Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Mai, 2013

Die Prüfung

Ich stehe an der dunklen Strasse. Ein grosses Glasfenster leuchtet gegenüber. Lange Holztheken, auf denen Produkte ausliegen, stehen in fast förmlicher Distanz voneinander getrennt im Laden. Es befindet sich ein einziger Besucher im Apple-Shop, er trägt einen Anzug und eine Brille mit dünnem Gestell. Den Oberkörper weit nach vorne gelehnt, stützt er sich mit der rechten Hand auf der Tischplatte ab. In der linken hält er das iPad, das mit einem kurzen Sicherheitskabel befestigt ist, einige Zentimeter in die Luft, und er linst hinauf. Die Hand macht dabei eine schwierige, man möchte sagen, ausgebildete Bewegung, die das Gewicht und die Balance des Geräts prüfen, während er das Gerät über seinen jetzt kaum über der Tischplatte schwebenden Kopf hält.
Ich kann sein Gesicht schlecht erkennen, aber noch in der Brechung des Glases findet sich ein Ausdruck von Hingebung auf ihm, der mich innehalten lässt. Es ist ein Suchen, ohne finden zu wollen, eine Art pflichtschuldiges Beschuldigen des Geräts. In dieser väterlichen Strenge, wobei er hofft, dass er sich täuscht, und in diesem töchterlichen Stolz des iPads, das nur leicht wankt in der Hand und die Prüfung abschätzig über sich ergehen lässt, in genau diesem Moment bemerke ich, dass ich den Atem anhalte und gespannt warte.
Hastig streife ich mir die Kopfhörer über und verschwinde, hoffentlich unerkannt, in eine nur ungefähre Richtung in der Dunkelheit.

Der perfekte Politiker

Ich bin von sanftem Gemüt. Fest, aber nicht unbeugsam. Undurchdringlich, aber transparent. Ich bin eine Plastikflasche.

Tod in Venedig (Ein-Satz-Review)

Death in VeniceDeath in Venice by Thomas Mann
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Achtung, Pädo, Achtung, Pädo!

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Der Totschlag

Ein kleiner Käfer, es ist nicht leicht zu sagen, was für einer, sitzt auf der Scheibe und lenkt das Mädchen ab. Aufmerksam und mit hochgezogenem Mund betrachtet es das vielgliedrige Geschöpf und die schwirrenden Segmente seines Panzers. Es hat aufgehört sich zu putzen und sitzt nun regungslos an der senkrechten Scheibe. Mit einer sachten und langsamen Handbewegung, die selbst noch unentschieden zwischen Abwehren und neugierigem Anstupsen scheint, versucht das Mädchen den Käfer zu verscheuchen, der sie sichtlich bedrängt. Das Tier verflüssigt sich dabei, ein schwarzer Strich voll Blut bildet einen kleinen dunklen Flecken an der Scheibe, und weg ist es. In regelmässigen Abständen kleben dort abgetrennte Beinchen und Flügel. Die Waldböschung, an der der Bus vorbeirauscht, senkt sich plötzlich zur Ebene ab und jetzt leuchtet die gebrochene Sonne durchs Fenster ins schuldbewusste Gesichtchen des Mädchens, das sich duckend nach Zeugen umdreht. Doch die anderen Passagiere starren, die Stirn am Plexiglas, nach draussen in die morgendlichen Felder, als könnten ihre Blicke Äcker pflügen.

Severins Gang in die Finsternis (Ein-Satz-Review)

Severin’s Journey Into the Dark : A Prague Ghost StorySeverin’s Journey Into the Dark : A Prague Ghost Story by Paul Leppin
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein Attentäter, der vor seinem Anschlag unverhofft im Lotto gewinnt und aus dem Konzept gebracht wird — eine Idee, die ein ganzes Buch machen könnte, die hier aber nur das geheimnisvoll flackernde Ende eines geheimnisvollen Korridors bildet; es lässt sich nicht sagen, ob es das Licht oder nur grössere Dunkelheit ist, was am Ende vom Gang wartet, am seltsamen Ende von Severins Gang in die Finsternis.

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Erster Frühling

Der Gedanke des ersten Frühlingstages, dass er gleich sei, wie im letzten Frühling, als man sich an den vergangenen erinnerte, an dem man dem vorigen und dem ersten Frühlingstag davor gedachte, wie man im früheren Jahr schon, wie in Wiederholung, selbigen Gedanke, eigentlich eine Erinnerung, immer schon gehabt, immer schon erinnert hätte, worin es selbst schwindet und schwindelt, das Gedenken schraubt sich tiefer hinab, zu immer weiter Zurückliegendem pflügt es sich ungesättigt durch die Jahre, fräst Schneisen, stets sich, im Strudel, besinnend auf die Frühlingstage zuvor, als man das letzte Jahr gewahrte, in dem man sich an die Tage der Gedenkens erinnerte, dieser riesigen Last erinnerter Erinnerung, mit riesigen Lasten erinnerter Erinnerung abzuwälzen, die sich in jedem Jahr zu jähren, im grossen Lauf zu häufen scheint.
Was für ein lächerlicher Gedanke!
Und doch irgendwie da.

Der Satz (XXXVIII)

Früher hatte man auch wohl gelegentlich gewissermassen gedacht, aber man stiess dabei immer so schnell auf ein gewisses Etwas.


Gottfried Benn, Alexanderzüge mittels Wallungen

George Orwell

Outside, even through the white window pane, the world looked cold. The weather took on a pale-shining colour, setting little eddies of newspapers spinning in oddly manoeuvred spirals to the sky. In a somewhat peculiar manner Pete stared out to the slush on the streets, remainders of the Hate Week the Party had initiated few days earlier. The war against Eurasia had led to an enormous but still vague impression of fear on every member of the Party. This might be the end, Pete thought while the stream of thinking seemed strangely decelerated. Doublethink tried to stop him from realizing the truth. The end of Anja, his wife. But he should have anticipated it, he should have known it from the start. She has been too smart and too bright a person to just slip through the strict controlling web of the Ministry of Truth.
The telescreens were flickering behind his back, babbling and spieling about the government raising the supply of onions when in fact they were cutting them down. It were certainly those never-silent telescreens that had recorded some mindless comment or a dizzy mumbling in her sleep for which she was found guilty. In this moment, Pete would have wanted to burst out of the house and call after her in the muddy streets. But suddenly he was absolutely certain she had vanished. Just one more beloved dead person who Pete had had to let go, one more smart Party member vaporized by the Ministry of Love in its dark rooms of cruelty and disgust. But she was not a dead person, far worse than that — she was an unperson.


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