Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: März, 2013

Nur noch Plagiate und unauthentische Doktortitel? — Endlich!

Die Postmoderne — wenn es so etwas überhaupt gibt — schreibt man gerne den Geisteswissenschaften zu. Die Literaturtheoretiker mit ihrer Dekonstruktion oder dem New Historicism, die die Auflösung der authentischen Geschichte in Bruchstücke von bereits Geschriebenem erkannten. Oder die Philosophen, die aus diesem Zerbrechen jeder Authentizität, jeder ersten Natur, jeder Struktur — wie auch immer man es nennen mag — eine pluralistische Welt, mit verschiedenen Wahrheiten und Falschheiten, mit verschiedenen Wirklichkeiten bastelten.

Neuerdings stellt sich aber heraus, dass die Geisteswissenschaftler eigentlich hängen geblieben sind. Ihre Wissenschaft ist immer noch darum bemüht, Diskurse und Paradigmenwechsel zu entdecken, während andere Studiengänge offenbar die Postmoderne nicht mehr analysieren — sondern sie ausleben: Die Mediziner und Medizinhistoriker. Christoph Mörgerli gerät in Kritik, seine Doktoranden fremdsprachige Dissertationen vorgesetzt zu haben, die sie nur zu übersetzen brauchten.

Mit ihrer Transkription, die offenbar bei medizinischen Dissertationen Gang und Gäbe ist (wie der Tages-Anzeiger schreibt), beweisen sie erst, was Forschung eigentlich ist. Sie ist beileibe kein Fortschritt im eigentlichen Sinn, sondern das ewige Durchwälzen der immer gleichen Erkenntnisse. Es wäre nicht unvorstellbar, dass Christoph Mörgeli aus seiner ominösen »Schublade« einem Doktoranden einmal einen italienischen Text zur Übersetzung vorlegt, die selbst eigentlich nur eine Transkription aus der deutschen Sprache ist. Also etwa das, was passiert, wenn man mit Google Translator Texte hin- und herübersetzt. Texte werden nur noch übersetzt. Aber nicht im Versuch, etwas zu verstehen, weil Texte ohnehin nicht verstanden werden können, sondern nur um mit ihnen irgendwie umzugehen. Man kann Texte ja nicht lesen, weil sie gar nicht gelesen oder verstanden werden wollen. Auch medizinische Texte wollen nicht verstanden werden. Auch Dissertationen. Und zeigen die rapide auftauchenden Fälle von Plagiate nicht, dass wir längst an diesem Punkt angekommen sind, dass wir es nur noch nicht akzeptiert haben? Sloterdjik könnte es verstanden haben.

Die Mediziner zeigen damit ganz konkret, was ein Nicht-Akademiker von allen Wissenschaftlern längst vermutet: Dass jene nur Texte über Texte schreiben und sich nur Gedanken über Gedanken machen. Damit haben sie nämlich völlig recht, nur vergessen das viele Akademiker. Es ist allerdings, das wissen hingegen die wenigstens, nichts Schlechtes. Es ist eben die Postmoderne. Und die Mediziner führen die Postmoderne sozusagen bei ihrer Doktorarbeit performativ aus. Das ist viel angemessener, als so zu tun, als könne man von oben herab auf die Postmoderne blicken, als würde man trotzdem heute noch »Erkenntnisse« finden können, obwohl wir längst eines besseren belehrt werden.

Wir alle müssen von Christoph Mörgeli lernen. Und in 50 Jahren werden wir in den Literaturseminaren die Weltliteratur nur noch nach dem Hin- und Herübersetzen aus Google Translator interpretieren. Wie? Aber natürlich freue ich mich darauf!

Die Einkaufstüten

Es gibt zwei Arten von Strassen. Es gibt Strassen, die liegen so da und über die fällt es her. Grosse Wolkenkratzer fallen über sie her oder Berge, an deren Fuss sie sich entlangschlängeln, beugen sich drohend darüber. Es scheint immer alles über ihnen zusammenzubrechen, über diese Strassen, wie über die sandüberwehten Wege einer arabischen Grossstadt, die von den Motorrädern überrollt werden, die unschuldigen Pflasterwege eines kroatischen Küstenorts, der von einer Wachtruppe einer Pinienallee gesäumt wird. Diese Strassen sind unterwürfig und schnell zu überschreiten.
Es gibt aber auch andere Strassen. Sie breiten sich vor einem aus. Sie scheinen sich in eine unendliche Fläche auszudehnen, die nicht zu bewältigen ist. Mit ihrer Breite hat das vorerst nichts zu tun. Es kann ein schlanker Pfad sein, mit Kieselsteinchen bestreut, der sich unter einem weiten Himmel und der mittaglichen Sonne schlagartig in eine Art Plateau verwandelt. Seine Ausmasse werden riesig, und nichts, kein Baum, keine Wand, kann sein Fassungsvermögen beschränken. Diese Strassen zu betreten, bedeutet zugleich das Risiko einzugehen, alles ausserhalb für immer zu verlassen. Und auf ihnen zu gehen ist wie ein Pakt mit dem Wandern zu schliessen, den zu brechen nicht selbstständig mehr möglich ist.

Es war eine jener zweiten Strassen, auf der ich damals entlanggehen musste, nachdem ich der alten Frau angeboten hatte, ihre Einkaufstüten zu tragen. Die beiden Papiertaschen kerbten in meine Handflächen. Die Sonne brannte auf die Schultern. Die alte Frau trippelte vor mir her und ich konnte den Anblick kaum mehr ertragen. Dieser Blazer, er war ein Hohn auf die Hitze des Mittags. Dieser Blazer tanzte vor meinem Gesicht. Sein kariertes Muster schwirrte durcheinander. Ein Beige mit grünen und roten Tönen durchmischt, eine farbliche Gestaltung wie ein Schlag ins Gesicht: Altmodisch war nicht das richtige Wort, absichtsvoll und mörderisch schwankten die gemusterten Schulterpolster vor meinem Gesicht. Darunter ein Rock gleichen Musters. Der Stoff dick wie die Breite eines Fingers und so schwer, dass er in den kurzen, ermunternden Brisen sich nicht einmal bauschte. Dann dieses Beige, dieses Muster aus grünen Rhomben, kariert und im Wechsel mit roten Punkten. Sadistisch war vielleicht das richtige Wort. Die kurzen Arme der alten Frau schwenkten vor mir hin und her, als wäre sie schnell unterwegs. In Wahrheit trippelte sie so langsam, dass es mir manchmal vorkam, wir bewegten uns nicht von der Stelle. Meine Beine schmerzten. Ich konnte die Strecke nicht mehr ermessen, die ich mit der Frau gegangen war, und ich fürchtete, den Rückweg zur Bushaltestelle nicht mehr zu finden, an der ich der alten Frau meine Hilfe angeboten hatte. Andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, wie sie es allein nach Hause geschafft hätte. Der Asphalt bruzelte in der Hitze und die Einkaufstüten waren unermesslich schwer. Ich verstand immer weniger, wie die Frau ein solches Gewicht hatte tragen können. Dazu kam der lange Nachhauseweg. Und während ich hinter ihr herschlurfte, die Tüten manchmal fast auf dem Boden schleppend, wuchs und wuchs in mir eine Befremdung, die sich auf diesen kleinen Rücken konzentrierte, der vor mir auf und abwippte. Und auf dem wippenden Kopf zwischen den wippenden Schulterpolstern lag ein wippender Hut. Auch er passte zum Rest der Kleidung.
»Wo wohnen Sie eigentlich?«, fragte ich, wie ich glaubte, zum wiederholten Mal.
»Gleich dahinten.« Sie hob den Arm, aber ich konnte nicht sehen, wohin sie zeigte. Ihr Hut verdeckte ihren Arm. Ich konnte erahnen, dass sie geradeaus gezeigt hatte. Ich stellte die Papiertüte auf den Boden und wischte mir den Schweiss von der Stirn. Ich sah der ewigen Strasse nach, die sich vor uns ausbreitete und auseinanderfädelte. Ich konnte nicht erkennen, wohin sie führte, denn wir schienen am Horizont angelangt zu sein. Der Horizont, wo die Strasse den Himmel küsste. Ich hielt den Atem an. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
»Sehen Sie das?«, fragte ich die alte Frau.
»Was?« Sie hielt nicht inne und trippelte mit ihren winzigen Schrittchen weiter voraus. Auch sah sie mich nicht an. Hatte sie mich überhaupt je angesehen?
»Die Strasse führt ja direkt in den Himmel.«
»Ja, sehen Sie sich doch einmal um.«
Erschrocken über diese Worte drehte ich mich um. Beinahe wäre ich gefallen. Hinter mir sah ich die Erde, die Äcker und Felder des grellen Mittags, ich sah die Strasse, die direkt aus dem Boden ragte, auf der ich gegangen war, und die steil in den Himmel zu führen schien. Ich sah dies und spürte jetzt zum ersten Mal die Schwerkraft, die mich nicht nach unten, sondern nach hinten zog, wo auch die Erde lag. Die Strasse stieg geradewegs in den Himmel. Die kleinen Wäldchen schienen bereits über einen Kilometer weiter unten. Und dann fiel mein Blick in die Papiertüten. Ich erschauderte. In jeder lag eine Atombombe.
»Da mache ich nicht mit. Ich kehre zurück«, rief ich der alten Frau nach, die schon einige Meter von mir entfernt war und weiter den Wolken entgegenstrebte.
»Jetzt kommen Sie«, antwortete sie herablassend. »Sie können einer alten Frau schon einmal beim Tragen helfen. Das sollte ja gar nicht so etwas Aussergewöhnliches sein.«
»Aber… Sie sind zu schwer.« Die riesigen Sprengköpfe brachten die Tüte fast zum Bersten.
»Das sind nur Attrappen«, sagte sie. »Sie machen es sich ja nur selbst schwer.«
Ich hob die Papiertüten auf und — tatsächlich — sie waren federleicht. Schnell holte ich zur alten Frau wieder auf und warf ungläubige Blicke über die Schulter zur Erde zurück.
»Wieso haben Sie solche Attrappen dabei?«, fragte ich atemlos.
Sie antwortete nicht. Ich sah nur ihren nichtssagenden Rücken mit dem hässlichen Muster. »He, hören Sie mich nicht!« Ich stupste sie an. Sie fiel zu Boden als wäre sie aus Pappkarton. Plötzlich rief jemand böse aus. Ich sah mich um. Auf der anderen Seite der Strasse standen zwei Männer, einer zeigte auf mich. Ich sah wieder über die Schulter und die Erde war verschwunden. Es war nur ein gewöhnlicher Horizont in der Ferne zu erkennen. Als ich nach oben sah, starrte ich wieder in den Himmel. Jetzt erst merkte ich, dass ich auf felsigem Boden stand. Das hässliche Carré-Muster der alten Frau lag im Dreck vor mir. Die Männer stürzten auf mich zu. Einer von ihnen redete erregt auf den anderen ein.
»Ich habe gesehen, wie er die Frau zu Boden geworfen hat. Und ich würde wetten, dass es auch ihre Einkäufe sind, die darin liegen.«
Tatsächlich, es waren gar keine Atombomben, es waren nur Ananas, die wie Atombomben ausgesehen hatten. Die Männer versuchten mich festzuhalten, bis die Polizei kam. Doch ich lächelte, als ich begriff, dass die Pappfigur, die sie jetzt wild festhielten, gar nicht ich war, es war nur ein Räuber, der wie ich ausgesehen hatte.

Die Lehrlinge zu Sais (Ein-Satz-Review)

Gedichte ; Die Lehrlinge Zu SaisGedichte ; Die Lehrlinge Zu Sais by Novalis
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Man kann nicht sagen, wie dieser Text beschaffen sei, ohne etwas Überschwengliches zu sagen, und alles Bestreben nach Wahrheit in den Reden und Gesprächen von Novalis entfernt nur immer mehr von ihm.

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Der Satz (XXXV)

Ich würde meine Kreativität tauschen. Gegen — äh — Geld.


Edgar Wasser, Nahmean

Franz Kafka

Es klopfte und erst nach einer Weile, in der P. damit beschäftigt war, seinen Hund von der ungünstigen Stelle in der Mitte des Ganges zu bewegen, öffnete sich die Tür. Es erschien ein Mann mit offensichtlich zweckdienlichem Anzug, denn er war mit verschiedenen Taschen und Knöpfen ausgestattet, was ihm den Eindruck von aussergewöhnlicher Nützlichkeit verlieh. »Was wünschen Sie?«, fragte P. über die Schwelle, während er seinen langen Oberköper, ohne von der Stelle zu treten, in regelmässiger Bewegung immer weiter nach draussen schob oder senkte, wie einen Minutenzeiger. »Man möchte mich bitte sofort einlassen.« P., dem durchaus kein Grund zur Verweigerung einfiel und dem es in der friedlichen Laune, in der er sich befand, nicht gelingen konnte, eine nebensächliche Ursache genug Ernst zu nehmen, um sie gegen den ungeladenen Besucher einzuwenden, gab nach und liess den Mann herein. Er stand auf seltsame Weise verbindlich hinter der Schwelle, so dass zwischen ihm und der Tür nur einige Fussbreit Platz blieb, als würde er das Haus gerne bald wieder verlassen, hätte aber dringende Angelegenheiten, die sich nicht beiseite schieben liessen. »Sie leben aber in einem eigenartigen Haus« sagte der Mann, während er sich den Regen vom Hut klopfte und sich langsam umsah. »In einem eigenartigen Haus?« »Hier hinten haben Sie ein Sofa, obwohl schon von weitem zu sehen ist, dass das Licht, das für dessen Benutzung zumindest förderlich wäre, vollkommen mangelt. Es ist nicht nur das fehlende Licht vom Fenster, von dem sie nur eines im ganzen Raum, undzwar gleich hier neben der Tür eingelassen, besitzen. Auch an eine Lampe haben sie völlig vergessen. Dann die Wand«, fuhr der Mann fort, während er P.s Hand anfasste, als würde er ihm eine erschreckende Botschaft überbringen und sein drohendes Zusammensacken verhindern wollen. »Sie ist völlig schräg.« »Schräg?« fragte P. und quietschte zu seiner Verärgerung dabei leicht. Wieso vermittelte es ihm auch diesen ärgerlichen Eindruck einer unheilvollen Verheissung? »Ja, vollkommen schräg.« Er machte einen Schritt zur Wand hin und hielt eine Hand weit über den Kopf ausgestreckt an die Tapete und klatschte die andere so weit wie möglich unten hin. Dies schien P. immer noch nicht so recht überzeugen zu wollen, aber der Anblick löste in ihm ein Unwohl-Sein aus, denn er sagte rasch: »Dann ist es eben ein eigenartiges Haus. Es wäre mir neu, dass das ein Verbrechen ist.« Der Mann, den P. wegen seiner Kleidung und der polternden Stimme für einen zivilen Soldaten oder Polizisten hielt, sah sich prüfend im Raum um, indem er sich wippend bewegte. Sein Blick schien dabei nicht sonderlich erfreut und er murmelte gequälte Sätze wie »Und der Verputz, ist es denn wahr?« Und »Kann es denn wirklich hier sein?« »Entschuldigung, suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte P., bereits mit einigem Nachdruck, denn es stand ihm nun fest im Sinn, den unwillkommenen Gast wieder loszuwerden, und er schob einen Stuhl, den er mit sanfter Bewegung von der Wand zog, hinter den Besucher, so dass dieser sich setzen und seine Bewegung unterbrechen musste. Tatsächlich liess sich der Mann auf den Stuhl fallen, aber schüttelte weiterhin den Kopf. »Jetzt hören Sie« fing P. wieder an »es kann nicht sein, dass Sie mich mitten am Tag überfallen und meine Wohnung verschmutzen, ohne dass es dafür einen hinreichenden Anlass gibt.« »Oh, es gibt durchaus hinreichenden Anlass, ihre Frau — Anja, ist ihr Name?« Der Mann drückte sein linkes Auge fast zu, während er das sagte, und seine Stimme klang ganz so, als hätte er P. eine leichte, aber dennoch prüfende Rechenaufgabe gestellt. Infolgedessen wurde P. lächerlich nervös und es gelang ihm nicht zu bejahen. Er betrachtete es nämlich für unabdingbar, dass diese ordnungsgerechte Begegnung durch Ehrlichkeit und Augenzwinkern in einen Zustand der Normalität zurückgebracht würde. Stattdessen sagte er: »Ihr Name tut nichts zur Sache.« Der Mann presste seine Augen noch misstrauischer zusammen. P. kam es nun vor, als hätte er gelogen, denn er wusste von der Sache, von der er dabei gesprochen hatte, nicht das Geringste, konnte daher auch nicht behaupten, der Name seiner Frau hätte mit ihr nichts zu tun. »Ihre Frau wird zu Untersuchungszwecken von einem Interstellaren Schiff mitgenommen werden.« P. lachte laut auf. »Wieso lachen Sie denn?« »Ist es denn nicht zum Lachen?« »Ganz im Gegenteil«, antwortete der Mann und sah traurig zu Boden. Diese Reaktion behagte P. nicht. »Wieso Untersuchungszwecke?« »Nun, es scheint, sie habe vor einiger Zeit eine Einwilligungserklärung unterschrieben und abgegeben, die uns oder die jeweiligen Untersuchenden befugt, sie für derlei wissenschaftliche Experimente mitzunehmen.« Der Mann zog aus einer seiner zahlreichen Brusttaschen ein Papierstück hervor, das er auffaltete und hin und herschwenkte, als P. danach greifen wollte, zog er es sofort zurück und steckte es wieder ein. »Sie haben leider keine Einsichtsbefugnis, da sie zum Zeitpunkt der Einwillungserklärung Anja gar nicht gekannt haben. Und selbst wenn sie sie gekannt hätten, wäre eine solche Befugnis schwer zu erhalten. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich ihnen eine solche nicht aus dem belanglosen Grund ihrer ungezügelten Neugierde einfach ausstellen kann. Persönlichkeitsrechte nehmen wir in der Regel sehr genau. Jetzt wäre es aber besser, sie würden ihre Frau holen und sie nach draussen führen.«
P., der über die Unsinnigkeit des ganzen Gesprächs den Kopf schüttelte und sich ärgerte, einen Geistesgestörten freimütig in die Wohnung gelassen zu haben, wusste nicht so recht, was er mit dieser plötzlichen Forderung anzufangen hatte und so neigte er sich wieder, wie ein Uhrzeiger, in kaum merklicher Bewegung nach vorne. Dies schien zu seiner grossen Freude den anderen in Bedrängnis zu bringen, denn er erhob sich flink vom Stuhl und räusperte sich. Von draussen hörte P. fremde, apparatartige Geräusche, die ihn verunsicherten. Um das Schiff mit eigenen Auge zu sehen, stand er an die dem Besucher als schräg aufgefallene Wand und sah durch das kleine Fenster nach draussen. Einige Meter über der Strasse schwebte ein riesiges Ding, das nicht aussah, als wäre es von Menschenhand verarbeitet worden. Es glänzte, wenn man es von der Seite betrachtete, und hatte genug Raum um eine handvoll Menschen zu bergen. P. wollte sich schon umdrehen, um etwas Beissendes auf die Umstände zu erwidern, doch der Mann stand unbewegt dort, als hätte er keine Zeit, ihm Gehör zu schenken, weshalb er es bleiben liess.
»Ich werde aber niemanden einlassen«, rief P. mit frischem Mut aus. »Wen sollten Sie denn einlassen?«, fragte der Mann und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er mochte ausgesprochen müde sein, denn er liess sich wieder auf den Sessel plumpsen und rührte sich nicht mehr. Seine Stimme klang kränklich, als hätte sie lange geschwiegen. »Die Höheren Beamten sind ja alle schon da.« Fast unmerklich verwies er auf den hinteren Teil des Zimmers, wo das Sofa stand. Tatsächlich erkannte P., als sein Blick dem Hinweis folgte, eine Ansammlung von Menschen, die so gross waren, dass sie nur gebückt in der Ecke stehen konnten. Sie hatten sich wohl bewusst still verhalten, damit P. nicht in Aufregung geriet. »He, Sie! Lassen Sie meine Frau in Ruhe!« bellte er in den Raum, damit die Drohung, bevor die Eindringlinge hinter seinem Rücken weiter Unfug trieben, ausgesprochen war. Die Höheren Beamten versuchten möglichst unbeteiligt beisammen zu stehen, als hätte man sie gerade so hingeworfen. Erst als P. noch einmal rief und wütend auf den Boden stampfte, wendete sich einer ihm zu und meinte entschuldigend, dass niemand von den Beteiligten Unannehmlichkeiten wolle. Da diese Bemerkung P., der sich bereits in Unannehmlichkeiten befand, mehr erzürnte als beruhigte, funkelte er ihn böse an, worauf der Mann ein wenig zur Seite trat. Er gab den Blick auf Anja frei, die auf dem Sofa neben einem weiteren Höheren Beamten sass, der ihr leicht das Knie festhielt.
Durch diese Enthüllung wurde P. stark verunsichert, was ihn gewissermassen zum Schwingen brachte, indem er seinen langen, schlanken Oberkörper in alle Richtungen kreisen liess. Warum hatte Anja nichts gesagt, als sie hier eintrat? Hatte man es ihr verboten? P. war überrascht. Er konnte nichts dagegen tun, dass die Höheren Beamten sich vom Sofa erhoben und gegen den Ausgang strebten. Sie taten das nicht geschlossen, sondern ebenso verstreut und scheinbar zusammengewürfelt, wie sie schon in der Ecke gestanden hatten. P. packte einen der Männer, die pfiffen und die Hände in den Hosentaschen vergruben, während sie scheinbar beiläufig der Zufall zur Haustüre trieb. Der Mann begann loszuheulen und brach sofort in heftige Tränen aus. P. war darüber so erschrocken, dass er den Mann losliess. P. versuchte ihn mit einem Schlag auf die Schulter ein wenig zu ermuntern, aber dabei brach der Beamte in ein jämmerliches Flennen aus. P. bemerkte zu spät, dass die anderen mit Anja das Haus verlassen hatten. Er stürmte zur Tür, riss sie zum regnerischen Nachmittag auf und sah, wie sich die Luke des Interstellaren Schiffs noch schloss.
»Jetzt hören Sie auf zu weinen«, rief er barsch und kraftvoll.
»Aber ich bin so traurig.«
»Traurig?«, fragte P. und hörte nur halb zu, denn er beobachtete weiter das Schiff, das mit grösster Langsamkeit, wie um ihn zu necken, gegen den Horizont zuschwebte.
»Weil Sie sich umbringen müssen.«
»Natürlich nicht! Solange ich denken kann, werde ich, so oft ich es auch erwäge, mich niemals zu so einer Tat entschliessen können.«
»Aber doch, leider schon. Wissen Sie, die Erwägung geht allmählich in den Selbstmord über.«


kleine schule des stils logo

Macht Lyrik dick?

Sind Schönheitsoperationen kreditwürdig? Haben Videospiele ein zu emanzipiertes Frauenbild? Kann man Juckreiz verdienen? Wer kann Zufälle verantworten? Schadet die Gesundheit dem Rauchen? Sind Autos zu langsam? Wieso kann man Erkenntnisse nicht vermieten? Ist Singen eigentlich Bronze? Wer verschweigt mir etwas? Bezeichnet ein „Geheimnis“ die private Angelegenheit oder das Erzählen dieser Angelegenheit? Lieben Menschen zu viel? Darf man Berufungen künden? Machen künstliche Befruchtungen frigide? Kann man Dankbarkeit teilen? Habe ich Zeit für Ungeduld? Fressen Geschichten ihre Helden? Hören wir gerne Ratschläge? Muntern manche Werbeprospekte auf? Ist Einkaufen gefährlich? Darf man Demokratie hassen? Ist es im allgemeinen zu befürworten, laut mit sich selber zu reden? Kommt Hochmut vor dem Fall oder folgt der Fall auch zwingend auf den Hochmut? Wovor ekeln sich Schnecken? Haben wir zu selten Hunger? Welches ästhetische Befinden haben Nacktmulle? Lesen die Menschen zu viele Bücher? Ist Natur klimaneutral? Vermissen wir die Mumifizierung in unserer Gesellschaft? Warum werden Kunden nicht gekrönt? Darf man wegen Kunst kotzen? Und wenn man sich falsche Hoffnungen machen kann, was ist eine richtige Hoffnung?

Der Satz (XXXIV)

Auch bleibe die Natur, so weit man käme, immer eine furchtbare Mühle des Todes: überall ungeheurer Umschwung, unauflösliche Wirbelkette, ein Reich der Gefrässigkeit, des tollsten Übermuts, eine unglücksschwangere Unermesslichkeit; die wenigen lichten Punkte beleuchteten nur eine desto grausendere Nacht, und Schrecken aller Art müssten jeden Beobacher zur Gefühllosigkeit ängstigen.

Novalis, Die Lehrlinge zu Sais

Zentripetalkraft

Das Pony kann hier nicht weiter. Es ist an der Leine angebunden und kreist um das Scharnier am Boden, an dem sie festgebunden ist, tatenlos herum. Es scheint fast, als könne es hier nicht weg. Es schaut die Vorbeiziehenden an, klappt die Ohren in Richtung der sanften Musik, die aus der Ferne zu ihm dringt. Sein Blick glimmt, als möchte es nachschauen, worum es sich handelt. Nur ungerne bleibt es stehen, wo es ist. Doch weshalb zerrt es nicht am Seil? Manchmal spannt sich die Leine ein wenig, die von den Zügeln am Mund bis zum Scharnier reicht. Sie spannt sich nie ganz durch, sondern nur bis zu scheinbarem, ersten Druck. Sofort lässt das Pony ab, dreht den Kopf wieder gegen die Mitte und das Seil lockert sich. Genaugenommen ist es wohl gar nicht angebunden, denn es zerrt nicht am Seil, die Leine singt nicht, während das Pony mit aller Kraft daran reisst. Natürlich musste es lange Anpassung davon abhalten, wie ein wildes Tier dagegen zu rebellieren, es ist ohnehin zwecklos. Obwohl das Pony den Druck selbst bestimmen kann und er nicht heftiger als ein lässiges Lehnen gegen die Wand sein muss, scheint es sich vor ihm zu fürchten. Weil es dieses Durchstrecken konsequent vermeidet, büsst das Pony einen grossen Teil seines Umkreisradius ein. Es scheint so noch stärker gefangen, weil die Schritte um das Scharnier am Boden noch enger gesetzt sind. Der Platz, der ihm für sein Kreisen bleibt, ist dadurch stark zusammengeschrumpft. Das Tier wird durch die Furcht vor dem Spüren der Leine scheinbar stärker gefangen, enger gefesselt.
Aber schau, es ist ja gar nicht gefangen. Die Leine bindet das Pony nicht zurück. Sie verhindert nie gewaltsam sein Fortkommen. Die Leine verhindert nichts, ist auch gar keine. Sie ist ja auch ein wenig Pony.