Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: September, 2013

Nachhaltig

„YOLO“, rief er, und füllte die Steuererklärung aus.

Ein sehr guter Einwand

»Dass die Philosophen auf der Suche nach dem Ur-Wort sind und es nicht zu ent-decken vermögen, liegt nicht in der Beschaffenheit der Mundhöhle des Neanderthalers oder der ersten Menschen. Wenn es überhaupt zu finden ist, ist es zu suchen in der Beschaffenheit des Wortes selbst, das aber immer schon eingenommen ist in der Sprache. Das Ur-Wort, das Urwort, vielleicht der Urschrei, ist daher auch nichts, worin sich diese Suche erschöpfen könnte, denn ständig ist das Wort verlagert in eine Vorzeitigkeit seiner Bedeutung. Es ist ganz ähnlich wie mit dem ersten Geldstück, das es nicht gegeben haben kann, denn Geld besteht nur durch die Anwesenheit von anderem Geld — und wir erinnern uns an Johann Nepomuk Nestroys Bonmot: Die Phönizier haben das Geld erfunden — aber warum nur so wenig?
Ein Gleiches legt sich in der Sprache dar: Das Urwort kann nicht in künstlicher Verknappung, in hermetischer Befasstheit entstanden sein. Sie hat sich aus nichts entwickelt. Es ist viel eher sogar so zu verstehen, dass die Sprache viel länger als das Wort existiert, denn es gibt keine Definition von Sprache in ihrer kommunikativen Form, die sich von einer anderen Form der Informationsrückkopplung — ich will hier den primitiven Vorschlag von zwei miteinander operierenden Zellen nennen — klar unterscheiden liesse: Auch diese Zellen ›sprechen‹ durch die Anionen und das Kalium, das sie einander zuschütten. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass es eine Ursprache gegeben habe und dass es, obwohl alles in uns sich dagegen sträubt und uns glauben machen will, dass es ein Erstes, ein Origo gegeben haben muss, ein Urwort gibt.«
Der Professor hielt inne und schielte über die Brille, um in die hinteren Reihen des Vorlesungssaals zu spähen.
»Ja, da hinten habe ich doch etwas gesehen.« Es war eine krumme, ausgebeulte Hand, aus der eine hochgereckte Keule über den behaarten Schädeln der anderen Studenten in die Luft ragte. »Ja?«, fragte der Dozent.
»Ugah! Ugah!«
»Das ist ein sehr guter Einwand«, antwortete der Professor und setzte sich die Brille ernst auf die platte Nase.

Der Satz (XLVI)

Denn schön ist alles, sieht man es mit Liebe an,
und alles, was man liebt, ist klug.

Charles Perrault, Riquet à la houppe

Werthers Tod

»Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zögere nicht.« Seine Hand huschte rasch über das Blatt. Auf dem Gesicht blitzte ein ingrimmiges Lächeln auf. Er hustete, hielt inne, nahm Tinte zur Hand, schüttelte den Kopf über einen Gedanken und hob dann die Feder wieder an, um fortzufahren. »Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für Dich zu sterben!« — Ja, das hätte sie wohl gern! Dass ich daran glücklich würde, Wahnsinn! Werther schüttelte wieder den Kopf. Für dich, dich Hure, der dir alles egal ist. Sterben — gar traurig sein. Glaubst, ich mache gar alles für dich, weil ich dir diese Briefchen schreibe. Ein Flittchen im Herzen bist du — du Schwärmerin —, aber entscheidungsträge wie ein Himmelskörper im Wechsel seiner Umlaufbahn. »In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, Du hast sie berührt, geheiligt.« Jetzt lachte und höhnte er. Eher würde ich sterben als dieses Clownkostüm noch einmal anziehen. Wie können die Frauen nur auf sowas abfahren? Blaue Jacke, gelbe Weste (und diese Stiefel!) — Augenkrebs grüsst mit Handkuss. Sie wusste das wohl. Er war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie lächerlich er den Aufzug fand. Und ihr hatte es, tief im Herzen, auch nicht gefallen. »Es schlägt zwölfe!«, kritzelte er noch hin. »So sei es denn! — Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!«
Werther lachte laut auf, beglückwünschte sich zu dem sarkastischen Schriftstück, mit dem er die ihr zugeschickten Briefe, die ernsten wie die unernsten, abstrafte und zugleich Lotte ihre Gemeinheiten so tief ins Herz zurückbohren konnte, dass es den Schmerz der Trennung linderte. Er konnte viel zu gut schreiben, als dass er sich diese Genugtuung hätte entgehen lassen, für sich selbst ein solches Textchen zu verfassen, dass er dann auch wieder verbrennen würde, sobald der Schmerz abgeklungen war. Er las den meisterhaften Brief mit höchstem Entzücken noch einmal und versiegelte ihn sorgsam. Gehste halt, Lotte! Machste das halt, Lotte! Wofür du dich nur wieder hältst? Andere Mütter haben auch schöne Töchter! Hältst dich für etwas Besseres? Klopstock hat doch auch schon die erstbeste Magd gelesen! Aber du fällst auf alles, auf das kleinste Tänzchen, das zarteste Gewitter herein, als wäre es eine Verführung. Ich sag dir jetzt mal was, ich sag dir mal was zu deiner Gebildetheit, zu deiner künstlerischen Bewandertheit, auf die du soviel gibst: OSSIAN GIBT ES GAR NICHT! Haha, es ist lächerlich und — oh, ich könnte sie niederstechen, dieses verlogene Biest. Ich, der ich mir alles bin — wie könnte ich dich brauchen?
Um sich ein wenig vom Ärger zu erholen und sein neues Leben als völlig Ungebundener angemessen einzuläuten, wandelte er durch das Zimmer und geriet zum Bücherregal. Irgendwo musste es sein… Ein Blick in die alten Briefkorrespondezen mit Grete und Gisella würde sich lohnen, könnte ihn erheitern und erwärmen. Auf den unteren Regalen waren sie nicht, denn er erinnerte sich noch einer Zeichnung, die man aus bestimmten Gründen besser von Kindern entfernt hielt und die ihm Grete in einen Brief gesteckt hatte. Seine Augen wanderten nach oben. Dort, im Dunkel unter der Decke, auf der verstaubtesten Ablage, die fast nicht zu erreichen war, dort musste es irgendwo stecken. Nur kein verdammter Schemmel!
Werther stützte sich auf die Fläche des Regals, die in Brusthöhe lag, und versuchte durch Abstossen mit dem Fuss den nächsten zu erwischen. So hatte er erst wenige Zentimeter erreicht, als ein Knarren ertönte und seine beschissenen Stiefel vom Holz rutschten. Werther fiel nach hinten, konnte sich aber fangen, taumelte zum Schreibtisch zurück, schlug sich den Zeh an der Vertäfelung und jaulte auf. Der Schmerz im kleinen Zeh war so höllisch, dass er zum besseren Halt zur Seite griff — und ein offenes Kästchen erwischte — die alte, aber gerade frisch gereinigte Pistole des Grossvaters in den Händen, hüpfte er den Indianertanz — kniff die Augen zusammen. Er bemerkte, aus Versehen die Pistole geladen zu haben, und hielt sich dazu an, sie wieder zurückzulegen, doch der Schmerz im Zeh war so gross, dass es ihn nach einer Linderung verzehrte. Ein Schlückchen Schnapps! Irgendwas, das das Gefühl betäubt. Leider hatte er nur den teuren Rotwein, trotzdem langte er mit der freien Hand nach der Flasche, entkorkte sie und trank ein halbes Glas, bevor er sich wieder sammeln konnte. Neu gestärkt, kletterte er nach oben aufs Regal, als er halber Höhe merkte, dass die Vase, ein Stück aus dem fernen China, zu fallen drohte, und er einen Fuss befreien musste, um sie aufzuhalten. Dies gelang, aber er war jetzt in einer so unglücklichen Position, dass er begriff, dass er die Pistole möglichst schnell aus der Hand legen musste, um Bewegungsmöglichkeiten zu gewinnen, und da das Kästchen noch offen und fast in Reichweite lag, wollte er die Waffe gleich sorgsam hineinlegen. Doch als er sich hinüberbeugte um die Pistole hineinzulegen, schlitterte sein Fuss, den er gegen die Vase gedrückt hatte, unglücklich ab, die Vase blieb auf wundersame Weise stehen, aber ein dicker Schinken löste sich daneben und fiel hinab auf seinen anderen Fuss, auf dem er seinen Stand hatte. Ausgerechnet dort litt sein kleiner Zeh noch die lodernsten Schmerzen und der Fall des Buches zog ihm sofort den Halt weg. Er ruschte zur Seite, sein Kopf hing jetzt bereits gegen unten — er klammerte sich mit dem Zeigefinger an einen Buchrücken, während er mit den anderen Finger selbiger Hand die Pistole festhielt. Dieser Scheiss! Es würde ihn noch das Genick kosten. So verharrte er mehrere Sekunden und er hätte es wohl ausgehalten, aber der Wein brummte ihm im Kopf und gab ihm — er hatte auf leeren Magen getrunken — einen ganz zarten Schwindel ein, der ihn schliesslich taumeln liess.
Der Rest ging schnell. Der Buchrücken klappte heraus, der Lessing löste sich, Werther flog hinab, die Pistole drohte wegzufallen, weshalb er den Zeigefinger zum bessern Griff in den Abzug schlang — er drehte sich im Fall, schlug sich das Kinn an der Tischplatte auf, der Schuss löste sich und drang über Werthers rechtem Auge ein, Emilia Galotti flatterte auf das Pult und klappte auf. Neben dem Stuhl lag er kümmerlich zusammengekrümmt. Sein Zeh brannte. Das Gehirn lag neben ihm. Er hätte gern jemanden gerufen, doch erst um sechs kam der Medikus, der ihm noch eine Ader liess. Um zwölf war endlich das Missgeschick zu Ende, von den Missverständnissen beschlich ihn nur eine Ahnung.

Jeden Augenblick

»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können. Er seufzte, sein Blick war — ganz kurz — düster umwölkt, oder verschwand wie der belaubte Boden eines späten Herbstes, dann klärte er sich wieder auf, blitzte keck hervor, die Geheimratsecken zuckten, Säbelrasseln mimischer Schwerenöter — und geformten Sinnes entschied er sich entschieden für die nächsten Worte. Den Mund öffnete er, gab ihm Zeit, dass sich ein Laut darin ausdehnen konnte.
»Jeder Augenblick ist kostbar«, sagte er. Und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette. Dabei glitt seine Hand zärtlich, fast fröstelnd, über den Schenkel. Der Blick war auf den Horizont gerichtet, umkränzt von stämmigen Augenfalten, er selbst stark in der Haltung, herausfordernd im Ausdruck und den einen Arm leicht ausgestreckt, wie um das Vorbeiziehende erhaschen zu können.

Adä Kassä

wännsi wännsi
wännsi wännsi
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi händsi
ächt äs chärtli
wännsi wännsi
wänd äs chärtli
grüezi grüezi
nändses nötli
gärn äs chärtli
händsi dank, si
grüezi grüezi
händsi nändsi
wännsi wännsi
wänndso guetsi.

Der Griff

Das Tal ist lang. Der Bach ist ausgetrocknet und statt Wasser rauscht das Laub, durch das ich schreite. Zwei Krähen kämpfen und bringen die Luft zum Rascheln. Meine Begleiter sind mit abgewandt und stehen nebeneinander, als wären sie zwei Wächter vor einem unsichtbaren Tor. Der erste Schneefall setzt an. Ich fühle den Engel neben mir. Die Wärme strahlt mir auf die Haut. Er streckt die Hand aus und ich will sie halten. Doch sie wollen nicht ineinandergreifen. Als hätte er zuviele Finger, versperrt es meinen Griff.
»Ich kann nicht«, sage ich.
Der Engel lächelt und setzt zum Abflug an.
»Warte!« rufe ich, doch er lässt sich nicht aufhalten. Er verschwindet mit den ersten Flocken. Ich blicke hinaus über das Tal, wo sich der letzte Herbstnebel verzieht.
»Können wir weiter?«, fragt ein Begleiter, der aufgeschlossen hat.
Ich nicke und betrachte heimlich meine Finger, deren Anzahl zu wachsen scheint. Stolz ziehe ich meine Fäustlinge an und trotte den anderen nach.

Die Gier

Sie zeigten nach oben auf die spiegelnde Fassade des Hochhauses.
»Weshalb ist die Krise über uns gekommen?«, rief einer der Demonstranten mit donnernder Stimme. »Wegen uns? Wegen der Wirtschaft? Wegen zu hoher Steuern? Nein! Das sind Lügengeschichten! Es ist die Gier, die dort oben herrscht!« Sein wütender Finger schoss hinauf und richtete sich auf das oberste Stockwerk der Grossbank. Hinter dem getönten Fenster stand Liebermann und errötete betroffen. Er war ein glattrasierter Mann mit etwas pausbäckigem Gesicht, rüstig und aufgeräumt sein Charakter, er galt als grosser Golfspieler, als begnadeter Stepptänzer und genoss — zumindest unter den Bekannten — einen blendenden Ruf.
»Die Gier?«, rief er aus. »Was soll das heissen, die Gier? Was fällt denen ein!« Seiner Histerie willfährig jagte er durch das Zimmer. Er stürmte hinaus und warf die Tür hinter sich laut zu. Seine Sekretärin fuhr zusammen.
»Wo ist denn diese Gier?«, fragte er die sichtlich verdutzte Frau. Sie schüttelte ahnungslos den Kopf.
Liebermann wartete nicht darauf, bis die Überrumpelte etwas hervorstammeln konnte, sondern rannte flink aus dem Zimmer. Er klopfte bei Mitarbeitern, denen er Vertrauen entgegenbrachte, und stürmte in ihre Büros, überzeugte sich, dass bei ihnen die Gier nicht vorhanden war, und verliess sie, stets noch stärker erregt, mit knallender Tür.
»Wo ist die Gier?« Er schoss aus dem Raum und knallte die Türe zu.
»Wo ist die Gier?« Knall!
»Die Gier! Jemand muss doch wissen, wo sie steckt.« Knall!
Vom Türeknallen unruhig geworden, begannen sich die Mitarbeiter für das Problem zu erwärmen. Noch am selben Abend fragte die Sekretärin in einem internen Rundmail an die Broker und Zweigstellenführungen, ob sie wüssten, wo die Gier sich versteckt hielte. Die wiederum, durch die Nachricht so hoher Instanzen in Bewegung gesetzt, horchten unverzüglich ihre Angestellten aus.
Nirgends war die Gier zu finden — selbst mehrere Meetings vermochten nicht, Licht ins Dunkel zu bringen — Wo ist die Gier? — Wo ist die Gier? — Hat jemand die Gier gesehen? — bald noch gewagter: — Hat jemand die Gier am eigenen Leib erfahren? — Man dürfe sich nicht scheuen, solche Begebnisse zu melden, es sei nicht recht und niemand solle sich schämen, ihr Opfer geworden zu sein — diese Rufe hallten in verschiedene Richtungen aus allen Schaltstellen der Verwaltung und erreichten schliesslich die niederen Angestellten.
»Sag mal…« Der Team-Coordinator von Sebastians Schicht rückte einen Stuhl hervor, auf den er sich setzte. Er zündete sich genüsslich eine Zigarette an und betrachtete mit glimmenden Augen, wie Sebastian langsam zu zappeln begann. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, die sich hier, im Nebenraum der Regionalbank, während dem normalen Betrieb, von seinem Vorgesetzten ins Dunkel gezerrt, über seinen ganzen Körper ausbreitete. »Jetzt mal ganz unter uns… Sebastian, wir können ehrlich miteinander reden. Du kennst doch Gier?«
»G…Gier?«
»Kennst du jemanden, der gierig ist?«
»Wie?«
»Na ja, oder bist du gierig?« Er blinzelte schelmisch.
»Nnn…« Mehr brachte Sebastian nicht hervor. Er sah den Vorgesetzten mit grossen Augen an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er war verstört durch den Lauf, den das Gespräch genommen hatte, sein Verstand durchstossen wie Eis von einem Eisbrecher, und er versuchte mit dem Rest seines Verstandes, abzuwägen, wieviel Spass und wieviel Ernst im Spiel sein konnten.
Der Team-Coordinator nickte, murmelte etwas und drückte mit Bestimmtheit einen leuchtenden Knopf auf dem Telefon. Nach wenigen Sekunden stand die Leitung.
»Frau Lobotsky?« Seine Stimme klang erhöht und leise, wie um ihr wieder Sanftheit zufliessen zu lassen, und langsam, damit sie sich mit ihr vollsaugen konnte. »Ich weiss, wo sie ist. Ich habe ihn.«
Sebastians Hand erhob sich zitternd, als wollte er seinem Vorgesetzten das Telefon entreissen, doch er verharrte im Begreifen, dass etwas sehr Schlimmes passiert war.
»Gott sei Dank, Herr Liebermann!«, rief die Sekretärin am Morgen gut gelaunt. »Die Gier! Sie ist weg.«
»Tatsächlich?« Herr Liebermann steppte einige Schritte. »Darauf müssen wir anstossen!«