Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Oktober, 2012

Der Satz (XXIII)

In das Wesen der Reklame-Uhr drang er immer tiefer ein und glaubte bereits, sie vollständig erfasst zu haben.

Robert Walser, Der Gehülfe

Stottern

Ich hasse seine —
wie sage —
ich das jetzt am besten?

Ich schlüge am liebsten in seine —
wie sage —
ich das richtig?

Eigentlich schlüge ich gern viele —
wie sagen?

Zwei misslungene Aufträge

Soldat Bernhard: Anmelden, Offizier.
General Gerber: Ich bin kein Offizier, Soldat, ich bin General. Name, Soldat?
Soldat Bernhard: Soldat Bernhard, General.
General Gerber: Sie sind hier um Ihren Auftrag zu raportieren, korrekt?
Soldat Bernhard: Korrekt, General.
General Gerber: Sie hatten den Auftrag, eine Nacht- & Nebelaktion durchzuführen und die Zielperson zu eliminieren.
Soldat Bernhard: Jawohl, General.
General Gerber: Wurde der Auftrag ausgeführt?
Soldat Bernhard: Nun, das ist abhängi-
General Gerber: Bitte antworten Sie nur mit Ja und Nein, Soldat. Verstanden?
Soldat Bernhard: Ja.
General Gerber: Das heisst „Ja, General“.
Soldat Bernhard: Nein.
General Gerber: Wieso nicht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Okay, von vorne: Sie antworten jeweils mit Ja oder Nein und nennen Ihren Vorgesetzten, weil es sich gehört, seinen Gesprächspartner mit dem Titel anzureden.
Soldat Bernhard: Soldat, General.
General Gerber: Was?
Soldat Bernhard: Sie hätten „Soldat“ anfügen sollen, General.
General Gerber: Seit wann ist es Ihnen erlaubt, diese Art von Antworten zu geben?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Zurück zu Ihrem Auftrag, Soldat. Haben Sie die Türe aufgebrochen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Waren Sie geräuschlos?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Sind Sie ins Schlafzimmer eingebrochen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie die Person im Schlafzimmer erwürgt?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Wieso nicht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Haben Sie die Person andernorts erwürgt?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Was?? Haben Sie die Person anderweitig eliminiert?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: War eine Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Ja, General.
General Gerber: Ist diese Person jetzt tot?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Waren Sie nicht der Mörder der Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Doch, General.
General Gerber: Wieso sagten Sie dann, dass Sie sie nicht eliminiert hätten?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War ausser Ihnen und der Person noch eine weitere Person im Schlafzimmer?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Wer zum Teufel war im Zimmer?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Namen!
Soldat Bernhard: Ich kenne sie nicht.
General Gerber: Sie kennen den Namen der Zielperson bei Ihrem ersten Eliminationsauftrag nicht?
Soldat Bernhard: Doch, General!
General Gerber: Wen zum Teufel, wenn nicht Ihre Zielperson, haben Sie denn umgebracht heute Nacht?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: Waren zwei Personen ausser Ihnen im Schlafzimmer, als Sie es betraten?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was haben die beiden Personen getan?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: … Ich verstehe. Haben Sie geschossen, als Sie sie entdeckt haben?
Soldat Bernhard: Also, nein, General.
General Gerber: Sie zögern. Haben Sie geschossen, oder nicht?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie auf die Zielperson geschossen?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie die Zielperson getroffen?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: Das ist schlecht, Soldat. Haben Sie niemanden getroffen?
Soldat Bernhard: Doch, General.
General Gerber: Wer war es? Name, Beschreibung, Aussehen, Beruf, irgendwas!
Soldat Bernhard: Der Gärtner.
General Gerber: Wieso der Gärtner?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War es Ihre Absicht, den Gärtner zu treffen, Soldat?
Soldat Bernhard: Nein, ich hab ja gar nicht auf ihn geschossen.
General Gerber: Keine leeren Ausflüchte! Geben Sie nur Antwort, wenn ich Sie etwas frage.
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Das war keine Frage! Jetzt spielen Sie nicht mit mir. Wurden Sie von der Zielperson angegriffen?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Hat Sie sich überhaupt nicht gerührt?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: War sie schlafend?
Soldat Bernhard: Nein, General.
General Gerber: War sie tot?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Wieso zum Teufel war sie schon tot, bevor Sie auf sie geschossen haben?
Soldat Bernhard: …
General Gerber: War wenigstens die andere Person lebendig?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Gibt es Grund zur Annahme, dass die lebende Person die tote Zielperson neben sich im Bett ermordet hat?
Soldat Bernhard: Das, General, ist doch schon ein Grund zur Annahme.
General Gerber: Sie sind nicht zum Klugscheissen hier!
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Hat sie sie erwürgt?
Soldat Bernhard: Mich?
General Gerber: Spielen Sie nicht mit mir, oder mein Exekutionskommando tut es mit Ihnen. Würde Ihnen das auch Spass machen?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Hat die andere Person die Zielperson erwürgt?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Echt jetzt?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Haben Sie irgendeinen Schimmer, was abgegangen ist?
Soldat Bernhard: Nein, General!
General Gerber: Sind die Leichen beseitigt worden?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Auch die des Gärtners?
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was haben Sie damit gemacht?
Soldat Bernhard: Wir haben sie im Blumenbeet verscharrt.
General Gerber: Wie sollen Sie antworten???
Soldat Bernhard: Mit Ja und Nein, General.
General Gerber: Mit „General“! Und ja, auch mit Ja oder Nein, Sie kleiner Scheisser!
Soldat Bernhard: Okay, General.
General Gerber: Ist der Auftrag abgeschlossen?
Soldat Bernhard: Nun ja, also das kommt drauf-
General Gerber: Ja oder Nein?!
Soldat Bernhard: Ja, General!
General Gerber: Was? Gut.
Soldat Bernhard: Nein, General: Ja: „Ja oder Nein“, General.
General Gerber (drückt Knopf): Exekutieren Sie Bernhard, den Soldaten. Er hat es vermasselt.
Stimme aus Apparat: Ja, sofort exekutieren, General!
General Gerber (stutzend): Nur, damit wir uns verstehen, Offizier: Den Soldaten Bernhard exekutieren! Man sagt übrigens nicht „General“ in so einem Satz.

Keine Antwort. Pause. General Gerber und Soldat Bernhard sehen sich an.

General Gerber: Hoffen wir, dass der Offizier richtig zugehört hat.
Soldat Bernhard: Ja, General!

Klopfen.

General Gerber: Eintreten!
Offizier (hinter der Tür): Wer ruft?
General Gerber: Ich, General!
Offizier: Kein General, ich bin Offizier!
General Gerber: Ich weiss, Idiot. Treten Sie ein. Hier spricht General Gerber.

Der Offizier tritt ein.

Offizier: Soldat Bernhard, General Gerber – exekutieren?
General Gerber und Soldat Bernhard: Ja, Offizier!

General Gerber und Soldat Bernhard sehen sich verblüfft an. Der Offizier lädt die Waffe.

Thomas Mann

Der Senator Peter Hubendorf wanderte in langen gewichtigen Schritten, mit denen er nur mühsam, aber regelmässig das gesamte Arbeitszimmer durchschreiten konnte, hin und her und führte mit seiner immerzu kalten, an den äusseren Fingern zu knochigen Hand eine Zigarre zum rund gebogenen Mund. Er hatte bereits in seiner Jugendzeit, als er sich gegen seine Brüder zur Wehr setzen musste, eine möglichst einschüchternde Wirkung mit dem Blick erprobt, die seither nicht vergangen war. Seine Nase sprang ein wenig zu keck über einem reinlich gezwirbelten Schnurrbart hervor und entlockte im Gespräch seinem Gegenüber einen fragenden Blick, denn der Überzeugung, der Schnurrbart würde diese schwungvolle Nase bei jedem U und O kitzeln, konnte sich keiner erwehren. Über das Gesicht des Senators huschten abwechselnd Mienen des verdrüsslichen Ärgers und einer genüsslichen Geruhsamkeit, die die rhythmische Wiederholung des kontrollierten Marschierens hervorbrachte.
Noch immer war er im Zorn gegenüber seiner Gattin Anja, den er mit zitternden Augenbrauen zu unterdrücken suchte. Bei diesem Schauspiele verharrte die Oberlippe an ihrem Platz und entging einer Berührung mit der zackigen Nase nur knapp. Hatte er es ihr nicht gesagt… Nicht schon tausendmal gesagt?, schoss es ihm in bitterer Häme durch den Kopf. Er unterbrach sein ständiges Hasten nicht, aber verlangsamte für einige Sekunden, während er den kurzen Hals reckte, um aus dem doppelt verglasten Fenster in den grossen Garten zu blicken…
Anja lustwandelte durch den Weg von zartem Kies und sah versonnen in die Ferne. In ihren Augen spiegelte sich selbst aus der Ferne ein zarter Schimmer von heiliger, romantischer Entrückung, der sich dem Senator schon längst auf das Unmenschlichste verrätselt hatte… War es nicht jener Blick gewesen, der seine Liebe zu der schweigsamen Dame einst entfacht hatte? Doch, doch! Zu leugnen war es nicht… Klar, es war längst klar. In dem Masse, in dem ihm aufdunkelnd bewusst wurde, dass er sich mit seiner regen Tätigkeit und seiner wohlgemässigten Standfestigkeit als Kaufmann vom Verständnis dieses zweifelhaften, enthobenen Blicks unaufhaltsam entfernte, so überwältigend quälte ihn diese Erkenntnis aufs Unmenschlichste… Nun, zu leugnen war es nicht! Das sicher nicht! Doch den Ärger, den sie ihm bereitet hatte… Mit der neuen Wii-Konsole, die sie gekauft hatte, und zu aller Schande noch mit der zügellosen Unbotmässigkeit, in der sie ihm trotzig Rede und Antwort zu stehen erdreistete, wurden durch diesen Blick nicht gesühnt. Nein, liebe Anja, dachte der Senator, eine Wii-Konsole kommt nicht in dieses Haus, nicht in die Nähe, nie an diesen Ort! Das letzte Wort sprach der Senator, entgegen dem üblichen Verhalten seines Mundes, lautlos mit, und der Schnurrbart scheuerte so heftig an der Nasenspitze, dass er seine knochige Hand an die Nase führte, um ihr mit einer kalten Berührung wieder Beruhigung zu verschaffen…
Plötzlich geschah etwas Unerwartetes… Ungeheurliches, Unerfahrenes, ein Zerwürfnis im Verkehr des Tages. Ein Regen peitschte hervor und schlug im Garten nieder, wo sich die Regentropfen in einzeln gekerbte Scharten wühlten und den Dreck durchlöcherten. Die Senatorin, deren beiges Kleid sofort durch eine plastikartige Spannung die Nässe bezeugte, zog lediglich und ohne ersichtlichen Zweck die Hände über den Kopf und war im Begriff, sich eilenden Schrittes ins Haus zu begeben, als sie plötzlich, ihren klaren Blick in den Himmel emporhebend, inne hielt.
Verärgert wanderte der Senator weiter durch das Zimmer und sah seine Gattin halb inniger Liebe und halb deutlichen Ärgers mit müden Augen an, die sich auf eine weitere der Albernheiten vorzubereiten suchten, nach denen der liebenswerten, aber so eigenwilligen Senatorin ständig der Sinn stand. Hatte er es ihr nicht gesagt, dass sie ihre Kleider vernichte? Nicht schon tausendmal, schon tausendmal gesagt? Doch, doch!
Er hielt sich zurück, zum Fenster zu gehen und es zu öffnen, denn immer noch war der Ärger nicht aus seinem Kopf gejagt und dieser giftige, unnachgiebige Verdruss zog sich auf ein weiteres Mal wie eine Klammer um die durch die neusten Ereignisse gelockerten Gedanken zusammen. Laute Geräusche brachten die saubere Scheibe in Wallung, zitternd schwang sie in ihrem Bauch und brachte die kleinen Flöckchen, die das gespiegelte Sonnenlicht im Arbeitszimmer verteilte, zum Schneien. Die grossen Augen der Senatorin waren streng nach oben gerichtet, als ein kräfitges, grünes Licht auf ihr Kleid fiel und es kränklich einfärbte.
War es denn ein schwebendes Objekt, das sich über dem Garten mit tosendem Brausen erhob und seine Gattin zu zermalmen drohte? Klar! Wie konnte er ihren Blick sonst verstehen? Zu leugnen war es nicht! Der verängstigte Senator musste, mit vor Schrecken immer weiter aufgehenden Augen, ein ungeheuerliches Schauspiel verfolgen und seine Zigarre fiel dabei zu Boden, wo sie kurz aufleuchtete und noch kurz neckisch zwinkerte als wollte sie sagen: Da habt ihr Glück gehabt, dass ich euch nicht das Haus verbrenne… Die Senatorin wurde, in unbeschreiblicher Weise, in die Luft gehoben und war dabei so vollkommen ruhig und regungslos, dass man zweimal hinsehen musste, um eine Auffälligkeit zu bemerken. Doch langsam schleichend, mit böser Gemächlichkeit wurde die Senatorin in die Luft gesogen, während sie schwerelos und unberührt, noch oben steif gegen den Himmel gerichtet, zum Licht aufblickte, dessen Einfall grün in ihren Augen spielte. Es war längst klar, dachte der Senator und in seine Hände schien noch mehr Kälte zu fliessen, seit die Zigarre zu Boden gefallen war und sein Arm mit leichter Trennung vom Körper schlaff von der Schulter hing… Eine Entführung! Doch, doch… Zu leugnen war es nicht!
Und noch bevor der Herr des Hauses zu einem entrüsteten Aufschrei die Kraft gefunden hatte und noch bevor das Gesinde den Aufstieg der Herrin betrachten konnte und bevor der schnelle und plötzliche Regen gänzlich versiegt war, verschwand der schwarze, in zarte Bänder gefasste Schuh vollständig im unbeschreiblichen Flugobjekt. Der Senator atmete tief ein und mit bebenden Augenbrauen nahm er seine frühere Hast wieder auf und in völliger, tauber Ohnmacht schritt er von der einen Seite seines Zimmers auf die andere, während er ein nachdenkliches Mienenspiel vollführte, bei dem Ausdrücke von Wut und Beruhigung beständig aufeinander folgten. Dies war so seine Gewohnheit.


kleine schule des stils logo

Der Satz (XXII)

Durch den Anblick des lieben Gottes, der doch eine Weile Alles in bleichen Schrecken versetzte, indem er mit fürchterlichem Brummen nach verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da auf den Fliesen lag, war Kai in vorzügliche Laune geraten.

Thomas Mann, Buddenbrooks

Das Namensschild

mir ist dein name
der altbackene
platingolden schillernd
durchwalkt
von knetenden prügelhänden
so kenne ich dich nicht!
denn noch, noch
ist mir dein name
ein begriff.

Danke für 10’000 Views!

Der Satz (XXI)

Wenn ich jemanden durch einen Racheakt umbringe, sage ich vielleicht, dass ich es tue, um mich zu rächen, oder dass Rache mein Ziel ist. Aber Rache ist nichts Zusätzliches, was ich erreiche, indem ich ihn töte, sondern Tötung ist meine Rache.

G.E.M. Anscombe, Absicht