Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: April, 2013

Fahrenheit 451 (Ein-Satz-Review)

Fahrenheit 451Fahrenheit 451 by Ray Bradbury
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Eine optimistische Antwort auf 1984: Auch ein totalitärer Staat mit unverständlichen Kriegen, auch Bespitzelung und Verleumdung, auch das Revidieren der Vergangenheit durch die Auslöschung der Literatur, nur diesmal nicht durch den totalitären kommunistischen Staat, sondern durch die totalitäre kapitalistische Wirtschaft, diesmal nicht aus reinem Selbstzweck der Macht, sondern des Spasses, diesmal nicht hoffnungslos: hier wird Beatty – das Monster des Intellekts, die Verkörperung des Relativismus – getötet, während dort gegen dieselbe Gestalt (mit Namen O’Brien) nichts mehr ausgerichtet werden kann.

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Der Satz (XXXVII)

„Man darf nie zu grob sein“, dachte er bei solchen Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und des bescheidenen Wesens.


Robert Walser, Der Gehülfe

1984 (Ein-Satz-Review)

19841984 by George Orwell
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Man hat mir gesagt 1984 handle von einem grausamen System, doch man hat mich angelogen, es handelt von anderem, vom Sieg der Philosophie über die Praxis, von der Totalität des Relativismus, von der Macht der Macht, der Stil ist schlank, die Geschichte nicht ohne Ironie, aber nicht grausam: Das System ist grausam für jene, die an die Grausamkeit glauben wollen — und doublethink ist nur die Perfektion des Denkens, die nicht alle erreichen; man muss von 1984 als einem optimistischen Buch denken.

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Novalis

»Sie haben recht«, sprechen mehrere, »das Dschinnistan zu suchen in den von Magnetfeldern und Konjunkturen des Zufalls gekerbten Wegen. Der Talisman, der in verschütteten Schächten schlummert, enthüllt erst den Weisen die schlächtende Natur. Wer also zur Kenntnis der Natur gelangen will, muss das Klopfen an der Tür beantworten, das ihn aus den traumgesponnen Fittichen einer Glaubhaftigkeit entreissen kann. Wenn, wie Anja, jemand von fremden Wesen, unter deren ständiger und mannigfacher Einwirkung sich unsere Natur erst als Gewobenes ergibt, weggezogen und in tosende, kreisende, im Himmel schwebenden Gefährte gezogen wird, so ist auch dies der erste Schritt zu jenem Sanskrit, den die Wolken sprechen. Ihm sich zu widersetzen wäre dem Erkennen der sinnlichen Welt eine Gewalttat, die noch höhnischer wird mit dem inneren Triumph den solch Kämpfer mit sich herumzutragen pflegen. Die völlige Preisgabe und der Aufstieg zum schwebenden Himmelskörper, durch den man zu den fremden Geschöpfen empfangen wird, sind der schmale Kamm, dem der Bergsteiger des Wissens entlanggehen muss.«
»Die andern reden irre«, sagt ein junger Mann mit traurigem Ausdrucke. »Wer zu Hause bleibt, wie dies Peter tun muss, und anzusehen hat, wie die Liebe einem genommen wird: Wer erkannt hat, dass diese Irrlichter des Geheimnisses nicht den Verstande nähren, sondern seine umso kreisendere Neugierde, je näher er den Schlünden der Hingabe kommt, mit fuchtelnder Macht beherrschen, der weiss auch, dass nicht im Austausch mit anderen Wesen die Erkenntnis zu finden ist. Die Erkenntnis selbst ist das fremde Wesen, das sich, die Fängen um sich breitend, wie ein drohendes Gewölbe um den Suchenden wölkt. Einstand und Abwehr sind Formen des inneren Verstehens und nur sie können davor bewahren, das Gehör für immer an die Abgründe der ewigen Zaubersprüche zu verlieren. Dass Peter sich, die Stirn umdüstert von Sorgen, hinunterstürzt von den Machwerken der Menschen und seiner Natur entgegenblickt als Sterbender, beweist, dass der Kampf mit den ewigen, knarrenden Mühlen der drückenden Natur kein zweckloser sein muss. Das Wahre liegt in uns und erst in der Abenddämmerung unseres Lebens sinkt die Hitze so weit, dass wir die grossen Züge ihrer wohlgeschaffenen Schöpfung durchwandern und überprüfen können, wenn bis jetzt die Sonne zu heftig die Hügel und Täler versengt hat, in die sich ein Jüngling forschend stürzen will und wo er sich doch nur zu häufig verbrennt.«


kleine schule des stils logo

Der Satz (XXXVI)

“At present I would prefer not to be a little reasonable,” was his mildly cadaverous reply.

Herman Melville, Bartleby, the Scrivener

Die Enge des Anzugs

Die nagende Plage der Kragen zu tragen Wagenden:
Der heisse Schweiss beisst im kreisrunden Scheiss
Es juckt beim Zucken, beim Schlucken und Spucken
Und die Knöpfe behindern die Kröpfe der Köpfe.
Mach Schlauf‘ und Knauf auf, erkauf dir Schnauf!
Musst dich entkleiden, die Leiden der Seide meiden
Schick sie zu Tale, die Qualen der Schale!
Münde nie in den Schlünden der Sünde
Kündige bündig wie findige Mündige:
Mach den Schlenker zum Denker —
werde Henker statt Banker!

Ara

Nur ein Ara sein. Und an dem Schillern des Gefieders sich erfahren. Dieser Regenbogen stäubt über beigen Daunen in tausend changierenden Tönen auseinander. All diese Schwingen sein, an den Flanken vor Schönheit klaffen, es mit der Zeit aufnehmen, Auge in Auge, Blicke verkettend. Nur die wissenden Augen stehen zurück, lauern böse in den Höhlen, weil die Schönheit sie dorthin blendet. Singen. Sogar das Gehorchen, sogar gezähmt, sogar dressiert, erscheint als Herrschaft in dieser Pracht. Nur dieses Gefieder tragen. Nur eine Minute. Nur die Farbe in Vollkommenheit. Nicht frei, nur ein Ara sein. Nicht ein Vogel, nur die Hülle sein. Nicht sein, nur die Erscheinung.