Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juni, 2012

Der Satz (XVIII)

Für Proudhon u. a. ist es natürlich angenehm, den Ursprung eines ökonomischen Verhältnisses, dessen geschichtliche Entstehung er nicht kennt, dadurch geschichtsphilosophisch zu entwickeln, dass er mythologisiert, Adam oder Prometheus sei auf die Idee fix und fertig gefallen, dann sei er eingeführt worden etc. Nichts ist langweilig trockner, als der phantasierende locus communis.

Karl Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie

Kurze Bücher

Lina mochte kurze Bücher. So kurz, dass sie beim Lesen die Augen zukneifen musste, wie wenn sie in eine saure Zitronen biss.

Gute Stimmung

Selten steigt sie wie ein Heliumballon.
Oft hüpft sie kurz, stolpert, holpert und schluckt auf, wenn einen Acker der Unsicherheit das Gespräch überquert. Es erheitern sich die Gesichter, der Witz beginnt zu entflammen, ein Lächeln überspannt die Münder, die Augenbrauen schieben sich nach oben und die Stimmen werden hell. Sie fängt sich selten wieder auf in ihrem Lauf und der Schluckauf ist in der Regel eine Unordnung, die man duldet und nicht ersehnt: Immer am Grat der Verlegenheit prescht die Hochstimmung vorbei und jeder bangt und klammert sich an das Lächeln, hoffend, dass man sich nicht wegdreht und gleich darauf denkt, es sei unangenehm gewesen. Wenn sie hinfällt, ärgert sich der Wegdrehende: wie der mir ins Gesicht, wie ich erst ihm ins Gesicht gegrinst habe, wie der seine Zustimmung versüsst, sein Witzchen draufgepudert, mir den Abschied vollkommen überschmunzelt hat und wie ich darauf eingescherzt bin, mit vollem Humor draufgerasselt und mit der Handbewegung die ulkige Mimik übertroffen habe, völlig übertrieben, völlig bedeppert, völlig peinlich. Und man denkt grummelnd, den Kopf zwischen den Schultern vergrabend in unbarmherziger Scham: es war so schnell und so schlimm, nur hoffentlich hat es niemand gesehen, das flackernde Feuer der Stimmung.

Der Satz (XVIII)

Eltern, die bemerken, dass ihr Junge ein Poet von Profession werden will, sollten ihn so lange peitschen, bis er das Versemachen aufgibt, oder bis er ein grosser Dichter wird.

Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft G

Ein Morgen

Plötzlich wünschte sie sich den Tod.
Doch dann fragte sie sich, ob sich auch andere ihren Tod wünschten. Sie wollte niemandem, der sie tot wünschte, dabei helfen, sie tot zu wünschen. Das war krank, völlig gemein. Sie machte sich heissen Kaffee.

Gestreckt, überdehnt, ausgefallen

Der Literaturprofessor: „Ich wollte mir beim Nachdenken über den Bart streichen, dann fiel mir plötzlich der Arm ab und ich dachte mir: Wann ist bloss der Bart so lang geworden? Wann der Arm so kurz?“

Der Satz (XVII)

Es ist lächerlich, dem Kaugummi vorzuhalten, dass er den Hang zur Metaphysik beeinträchtige, aber es liesse sich wahrscheinlich zeigen, dass die Gewinne Wrigleys und sein Palast in Chicago in der gesellschaftlichen Funktion begründet waren, die Menschen mit den schlechten Verhältnissen zu versöhnen, sie von ihrer Kritik abzubringen.

Horkheimer, Aufzeichnungen und Entwürfe zur Dialektik der Aufklärung

Nathan der Weise (Ein-Satz-Review)

Nathan der WeiseNathan der Weise by Gotthold Ephraim Lessing
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Auf eine simple Frage hin spinnt der Bonze Nathan, nie einer Überheblichkeit und nervtötenden Ausführung zu schade, eine Parabel, die er im selbstverliebten Boccaccio-Renaissance-Legendenton wiedergibt und die er nach der Hälfte in der Meinung abbricht, der Rest erkläre sich ohnehin von selbst, worauf der mächtige Saladin in grosser Versöhnlichkeit auf Nathans Geld verzichtet, ohne das er sein Reich nicht erhalten kann und das ihm der Greis dann voller Freude schenken darf, und der sich bei ihm in weitestem Sinn dafür entschuldigen kann, dass er einem adrenalingeladenen Tempelherrn, der in die Feuerwehr gehörte und seit seiner Begnadigung alle Tage nichts Besseres zu tun weiss, als unter Palmen hin und herzuwandern, wegen der Ähnlichkeit mit seinem toten Bruder, der eigentlich dessen Vater war, das Leben erlassen hat, so dass er in einem Moment von Nathans Abwesenheit die Ziehtochter Recha, deren Bruder er ist, zum tiefsten Dank der Ziehmutter Daja, die ausser in ihrer Eigenschaft als Christin nichts im Buch zu suchen hat, aus dem brennenden Haus rettet, was ihm die Zuneigung von Recha zuträgt, die er genausolange erwidert, bis er erleichtert von einem Nathan in die Hände zugeflogenen Buch zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre Liebe unrecht sei und sie sich in Geschwisterliebe transformieren muss, was gelingt und der Derwisch spielt Schach in Indien.

View all my reviews