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Monat: September, 2013

Der Satz (XLV)

Keine starken Muckis, keine grosse Narbe
Ich beweise meine Härte durch Befürworten der Todesstrafe

Edgar Wasser, Krass

Möglichkeitsraum // Möglichkeitstraum ; Architektur der Entscheidung

Freies Feld

Von CÉDRIC WEIDMANN.

Spiele sind freie Formen auf freiem Feld: Sie können körperliche oder physische Anstrengung erfordern, Entspannung oder Schauer bereiten, sie können alleine oder mit Mitspielern gespielt werden, man kann sie auf Konsolen oder am Boden, schnell oder langsam spielen. Kurz, Spiele kennen fast keine Grenzen.

In diesem Essay soll es aber um eine Grenze gehen, die zentral für den Begriff des Spiels ist: Den Möglichkeitsraum. Was spielt es für eine Rolle, wie gross oder klein die Möglichkeiten des Spielers sind? Welchen Einfluss hat das auf die Entscheidungen und die Entscheidungsfähigkeit des Spielers?

Ergebnisraum und Möglichkeit

In der Wahrscheinlichkeitstheorie gibt es den Begriff »Ergebnisraum«: Er bezeichnet alle möglichen Ergebnisse bei einem bestimmten Experiment. Beim Experiment eines Münzwurfs ist der Ergebnisraum eine 2-elementige Menge: Ω = {Kopf, Zahl}. Diesen beiden Ergebnissen können nun verschiedene Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden, zum Beispiel Kopf fällt zu 49.7% und Zahl zu 50.3%. Die Wahrscheinlichkeitstheorie ist aber…

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Der Billionär

All diese Bücher. All diese Bücher muss ich scannen. Und das Format wählen, die benutzerdefinierte Vorlage, nicht etwa A4, die meisten Bücher sind grösser. Und dann scannen. Nächste Vorlage. Auf der linken Seite des Scanners schichten sie sich auf und wenn ich damit fertig bin, lege ich sie auf der rechten Seite ab. Wenn ich das Buch hineinlege und auf die Massbänder richten will, muss ich darauf achten, dass mir der Schaft der Pistole nicht gegen die Schläfen stösst. Das ist mir schon drei, vier Mal passiert und es ist wirklich unangenehm, nicht nur für mich, sondern auch für den anderen, der dann einen Schritt zurücktritt und erst nach einigen Minuten wieder näher kommt, um die Pistole an meine Schläfe zu halten. Er sorgt dafür, dass ich scanne. All diese Bücher scanne. Er hat sich mir nicht vorgestellt, mir nie etwas gesagt, ausser, dass ich scannen soll, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob er meine Sprache spricht. Die einzige Kommunikation zwischen uns läuft über all die Bücher, die ich scannen muss. Manchmal bringt sie ihm ein anderer und er übergibt sie mir wortlos. Scheerbart Lesabéndio. H. C. Artmann: Frühprosa. Charlotte Roche — Schossgebete. Einmal hielt ich die Vierte Auflage der Erstausgabe »Werthers« in der Hand und weigerte mich, das alte Buch auf die Fläche zu pressen, um es einzuscannen. Die Antwort war ein Schlag auf meinen Hinterkopf und so musste halt der alte Werther leiden.
Ich habe bei der Arbeit viel Zeit zum Nachdenken und kann über die Gründe des ganzen Vorgehens grübeln. Ich habe mich gefragt, ob man mir Mitteilung machen will, indem man mir diese Bücher gab. Ob zum Beispiel in den Titeln, die ich scanne, ein Muster zu finden ist, irgendein Code. Aber das ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil ich von der ersten bis zur letzten Seite alles einlesen muss. Einfacher scheint mir dann die Frage, weshalb man sich die Mühe machte, all das scannen zu lassen.
Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, die mir nicht beide gleich wahrscheinlich scheinen. Entweder es existiert ein militaristischer, vielleicht paramilitärischer Verein, der die Digitalisierung des Buches auf gewaltsamem Wege fordert. Nur wie sollte sich der finanzieren? Weshalb nur Bücher und nicht etwa alte Bilder? Weshalb Bücher scannen, die bereits digitalisiert sind? Viel wahrscheinlicher scheint mir deshalb doch der Billionär.
Es ist nämlich anzunehmen, dass es einen kriminellen Billionär gibt, der — als er, wie ich, noch arm und für solche Arbeiten zuständig war — im Scannen von Büchern das Geheimnis erkannt hat: Den Ersatz fürs Lesen. Erst war er Literaturprofessor geworden, weil er seiner Konkurrenz weit voraus war: Statt die Bücher alle zu lesen, über die er Vorlesungen hielt, scannte er sie ein. So ersetzte er das Lesen und der Scanner übernahm es für ihn. Billionär wurde er, weil er begriff, dass er, statt sie selbst zu scannen, die Arbeit jemandem übertragen könnte, für den der Scanner las — und schliesslich entschloss er sich dazu, dass er ebensogut für sich auch andere Professoren über die Bücher plaudern lassen konnte, die sie wiederum von ihren Assistenten einscannen liessen. So ging die Kette weiter. Der Billionär besitzt mittlerweile etwa vierundzwanzig Kapitalisten, die — in seinem Auftrag — ihr Geld für sich arbeiten lassen, dieses Geld ist in HedgeFonds angelegt, die wiederum andere Anleger finanzieren, die dann irgendwann Firmen für sich arbeiten lassen, so dass, ganz am Ende von Unis, Firmen und Produktionsketten, ich stehe, der die Bücher für ihn einliest— und der Scanner, der sie wirklich liest —, wir also, die ihn zum Billionär machen. Es versteht sich von selbst, dass er, wenn er verstanden hat, dass seine ganze Existenz nur von mir abhängig ist, indem ich ihm Bücher zufüttere, dafür sorgen muss, dass ich nicht aufhöre. Deshalb der mit der Pistole.
Was er dabei vergessen hat: Ich habe soviele Bücher gescannt, dass ich fast so klug bin wie er. Weil ich die Bücher selbst scanne, erleidet der Eindruck, den ich dabei empfange, nur unmerkliche Verzerrungen, die sich weit gegen oben, bis zum Billionär, verstärken. Deshalb ist es zu rechtfertigen, dass ich mehrmals die gleichen Bücher einscanne, weil sie beim ersten Mal für den Billionär nicht deutlich genug gelesen sind. Ich nutze diese Schwäche für mich aus, scanne besonders aufmerksam und achte darauf, dass ich die Bücher, die mir bekannt sind, manipuliere. Ich bin mir zum Beispiel ziemlich sicher, dass dem Billionär zwar der Erec, aber nicht die Szene von Enites Pferd, zwar Der Process, aber nicht Josef K.s Gespräch mit dem Dom-Prediger bekannt ist. Dadurch erreiche ich kleine Vorsprünge, die ich zu meinem Vorteil zu nutzen gedenke. Wenn die Zeit reif ist, werde ich hier hinausspazieren. Ich werde den Billionär mit vorgehaltener Pistole für mich Billionär-Sein lassen, um für mich reich zu sein. Ein anderer wird meinen jetztigen Job machen, die Bücher scannen. All diese Bücher.

Beim Laden zwischen zwei Levels

Gelegentlich quält ihn die Frage, weshalb er das eigentlich tut. Das Sammeln all dieser Goldstücke, der einzige Lohn für das Wagnis gefährlicher Sprünge. Es droht ihm dann selbst zu entfallen, er kratzt sich mit dem Werkzeug hinter dem Ohr und sagt etwas von »kommenden Generationen« und der Not, sie zu unterstützen. Meistens hüpft er, wie aus Furcht vor dem, worin sich der ausgedachte Gedanke erschöpfen könnte, los und lässt die Frage in eine nahe Grube fallen.

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Früher auf diesem Blog:
Reife des Alters
Ein Nachmittag

Die effiziente Stadt

Diese Stadt scheint, als ob man die neurologischen Prozesse gekühlt hätte, um sich dem entropischen Zustand anzunähern. Es ist, als ob eine kaum bekannte, aber nicht durchwegs unbedeutende Instanz beschlossen hätte, dass das Verbrauchen wertvoller Lebensgeister durch das Denken ein ineffzienter Vorgang ist. Tatsächlich ist der energetische Verschleiss nicht zu leugnen, der sich nur schon beim Wechseln verschiedener Gedankengänge ergibt, und dieses Wechseln ist bei den einströmenden Sinneseindrücken eines normalen Lebens kaum abzuwehren, schliesslich gilt es mal in die, mal in die andere Richtung zu assoziieren. Die naheliegende Lösung ist also, die neurologischen Prozesse zu verlangsamen und sich selbst gewissermassen mental-integrierte Scheuklappen anzulegen, die die meisten neurologischen Prozesse unterbinden und sie nur auf jene beschränken, die zum Ausführen einer bestimmten Tätigkeit wirklich benutzt werden. Selbst wenn solche Menschen klagten, die immer klagen: Man dürfe nicht alles der Effizienz unterordnen. Kreativität sei dadurch gefährdet und so weiter. So sind das doch eigentlich unvernünftige Einwände im Hinblick auf die Tatsache, dass Effizienz nicht ein moralischer, sondern ein rein ästhetischer Wert ist, der — wie die Schönheit der Kunst — im Namen des Moralischen funktionieren oder ihm auch das Handwerk legen kann, sowie im Hinblick auf die Überflüssigkeit von Kreativität eines Originalgenies: Echte Kreativität entsteht nicht durch die Engführung der beiden Hälften in einem Gehirn, es ist die Verknüpfung hunderter Gehirnhälften, weshalb eine Kettengeschichte in jedem Fall kreativer ist, als ein von einem irren Kopf geschmiedetes Opus Magnum, das nur zum hohen Preis von zerstörter Ordnung und Energie entsteht und im Endeffekt meistens nur weiter gedankliche Unordnung stiftet.
Hat man die Übermacht dieser Argumente erst einmal verstanden, begrüsst man auch die Bemühungen zur Entschleunigung der Denkvorgänge, solange unwichtige Tätigkeiten vonstatten gehen: Es ist wirklich nicht nötig, Sprech-, Sex- oder Rechenareale zu aktivieren, wenn ein Schüler in der Geschichtsstunde sitzt. Es ist ihm natürlich keineswegs verboten, darauf zu beharren, aber vernünftige Überlegung und Ekel vor der Verschwendung werden auch ihn zu dem Bewusstsein geleiten, dass sich das Leben bequemer gestalten lässt, wenn er abends zum Spielen mehr Kräfte zur Verfügung hat. Das entschleunigte Denken — oder auch Scheuklappendenken — in der Gesellschaft, scheint auf den ersten Blick widersinnig: Es ist zumindest nicht logisch, dadurch Effizienz zu zeitigen, dass Denkvorgänge gelähmt werden, schliesslich müssen im Verlaufe des Tages immerzu Entscheidungen getroffen, Pläne geschmiedet, Abläufe vorbereitet werden.
Dieses Element der neurologischen Kapazität ist selbstverständlich unabdingbar. Durch eine besondere Spaltung der Aufgabenbereiche lassen sich aber auch diese Forderungen erfüllen, ohne dass das Gehirn der Ablenkung und dem Denkverschleiss verfällt. Gegen zwei Uhr in der Nacht, während die Bürger an die Entschleuniger angeschlossen sind, bietet sich ihnen ein ausgiebiger Zeitraum, indem ein jeder die Möglichkeit wahrnimmt, den Tagesablauf von morgen zu planen. Während diesen maximal zwei Stunden — in der Regel reichen zehn Minuten — schreibt der Betreffende den Denkplan in sein Buch, der unwiderruflich ausgeführt wird. Es ist wichtig, dieses Buch sorgfältig und gewissenhaft auszufüllen, im Gegenzug lässt sich dadurch die Lebensqualität ungemein steigern: Wenn man will, steht man morgens um sechs auf, um mit dem Frühsport zu beginnen, kocht sich ein gesundes Frühstück, setzt sich pünktlich zur Arbeit, denkt auf dem Weg an seinen Geliebten — natürlich nur, wenn dies so geschrieben wurde — und arbeitet pflichterfüllt und konzentriert, damit man sich abends ein Bad einlassen und nach der Lieblingsserie zu Bett gehen kann. Sagenhafterweise lassen sich so alle Vorsätze erfüllen und es widerfährt einem nie wieder die kleinste Verführung oder Entgleisung, die einen aus der Bahn wirft. Alle Lebensträume können dadurch besser erfüllt werden, weil sich keine Widerstände bilden, die nicht aus dem Weg geräumt werden können.
In dieser Stadt scheint es deshalb oft so, als ob Zombies unterwegs wären, die nichts denken und nur zur Arbeit fahren, in Wirklichkeit aber sind es die ambitioniertesten, ehrgeizigsten und durchtriebensten Köpfe, die sich ihre Energie für ganz klar festgelegte Zeiten aufsparen, in denen sie ihre Gedanken kanalisieren können.
Was in vielen Fällen dennoch zu Missbilligung führt, ist die unbefriedigende Ausführung des Gesellschaftslebens, an der weiterhin umtriebig geforscht wird. Während sich gezeigt hat, dass die gesellschaftlichen Kontakte automatisch und mit voller Zustimmung der Beteiligten zurückgegangen waren, als man einander nicht mehr am Arbeitsplatz ablenken konnte oder auf der Strasse belästigt wurde, erhebt sich von Zeit zu Zeit dennoch Unmut über die Schwierigkeit, sich zu bereichernden Gesprächen niederzusetzen. Klagen solcher Art kommen gerüchteweise vor allem von Frauen, es ist aber Fakt, nur gesellschaftlich verschwiegener, dass sich die Männer ebenso über den Mangel an sexuellen Kontakten ereifern. Beschämt nehmen sie wahr — können es aber nicht verhindern —, wie sie nackt mit der Matratze kopulieren, während ihre Frau den Plan geändert hat, weil sie noch Überstunden machen musste oder lieber ins Spa ging. Derlei Situationen sind für die Betroffenen manchmal traumatisch, es ist allerdings nur eine Sache der ausgewogenen Planung und des partnerschaftlichen Austauschs, mit der man sich ohnehin anfreunden sollte. Der Verkehr, also auch der nichtgeschlechtliche, wurde demgemäss entschleunigt, um das Gefahrenpotential einzudämmen. Stau herrscht zur grösseren Sicherheit auf den Strassen, damit alle in ihr Heft schreiben können: Fahren, wenn vorne gefahren wird. Es ist selbstverständlich, dass zur Bildung solcher Staus die Stadt keinen Aufwand scheut, um schon am Morgen eigene Bremswagen einzusetzen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Gefahr durch Amokläufe und andere Greueltaten, weil alle Menschen ungeschützt in den Zügen sitzen und sich selbst dann nicht regen würden, wenn jemand mit einer Pistole auf ihren Kopf zielt. Das ist ärgerlich, und deshalb ist für die Bürger ein gelegentlicher Bruch in der Routine empfehlenswert — Gehen Sie zu Fuss! Nehmen Sie den Stau! —, um einem allfälligen Verfolger Finten zu schlagen und unvorhersehbar zu bleiben.

Fehlerrechnung

Herakleides ist zu früh aufgestanden,
gedankt hats ihm Anaximander,
der wusste, wo man mal einen Punkt macht.
Bei Aristoteles liefs plötzlich rund
bis zu Copernicus` Rotationsschwindel,
Kepler ist in die Breite gegangen
und Newton hat träge gemacht.
Der Einstein rechnete es relativ genau,
speziell allgemein, aber auch mal speziell.
Hubble und Nasa prüften es ausgiebig nach.
Sie haben geknobelt, gegrübelt, gerechnet
doch sie wussten und ahnten noch nichts.
Der Kosmos war nur — ein Fleck auf der Linse.

Der Satz (XLIV)

Sie [die Dychthonier] konnten nicht begreifen, dass den Menschen zwar der Gedanke, es werde sie dereinst nicht mehr geben, unangenehm sei, nicht dagegen die Vorstellung, dass es sie vorher auch nicht gegeben habe.

Stanisław Lem, Sterntagebücher

3. Platz im Buchjournal-Wettbewerb

Mit „Eine neue Stadt“ habe ich im Buchjournal-Wettbewerb den dritten Platz erreicht (und einen Büchergutschein im Wert von 150 €). Es ist schön zu hören, dass man auch über die Landesgrenzen hinaus gelesen und geachtet wird!

In qualitativer Hinsicht gibts da jedoch nicht gerade Berauschendes (auch da ich selbst einen neuen Stil versuchte – der Spass macht, mit dem ich aber keine engere Freundschaft eingehen will). Wers trotz Vorwarnung lesen will, klickt hier.