Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Die Liebe in Zeiten der Alieninvasion – Nacherzählungen bald als Sammlung erhältlich!

„Liebe in Zeiten der Alieninvasion“ ist womöglich der wichtigste Text der Weltliteratur. Kein anderer hatte einen dermassen grossen Einfluss auf Schriftsteller und Schriftstellerinnen der letzten 5000 Jahre. Beinahe jeder Autor von Rang und Namen hat in seinem Leben – im Alter oder schon in der Jugend – diese berühmte Geschichte nacherzählt. Sie ist wegen ihres Standes die wahrscheinlich wichtigste Erzählung überhaupt, aber es ist ein schwerer Stand, denn genau so wenig ist über sie bekannt.

Als gesichert gilt wenigstens das Grundgerüst:
Die Geschichte muss von zwei Liebenden handeln, die Ania und Peter heissen. Ihre glückliche Beziehung nimmt ein jähes Ende, als Aliens auf die Erde kommen und Ania entführen. Peter stürzt sich daraufhin zu Tode.

Dieses immer gleiche Schema wurde mit verschiedenen Stilen und Motiven wiederholt, manchmal ausführlicher, manchmal knapp, manchmal ironisch und manchmal mit glühendem Eifer und nicht ohne manchmal die Geschichte völlig zu verdrehen. Ein Forscherteam hat sich nun daran gemacht, die betreffenden Stellen in den Werken der Autoren zu suchen, zu sammeln, und hat mir die Rechte eingeräumt, sie hochzuladen.

Martin Luther

Die Entführung Anias war also getan. Da war Jochin, der zeugte Boas. Boas zeugte Zadok. Zadok zeugte Jesamin. Jesamin zeugte Tidos. Tidos zeugte Jadig. Jadig zeugte Jejanda, der war der Vater von Ania.
Da waren Ania und Peter, die liebten sich. Peter erkannte Ania und Ania erkannte Peter. Doch ehe Peter sie, die Tochter Jejandas, heiraten konnte, kamen vom Himmel herab vierzehn grüne Wesen. Die sprachen zu ihm: „Peter, du Sohn Mechets, fürchte dich nicht. Wir sind gekommen um jene, die Tochter Jejandas, nach oben zu nehmen.“ Und sie nahmen Ania in den Bauch ihres Schiffes, das in den Himmel fuhr.
Peter war das sehr weh und er warf sich hinab ins Meer, wo er starb.

Kleine Schule des Stils

Theodor W. Adorno

Unter den verhärteten Vorstellungen, welche das allgemeine Bewusstsein wie einen Besitz hütet und welche die Liebschaft dieser beiden jugendlichen Schöngeister, die entgrenzte einer romantischen Entzückung, in der die zweite Natur mittelbar zu einer zweiten Unmittelbarkeit wird, zerstört, ist die wichtigste vielleicht die von der Boshaftigkeit und Rancune der Aliens.
Wohl führen die Aliens konkret durch, was sonst bloss als ängstliche Vorstellung des Horrorfilms sich entfaltet, das Einbrechen der Gewalt durch die Gewalt in die Gewalt selbst. Dennoch wird nur der die Aliens begreifen, gefeit dagegen, sie als abgründige Bösewichte zu entfremden, die sie freilich auch sind, wer sie als die verzärtelt in die Aufrichtigkeit Verliebten verstehen zu wollen nicht sich scheut.
So sehr die Aliens einen Eindruck vermitteln, dessen man gewahr sich wird lediglich in der Sekunde der losen Anteilnahme, so sehr enthüllt durch die vollendete Entfremdung hindurch die Absicht des Teilnahmslosen sich, als ein Ausdruck der authentischen Abseitigkeit. Auf einem Umweg eingeschmuggelt ist das rein Durchgebildete in Peter zu erkennen, der vielleicht nicht voll Pathos der kleinbürgerlichen Ohnmacht in die Bodenlosigkeit stürzt, wie es der einfältige Liebhaber grosser Literatur ihm zuerkennt, wohl aber in einem ewigen Revisionsprozess des Lebens gegen das Lebens zu Ende führt, was die Aliens in Gutmütigkeit nicht beabsichtigt haben. Darin beruht Peters Rache und nicht sie, die vom Himmel herab und sprachlos gezeichnet sich im Taumel der Unerklärbarkeit bewegt haben, sind die wahren Usurpatoren des Machtvakuums, sondern Peter, der in fast triebhaftem Willen des Jargons der Eigentlichkeit sich bedient und ein Ende dank der Geschichte und durch die Rolle des Betrogenen sich macht.


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