Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: März, 2012

Seis drum!

Es atmet der Taucher
ein
vor dem Sprung.

Seis drum!

Dass hinten ein Monster
Angst
ihm gemacht.

Goodreads

Seit einer guten Viertelstunde nutze ich jetzt Goodreads. Ganz einsam bin ich da und finde mich noch nicht vollkommen zurecht. Es ist eine Plattform, um Bücher zu „raten“, Empfehlungen zu erhalten und sich darüber auszutauschen.
Klingelts? Das war meine Idee! Ich habe schon vor drei Jahren von so einer social plattform gesprochen! Aber da geht es mir wie so vielen – wer hat nicht schon etwas erfunden, was schon erfunden war?
Ich jedenfalls find das Konzept schön, wenn es das für Musik und Filme gibt, wieso dann nicht für Literatur. Selbst gegen das „Raten“ hab ich nichts (man verleiht dabei 1-5 Sterne wie in diesem Blog hier), doch wie ihr wisst bin ich ein überzeugter Verfechter der Meinung, dass sich Kunst raten lasse. Es stört mich allerdings, dass die Sterne eine Bezeichnung haben („didn’t like it“, „it was okay“, „liked it“, „really liked it“ und „it was amazing“). Mit so einem lockeren Massstab lassen sich doch Joyce, Kafka und Kleist nicht miteinander vergleichen – dafür müsste eine viel strengere Skala her. Jetzt mach ich sie selber streng – und „didn’t like it“ heisst bei mir vielleicht schon: Ziemlich cool.
Die Frage ist jetzt bloss. Will ich wissen, was ich lese? Wollt ihr es wissen? Vermutlich nicht. Trotzdem steht jetzt rechts von hier, womit ich mich zur Zeit abmühe, beschäftige oder amüsiere.

Wohl bekomms!

Mit dickem Bauch
steht dort ein Gör.
Wohl bekommts!
Ein Kind bald
von einem Mensch,
der Vater ist
von ihrem dicken Bauch.

Eintrag in meinem Notizbuch vom 29. März 2008

Das Beste, was man tun kann, ist vor einem Krankenhausaufenthalt ein Bier zu trinken. Deine Fahne sterilisiert den schrecklichen Geruch und deine im Sterben liegende Urgrossmutter hält dich für ihren verstorbenen Mann.

Der letzte Wunsch

Der alte Mann lag auf dem Sterbebett.
„Einen Wunsch habe ich noch“, sagte er. „Ich wünsche mir, dass… jetzt hab ich, nein, ich weiss es noch, ich weiss es noch!“
Ich wusste, was ich gesagt hätte.
„Ich würde gerne einen Zwieback essen. Das haben wir früher immer gegessen, wenn wir krank waren.“
„Das kannst du leider nicht, Grosspapa. Du darfst nichts so Hartes mehr essen.“
„Ach, ich weiss doch.“ Er blinzelte so langsam, dass ich schon die Decke hob, um ihn zuzudecken. „Das weiss ich doch, mein Zwiebäckchen.“

Friedrich Hölderlin

Peter an Bellarmin

Wohin könnt ich mir entfliehen, hätt ich nicht die lieben Tage meiner Jugend?
Oh, mein Bellarmin! kein Titan vergässe sich nicht über den zärtlichen Schüben des Todes, den diese Blüte an der wonnevollsten Schönheit dieses Wesens austeilte! Oh, meine Ania!
Es war ein grosser, stiller, zärtlicher Geist in dieser Jahrszeit, und die Vollendungsruhe, die Wonne der Zeitigung in den säuselnden Zweigen umfing mich, wie die erneuerte Jugend, so die Alten in ihrem Elysium hofften. In plötzlichem Umfangen entstieg den Wolken ein fliegender Tempel und entsandte Blitze zu Boden, die die Hügel bis nach Tina tränkten in ihrem quellenden Flug.
Aus der eifrigen Umarmung entrissen sie mir meine Geliebte, mit kalten Händen ergriffen die Bestien sie mir und hilflos nur konnte ich rufen in unendlicher Entschiedenheit. Es war ein Anblick, mein Lieber! der die Entwürfe erstarren lässt, die wir uns im kühnsten Traume aus der göttlichen Natur schöpfen. Noch hört ich bloss das Beben eines grossen Vulkans und bald erschien mir von heiliger Fügung gesandt ein fremdes Wesen. Seine Haut war grün als hättest du dich verstiegen, oh Athene!, mit spriessendem Graswerk ihm das Haupt zu überwachsen und wäre der Tod selbst unter das Fleisch des Menschen gedrungen.
Ihre Schreie klingen mir noch mit grossen Schwüngen durch die Seele, als sie ihre süsse Ferse in letzter Hoffnung am Türrahmen barg, doch wie ein wehendes Blatt vom Ast in die Lüfte gerissen wurde. Es ist viel verloren gegangen mit der Wunde, die sie mir in die Tiefe meines Herzens schnitten, ich lebte doch ihr, ihr Ewigschönen, der Alllebendingen allein!
Oh, wie ich darbte am Anblick der dahinschwindenden Räuber, als sie sich vom Boden zum Himmel huben. Nichts erwarmt an einer solchen Tat, die selbst die Ahnenden einsilbig werden lässt durch den tiefen Jammer, in den sie versänken. Welche Greueltaten wurden uns angetan, du schönes Herz! Waren wir nicht die eifrigsten Liebhaber der Natur, deren Blüte sich eben erst entblätterte und öffnete – mit einem tiefen, zerstörerischen Hauruck entatmete mir jede Lust am Leben. Wer bin ich, ich Listiger? Stehe erstarrt und untätig da, in der grossen Zerstörung meiner Lust. Ich hoffe, hier wird mein Geist geläutert, im Schatten der grossen Schande, deren Strahlen ihren Weg sich zu mir suchend schlängeln. Ich muss ein Ende machen mit dieser Scham, ich muss ein Ende machen dieser Blödigkeit, ein Ende, das letzte Element dieser Kette, machen mir selbst! Damit selbst die äusserste Natur und der Undurchdringlichste merkt, dass die Regung nicht gestorben ist in mir, es sei der letzte Beweis, den ich mir vorführen werde, für den unerträglichsten Schmerz. Entwaffne mich, oh Tödlichster! und fasse mich, Allgewandter in deine erstickenden Finger.
Den Gashahn habe ich aufgedreht, stehe eben am Fenster und überblicke die Küsten von Smyrna, die mich besonders gefreut hätten, wenn ich ein halbes Jahrtausend früher geboren worden wäre. Es dunkelt, Bellarmin, ich muss aufhören. Mein Liebster, ehre die Schändung nicht, traure nicht! Schon die erste Träne ist ein Verbrechen an der zweiten, so lasse es demütig bleiben, Besonnener! und lobe mein letztes Bestehen mit deinen mitleidslosen Freudenschwärmen, die ich, so hoff ich bis zuletzt, mir verdient habe.


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Der Schriftsteller in der Schweiz

„Leider unmöglich.“
Der Schriftsteller seufzte und hinter der Sonnenbrille kräuselten sich seine Augenbrauen. Er nahm zur Unterstreichung seine Zigarre aus dem Mund.
„Unmöglich als Schriftsteller in der Schweiz seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“
Melancholisch schweifte sein Blick über den Rand der Yacht zum Horizont, wo der Bodensee an sein Ende kam. Sein Ausdruck war dabei sehnsüchtig, als wollte er weg, und traurig, als könnte er nicht.

Der Satz (XII)

Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen.

Friedrich Hölderlin, Hyperion