Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Januar, 2012

Früh sterben

Es blieb nicht viel vom Beerenkuchen übrig. Als die Mutter nach Hause kam, sah sie Kevin, der noch mit vollen Backen den Teig zu Krumen kaute, und im Schneidersitz auf dem Küchentisch sass.
Sie seufzte und fuhr sich über die Augenringe, wie sie es bereits den ganzen Tag getan hatte, in der undeutlichen Hoffnung, dass sie verschwinden würden. Sie stellte die Einkaufstaschen ab und zog Kevin harsch am Arm.
„Kevin! Wieso hast du den ganzen Kuchen gegessen? Schon wieder! Hab ich dir nicht gesagt, dass ich ihn als Geschenk mitbringen werde? Überhaupt magst du doch gar keine Beeren!“
Kevin versuchte etwas zu sagen, aber statt Worten entschlüpfte nur ein roter Klumpen seinem Mund, der mit einem unangenehmen Geräusch zu Boden fiel.
„Was ist bloss mit dir los?“, fragte seine Mutter, aber sie sprach zu ihm, als hätte dies keinen Sinn mehr. „Was habe ich bloss mit dir falsch gemacht? Ich habe dich doch in den Kindergarten geschickt, mit anderen Kindern zusammengebracht, ich habe dir Geschichten vorgelesen, dir Bücher gebracht -“
Hier brach sie ab, denn ein plötzlicher Gedanke durchkreuzte ihr Gerede.
Nach einer Weile des Kauens hatte sich Kevin genug Platz freigeschluckt, um einige Worte hervorzustammeln, die er folgendermassen ersuchte:
„Ich – habe den – Kuchen nicht gegessen.“
Seine Mutter sah ihn mit dem Blick an, den Eltern ihren Kindern zuwerfen, wenn sie hoffnungsvoll daran zweifeln, dass sie Eltern von diesem Etwas seien. Kevin fand, man brauche ihm nicht so einen fatalistischen Blick zuwerfen und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
Schon wieder seufzte die Mutter und liess von ihm ab. „Ja. Natürlich hast du den Kuchen nicht gegessen.“
Und sie begann, den Inhalt ihrer Einkaufstasche in den Kühlschrank einzuräumen.
„Weisst du“, sagte sie, „es ist nicht nötig, Dinge abzustreiten die auf der Hand liegen. Wenn klar ist, dass du den Kuchen gegessen hast, macht es keinen Sinn, das Gegenteil zu behaupten.“
Kevin entschloss, dass sie recht hatte, und entschied sich für eine andere Strategie. Er trat, als sie sich umgedreht hatte und nach verbliebenem Platz im Kühlfach suchte, mit seinem Fuss gegen das Bein seiner Mutter, die lauthals aufschrie. Ihr Gesicht lief rot an und auf ihrer Lippe überschlugen sich die Beschimpfungen, so dass am Ende keine einzige ihren Mund verliess. „He! Wieso machst du so etwas?! Sag es mir! Sprich mit mir! Was habe ich falsch gemacht? Habe ich dir irgendeinen Grund gegeben, dass du mich treten musst?“
Sie schloss den Kühlschrank und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Kind. Kevin zog Rotz die Nase hoch und wiegte den Kopf hin und her.
„Und! Du weisst genau, dass du fett wirst, wenn du ganze Kuchen isst. Das gehört sich einfach nicht, für ein achtjähriges Kind. Das ist krank. So wirst du ganz früh sterben. Sterben, hörst du?“
Kevins Miene änderte sich nicht.
„Warum? Und warum trittst du mich?“
Sie seufzte noch einmal und fuhr sich über die Augenringe. Sie wartete noch auf einen Anruf, er musste jeden Moment kommen. Ihr Puls war schon den ganzen Nachmittag auf Hochtouren und sie fühlte sich, als stünde sie vor einem riesigen unaufgeräumten Zimmer und der Besuch stünde gerade vor der Türe. Sie atmete langsam tief aus und ein, um sich zu überzeugen, dass sie sich keinen solchen Druck zu machen brauche. Es war ein ganz normaler Anruf. Ausserdem hatte sie den Einkauf schon erledigt. Sie sah also streng Kevin an und hoffte, dass er nachgeben würde.
Irgendwann, nach etwas mehr als fünf Minuten, mussten Kevins Beine zu wenig Blut gehabt haben, deshalb sah er seine Mutter an und erklärte: „Ich habe den Kuchen nicht gegessen.“
Seine Mutter nickte, nicht sicher, was sie davon halten sollte. Sie wünschte sich, sie hätte ihm einfach so glauben oder ihm, vielleicht, ohne Konsequenzen eine Faust ins Gesicht schlagen können. Stattdessen lenkte sie um.
„Die Eltern von Thomas und Sven haben mit mir gesprochen. Ihnen war aufgefallen, dass sie blaue Flecken hatten, nachdem sie mit dir gespielt haben. Kannst du mir das erklären?“
Kevin sprang vom Tisch und sah zu Boden, sein Gesicht war rot und verzerrt vor Gram.
„Sie sagen nicht, woher sie diese Flecken haben, aber Angelika, die Mutter von Thomas, hat beobachtet, wie du ihn auf den Sandkasten geschubst hast. Du weisst aber hoffentlich, dass man so etwas nie, nie machen darf. Nie, hörst du!“ Bei den letzten Worten schrie sie so verzweifelt, dass sie sich selbst verängstigte. Kevin stierte weiterhin auf die Kacheln in der Küche und suchte ihr Muster nach einem Spiel ab, das man darauf spielen könnte.
„Du bringst mich echt zur Verzweiflung“, sagte seine Mutter. Dann klingelte das Telefon und weil sie so überrascht war, rannte sie fast zur Tür hinaus. Im Rahmen hielt sie jedoch inne und schaute sich zu Kevin um, der sie mit kalten Augen anfunkelte. „Möchtest du noch etwas sagen?“, fragte sie halb angriffslustig halb aus schlechtem Gewissen, weil sie so schnell hatte verschwinden wollen.
„Ich habe den Kuchen nicht gegessen.“
Und Kevin fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, um die letzten Reste der Beeren vollständig und für immer durch seinen Magen zu entfernen.

Ich bin ein Helikopter

Kevin beobachtete die anderen Kinder im Sandkasten.
Thomas schob sein neues Modellauto den Berg hinauf. Es knirschte und krrrte, weil sich der Sand im Rad verfangen hatte. Sven sprang unter Hubschrauergeräuschen einen Angriff auf Thomas Fahrzeug.
„Was soll das?“
„Ich bin ein Helikopter.“
„Du kannst nicht einfach ein Helikopter sein, du siehst nicht einmal wie einer aus.“
Da stand plötzlich Kevin auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
Dann spuckte er auf Thomas‘ Fahrzeug und trat solange unerbittlich auf den Sandberg ein, bis der Sandkasten wieder einer Ebene glich.
„Warum bist du immer so, Kevin?“, fragte Thomas und weinte.
Kevin ging auf Sven zu, der ihn nur verdutzt ansah und stiess ihn zu Boden in den Sandkasten. Sven begann nicht zu heulen, aber seine Miene war bestürzt.
„Der spinnt doch“, zischte Sven dem heulenden Thomas zu.

Kevin. Die Geschichte eines Aufrichtigen.

In der nächsten Woche bin ich weg.
Trotzdem werden auf meinem Blog – sofern alles klappt wie es soll – jeden Tag um 18:00 Uhr ganz kleine Einblicke ins Leben Kevins erscheinen. Die Texte sind kurz, gewissermassen seicht und im Laufe des letzten halben Jahres entstanden.
Kevin, übrigens, ist ein Aufrichtiger. Ein aufrichtiges Arschloch – das es noch weit bringen wird. Und die Erlebnisse mit seinen Mitmenschen werden hier möglichst wortgetreu wiedergegeben. Viel Spass damit!

Eine Verhaltensstudie

Zwei Menschen sitzen in einem Raum und diskutieren ein Buch. Zwei Experten schauen zu und machen sich Notizen. Das ist alles.

Die wilden Hühner

Eine Übertreibung ist m.E. ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann sich geradezu in jeden der drei verlieben, obgleich sie so unterschiedlich sind. Und ihre Melodie. Hier werden die lichten und die dunklen Seiten des Daseins und der menschlichen Natur – die Spannbreite zwischen Heiligkeit und Verbrechen – eindrucksvoll verarbeitet und ausgeführt. Leget die antiquarischen Ausgaben endgültig beiseite!

Zögernd schloss er die antiquarische Ausgabe, die vor ihm aufgeschlagen war, und legte sie endgültig beiseite. Ein Geruch alten Papiers stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an zu Hause – weiss der Teufel warum, schliesslich rochen alte Bücher überall gleich: schwer, dunkel, rauchig, bröckelnd und das Frühere, Baumartige steigt im Bouquet wieder hervor. Was für ein Unsinn, dass man den Geruch überhaupt mit Büchern verband, war er doch nicht mehr als Staub, bröselnder Milbenkot und halbzersetztes Kompostgut – nichts, was mit einem intellektuellen Kulturgegenstand auch nur in nähester Beziehung gesetzt werden musste.
Um diesen Gedanken richtig zu fassen, oder eigentlich abzuwägen, ob er es wert wäre, gefasst zu werden, lehnte sich Herr Ferdinand zurück und faltete seine Hände über dem dicken Bauch.
Draussen vor dem Fenster tobten die Hühner des Nachbarn. Sie gackerten verzweifelt und krank, ihr Besitzer hatte sie wieder nicht gefüttert.
Das war seit Jahren so. Und er hatte sich problemlos daran gewöhnt. Was Herr Ferdinand auch immer tun würde, still litten die Hühner seines Nachbarns im Garten. Ihr Kot war gelb und oft lagen sie träge im Dreck, zu müde, den Hals zu heben. Dort atmeten sie flach und übten stundenlang den elendesten Blick ein, den die Welt je gesehen hatte, und den sie, wenn sie ihn zur Spitze getrieben hatten, wie ein Stossgebet in den Himmel schickten. Nur die Nacht, die Angst und der Hunger konnten ihr Phlegma vertreiben und eine Szene vollständiger Bizzarerie bot sich im kleinen Käfig zur Schau. Dann bäumten sie sich auf, schrieen, gackerten und schlugen sich die Schnäbel aneinander wund.
Von den einst sechsen, waren es noch drei magere Hühner, die vor seinem Fenster gackerten (gokelten) und keiften. Die anderen waren gestorben und, den Gerüchen nach zu urteilen, in einer nahen Hecke deponiert worden. Die älteste von ihnen, die, so konnte er vom Sofa aus sehen, sich kampflustig aufrichtete, hatte ädrige Augen, ihre Gelenke knarrten und die Beine stiessen aus dem zurückweichenden Körper wie bei einer Sonderform des Zahnfleischrückgangs.
Die jüngste dagegen war einst eine stattliche Henne gewesen. Sie war immer klein geblieben, aber hatte kräftige Knochen und lebhaftig schlagende Flügel. Jeden Tag legte sie ein Ei der besten Sorte und sie reckte bis zum Nachmittag den Kopf so stolz empor, als hätte sie auch vier legen können, wenn man sie nur unterwürfig darum gebeten hätte. Heute hatte auch sie der Hunger zerschlagen, ihr Hals war gebeugt und sie atmete besonders langsam und schwer, als hätte sie ein Loch in der Lunge.
Die mittlere schliesslich war eine eigene Form des Huhns und würde man Gattungen nach Verhalten eingrenzen statt nach anatomischen Eigenheiten, so wäre diese ganz bestimmt nicht unter jene der Hühner gefallen. Wenn es Nacht war, kam ihre Stunde. Sie erklomm den obersten Platz, der sich finden liess und betrachtete den Mond. Sie tat das so still und langsam, dass Herr Ferdinand oft dachte, das Tier sei gar nicht mehr am Leben. Aber selbst wenn es noch so lang dauerte, ja, geradezu immer wenn man es nicht mehr glaubte, bewegte sich der Kopf und es begann zu keifen und zu schreien. Herr Ferdinand hatte früher geglaubt, ein Fuchs sei unterwegs und schrecke sie jede Nacht hoch. Aber vermutlich gab es gar keinen Fuchs. Vermutlich handelte es sich um ganz andere Dinge, die die mittlere Henne aus dem Konzept brachten. Um Dinge, die er nicht richtig zu verstehen meinte: zum Beispiel wenn sich eines der anderen Hühner falsch bewegt hatte oder es einen anderen, als den in seinem Kopf bereits festgesetzten Ablauf ausführte, erschreckte sich das Huhn und hielt, von oben tobsüchtig Schreie ausspeiend, alle zur Besserung an. Herr Ferdinand war sich nicht sicher, ob die beiden anderen Hennen die Probleme der dritten verstanden, geschweige denn sie für ganz richtig im Kopf hielten. Erst wenn alle mit klagendem Winseln Läuterung versprochen hatten, kehrte das Huhn jeweils zurück auf den Boden und legte sich schlafen, wobei nicht in jedem Moment klar war, ob es schlief oder wach war, denn die Augen blieben ungeschlossen, klar und in den Himmel stierend. Wenn der Mond in einer Nacht nicht aufging, dann rannte die mittlere Henne durch das Gehege und liess durch das Herumstakseln keine Ruhe – und doch tat es dies ohne einen Laut auszustossen.
Diese drei Geschöpfe hatten sich nun unruhig erhoben und debattierten mit durstigen Kehlen, jedes mit seiner eigenen, von Hunger gebeutelten Logik argumentierend und einander auf die eigenartigste Weise widerlegend – mit Flügelschlagen, wenn ein Gackern gereicht hätte und umgekehrt. Selbstverständlich war die Situation angespannt. Von oben, auf einem Brett, das auf einer Wassertraufe lag, schrie die Mittlere. Unten stürzte sich die Alte im Kampfeseifer auf die Jüngste, die, fast gelangweilt, mit halbherzigem Schnabelwetzen das Spiel mitspielte. Der Streit war so langsam und schwach, dass es aussah, als fände er unter Wasser statt. Nur unter grösster Anstrengung konnten sich die Tiere ereifern, aber sie taten es täglich wieder.
Man konnte sich geradezu in jede der drei verlieben, obgleich sie so unterschiedlich waren, fand Ferdinand. Und es wäre nicht zu viel behauptet, wenn man es ihm selbst unterstellte. Manchmal, wenn er abends, nach einem mühsamen Arbeitstag aus dem Fenster sah, betrachtete er das Geschehen und es hatte für ihn oft den Anschein, als wären sie alle gesund und ihr Verhalten normal. Er begann sich mit dem gequälten Gesichtsausdruck und den eingeschrumpelten Augäpfeln anzufreuden, denn im abendlichen Sonnenschein sahen sie aus, als würden sie ihm zuzwinkern. Ausserdem hatte er in ihnen Leidensgenossen gefunden, denn wenn er abends am Fenster stand und sich einsam fühlte – so einsam wie die wenigsten Menschen – und müde war von der Baustelle, auf der er Ziegelsteine geschleppt hatte, hatte er wenigstens diese drei, mit denen man so völlig gemeinsam im Elend schwelgen konnte.
Und ihre Melodie. Das Winden und Räkeln ihrer eingeschrumpften Luftröhren. Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte, wollte man nie mehr eine Nacht ohne sie verbringen. Für manche war es das Ticken der Uhr oder das Rauschen eines Baches in der Nähe, das sie abends in friedliche Ruhe versetzte. Aber diese Menschen, dachte Herr Ferdinand, hatten wohl nie das Krächzen und Flügelschlagen dieser halbtoten Vögel gehört. Es war geradezu hypnotisierend. Und irgendwann, auf Dauer bestimmt, war ein Schlafen ohne solche Geräusche, mühsam und störend.
Ferdinand wollte aus dem Sofa aufstehen, denn, das wusste er wohl, auf dem Sofa würde er mit Denken zu keinem vernünftigen Ende kommen.
Mehr aus Langeweile und Abenteuerlust, beschloss er zu seinem Nachbarn zu gehen und ihn zur Rede zu stellen.
Als er zu dem kleinen, gepflegten Haus spazierte, fand er, dass er das Leiden dieser armen Tiere zu lang mitangesehen hätte und dass es nun ein Ende nehmen müsste. Allerdings dachte er das mit einer spitzbübischen Interesslosigkeit und war sich selbst nicht sicher, wie ernst er das meinte. Manchmal, dachte er, musst man einfach so tun, als hätte man eine Überzeugung.
Ein alter Zoologie-Professor öffnete die Tür.
„Guten Tag, ich bin Herr Ferdinand. Ihr Nachbar“, stellte er sich vor.
„Hallo. Ich bin der Zoologie-Professor“, sagte der Zoologie-Professor und runzelte die Stirn hinter seinen dicken Brille.
Herr Ferdinand erschauerte. Der Mann war gross und gebückt. Er trug einen weissen Labormantel und hielt in der linken Hand ein altes Buch. In der rechten war etwas Weisses, das zappelte und zuckte und das Ferdinand nicht richtig erkennen konnte, selbst wenn er es angestrengt versuchte. Es hätte gleichermassen eine Packung Milch oder eine… eine Laborratte sein können. Sein Gesicht sah von oben auf Herrn Ferdinand hinab und seine dicken Wangen leuchteten Rot, so dass Ferdinand sich einen kurzen Moment wie eine Schildkröte vorkam, die sich unter einer Wärmelampe suhlte. Der Nachbar schien sich unentwegt zu räuspern und aus seiner Stirn traten Schweisstropfen, wobei nicht zu entscheiden war, ob die Hitze seines rotglühenden Gesichts sie aus den Poren presste oder ob sie von der Anstrengung herrührten, das kleine weisse Etwas in der Hand festzuhalten. Ein dickglasiger Zwicker säumte seine knochige Nase. Und da war noch etwas Spezielles mit der Nase. Da waren die Nasenhaare.
„Was wollen Sie hier? Sind Sie ein neuer Nachbar? Und wollen sich etwa vorstellen! Freut mich. Ich bin der Zoologie-Professor. Wenn Sie eine Frage bezüglich Tiere haben, dann lesen sie in einem Buch nach, für Fragen bin ich nicht zuständig. Und für Fragen aller anderer Art wenden Sie sich besser an eine Fachperson. Auf Wiedersehen.“ Der Alte lachte in sich hinein und wollte die Türe schon schliessen. Doch Ferdinand war übermütig genug, den Mann zurückzudrängen und ihn am Schliessen zu hindern. Aus dem Käfig um die Ecke erklang das Krächzen der drei Hühner.
Als Herr Ferdinand sein Problem erklärt hatte, zog der Professor seine Brille aus und putzte sie mit einem mühsamen Atmen, das seinem Ringen um simple Begriff Ausdruck verlieh.
„Ich glaube, Herr…“
„Ferdinand.“
„Herr Nachbar. Sie haben die Eigentümlichkeiten der Sache nicht ganz begriffen.“
Und mit diesen Worten setzte sich der Professor in Bewegung und steuerte auf den Käfig zu. Herr Ferdinand folgte ihm. Aus einer nahen Hecke drang der Geruch von totem Tier.
Der Professor fuhr fort und streichelte dabei den Gitterkäfig. Daraus drangen unentwegt die Schreie sterbender Tiere. „Was sie verspüren ist ein ganz natürlicher Unmut, dem jeder Genasführte vom Bildungsstand eines Ihrigen naturgemäss anheim fällt. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Dieser Käfig ist in bestem technologischem Zustand und die Hühner in meiner Obhut bestens versorgt. Ich habe diese Tiere mein Leben lang studiert und gross gezogen. Sie verstehen diese Hühner nicht wie ich.“
Das sah Herr Ferdinand ein und er zuckte unentschieden mit den Schulternblättern.
Der Zoologie-Professor war eindeutig ein Zoologie-Professor. Diese Aura, die die lichten und die dunklen Seiten des Daseins und der menschlichen Natur ausbreitete. Die zuckende Laborratte in seiner Hand. Das alte Buch. Der Zwicker. Und natürlich die Nasenhaare. Die ellenlangen Nasenhaare, die gezwirbelt und gewunden waren, mit Vertrocknetem an den Spitzen. Herr Ferdinand hatte noch nie etwas so Eigenartiges gesehen, das gleichzeitig so natürlich und passend wirkte. Es musste Gottes Schöpfung oder eine Fügung der Evolution sein. An manchen Stellen beschrieben die dünnen Härchen Bögen und Kurven seltsamster trigonometrischer Funktionen, irgendwo in der Nähe der Oberlippe hätte er ein Möbiusband und daneben eine Mandelbrot-Menge entdecken können. Aber Herr Ferdinand hatte noch nie von fraktaler Geometrie gehört. Angesichts der Anmutigkeit dieser Haarverzwirbelungen gab es jedoch auch für ihn genug zu entdecken: eine Miniaturnachbildung eines Wendeplattenbohrers und eine kranenförmige Konstruktion in der Nähe des rechten Nasenflügels.
In diesen Nasenhaaren war die Spannbreite zwischen Heiligkeit und Verbrechen eindrucksvoll verarbeitet und ausgeführt.
Der Professor fügte stolz hinzu: „Ich würde sogar sagen, es hat noch nie so kräftige und gesunde Hühner gegeben.“
Ferdinand starrte zum wächsernen Hals der alten Henne, der verschrumpelt an der Wirbelsäule klebte und abzublättern drohte.
Er rieb sich die Nase. „Finden Sie nicht, dass Sie etwas übertreiben?“, fragte Herr Ferdinand dann.
Als fühlte er sich erniedrigt, lehnte sich der Professor vor bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit vor dem seines Nachbarn war. In ärgerlichem Ton beissender Überkompetenz schwang er seine Bildung wie eine Keule über dem Kopf.
„Eine Übertreibung ist m. E. ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte er.

Der Satz (VIII)

Der tatsächliche Akt des Formalismus führt zu dem Resultat, dass jedes die Arithmetik enthaltende System seine eigene Syntax formalisieren kann.

Jean Cavaillès, Über Logik und Theorie der Wissenschaft

Black Buffalos

Aber als Brandy O‘ Dougan die Bowlingkugel aus der Hand rutschte und Willy „Janky“ Joe aufschrie, brach ein Tumult los. Harry zog O’Dougan eins mit dem Kegel über den Kopf und Pete the Stone Eater brach – von dem ständigen Geschrei Willy Janky Joes und O’Dougans genervt – Harry die Nase.
„He, he! hört alle mal her!“, rief Scumbag Stewie und stellte sich auf einen Tisch.
„Ich finde so geht das nicht weiter. So – mit dieser Einstellung – werden wir die Grey Bulls nie schlagen. Und überhaupt! Es hat doch keinen Sinn. Zweimal in der Woche kommen wir hierher, trinken uns die Rübe voll, essen aufgewärmte Pizza und plaudern darüber, ob Willy Janky Joe noch mit seiner Schnecke zusammenbleiben sollte.“
Willy Janky Joe zuckte plötzlich zusammen, während er leise jammerte und seinen Fuss massierte.
„Und dieses ganze Bowlen hat doch keinen Sinn. Seht es doch ein. Wir werden es nie zu etwas bringen.“
Für einen Moment herrschte eine gefährliche Stille im Raum und O’Dougan, der in seinem Leben bereits zwei Motorräder in derselben Linkskurve verschrottet und dabei keine Träne vergossen hatte, schien kurz davor, seine Fassung zu verlieren und loszuflennen. Doch dann schlug Harry ohne Vorwarnung Scumbag Stewie von hinten mit der Bowlingkugel auf die Rübe und sie flüchteten alle in grosses Gelächter.
Da hatten die Black Buffalos gerade noch einmal Glück gehabt.

Dieser Aufzugsgeruch

Du kennst das. Es gibt doch immer diesen Geruch. Diesen ganz bestimmten Geruch.
Immer wenn du in einen Aufzug gehst, ist da dieser Geruch und du weisst nicht woher. Das ist der Aufzugsgeruch.
Und dann gehst du da rein und denkst dir, nun ja, ich wars erstmal nicht und wenn du dann so um dich schaust, siehst du meistens irgendjemanden, der noch drin steht, aber den du erst nicht gesehen hast. Ich weiss auch nicht warum, aber du hast den einfach nicht gesehen. Meistens wars so eine kleine alte Frau, die ganz weit oben wohnt und eine Einkaufstasche trägt. Und weil sie so klein ist und so einen steifen Nacken hat und sowieso ganz misanthropisch und unfreundlich ist, sieht sie dich auch nicht an, wenn du einsteigst. Sie bewegt sich nicht. Sie stinkt nur.
Und wenn die Tür zugeht, weisst du, dass es zu spät ist zum Aussteigen und denkst dir: Nicht die Frau anschauen, sonst weiss sie, dass der Geruch von ihr ist und das muss sie jetzt nicht unbedingt.
Dann gibt es die Pause. Bis die Tür zugeht. Immer zwei Sekunden länger, als man es gerade noch ausgehalten hätte. Und du drückst den Knopf zum dritten, vierten, fünften Mal. Das ist die Aufzugspause, die kennst du auch.
Und dann gibt es dieses Ruckeln, wenn der Aufzug losfährt, du hältst dich bereit, um die alte Frau aufzufangen, für den Fall, dass sie umfällt, sogar wenn du dir die Hände waschen musst und irgendwie fällt sie doch nie um und irgendwann merkst du, dass es eigentlich seltsam ist, dass die Frau nach oben fährt, denn war sie nicht eben nach unten gefahren?
Und kommst du auf deinem Stockwerk an, gibts wieder die Aufzugspause, in der du dir überlegst, was du der alten Frau sagen sollst, denn die Einkaufstasche trägst du ihr bestimmt nicht mehr zur Haustür – erstmal fragwürdig, ob sie überhaupt hier wohnt – aber als Gegenleistung, solltest du wenigstens freundlich sein, ich meine, hey, immerhin ist es doch die Aufzugsfrau, die hast du bestimmt schon einmal getroffen und dann beschliesst du erstmal, nett zu ihr zu sein und sagst auf wiedersehen und machst – das machst du immer, nicht wahr? – den Fehler, zu ihr zurückzusehen, wo sie die Zähne fletscht und an den Boden starrt und weiter den Aufzug vollstinkt. Und du wirst wütend und frustriert und hast Angst davor alt zu werden und sagst: Ich werde aber garantiert ins Altersheim gehen und erstmal nicht eine Wohnung nehmen, die einen Aufzug braucht. Ausserdem nimmst du dir vor, regelmässig zu duschen und wenn es das letzte ist, was deine brüchigen Knochen zulassen.
Ich kann dir jetzt aber was sagen, das du noch nicht weisst.
Die Frau, die ist vom Hausbesitzer da reingemacht worden. Der Gestank, der ist aufsprüht. Ich schwörs dir. Wer würde es wagen, sie je hinauszuschicken, die alte, gekrümmte Frau mit der Tüte. Wer würde ihr sagen, dass sie stinke? Und wer, ausser ihr, würde dich daran hindern, den Aufzug zu verschmutzen oder ihn gar zu nehmen und Strom zu sparen. Stattdessen die Stufen zur Wohnung aufzusteigen. Man will doch ohnehin immer ein paar Kilo abnehmen und es tut dir auch gut, wiedermal zu laufen, vielleicht bist du ja diesmal schneller als der Lift, aber das bist du nicht.