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Monat: Juli, 2013

Der schreibende Gorilla – ein Kurzkrimi.

Exklusiv für den Blog veröffentliche ich im Tagesrhythmus einen Kurzkrimi. Verteilt auf 9 kleine Kapitel wird die mysteriöse Geschichte, die einen schreibenden Affen, Nekrophilie und eine Plagiatsaffäre zum Inhalt haben, erzählt.

1. Teil
2. Teil
3. Teil
4. Teil
5. Teil
6. Teil
7. Teil
8. Teil
Letzter Teil

Pilot Pirx (Ein-Satz-Review)

Pilot PirxPilot Pirx by Stanisław Lem
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Der technologische Fortschritt von Pirxens Welt wird in den farbigen Geschichten ins Innere verlagert: Die Reisen durchs All sind öde und unspektakulär, Aliens gibt es nicht, die gesellschaftlichen Hierarchien ändern sich nicht (Chefs sind unantastbar und Frauen kommen nicht vor), doch in der Kabine des Raumschiff tobts, in den zentralen Schaltstellen einer delokalisierten, havarierten Kommandobrücke, wo Fliegen (Test), Katzen (Terminus) und Irrlichter (Die Patrouille) auftauchen, ist die Hölle los — das Innere von Pirx ist das Ziel der Science-Fiction, wenn er sieben Stunden unter „Behinderung der afferenten Stimuli“ in sich selbst versinkt (Der bedingte Reflex), wenn er den Roboter Terminus von einem in ihn eingebrannten Trauma erlöst (Terminus), wenn er wie Narziss den Verstand wegen eines Spiegels fast verliert (Die Jagd): dieselbe Innerlichkeit sorgt dafür, dass die kriminalistisch angehauchten Rätsel nur durch Wiederholung und nie durch äussere Betrachtung gelöst werden können (Die Patroullie, Der bedingte Reflex, Der Unfall) und dieselbe Innerlichkeit erhöht sich nur durch die Technologie und die Roboter, die nie klüger als Menschen werden und doch, sozusagen, ihre Prototypen bezeichnen (Terminus, Die Jagd, Der Unfall, Ananke) und den Menschen wieder auf seine Unvollkommenheit zurückwerfen (Die Verhandlung, Ananke).

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Albtraum

Selbst als der Zombie mit Kniebeugen fortfuhr, wollte ich der Sache noch nicht trauen.
»Sie behaupten also, Sie können alle Dinge aus den Träumen zum Leben erwecken?«
»Wie gesagt, nicht ganz. Nur die albtraumhaften. Zombies, Spinnen, Mörder. Es ist doch schon ein grosser Fortschritt, wenngleich die Reproduktion nicht ganz ungefährlich wirkt. Dennoch, das Arsenal an möglichen Reproduktionen ist schier unerschöpflich. Vergleichen Sie es mit positiven Träumen, da finden Sie nur Feen und Ritter und solche Sachen.«
»Und den haben Sie aus Ihren eigenen Träumen exzerpiert?«
»Ja. Sicherheitshalber. Bei mir wusste ich wenigstens, was auf mich zukommen würde.«
Der Zombie hielt plötzlich inne, dann drehte er seinen gehäuteten Schädel zu uns. Seine Faust schlug gegen das Panzerglas. Als hätte ihm das vorübergehend Befriedigung verschafft, liess er ab und ergriff eine Neonlampe, an der er sich in Klimmzügen übte.
»Und weshalb diese Trainings?«
»Sportunterricht Neufeld, von 74 bis 79 dreimal die Woche. Altes Trauma.«
»Achso«, antwortete ich und sah zu, wie der Zombie seine zerfletschten Beine zum Spagat spannte.

Am Ende meines Körpers ist mein Körper am Ende

An meiner Schulter habe ich einen Arm. Am Ende dieses Arms habe ich eine Hand und am Ende meiner Hand habe ich fünf Finger und am Ende dieser Finger habe ich Kuppen und am Ende dieser Kuppen habe ich Papillarleisten, die für meinen Fingerabdruck sorgen. Ich bin nicht enttäuscht, wenn dich das nicht überrascht. Vermutlich hast du das auch. Es sei denn du hast Lepra oder deine Hand bei einem Unfall verloren oder keine fünf Finger oder du leidest unter Adermatoglyphie, weshalb dir ein Fingerabdruck fehlt. Aber da das sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, hast du wahrscheinlich dasselbe wie ich, was an deiner Schulter so hängt.

Ich habe also Papillarleisten und am Ende dieser Papillarleisten habe ich eine dünne Hautoberfläche, die Epidermis, und am Ende der Epidermis bin ich übersät mit Schweissdrüsen und am Ende dieser Schweissdrüsen entweicht ununterbrochen ein wenig kaliumnitrathaltiges Wasser. Am Ende bin ich also Wasser, aber das Wasser ist so gering, dass es sofort verdunstet, wiewohl es noch gar nicht ganz aus mir ausgestossen ist, und deshalb habe ich am Ende meiner Schulter, über meinen Arm und meine Hand und die Finger und die Fingerkuppen, die Papillen und die Epidermis genaugenommen Gas an mir dran. Und da das alles ich bin, bin ich eigentlich ein bisschen Gas, das heisst — niemand kann sagen, dass ich das nicht mehr sei, denn ständig sind die Moleküle der Haut in Bewegungen — wie alle Moleküle in ständiger Bewegung sind. Und die Moleküle, die auf der Kante von mir tanzen, sind manchmal so nah bei mir, dass ich sagen könnte, sie gehörten zu mir, dann wieder sind sie den Luftmolekülen, die ich nicht zu mir zähle, so nah, dass ich sie nicht als mein eigen betrachten will und genaugenommen tragen sie ja nichts von mir, sondern nur die biologische Zusammensetzung aus organischen Verbindungen, die aus ein paar Elementen besteht, nicht etwas, was ich von deinen Molekülen mit Leichtigkeit unterscheiden könnte.

Andere Menschen stählen ihre Muskeln und gehen an die Grenze, um Körper und Geist in Einklang zu bringen — als sei der Geist diszipliniert, klar und einheitlich, und der Körper müsste erst so weit gebracht werden. Bei mir sind Geist und Körper in Einklang, nur sitzt mein Körper gern ein wenig abseits, wenn ich mit dem Geist Gassi gehe. Auf diese Weise geraten sie beide ein wenig ins rechte Diffundieren.

Der Satz (XLI)

Ständig trug er in der Tasche allerlei Kram mit sich herum — irgendwelche Gewichte, Laschen, Schlüssel, und wenn er sich in Schwierigkeiten befand, unbeweglich zwischen Decke, Fussboden und Wänden hängend, langte er einfach in die Hosentasche und schleuderte den erstbesten Gegenstand, den er fand, von sich, um sanft in der entgegengesetzten Richtung davonzuschweben.

Stanisław Lem, Pilot Pirx

In der Schlucht

Ich wanderte durch die Schlucht. Die Sonne warf noch im Untergehen ihr Licht bis an die Wände hoch. Kleine Amseln versteckten sich im Kar, das sich unter einem Überhang gebildet hatte, um ein wenig Schatten zu suchen. Ich setzte meine Füsse so vorsichtig wie möglich und achtete darauf, dass ich nicht umfiel. Das Gewicht auf meinem Rücken war schwer. Der Schweiss rann mir ins Auge. Ich war nach vorne gebückt, um den Körper stemmen zu können, und hielt mit den Händen vor meiner Brust die Arme zusammen. Manchmal fürchtete ich, sie könnten ausreissen, so dünn waren die grünen Ärmchen, doch es überstand sogar einen Sturz, als ich stolperte. Vor meinen Augen erschienen Phantasmen, schwarze Ringe, die die Anstrengung durch das Gesichtsfeld stäupte, zwangen mich mehrmals zum Innehalten. Manchmal rief ich ein paar Worte in die Schlucht. Nicht um Hilfe zu holen, sondern um mich zu vergewissern, dass ich noch unterwegs und nicht längst in einen Traum versunken war. Der Kopf, seltsam ausgebeult, lag auf meiner Schulter. Manchmal fürchtete ich, er könnte plötzlich wach werden und mir ins Ohr schreien, doch ein Blick zur Seite genügte, um zu sehen, dass es um das ohnmächtige Alien nicht gut genug bestellt war. Endlich erreichte ich eine kleine Anhöhe. Weiter hinten rauchte ein Kamin eines einsamen Hauses, das sich an die Schluchtwand anschmiegte. Viele kleine Treppenstufen führten an einem Wasserfall vorbei hinauf zu der mächtigen Holzpforte. Oben war eine kupferne Glocke angebracht. Es musste ein Kloster sein. Ich glaubte sogar, eine Nonne auf der Bank zu erkennen. Ich richtete meine Last neu und zottelte los.

Auf dem Balkon

Ich trinke auf dem Balkon, auf einem Klappstuhl sitzend, trinke ein Bier und sehe zur anderen Strassenseite. Neben mir steht der Druide, träumerisch abgewandt zu einem Block gegenüber, wo seine Augen nach leuchtenden Fenstern suchen. Der untere Saum seines Kittels ist nass. Ich trinke ein Bier, versunken im Klappstuhl, und betrachte das Fahrrad, das auf der anderen Seite an einem Geländer steht. Es hängt kopfüber, schwer zu sagen, warum. Der Druide fährt sich durch den Bart, er sieht verträumt weg, weisse Socken leuchten unter der Robe hervor, er lehnt sich über das Geländer, von unten dringt das Hupen und Brausen der Autos herauf.
»Ich weiss irgendwie nicht«, sage ich, während ich das überhängende Fahrrad inspiziere, »worauf das hinausläuft.«
Der Druide dreht sich langsam um, sein Blick gleitet über die Dächer hinweg und bleibt an den Satellitenschüsseln hängen. »Das?«, fragt er.
Ich zeige mit den Händen breitflächig vor mich hin, zeige, die Dose in der Hand, hier auf dem Balkon, im Klappstuhl sitzend, am Abend, auf die Strasse unten, auf dem ein Paar verschlungen entlangschlendert, auf die dichten Häuserfassaden, auf die Beschwernisse und Umständlichkeiten, Finanzströme, Cocktailkarten, Fallschirmspringer, Fördergelder, auf die dunklen Ringe um die Augen der Menschen, die kürzer werdenden Tage, die Aufdringlichkeit der Hilfswerke, darauf, dass ich den Job gekündigt habe, dass mich Anina eine Woche nicht mehr sehen will, zeige auf die Mahnungen in meinem Zimmer, zeige auf meine zerschlissene Trainerhose und den Bart, der mir im Gesicht spriesst, zeige auf eigentlich all das mit einer grossen Geste.
Der Druide runzelt die Stirn und sagt: »Ich weiss nicht, was du damit meinst.« Er dreht sich um, sein nasser Kittel hebt sich bei der Bewegung ein wenig. Wieder auf das Geländer gestützt, starrt er hinüber zum Block, wo er hofft, dass ein Licht angeht, aber es bleibt dunkel.
Ich sehe ihn heimlich an und beisse mir einen Nagel ab. Das ist das Klügste, das er je gesagt hat, denke ich. Vielleicht macht er sich am Ende doch noch bezahlt.