Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Dezember, 2011

Dominik kauft Kondome

Seine Hand zitterte nur ganz, ganz leicht. Er war fast gar nicht nervös. Seine Augen waren zusammengezogen, was verriet, dass er mit sich selbst ein ernsthaftes Gespräch führte.
Der Vater in Dominik sagte: Mach dir keine Sorgen, jeder fängt einmal klein an. Aber Kondome, das muss man einfach einmal gekauft haben. Vergiss nicht, du bist da nicht alleine. Es ist eine Natürlichkeit. Fast alle Menschen haben eine Sexualität. Vor allem Jugendliche. Du brauchst dich nicht zu schämen.
Der Sohn in Dominik sagte: Ich schäme mich nicht.
Und er langte zu, nahm die Schachtel in die Hand, und drehte sie in den Händen. Plötzlich schien das Umgekehrte zu passieren wie beim Nibelungenring: Er wurde durch das Halten der Kondome nicht unsichtbar, sondern tauchte erst auf. Er spürte sofort prüfende Blicke in seinem Nacken und eine Frau in der Nähe, die an der Schlange der Apotheke stand, schüttelte den Kopf, obwohl sie ihn gar nicht gesehen haben konnte. Die Leute warfen beim Ausgang noch einmal einen Blick über die Schulter, um zu sehen, was er gerade in der Hand hielt und ihm schien, die Zeit, um es natürlich wirken zu lassen, dass er eine Kondompackung musterte, verfloss in rasantem Tempo.
Der Sohn in Dominik: Ich schäme mich nicht.
Der Vater in Dominik: Gut so, du brauchst dich nicht zu schämen. Nimm die Kondome jetzt und kauf sie. Lächle zufrieden, die sind professionell, bei denen in der Apotheke kaufen Menschen Puder, der ihren Anus wieder zusammenklebt, oder Medikamente gegen Vorhautentzündungen. Da kann doch das Natürliche – das Normale – gar keine so schlimme Sache sein, nicht wahr? Das ist eine Natürlichkeit.
Dominik stellte die Packung zurück, nahm aber eine andere in Augenschein. Die Zeit verfloss, zerrann, verschwand, immer schneller.
Der Sohn in Dominik sagte: Das ist eine Natürlichkeit? Wie die Natürlichkeit Gottes, die manche verklären? Wie das Böse im Menschen? Wie die kapitalistische Ungleichverteilung? Natürlich wie Krieg und überzüchtete Ziegen, die sofort in Schreckstarre fallen? Natürlich wie giftiges Kohlenmonoxid? Oder natürlich wie man einst Sprache für natürlich gehalten hat – oder die Beweisbarkeit der reellen Zahlen aus der Logik? So natürlich wie Krankheiten und Klimaveränderung? Was ist das überhaupt für ein Argument, dass das eine Natürlichkeit sei?
Der Vater in Dominik sagte: Reiss dich zusammen, Mensch.
Dann stellte sich Dominik in die Schlange und versuchte die Packung auf so natürliche Weise wie möglich zu halten, er fand aber die Höhe nicht: herunterbaumelnd wirkte es zu lässig, angewickelt viel zu verkrampft. Man würde sofort erkennen, dass er das erste Mal Kondome kaufte – und das war es ja, was das Schlimmste an allem war. Dann kam noch der Weihnachtsverkauf hinzu, die langen Drängeleien und die feierliche, keusche Adventsstimmung, jemand hatte eine Eukalyptus-Zimt-Mischung in ein Duftkerzchen aufgegossen.
Langsam kam er vorwärts, während sein Herz weiter nach oben wanderte, bis in den Hals hinauf und je mehr er dachte, dass es keinen Grund zu schämen gab, desto lächerlicher wurde es und je lächerlicher es wurde, desto mehr Grund gab es, sich zu schämen.
Als er ganz vorne an der Kasse angelangt war, hatte ihn die Stimme verlassen.
„Was möchten Sie bitte?“, fragte die Apothekerin mit einem viel zu ernsten Gesicht.
Als ob sie angesprochen wäre, antwortete eine Frau an der Kasse daneben: „Etwas gegen Scheidepilz, bitte.“
Aber wieso denn nur, wieso bitte? Wieso konnte sich Dominik nicht zurückhalten, sie anzuschauen. Dann hätte er wenigstens nicht seine Französischlehrerin erblickt.

„Man ist, was man ist“, sagte sie nach einem kurz beschämten Blinzeln und plötzlich in der grössten lächelnden Natürlichkeit. Mit dieser scheiss Natürlichkeit.

Lesung am 23. Januar

Ich freue mich, euch auf meine zweite Lesung hinzuweisen. Sie wird am 23. Januar in Lenzburg stattfinden und eine Aktion von mir und zwei weiteren Mitgliedern (darunter Yoshi) einer Autorengruppe. Der Titel ist abschreckend, aber wir haben ihn nicht gewählt. Ich bin zuversichtlich, dass wir ihn mit überraschenden Texten kompensieren werden.

Literarischer Kanon. Remixed

Autorenlesung
Montag, 23. Januar 2012, 19.15 Uhr

Das Aargauer Literaturhaus hat zwei Autoren und eine Autorin der «Autorengruppe im ALL» damit beauftragt, sich in einer Gruppenlesung mit individuellen Texten vorzustellen. Die Aufgabe, die sich die drei literarischen Talente Jasmine Keller, Cédric Weidmann und Janos Moser nun gestellt haben, könnte reizvoller nicht sein:

  • Jede/r wählt ein Buch aus dem Kanon der Weltliteratur.
  • Jede/r durchforstet Rezensionen zu diesem Buch.
  • Auszüge aus verschiedenen Rezensionen werden zu einem Kurztext montiert.
  • Die Textmontagen werden unter den Autoren vertauscht.
  • Jede/r antwortet auf die ihm/ihr zugeteilte Montage mit einem eigenen Text.
  • Anlässlich der Lesung werden erst die Montagen, dann die eigenen Texte vorgetragen.
  • Im Anschluss an die Lesung wird verraten, welches Buch Grundlage für die Montagen und die eigenen Texte war …

Was für eine Ausgangslage für ein ebenso spannendes wie riskantes Schreibexperiment!
Begrüssung: Ulrike Ulrich, Programm-Assistenz Literaturhaus

Eintritt: Fr. 15.–/ Fr. 10.–

Link

Spiegelgedicht

Sie. Ein Handy vibrierte unhörbar.
Es lag auf einem wild ausgezogenen
und hingeworfenen Pullover. Er
verschluckte das Rütteln des Telefons.
Auf dem Bett daneben lagen
sie aufeinander und schichteten
und küssten sich innig.
Sie hörten keine Vibration,
noch spürten sie Angst
zu abgelenkt waren sie vom Lächeln
ihres Gegenübers und der Erinnerung
an den Abend gestern, den sie aus der
Vergessenheit angelten wie einen Fisch.
Ihre Füsse glitten an den Beinen hoch.
Sie hatten selten so herzlich gelacht.
Dann stand sie auf, entknitterte sich
und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Sie sagte, er solle, wenn möglich,
bald aufstehen. Sie müsste zu ihrem
Freund zurück. Was sie ihm wohl
wieder erzählen würde? Dass sie
bei einer Freundin übernachtet hätte?
Er lächelte nicht und gab nicht
Antwort, er war es nicht hier,
der zu antworten hatte.
Er fuhr mit der Hand über die Brust
und murmelte in die Luft, das von
den Federn des Kissens getrübt war,
einen Satz ohne Punkt und ohne Wort.

Sie zog durch die Strassen und streichelte
im Windzug des Sommers das Ohr.
Sie hatte darauf geschlafen und es war
wie Origami gefaltet und geknickt.
Sie wusste, sie müsste bald einen Punkt machen
aber wo und bei welchem Satz, das wusste sie
noch nicht.

Er. Er fuhr mit der Hand über die Füsse
Sie schichteten sich auf den Federn des Kissens
Dann stand er auf und entknitterte die Stirn
und die Brust und murmelte, er solle,
wenn möglich, einen Punkt machen,
er wüsste schon wo.
Gestern, der Abend und die Erinnerung
glitten die Luft hoch und lagen aufeinander
und innig küssten sie sich, noch nicht abgelenkt
von Vergessenheit und Angst
wie ein Satz einen Windzug verschluckte oder
ein Kuss das Ohr des Gegenübers.
Sie müsste ihrem Freund erzählen, dass
sie bei einer Freundin übernachtet hätte
aber sie wusste, er gab wild Antwort,
unhörbar bei welchem Wort er bald
den Satz wie Origami gefaltet und geknickt hatte.
Er lächelte nicht, denn er war es hier,
der zu antworten hatte.
Was wohl ein Fisch antworten würde?
Er gab sie auf.

Das Rütteln des Sommers vibrierte
noch nicht in den Strassen. Und
ohne Vibration zog er noch zu bald
den Pullover zu. Auf einem ausgezogenen
Bett lag ein Handy. Er spürte es nicht an den
Beinen, abgelenkt streichelte er den Punkt
an dem sie geschlafen hatte.
Darauf angelte er einen Satz aus seinem Mund
und, ohne vom Lächeln des hingeworfenen Telefons getrübt
aufzustehen, hörte er nicht darauf.
Kam sie zu ihm zurück, ohne Angst?
Ohne Punkt und ohne Satz gab es kein Wort.
Und ohne sie gab es keinen Punkt.
Sie hatten herzlich so selten gelacht.

Womit wir sind

Mit den Händen, mit denen wir masturbieren, wählen wir unsere Parlamentarier.

Mit dem Mund, mit dem wir küssen, sprechen wir von Massenvergewaltigungen im Kongo.

Mit den Augen, mit denen wir weinen, gucken wir uns Das Supertalent an.

Mit dem Fuss, der uns trägt, stossen wir Schneckenhäuser kaputt.

Mit dem Kopf, mit dem wir lieben, haben wir unsere Nachbarn umgebracht.

Mit dem Vertrauen, das wir in uns haben, haben wir Fukushima gebaut.

Mit dem Gedanken, mit dem wir nie Frieden schlossen, haben wir uns angefreundet.

Der Notfallplan

An den, der vor zwei Tagen auf meinen Blog gestossen ist, weil er folgenden Suchbegriff eingegeben hat:

freundin schlug mir versehentlich ein glas ins gesicht

1. Keine Panik.

2. Bringe in Erfahrung, ob du blutest (a) oder nicht (b).

2a. Bringe in Erfahrung, ob du Schnittwunden (a1), Schürfungen (a2) oder dir auf die Zunge gebissen (a3) hast.

2a1. Konsultiere einen Arzt.
2a2. Konsultiere einen Arzt.
2a3. Ay, das tut weh! Konsultiere einen Arzt.

2b. Bringe in Erfahrung, ob der Schlag dafür zu schwach war (b1) oder du zu stark (b2).

2b1. Gehe zu Schritt 4.
2b2. Sicher? Gehe zu Schritt 3.

3. Du bist krass, der Schlag war hart, aber du noch härter. Du kannst dich mit Punkt (5) auseinandersetzen.

4. Wenn du wehleidig bist, gehe zu (a), wenn du ein Achill bist, springe zu (5).

4a. Trainiere dein Gesicht. Wie das geht? Schlag zu! Gehe dann zurück zu Schritt (2).

5. Bringe in Erfahrung, ob unter „versehentlich“, „versehentlich“ (a) oder „„„versehentlich“““ (b) zu verstehen ist.

5a. War in dem Glas Alkohol drin (a1), eine Säure (a2) oder ein anderes Getränk (a3)?

5a1. Du solltest dir überlegen, besser auf deine Freundin aufzupassen.
5a2. Gehe sofort zu Schritt (5b)!
5a3. Hat deine Freundin motorische Störungen (a3a) oder in letzter Zeit zu viel Stress für ein Gespräch (5b).

5a3a. Ay, scheisse! Dann solltest du es dir ja gewöhnt sein. Gib ihr besser kein Glas in die Hand.

5b. „„„Versehentlich“““? Ist das nur deine eigene Einschätzung (b1) oder auch die deiner Freundin (b2).

5b1. Gehe zu Schritt (6).
5b2. Wenn du wirklich ein Achill bist, gehe zu (7), sonst zu (6b).

6. Nimm die Jacke und geh raus so wie es dir am besten passt: allein (a) oder mit deiner Freundin (b).

6a. Renn über alle Berge und bewaffne dich das nächste Mal.
6b. Geht zum Paar- oder Aggressionstherapeuten.

7. Reiss dich zusammen, Mann!

Bitte für die rasche Hilfe!

Ach, dieses – ach!

Und dieses Seufzen, das es gibt, wenn ich den Mund aufmache, dieses Seufzen, das immer herauskommt.
Das ist ein seltsames Seufzen, das.
Ach, und dieses Keuchen, das immer so gequält herausdringt, als gehörte es zum Atmen, obwohl ich glaube, dass ich es nur zum Atmen dazuerfunden habe.
Es ist ein elendes Keuchen.
Und dieses Jammern, dieses klägliche Jammern, dieses Winseln, ach dieses Winseln, dieses Weinen, dieses Klagen, dieses Heulen, dieses Zähneklappern, das mir immer über die Lippen gerät, wenn ich etwas sagen will.
Dieses Quängeln, dieses Stöhnen, dieses Winseln, ja, dieses Stöhnen, das mich bei jeder Bewegung überfällt.
Und dieses Heulen. Und das Jammern.

Aber, ach, eigentlich ist es bloss das Seufzen, das mir über die Lippen kommt.
Den Rest denke ich nur.

Liebe Blog-Leser

Damit ihr nicht vergesst, dass ich auf euch angewiesen bin, und dass ich jeden bewundere, der sich die Zeit nimmt, mich zu besuchen, bin ich darauf angewiesen, dass ihr mit mir in Kontakt tretet.
Jetzt keine Angst!
Ich habe etwas herumgebastelt. Es gibt jetzt ein Bewertungssystem – jetzt kriecht dann der Literaturprofessor aus der Ecke und schreit: „Literatur kann man nicht bewerten“ -, aber wir alle wissen, dass das nicht wahr ist.
Sagt, wie ihr euch fühlt und was ihr von meinen Texten hält, indem ihr die Sternchen unter den Artikeln kurz anklickt.
Dann wird die Sache nicht nur übersichtlicher und relevanter – zu alldem müsst ihr bei fleissigem Einsatz bald nur noch die Sachen lesen, die anderen gefallen haben.

Ich danke an dieser Stelle nocheinmal allen, die hier regelmässig und still vorbeischauen. Ihr entgeht mir nicht (denn ich hab Statistiken, hehe)!
Ich habe euch eine Weile lang etwas ausser Acht gelassen und dafür möchte ich mich entschuldigen. Aber wir können uns noch einmal eine Chance geben, nicht wahr?

Die Folter

Halbschläfrig leuchtet
die Lampe für den Erwachenden.
Corn Flakes fallen stumm
in die Schüssel
und lechzen trocken
nach ausbleibender Milch.
Das ist dem Leben
die Folter.