Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: August, 2013

Riss

Das, was du für ein Lächeln hältst, ist nur ein Riss in den Gesichtern der Menschen. Er beginnt bei den Mundwinkeln, wo die Spannkraft am Geringsten ist. Manchmal lockert sich der Spalt, weil körpereigene Gase — Nebenprodukte des Organismus — entweichen müssen. Es kann aber auch nur der Wind sein, der den oberen Teil des Schädels um einige Zentimeter in die Höhe hebt.

Andere Freunde

Flynn sagt: Du schaffst das schon. Du hältst das durch.
Du packst das jetzt, sagt Flynn.
Ich kann nicht mehr. Ich weiss nicht, was ohne Flynn aus mir werden würde. Sei bereit, schlag zu, sagt er. Gib nicht auf, bald hast du es. Nur noch einmal, mit letzter Kraft, es zahlt sich aus, es lohnt sich noch.
Fred schlägt mir in den Kopf, er haut mich um und hickt mein Bein. Er klopft mich wund, er schlägt voll drein. Komm schon, sagt Flynn, halt durch, bleib drin.
Bald hast du es, sagt Flynn und lacht und Fred, der nickt, der grinst — und schlägt gleich zu.

Slaughterhouse Five (Ein-Satz-Review)

Slaughterhouse-FiveSlaughterhouse-Five by Kurt Vonnegut
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Der Prototyp jenes amerikanischen Stils, der die letzten fünfzig Jahre prägte: Parataxe, lange erzählte Zeit, skurrile Figuren, deren gesamte Leben mit Vor- und Rücksprüngen erzählt werden – deshalb hat Vonnegut den Anspruch der literarischen Vaterschaft von John Irving (den er unterrichtet hat) oder Jonathan Franzen, nur dass sich dieses Buch weit mutiger erweist, wenn es sich nicht scheut, Science-Fiction und Zweiten Weltkrieg, Augenzwinkern mit Bedrückung zu koppeln, und wenn es, in seiner Kürze, bis zur entzückendsten Prägnanz verdichtet.

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Das kartesische Kind

Als ich sagte, dass ich Hunger habe, sagte meine Mutter: »Du hast keinen Hunger.«
Nun ist es doch so, dass ich noch ein kleines Kind bin und mich in derlei Dingen früher auch getäuscht habe und wahrscheinlich immer noch getäuscht werde. So hasse ich Mädchen und Mama sagt, eigentlich sei das Gegenteil der Fall, es werde sich schon noch zeigen. Auch habe ich einmal gemeint, ich müsste pinkeln und habe das ganze Auto zum Anhalten bewegt und als ich auf dem Klo der Raststätte sass, musste ich nicht mehr.
Dann ist es doch wiederum richtig, dass man sich gewisser Eigenheiten des Hungers nicht entledigen kann. Das eine Mal betrifft es das Vorkommen oder die Dringlichkeit des Hungers, die nie für immer wegbleibt, auch wenn ich beim Gamen ganze acht Stunden verbringen kann, ohne mehr als eine handvoll Chips. Das andere Mal betrifft es die Qualität des Hungers, die sich unterscheiden lässt.
Klar, Hunger auf Schokolade und Hunger, nachdem man sich auf dem Dachboden versteckt hat, sind zwei verschiedene Dinge und niemand brächte es fertig, die Lust, eine Schokolade zu verspeisen, mit der Lust, zwei Krümmel aufgeweichten Brotes zu verzehren, miteinander gleichzustellen. Nicht einmal Stiefvater Peter könnte es fertig bringen. Und doch liesse sich einbilden, dass mich Peter hierüber täuschen lässt und es nur verschleiert, indem er, während Schokolade ein scheussliches, widerwärtiges Produkt darstellt, jenes Gute des Brotes extrahiert hat und es in diese Schokolade gespritzt hat, um mich hierüber in Unklarheit zu belassen. Nehmen wir also an, es könnte das, was ich Hunger nenne, durch Peter gemacht und verändert worden sein, ohne dass ich es wüsste. Ich hätte nichts mehr, dessen ich mir im Hinblick auf mein eigenes Verlangen sicher sein kann.
Doch ich sehe, dass das Verspüren des Hungers grösser ist als die Qualität oder Quantität des Hungerns – es ist der Zustand des Verspürens von etwas, das fehlt, den ich unleugbar in mir trage, und es ist unbestreitbar, dass, sooft ich den Satz „Ich habe Hunger, ich habe Hunger“ für mich ausspreche, ich unweigerlich auch Hunger haben müsse.

»Doch, Mama«, sagte ich. »Ich habe echten Kohldampf.«

Wir schweben, steigen alle auf, vom Bahnperron weg, unsere Füsse zappeln über dem Asphalt, einer schlägt sich an der Werbetafel das Knie, andere scheuern sich die Köpfe an den Dächern wund, doch wir strampeln uns frei, steigen auf, schweben und schweben, dem Himmel immer näher, erreichen die Schichten des Nebels, die Dichte der Wolken, tauchen ein.
Viel später schaut manchmal einer zurück, lacht, als hätte er sich bei etwas ertappt, und sagt: „Ich dachte schon, ich hätte in den Gebäuden eine Wolke gesehen“, worauf ihm manche beipflichten, andere nur nachsichtig lächeln.

Neues: Kurzgeschichte in „Zeitnah“ und Text im Literaturautomat Basel

Das Online-Kulturmagazin Zeitnah hat meinen Text „Die Firma“ veröffentlicht (der leider zweimal leicht stottert, aber eine Mischung aus Kafka und Kapitalismus versucht, sozusagen Kafkapitalismus).
Ausserdem erscheint ab dem 31. August ein kleines Päckchen von Texten im Literaturautomaten und beruhigt oder erschüttert die verärgerten Raucher, die sich statt Zigaretten versehentlich den Text „Y=I+C(Y-T)+G+X-IM“ ziehen.

Die Lesung dazu findet im Rahmen des Jugendkulturfestivals im Literaturhaus Basel und zwar am Freitag, 30. August 2013, 18:00 Uhr statt. Ich freue mich wie immer über bekannte und unbekannte Gesichter.

Lord of the Flies (Ein-Satz-Review)

Lord Of The FliesLord Of The Flies by William Golding
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ärgerlich an diesem Buch sind nur die auf Symbolträchtigkeit versessenen Versuche, die wie Schulbücher anmuten, du weisst was ich meine, diese Parallelen zu Zivilisation und Barbarei, die Bedeutungsschwangerschaft der „Muschel“, des „Feuers“, der „Brille“ und so weiter, als hätte Golding sich ausgerechnet, wo die besten Referate zu machen seien (bevorzugt in jedem Kapitel, dann geht die Gruppenaufteilung leichter von der Hand) – was aber neben dieser Bemühtheit liegt, ein bisschen versteckt und zugescharrt, ist der überzeugende und erfreuliche Versuch, Spannung und Sprachgewandtheit miteinander zu kreuzen, der in diesem Fall einfach nur gelungen ist.

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Fritz Jäger hat diese Geschichte zerstört

Fritz Jäger hat diese Geschichte zerstört.
Dabei hatte alles so vielversprechend ausgesehen. Er hätte so scheu auftreten können, wie es seine Art ist. Ich hätte nicht viel von ihm preisgeben müssen. Ich hätte sogar ein höchst gnädiges Bild gezeichnet, die grossen Hände gelobt, die erhobene Statur, das gutmütige Lächeln, das ihm manchmal über das Geschicht huscht. Seine Warze auf der Nase und den zu kleinen, giftgrünen Pullover hätte ich hingegen verschweigen können, das hätte mir überhaupt nichts ausgemacht, denn für den Verlauf der Geschichte spielt es eigentlich keine Rolle. Wenn er sich an den Plan gehalten hätte, wäre Fritz heute morgen aus dem Haus gegangen und seiner grossen Liebe begegnet. Er hätte ihr, aus Schüchternheit, im Supermarkt nichts sagen können und unter grössten Entscheidungskrämpfen wäre er ihr durch die Stadt nachgefolgt. Das rothaarige Mädchen wäre ihm in der Menge entwischt — das wäre nicht schwer gewesen, ich hätte eine Menschentraube aufziehen lassen und die Rothaarige einen Kopf kleiner gemacht als die anderen — und er hätte die Suche aufgeben müssen. Er hätte nach Hause zurückkehren und trübsinnig, die Stirn gegen die kalte Scheibe gepresst, über sie nachdenken können, was indes wirklich nichts Unangenehmes ist, denn die Rothaarige war ausgesprochen schön und wohlgestaltet, ausserdem sehr witzig. Er würde sie schliesslich sogar kriegen — per Zufall würde er sie unterwegs am Stadtrand getroffen, sie unter Aufwendung seines ganzen Mutes angesprochen und schliesslich zu einem Wiedersehen eingeladen haben. Es ist natürlich ärgerlich, dass die Rothaarige nicht wie vereinbart auftaucht, aber das Wetter ist gut und lindert das Elend, das über Fritz Jäger hereinbricht, wenn auch nicht erheblich.
Zum Wohl der Geschichte würde Fritz sich immer mehr in Frage stellen und ein Leben in Zurückgezogenheit führen, bis er, eines Tages, in der Bibliothek auf die Schwester der Rothaarigen stösst. Von ihr erfährt er alles über seine grosse Liebe, was ihm schon geschwant hatte. Sie hatte einen Immobilienmakler geheiratet, der zu allem hin sympathisch und grossmütig war. Bei dem ausführlichen Gespräch, das die Bibliothekarin auf wundersame Weise (das heisst, ich persönlich hätte dafür gesorgt, und dies obwohl ich mir sicher bin, dass mein Lektor Einwände gemacht hätte, also unter gewaltiger Entbehrung) nicht unterband, hätte Fritz einen neuen Blick auf die Schwester gewonnen und an ihr Ungeahntes erkannt. Wenngleich sie hässlicher wäre als ihre Schwester, eine gänzlich verschobene Nase besässe, Mundgeruch und Keuchhusten hätte, würde sich Fritz mit jeder Minute des Gesprächs mehr in sie verlieben und er würde die Gemeinsamkeiten entdecken, die er an seiner grossen Liebe vermisst hatte. Es hätte ein grossartiges Happy End gemacht, wer weiss, eine Heirat gar, und Fritz hätte sich mit seiner etwas schrulligen, aber liebenswürdigen, etwas unansehlichen, aber doch auf ihre Art anziehenden Frau ein schönes Leben einrichten können.

Nein, all das war dem unbescheidenen Fritz nicht recht. Gleich schon zu Beginn hat er sich selbstständig gemacht — ich hätte es merken können, als er den blauen Pullover anzog — und hat die Schüchternheit, die ich ihm eingetrichtert hatte, flugs überwunden. Er hat die Rothaarige, trotz meines Versuchs, den Verkehr zu verdichten, rechtzeitig eingeholt, sie angesprochen, sie mit seiner scherzhaften und gewinnenden Art, die in selbstironischen Phasen auf Kosten seiner Warze witzelte, um den Finger gewickelt. Von da an lief alles aus dem Ruder. Die Geschichte war geradezu zerstümmelt. Mit ihr verbringt er bis heute und wie es aussieht, noch lange, ein wunderbar langweiliges Leben. Aber als sich Fritz Jäger für diesen Weg entschieden hat, schön für ihn!, hat er da ein einziges, kurzes Mal an mich gedacht?