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Monat: November, 2011

Musik > Interpreten > Imaad Wasif … Infadels … Ingram Hill … International Harvester … Interpol!

„Sind Sie mir bis jetzt gefolgt?“
„Ja, darf ich nicht?“, fragte der kleine Mann mit dem Luftballon vor dem Gesicht.
„Warum halten Sie denn den Luftballon vor Ihr Gesicht?“
„Mache ich überhaupt nicht“, protestierte er.
„Doch! Und Sie folgen mir.“
„Überhaupt nicht“, sagte er mit Nachdruck.
Ich sah mich um. Ich wusste gar nicht, wo ich hingelaufen war. Ich hatte auf der Suche nach einem Lied auf meinen iPod gestarrt, der mir in der Dunkelheit entgegenleuchtete und alles ausgeblendet hatte, was um mich herum geschehen war. Doch den kleinen Mann kannte ich noch. Ich war ihm zuvor im Zoo begegnet.
„Hören Sie auf mit diesem unheimlichen Getue!“, rief ich aus, weil ich langsam die Nerven verlor.
„Nein, ich darf nicht.“
„Wieso nicht?“
„Man hat mir aufgetragen, Ihnen zu folgen.“
„Ach…“ Ich hob die Augenbrauen. „Und was haben Sie in Erfahrung bringen können?“
„Nichts. Ich sehe nichts, der Ballon versperrt mir die Sicht.“
Ich verdrehte die Augen und sprach: „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir uns ein wenig verlaufen haben.“
Der Ton, in dem ich das sagte, veranlasste den kleinen Mann, den Luftballon vom Gesicht wegzunehmen. Sein Gesicht verfinsterte sich und Tränen traten ihm in die Augen, als er sich umschaute. Die weite Taidra lag vor und hinter uns. Und mein iPod hatte den Geist aufgegeben.

Schuhbändel

Diese Schuhbändel, dachte er und sah auf seine Füsse.
Diese verdammten Schuhbändel.
Im Laufen sah er wie sie schlingerten und bei jedem Schritt um seine Knöchel peitschten. Mit Dreck vollgesogen spritzten sie das Hosenbein hoch und klebten die Jeans an sein Schienbein.
Bei diesem Tempo würde er bestimmt noch einen Unfall machen. Er durfte nicht drauftreten und straucheln. Es wäre wohl besser, er würde sie binden, dachte er.
Diese verdammten Schuhbändel.
Sonst würde noch, bevor er sich versah, etwas Ungutes passieren. Aber so war es doch immer, dachte er und rannte auf seinen Zug, den zu verpassen ihm schwante. So war es doch mit allem.
Man brauchte nur die Schuhe zu binden und man würde den Zug verpassen. Und – ehe man sich versah – war etwas Ungutes passiert.
Diese gottverfluchten Schuhbändel.
Immer wieder klatschten sie aneinander, umarmten sich neckisch und zogen im letzten Moment knapp unter seinen Füssen weg. Im Rennen breitete er seine Beine aus und vollführte schlingernde Bewegungen, damit die Bändel sich nicht ineinander verknoten würden.
Es würde noch etwas Ungutes passieren, ehe er sich versah.
Endlich zog er in die Zielgerade ein und flog über das Perron zum ungeduldig stehenden Zug. Drohend zischten die Türen und schlossen sich.
Diese Schuhbändel!, dachte er im Keuchen.
Es würde etwas Ungutes passieren.
Im letzten Moment erwischte er den noch leuchtenden Knopf. Die Türe schob sich widerwillig auf und er stieg in den Zug. Hinter ihm zwängte sich noch ein anderer Mann hinein.
„Deine Schuhbändel sind offen. Du solltest sie binden.“
Er drehte sich um und sah ihn an, einen ausgesprochen hübschen, attraktiven jungen Mann mit einem süssen Lächeln und einem harten Augenaufschlag.
Er schluckte. Verdammt!
Er würde sich noch versehen, ehe etwas Ungutes passiert war.

Der Satz (V)

[K. rief:]
„Wenn man mich im Bett überfällt, kann man nicht erwarten, mich im Festanzug zu finden.“

Franz Kafka, Der Process

Ohne Titel

Ohne Inhalt.

Familienerbstück

Es war an einem Sonntag, als Rogers Eltern sich entschuldigten, sie würden gerne einen Spaziergang machen. Sie fragten Roger nicht, was ihn im Grunde nicht störte, aber das bedeutete, er musste alleine den Nachmittag mit seinem Grossvater verbringen. Sein Grossvater war ein alter, bärtiger Innerschweizer und seine Wohnung, die sie jeden Sonntag besuchten, roch nach einem Konglomerat von Teppichen.
Roger hatte gerade eine Sendung über Videospiele entdeckt, als sein Grossvater neben den Fernseher stand. Eine Stimme sprach aus dem mächtigen, weissen Vollbart.
„Roger, du musst unbedingt mitkommen.“

In feierlichem Entenschritt ging er Roger voraus in den oberen Stock, der nur dem Grossvater gehörte und führte ihn in ein Zimmer. Mit ständigen Blicken, als ob sie jemand belauschen könnte, begann er grossväterlich:
„Ich glaube, es ist sehr wichtig – da du nun ja schon zwanzig geworden bist – dir davon zu erzählen. Es gibt in unserer Familie einen alten Bauch, der von Generation zu Generation weitervererbt wird, und an dem jeder von uns – wenigstens die männlichen Nachkommen – schon seit Gedenken festhalten. Jetzt ist der Moment gekommen, ihn dir zu zeigen, damit auch du, wenn du älter bist, ihn deinen Enkeln wieder zeigen kannst.“

Mit diesen Worten hob er sein Hemd über die Brust. Unten quollen weisse Haare und eine fleischige Wulst hervor, die in der Mitte, wo der Bauchnabel hätte sein sollen, einen grossen graubraunen, irgendwie wässrig aussehenden Fleck aufwies.
In Angst und Erkenntnis fuhr Rogers Hand an seinen Nabel und klopfte ihn zärtlich ab.

Der Springbrunnenbauer

„Und hier ist das ganz Besondere dieser Villa“, sagte der Immobilienmakler mit einem verschmitzten Lächeln und zwinkerte der Frau zu. Der Mann rieb sich aufmerksam die Hände.
Der Makler stiess mit einem heftigen Schwung, der sein ganzes Gewicht in Anspruch nahm, zwei Torflügel zum Garten auf, von dem sommerlicher Wind hereindrang. Selbstsicher wies er seine Klienten mit einer Geste an, hinauszutreten.
„Wow!“, rief die Frau aus und der Mann blinzelte ungläubig. Seine Hände rieben noch energischer und ein Glanz der Ehrfurcht legte sich auf seine Stirn.
„Der Springbrunnen!“, erklärte der Makler.
Das Ungetüm ragte in den Himmel. In einem Ausmass, für das man gut eine halbe Minute gebraucht hätte, um herumzulaufen, säumte der Brunnen die Mitte des Gartens. Er war mehrstufig und pyramidenförmig aufgebaut, mit allerlei Wasserspeiern und einer Nachbildung der Laokoon-Gruppe unter dem tosenden Wasser, das an allen Seiten hochspritzte und hinunter. Das Rauschen war ohrenbetäubend.
„Nun ja“, meinte der Makler, „Er ist etwas wild, aber durchaus nicht uninteressant. Wir wollten noch einen Handwerker bestellen, um das Wasser etwas zu besänftigen, so dass es ganz sachte hinuntertröpfelt. Eigentlich hätte er heute morgen kommen müssen.“
In diesem Moment stieg aus der Mitte des Brunnens, durchnässt und auf kniehohen Stiefeln ein Mann mit Latzhose hervor, der mit zwei Zangen in der Hand fuchtelte.
„Was machen Sie hier?“, fragte der Makler.
„Ich bin der Springbrunnenbauer“, sagte der Springbrunnenbauer.
„Sind Sie fertig?“
„Nun, nicht ganz, leider. Das tosende Rauschen dieser Quellen – ich kann es nicht anders sagen, es sprudelt aus mir hevor – ist ein Niagara an unbezähmbaren Flüssen und Strömen. Sehen Sie, selbst das Quellen dieser mäandrischen Verquirrlungen überschwemmt das brausende Wasser, in Schwällen spritzt es hoch und netzt die Statuen an. Wässrige Adern von Tropfen bilden sich an ihnen und perlen herab und schnellen im Kreis, sie wirbeln vorbei und schwellen an, es ist mit allen Wassern gewaschen, wenn man es so sagen darf.“
„Hm…“, machte der Makler und musterte seine Klienten, die sich daran gemacht hatten, das Kunstwerk zu betrachten. „Und Sie sind sicher, dass Sie ein professioneller Springbrunnenbauer sind?“
„Der professionellste, den es gibt, wenn ich so sagen darf.“
„So, so…“
„Die Idee für den wasserspeienden Brunnen quoll mir aus den Augen wie eine Krokodilsträne und feuchtete mein Antlitz mit einer Brise kühler Gischt an.“
„Und müssen Sie so reden?“, fragte der Makler.
„Ach, entschuldigen Sie, es wallt einfach so aus mir heraus, wallt, wallt manche Strecke und am Ende werde ich die Wörter, die ich gerufen habe, nicht mehr los. Es ist ein Malström an Verderbnis.“

Facebook-Dilemma (2 asklepiadeische Strophen)

Warum hindert ihr mich, Facebook zu löschen heut?

Euch, euch Fröhliche, störts? Seht die „Gefällt-mir“s an:

fern und fort so entschwinden

meiner Pinnwand sie schnell und kühl.

 

Dieser Zustand der Qual ärgert mich bitterlich

Liegt es, Freunde, am Ton, welcher im Status so

anzubiedern oft wusste?

Nun, so seis drum, ich geb euch nach.