Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: November, 2012

Der Satz (XXVIII)

Es kann ein Tier sehr zweckmässig, also als lebendiges Individuum sehr vollkommen organisiert und eben deswegen sehr hässlich sein, wie das Kamel, das Unau, die Sepia, die Pipa usw.

Karl Rosenkranz, Ästhetik des Hässlichen

Eine Kritik

Man bittet dich darum, dass du dich an die Wand stellst. Und man bittet dich darum, dass du dich umdrehst. Du weisst aber nicht, ob es eine Bitte ist. Dann stellst du dich an die Wand, willst noch einen Blick auf das erhaschen, von dem man dich entfernen will, doch du weisst nicht, wohin du schauen sollst. Dann drehst du dich halt doch um und du siehst die Risse in der Mauer. Du hoffst auf weitere Erklärungen, aber etwas sagt dir, dass du damit nicht zu rechnen hast. Du erwartest Anweisungen. Du wartest darauf, dass man dir etwas befiehlt. Du wartest darauf, dass etwas Schlimmes passiert, denn du bist nun einmal in etwas hineingeraten. Du spürst, dass du in etwas hineingeraten bist. Du glaubst, das habe etwas zu bedeuten. Du ziehst den Rücken ein, weil du denkst, dass dir jetzt jemand auf den Rücken schlägt — gegen jedes Recht, aber das passiert und es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Du starrst diesen Riss vor dir in der weissen Wand an. Es ist kein hässlicher Riss. Er zieht sich so sachte dahin über die Farbe und unter die Farbe und ein Dunkel schimmert darunter hervor und du drückst die Augen zusammen, um besser hineinsehen zu können, vielleicht erhoffst du einen Wicht zu entdecken, oder ausströmenden Dampf, und du drückst die Augen zusammen, weil du die Schläge erwartest, oder harte Finger, die deinen Rücken mit klopfenden Händen abtasten. Doch es passiert nichts, du hörst keine Anweisungen. Aber sie setzen dir jetzt dein Vergehen auseinander. Du weisst aber nicht, ob es ein Auseinandersetzen ist. Sie sagen, was du falsch gemacht hast, und es stimmt. Du hast es falsch gemacht. Du hast dort gesündigt und dich da vergangen, doch du musst lächeln. Es sind die Sachen, die man immer macht, die jeder einmal macht, da und dort zu sündigen. Man macht es ja ohne eigenes Dazutun. Und es wird eigentlich nicht schlimmer dadurch, dass es dir jemand vorsagt, während du an der Wand stehst, was ja erstaunlich genug ist.
Doch dann stellt man dir ein Glas auf den Kopf. Du weisst aber nicht, ob es ein Glas ist. Es ist schwer und taumelt keck auf deiner Schädeldecke, es ist schwer, wahrscheinlich gefüllt. Ist es mit Säure gefüllt? Wohl kaum, aber es könnte sein. Es ist nicht unwahrscheinlich in deiner Lage. Sie haben dir also ein volles Glas auf den Kopf gesetzt und du versuchst, es zu balancieren. Das ist schwer, weil du dich nicht von der Wand wegdrehen darfst, und du konzentrierst dich auf den hübschen Riss in der Wand, du versenkst dich in diese Wand, aber nur eigentlich um wegzusehen. Du bist dir nicht einmal sicher, was du mit dem Glas da oben machen sollst. Sollst du es tragen? Bis wann? Wäre es schlimm, wenn etwas ausgeschüttet würde? Musst du es tragen, während du an der Wand stehst, oder sind das zwei ganz verschiedene Dinge? Musst du es tragen wegen deiner Vergehen?
Du denkst nach und fragst: “Wieso muss ich dieses Glas tragen?” Aber es ist niemand mehr da ausser dir. Die Frage schallt von der Wand zurück zu deinem Ohr. Das Schrecklichste ist passiert: Man hat es dir überlassen. Du hast dir das Glas auf den Kopf gesetzt, verursacht durch irgendeine nebensächliche, vergangene Handlung. Und du stehst da und du bekommst plötzlich Angst. Nicht, weil du doch glaubst, es sei Säure im Glas oder die Ankläger kämen zurück (du weisst, sie kommen nicht mehr). Sondern weil alles dir überlassen ist und alles ist sehr viel. Du kannst das Glas jetzt wegnehmen, aber was machst du dann damit? Es zu Boden stellen? Es ausleeren? Es austrinken? Es hinschmeissen? Es könnte auch alles ganz anders sein, es könnte das Letzte sein, an das du dich halten kannst. Wut, Ärger und Scham überkommen dich. Andere haben dir die Aufgabe auferlegt und jetzt ist es deine eigene: Das Elend ist deine eigene Schuld geworden. Sie tun, als wäre es deine Sache, wenn du sündigst, dann stellen sie dir das Glas auf den Kopf — und danach soll wieder alles deine Sache sein? Und das ist dann so ein langer Moment, der noch einmal verlängert ist, in der Sekunde das Nachdenkens. Und du denkst, ist das jetzt der Moment, das Glas herunterzunehmen?, aber die eigentlich Frage ist: Weshalb hast du dich zur Wand gedreht? Oder vielleicht ist die eigentliche Frage eine ganz andere. Du weisst es nicht, du weisst nicht einmal, ob es eine Frage gibt. Du hast dieses Glas zu tragen. Das ist ein langer Moment, in dem alles Platz hat und in dem du dich diesen Platz ausfüllen spürst und zugleich merkst, dass du nicht dazu gemacht bist.
Das ist dann eine Kritik.

Der Satz (XXVII)

(Ich weiß ja nicht einmal, wie es möglich ist, daß die Schulkinder aufstehn in den Kammern voll grauriechender Kälte; wer sie bestärkt, die überstürzten Skelettchen, daß sie hinauslaufen in die erwachsene Stadt, in die trübe Neige der Nacht, in den ewigen Schultag, immer noch klein, immer voll Vorgefühl, immer verspätet. Ich habe keine Vorstellung von der Menge Beistand, die fortwährend verbraucht wird.)

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Dafürhalten

So wie mein Vorgänger hielt ich die Tür für die Nächsten auf. Doch der Folgende liess sie ungestört hinter sich zufallen — ein stummes Raunen ging durch die Umstehenden — und machte ein Gesicht dazu, als hätte er lange erwogene und indiskutable Gründe zu dieser Verweigerung. Und das war dann auch wieder ganz okay so.

Robert Musil

Von seinen Gedanken ermattet war Peter allein im Parke spazieren gegangen. Es war um die Abendzeit und das Zwielicht versenkte die Umgebung in graue Schatten. Er hatte über etwas Nebensächliches mit Anja gestritten und sie waren verärgert darüber gewesen, dass keiner von ihnen ihre Auseinandersetzung ernst genug nehmen konnte, um in vollblütigem Eifer Beleidigungen vorzubringen. Bittere Überraschung hatte ihn erfasst, als er zu begreifen begann, dass es Gegenstände gab, die nicht den Wert hatten, über sie in Streit zu verfallen. Denn der Liebe, so hatte er sie bis jetzt in seiner Erinnerung erkannt, war dieser Mangel an Zorn, die Unmöglichkeit der Ballung von tiefsten, menschlichen Erschütterungen auch über den unbelebtesten Gegenstand, von Natur aus fremd. Schockiert hatte er sich abgewandt und seine Frau mit der gleichen, schrecklichen Beobachtung allein gelassen. Von den Händen herauf schlich ihm eine wohltuende Wärme zum Kopf. In sein Erschrecken hatte sich soviel Erstaunen gemischt, dass es ihm entfernt und fremd vorkam. Es erschien ihm nun das Erschrecken eines Schauspielers, auf das er, der Zuschauer, durch die Ankündigung des Komplotts bereits lange vorbereitet worden war.
Freilich gab es in ihm noch ein Unbehagen, das sich auf nichts Bestimmtes richtete, aber das seine Hände, die in solchen Momenten über den Stoff seines Mantels streiften, nicht ruhen lassen konnte. Dennoch hatte sich ein Milderndes, ein verflüchtigendes Element darunter gemischt, das ihm die Vorahnung heiterer Wendungen in dem fast unecht gewordenen Gefühl vermuten liess. Aus dem Fenster gloste eine Lichtspiegelung, die ihn an etwas erinnerte …
Anja goss die Blumen auf dem Balkon, die sich in den ergrauten Umrissen wie dunkle, schattige, teuflische Gewächse herausnahmen… Ihre angestrengten Lippen waren bis zum Kräuseln gepresst, sie war einem Tieferen hingegeben, das sich weit hinter das Giessen der Pflanzen hinaus bohrte und doch ohne dieses unschuldige Giessen freilich nicht zu denken war. Er betrachtete ihre sanften, leicht geschlossenen Augen. Doch da bemerkte er – und es war ihm, als geschähe es zum ersten Male – wie seicht dieses Träumen doch immer auch war.
Es war wie ein Aufatmen. Nur schon das Vergessen, das jene träumenden Augen beim Aufblicken wieder durchzuckt, war eine sanfte Hand, die das Kind wieder vom schwindelnden Grat auf den Felspfad schob…..
Ein weit aufheulendes Geräusch liess Peter zusammenzucken. Er blickte in den Himmel empor. Geballte Häufchen von Sternen blinzelten aus dem verwaschenen Dunkel hinab und aus ihrer Mitte enthob sich, ruhelos schwebend wie an unsichtbaren Fäden, eine graue, gewaltige Maschine. In die Wollust jener vorangegangenen Betrachtung preschte mit hastiger Wucht die Panik. Seltsame Wesen entstiegen, von grünem Hauch des Giftigen umschleiert, dem Gerät. —-
Peter wollte aufschreien. Er erstarrte aber in der Handlung und seine Augen wanderten zu seiner Frau. Anja hatte ihren Blick gelöst von den Pflanzen und richtete sie auf die neben ihr hinabschwebenden Kreaturen. Ihr von vielen Muskeln umklammerter Mund bedeutete ahnungslose, haltlose Angst. Sie sah zu ihm hinab, doch Peter wusste nicht, was zu tun war. Blödsinnig umklammerte er mit den Händen seinen Mantel. Das Nachdenken brachte ihm keine Entscheidung. Es kam ihm in diesem Moment unendlich ironisch und lächerlich vor: Ihn fror…
Und – hier war es so weit – Anja wurde von den fremden Menschen gepackt. Und er war verstört, gefesselt, im Bann eines Besonderen so tief verwurzelt, dass er nichts tat. Doch diese Erklärung war eigentlich etwas Sekundäres; er sprach es sich im Nachhinein zu. Noch im Moment der Entführung kam ihm diese Wühlen ängstlicher Fassungslosigkeit gestellt vor und er hätte fast über sich gelacht, wenn er sich nur nicht vor dem eigenen Geräusch gefürchtet hätte. Eine Erregung, eine vom Ekel völlig verzauberte Aufmerksamkeit liess ihn keine Sekunde den Blick abwenden. Er fürchtete um Anja, aber umso mehr er sich fürchtete, desto grösser wurde ihm die Vorstellung der Mächtigkeit über den Augenblick, die Hilflosigkeit inmitten so grosser, eindringender, dampfender Gewalt, die sich nicht um die Regeln und Fesseln des Vorherrschenden bekümmerte, sondern in es hineinstach mit einer Zange und ein Unabdingbares entfernte. Ja, ein Widerwillen stieg in ihm auf, Schrecken zu empfinden gegenüber der lustvollen und doch auch so natürlichen Neigung, dieses Gesunde entfernen zu wollen. Die Gesundheit dieses flach atmenden, kaum beweglichen, in ständiger Kältestarre verharrenden Organismus, der die Welt in jenen Tagen für ihn darstellte, schien jedem Geheimnis, jedem kleinen Rütteln, das die täglichen Rätsel ins Leben hinein brachten, feind zu werden. Und die Lösung seines Geheimnisses, dem er sich jeden Tag stellte, dieses Ausfüllen der klaffenden Lücke, war ein Teil dieser Rätsel, die er mit dem Aufsteigen seiner Frau in ein Unbekanntes von Neuem wie ein wärmendes Feuer aufflackern spürte. Er fühlte ein übermütiges, kräftestrotzendes Ziehen in seinem Bauch.


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Der Satz (XXVI)

Schriftsteller reden Gestank

Franz Kafka, Tagebücher

Der Satz (XXV)

Aber dieses: ja oder nein? schwoll in seinem Kopfe an wie aufsteigende Blasen und zerplatzte, und ja oder nein? … ja oder nein? schwoll es immer und immer wieder an, unaufhörlich, in einem stampfenden Rhythmus, wie das Rollen eines Eisenbahnzuges, wie das Nicken von Blumen an zu hohen Stengeln, wie das Klopfen eines Hammers, das man durch viele dünne Wände hindurch in einem stillen Hause hört …. Dieses aufdringliche, selbstgefällige ja oder nein? widerte Törless an. Seine Freude war unecht, es hopste so lächerlich.

Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törless

Robert Walser

Dieses mit den Eheleuten ist folgendes gewesen: Der Mann, ein junger, wie es auf den ersten Blick schien, gediegener Herr, war ein gewisser Peter gewesen. Er warf sich in die Beschäftigung des Ankleidens, worin er sich ausserordentlich tief versenken konnte. Vor ihm hing ein Spiegel, dessen hübsche Rahmung, und sorgfältige, ihm ein nicht wegzuredendes Unbehagen einflösste. Der Gespiegelte konnte, wie es den Anschein machte, bei der Wichtigtuerei seines Spiegels fast nur einen Knicks machen, bevor er sich ansehen durfte. Da war ja auch etwas Ungehobeltes nicht zu leugnen, so tief in eine einzige Öffnung zu starren als blickte man mitten durch zwei Augen in die wahrhaft ergötzendste Seele hinab. Den Hut setzte er auf und er sprang, mit ungeahnten Riesenschritten die schwindelnde Treppe befallend, begreiflicherweise sofort ins Freie. Dort schien nämlich die Sonne herzhaft und tauchte alles in ein Lachen und ein Liebkosen, dass die blühenden Äste erzitterten. Ach, Frühling, was ist das für eine Jahreszeit! dachte Peter und ging sofort an die Arbeit, denn es gab noch viel zu tun. Unterwegs zur Post, um wichtige Bestellungen von einem grossen Internetverteiler entgegen zu nehmen, betrachtete er die lichtübergossenen Felder und achte und hachte mit der rührenden Schulterbewegung, die ihm eigen war. Er rauchte ein paar prächtige Zigarren während dem lockeren Gehen und tauchte in die feinen Flügelschläge ein, die die warme Luft auf seine Nasenspitze tupfte. Wir sollten dankbar sein, dachte Peter, für diese Erscheinung. Es gab nun tatsächlich keinen Grund, nicht jeden Tag in die Knie zu sinken vor Andacht, bei dem ungebrochenen Flattern der weissen Schmetterlinge. Wir sollten überhaupt dankbarer sein, den Frühling kann man ja auch nicht einfach so, ohne das Anschauen übergehen, das macht ihn verdrossen.
Nach der Paketabholung setzte er sich in die Schenke „Segelhaus“, um sich die Kehle nur ein wenig zu befeuchten, da ja auch der Tag geradezu danach gerufen hatte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn zu Hause arbeitete seine Frau Anja. Aber auch das gehört zur Arbeit, dass man manchmal ein wenig sich die Zeit nimmt und der Frau zeigt, wo sie zu Hause sein darf. Dieses Überwachtwerden ist ja eigentlich immer ein, das ist ganz leicht zu beweisen, Beleidigung-Hervorbringendes. Das kann nun niemand verhindern, dass diese junge Frau auch einmal böse wird, wenn man immer „herumlungert“ und sich zu langsam durch die Zimmer „bewegt“. Und trinken, ein bisschen trinken! Er tut es ja nicht ohne schlechtes Gewissen, das weiss seine Frau, die weiss das nun auch von innen heraus, ohne dass man es ihr von aussen, zehenspitzelnd nach unten herab gesagt hätte. Überhaupt hätte es zu so einer eleganten Frau nicht gepasst, etwas von oben herab auf sie drauf zu sagen, die hätte den Kopf in den Nacken geworfen und zurückgeschnaubt, dass die Augenhöhe wieder hergerichtet gewesen wäre.
Entzückt erblickte Peter seine Frau im Garten, als sie hinter der Villa Abendstern durch den Garten spazierte, von wo man auf Bärenswil und den See den viel gerühmten, wunderbarsten Blick hatte. Peter liess sich auf die Veranda in seinen Arbeitsstuhl, man möchte sagen, plumpsen. Übrigens eine höchst nützliche Erfindung, die er selbst verarbeitet hatte, ein Stuhl, den man mit wenigen Handgriffen, in der rechten Art angewandt, zu einem Lesesessel verwandeln konnte.
Nach einigen Minuten begann sich Anjas Wanderung plötzlich in die Höhe zu erheben, obwohl zu einer Steigung freilich kein Anlass war. Es dünkte ihn seltsam und die junge Frau schrie erschrocken und doch ob der Aufmerksamkeit ein wenig stolz und verlegen zu dem runden Teller auf, der sie von oben heraufsog. Ein Glanz legte sich inmitten des sommerlichsten Tages auf sie, Peter dünkte es, als hätte einer die elektrische Lampe in einen Kerzenschein gezündet und in der Mitte dieses Kegels befand sich, wie zufällig da hingeraten, seine Frau. Man hätte, wenn sich einer auf seine dunkle Vorstellungskraft hätte versteifen wollen, sagen können, dass es sich um Bewohner eines für ein normales Nachdenken nicht verkraftbar weit entfernten Ortes handelte, die Anja zu Zwecken einer Untersuchung, gewissermassen als Erinnerungsstück oder aus anderen, Peter völlig unbekannten Gründen, in ihr Gefährt tragen wollten.
Natürlich tat Peter was in so einem Moment die Männlichkeit verlangte. Er sprang heftig auf und warf seinen Arbeitsstuhl um und schmiss, in einer so heftigen Bewegung, dass ihm für einige Sekunden die Luft ausging, die Zigarre auf den Boden. Mit wutentbrannten Schritten hetzte er auf seine Frau zu, doch als er die Stelle, an der sie hätte sein sollen, erreichte, war sie bereits aus der Reichweite seiner Arme herausgehoben. Er konnte noch neben sich, als wäre es ein eingeladener Gast, einen Ausserirdischen sehen, der ihn anwinkte, mit einer Hand, die von Grünem nur so überwaschen war, in der Luft. Sein Gesicht war nun gerade nicht eine Schönheit, aber Peter hatte dazu auch gar keine Meinung zu pflegen, denn seine Frau bedurfte nun grösserer Aufmerksamkeit. „Komm herunter!“ machte er mit der nach ihr ausgreifenden Hand.
„Aber, Peter, mein lieber Peter, ich kann doch nicht!“
„So komm doch.“
„Ich gehe Peter, so begreif es, mein lieber Mann, achte auf den Garten, gib dir Mühe, sorge um den Haushalt, es ist doch wichtig, dass alles so bleibt wie es ist. Ich habe aber doch, nun“, sie war nun bald verschwunden, „ich fürchte mich, Peter.“
„Keine Angst! Es wird dir doch bestimmt auch dort gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und weiss es beinahe. Ich werde dich holen, Anja, es koste, was es mich kosten muss.“
Und mit diesen Worten ging er zielstrebig ins Haus und wartete dort ein wenig im Kreis. Das heisst, er blickte für einige Sekunden nachdenklich in eine andere Richtung, was ihm aber nicht die gewünschten Einfälle erbrachte.

Nun war es Herbst geworden und die Zeit, seit Anja verloren gegangen war, hatte sich gerade so mühsam dahingeschlichen. Ohne die wenigen Ausflüge ins Segelhaus, die er aus einer natürlichen und tatsächlich ein wenig unangenehmen Menschenliebe sich nicht vergönnen konnte, hätte es Peter schwer gehabt. Und doch fand er dort die eigentümlichsten Freunde, mit denen er zusammen Jassen konnte und auch ein wenig die Gläser austrinken, jedoch hielt er inne, nach dem vierten oder fünften, und begab sich, mehr vernichtet als niedergeschlagen nach Hause. Hatte er das denn machen müssen, sich immer so den Kopf zu betäuben? Wo war er denn wieder mit sich selbst gewesen? Was hatte er denn gemacht, ist es das, was Anja von ihm verlangt hatte? Nein! fluchte er sich innerlich an. Nichts hatte er gemacht und nur an sich selbst gedacht. Doch damit würde es jetzt ein Ende haben. Er sprang fast, einem Pferd nicht so unähnlich wie man geglaubt hätte, die Treppe hinauf in den Turm, der erst kürzlich mit einem teuren Kupferdach ausgestattet worden war. Er stürzte, ja, man darf fast sagen, willentlich, aus dem Fenster, wodurch er versichert war, dass sein Kopf unangenehm zerschellen würde. Diese Aufschlagen, dieses in moralischen Dingen Sich-Dreckig-Machen vor der eigenen Haustür flösste ihm überraschendes Wohlbehagen ein, doch davon war am Ende nicht mehr viel zu spüren.


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