Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Mai, 2012

Parzival (Ein-Satz-Review)

ParzivalParzival by Wolfram von Eschenbach
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein falsch programmierter Roboter sieht einen wundersamen, alkoholvergiessenden Stein, stellt eine ominöse, bis zum Ende nie geklärte und auch nie gestellte Frage nicht, wird von einem Tarantino-ähnlichen Erzähler durch Kämpfe und Wunder gejagt, von verschiedenen Lehrern umprogrammiert, sagt Gott den Dienst erst ab, dann zu und findet mit seinem schwarz-weiss gefleckten Halbbruder aus Afrika schliesslich die grosse Versöhnung auf einer unauffindbaren Burg.

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Der Satz (XVI)

Chuck Norris saw Iggy Pop wearing a T-shirt.

vie160589 , Kommentar zum Youtube-Video „I wanna be your dog“

Iphigenie auf Tauris (Ein-Satz-Review)

Iphigenie auf TaurisIphigenie auf Tauris by Johann Wolfgang von Goethe
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Grosse Schlichterin steht zwischen der Erotik von Barbaren, den Familienbanden der Zivilisation und religiösem Pflichtbewusstsein und bindet den intelligenten Skythen mit glanzvollem Geplauder eine grausame Versöhnung auf, in der sich die drei angeblich gegensätzlichen Pole in lächerlicher Freundschaftlichkeit umarmen.

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Warum ein Bote schlechter Nachricht schlecht ist

Vielleicht ist das so eine Erzählung, die von ungefähr kommt (was ja die Frage nur umso spannender machte, was das heissen soll: von ungefähr): In früherer Zeit war ein Bote die Verkörperung der Nachricht, die er überbrachte.
Kommt zum Beispiel Cundrîe la surziere an die Tafelrunde, um Parzival zu verwünschen, geht der Schrecken ihrer Botschaft ihrer Äusserung voraus: Die Botin selbst ist hässlich, grimmig, hat Eberzähne, ein entstelltes Gesicht und ist überall behaart, kurz: nicht gerade Helena. Sie schaut böse und ihr Auftauchen verbreitet ungute Stimmung.
Ein anderes Mal wird ein Knappe von Artus mit grossen Geschenken dafür belohnt, dass er eine gute Nachricht überbrachte. Seine Tugendhaftigkeit (auch seine Schönheit, „ohne Bart“, nicht zu vergessen) werden vom Erzähler immer wieder hervorgehoben und sein Auftauchen erfreut alle, denn es hat Gutes zu verheissen.
Und vergessen wir unseren Marathon nicht!

Anfangs hat mich diese unnatürliche Korrelation vor den Kopf gestossen. Es war die Spitze eines Eisbergs von Unwillen, der die ältere Literatur als Nebenerscheinung hervorruft: Gut, dass die Besten die Schönsten sind, ok, das kann ich akzeptieren. Aber die Boten einer guten Nachricht? Was haben die mit der Nachricht zu tun? Die brauchen deshalb nicht selbst grossartig zu sein. Ein Bote ist auch nur ein Mensch. Er könnte durchaus auch stümpferhaft sein und eine gute oder bedauernd eine schlechte Nachricht überbringen.

Heute aber frage ich mich: Wie sollte es denn sonst sein? Wie kommt uns der Gedanke, dass ein Bote durch Aussehen und Auftreten nicht mit der Nachricht übereinstimmen kann, die er überbringt?

Es ist völlig unmöglich, es sich anders vorzustellen, sich etwa vorzustellen, die schlechte Botschaft einem glücklichen Gesicht zu entlocken – wie schlecht kann diese Botschaft denn sein? Wie glücklich denn das Gesicht? Ist es nicht im Leben immer so: Wer uns Böses verkündet, und sei es bloss das Zusammenziehen nasser Wolken oder die gehobene Stimme des Lehrers, wenn er Hausaufgaben aufbürdet, wird selbst schon zum Bösen.
Ist nicht die drohende Stimme des Lehrers die böse, die uns, aufhorchend in Schrecken, bereits in das Elend versetzt, das erst droht? Sind es nicht die Vorboten des Unwetters, die Wolken, die wir hassen, wenn sie sich zusammenziehen?

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Botschaft nicht im Boten steckt, welche abartende Aufklärung hat die Differenzierung bloss soweit getrieben?

Ich würde wetten: Wer in seinen Erfahrungen scheppt, wird die Erfahrung machen, dass Unheilvolles von Unheilvollem überbracht wurde.

Und wäre es anders gewesen – wäre die schlimme Botschaft einem lachenden Gesicht entlockt worden: Wie viel schlimmer wäre diese Botschaft gerade deswegen!

Der Satz (XV)

Wallenstein: […] Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit
Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume stossen sich die Sachen.

Friedrich Schiller, Wallensteins Tod

Die 5 kränksten Songs (die ich kenne)

1) Ryoji Ikeda – data.superhelix

2) Oneida – Sheets of Easter

3) Spastic Ink – Cereal Mouse

4) That Fucking Tank – Dave Grolsch

5) Pink Floyd – Bike

(Gibts natürlich auch in rückwärts.)

 

Die 5 besten Songs über Armut

Nachtrag zum Wilhelm Meister

Ich hatte letzthin eine Beobachtung hier geäussert, die ich mit einer vorgeschützten Interpretation ummantelt habe. Tatsache ist, dass das Konzept weit über Wilhelm Meister hinausreicht. Ich frage mich sogar, ob sich nicht eine völlig neue Hermeneutik daraus ergibt. Ich arbeite noch an einer Theorie der Antizipation.
Was ich hingegen vollständig ausliess ist die Bruderschaft im Wilhelm Meister. Gut möglich, dass ihr Auftauchen viel von dem Kampf zwischen Erzähler und Figur zunichte macht, der mir so wichtig war.
Ausserdem verschwieg ich die ökonomische Komplexität des Buches. Sollte es ein Bildungsroman sein, so wäre die Bildung einzig hier zu suchen. Geld spielt die geheime Schlüsselrolle. Alleine der zyklisch zirkulierende Geldhaushalt Wilhelms: sein erster Verdienst, die dumme Investition in die Theatertruppe, die Entlöhnung durch den Grafen, der Verlust durch einen Überfall, usw. bringen Wilhelm in eine Lage von volkswirtschaftlicher Relevanz. Wachstum ist eine ständige Pendelbewegung. Doch für eine genauere Untersuchung fehlt mir dieser Tage die Zeit.

Wilhelm Meisters Lehrjahre (Ein-Satz-Review)

Wilhelm Meisters LehrjahreWilhelm Meisters Lehrjahre by Johann Wolfgang von Goethe
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein verwöhnter Spiessersohn will Schauspieler werden, scheitert ständig, wird derweil ununterbrochen von einer skurrilen Bruderschaft beobachtet, von ihr verarscht und findet am Ende, begleitet durch die stete Auflösung, dass jeder mit jedem verwandt gewesen sei, heraus, dass die grossen Probleme, in die er geraten ist, zu seinem grössten Wohl geschehen sein sollen.

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