auf den Fenstersims zu klettern. Du bist ohnehin zu müde.“
Lisa raschelte beleidigt mit der Bettdecke.
„Immer passiert so viel, wenn ich krank bin“, rief sie aus und versuchte mit traurigem Blick aus dem Fenster zu schauen. Vom Bett aus konnte sie nur einen Ausschnitt des Himmels und ein paar Wolken sehen und einen ganz kurzen Moment lang, fast unsichtbar oder wie eine Reflexion im Fenster, die Patrone, die von oben im Höllentempo hinabschwirrte. Sie lächelte und wollte aufschreien, doch Paul war bereits wieder verschwunden.

100 Monster

Vor deinem vergitterten Fenster
sitzen hundert verwitwete Monster
und suchen, soweit man sehen kann,
sich alle einen neuen Ehemann
Sie trauen sich nicht, dich zu fragen:
sie ängstigen sich, dich zu plagen.
Doch sie stehen weiter im Garten
sitzen ruhig auf dem Sims und warten.

Sie sind so schrecklich traurig
und einsam, müd und dumpf
sie recken die Bäuche schaurig
mit Stöhnen von ihrem Rumpf
das Leid hat sie blöde gemacht
und elend und mutig und krank
Du hast es schon lange gedacht
holst ihn endlich aus deinem Schrank
den alten Raketenwerfer
und die Munition
du schleifst deine Messer schärfer
befestigst die Bastion
Die Belagerung wird enden
und der Krieg die Witwen pfählen
die meisten werden verenden
doch du wirst dich nie vermählen.

Bildung

Der Vorlesungssaal war fast voll und fasziniert schauten sie dem Professoren zu, ab und an schüttelte er seine Hände und vollführte mit ihnen veranschaulichende Gesten, die den aufmerksamen Studenten halfen, seinen komplexen Ausführungen zu folgen.
„Und gerade das ist es“, fasste er seine These in einem ungünstigen Moment zusammen, „die sich überstülpende Wesensform der pluralistischen Weltvorstellung, die sich vereint ganz gleich wie ein Stück dieser Literatur: Der Romantische Roman!“

Leider – und trotz meinem vormaligen Üben, schaffe ich es nicht, dies ohne ernstes Bedauern anzumerken – unterlief der sonst so geübten und klaren Stimme des Professoren ein Fehler, auch wenn man es eher eine Schwäche nennen könnte. Sei es, dass er gestern Abend zu viel Tee getrunken hatte oder weil er plötzlich von einer Fliege abgelenkt war, die ihm während seines Vortrags aufs Gesicht geklettert war, vielleicht dachte er an seine Frau. Auf jeden Fall misslang ihm völlig die Betonung des letzten Begriffs, in dem offensichtlich grosse Bedeutung lag.

Die kritischen der Studenten waren verwirrt, nickten und glänzten mit ihren Äuglein, beflissen zu verstehen – oder bisweilen Stolz vorzeigend, verstanden zu haben –, dass es sich beim Ausgesprochenen um den Satzteil „Der Roman, Tische-Roman“ handelte, wobei sie sich aber unentwegt fragten, welche genauere Beschreibung das Vorgeschobene „Tische“ hatte, ob es sich bei Tische-Roman um eine bestimmte Form des Romans handelte, die nur oder vor allem in einer bestimmten Zeitepoche verbreitet war, wie dies vielleicht vom neuzeitlichen Schlüsselroman bekannt war, der ja im Grunde wenig mit Schlüsseln zu tun zu haben schien (es war nicht zuträglich, dass diese Auffassung der Aussage keinen Rückschluss auf die Romantik gab, da ja der „romantische Roman“ verschwunden war, so dass die Studenten in all den Zeitepochen, die sie gelernt hatten, nach dem typologisierten Tische-Roman suchten, von dem sie noch nie ein Sterbenswörtchen gehört hatten). Oder ob es sich vielleicht um eine Gattung des Romans handelte, die sich ganz konkret auf Tische bezog, sie zu ihrem Gegenstand oder ihrer Hauptsache machte, sie vielleicht als notwendiges Mittel des Schriftstellers zur Verarbeitung eines Romans in seinen Mittelpunkt rückte, oder eines Roman, der, ganz ähnlich wie das Hofdrama im Hof spielt, immerzu um Tische lokalisiert war.
Nach dieser Auffassung des Satzes musste sich der Professor versprochen und erst vom Roman gesprochen haben, dann aber – um die Sache klarer zu gestalten oder auf die Besonderheit dieses Nischen-Genres hinzuweisen – verbesserte er sich und nahm stattdessen den Tische-Roman in den Fokus.

Die treuseligeren Studenten hatten es nicht einfacher. Sie hatten verstanden: „Der Roman: >Tischeroman<“, was ihnen die Sache hätte leichter machen können, da sie begriffen, dass es sich um ein Buch handeln musste, das ihnen völlig unbekannt war. Aber damit einher ging eine abkömmliche Säuernis, weil – auch wenn es oft vorkam, dass Studenten oder Professoren Bücher nicht gelesen hatten – es sie trotzdem mit Scham erfüllte, da sie noch nie auch nur eine Andeutung oder -spielung auf einen derartigen Roman gehört hatten, und er in ihnen nicht einmal das Bewusstsein hervorrief, dass von etwas Bekanntem die Rede war. Die Folge war eine gewisse Verlegenheit im Schreiben der Notizen, beziehungsweise ein Zögern in der Bewegung wie sie den Stift aus der Hand legten, so als wären sie nicht sicher, ob sie sich schämen müssten, so etwas Bekanntes wie „Tischeroman“ aufzuschreiben oder ob sie damit blöd dastünden, da sie – in der Übermacht der studentischen Eitelkeit – ständig erwarteten, dass ihnen jemand über die Schulter schielte und beurteilen wollte, ob sie blöd waren oder nicht.
In Verzweiflung getaucht fragten sie sich nun noch mehr, was der Satz genau bedeutet hatte, da ihnen nun die erste und einzige Andeutung auf den Roman zu Ohren gekommen war, aber je mehr sie sich darauf konzentrierten, desto weniger wollte ihnen der Satz begreiflich sein und je genauer sie sich seinen Wortlaut in Erinnerungen riefen, desto schlechter verstanden sie den Sinn und umgekehrt, denn es trug sich nicht zu, wie Carroll’s Herzogin zu Alice sprach: „Take care of the sense and the sounds will take care of themselves“.

Nur wenige der Studenten glaubten verstanden zu haben, worum es ging. Diese schliefen tief und fest auf ihren Tischen, und hörten nur die Worte „Roman! Tische! Roman!“ heraus, die es wie ein nervtötender Wecker mit ihrem Dösen aufnehmen wollten, um sie aus dem Schlaf hochzuschrecken, doch sie blieben eisenhart und kämpften dagegen an, indem sie in ihre Träume die Worte verstrickten und erst von einem Roman, bald von einem Tisch und dann wieder von einem Roman träumten, was sich in den unterschiedlichsten Verzerrungen und Veränderungen niederschlug, so träumte etwa eine Studentin, sie läse einen Roman, der sich unverzüglich in einen Tisch verwandelte, der ihr auf die Knie drückte, aber nach kurzer Zeit wieder zurückverwandelt war – worüber sie sich übrigens nicht wunderte – oder einem schlacksigen Student mit einem Sinn für Fantasie träumte, dass er einen riesigen Stapel bauen müsste – seine Grosstante hatte es von ihm verlangt und ihn im Gegenzug die Malträtierung mit einem Hammer angedroht – er wusste jedoch nicht, was er auf diesen Stapel zu setzen hatte, glücklicherweise aber rief die Grosstante, während sie den Hammer durch die Luft schwang: „Roman! Tische! Roman!“ und er stapelte sie alle aufeinander, weil sie, der Zufall wollte es, gerade im Raum lagen, der – im übrigen – gerade aus dem Nichts sich gebildet hatte.

Und der Professor?
Er sah traurig, dass ihn niemand verstand und er wusste, dass es immer schon so war und dass es für immer so bleiben würde. Dass er in seiner Rede vom romantischen Roman sprach, hatte er inzwischen selbst schon wieder vergessen und nun standen viele Leute in einem Raum, die alle etwas anderes dachten und niemand etwas Richtiges, aber am Ende würden sie hinausgehen und die Welt retten. Wie immer.