Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Robert Pfaller ; Interpassivität und Spiel

Ein neuer Bibliotheks-Eintrag auf Freies Feld zum Philosophen und Psychoanalytiker Robert Pfaller.

Freies Feld

Von CÉDRIC WEIDMANN

Robert Pfaller ist ein österreichischer Philosoph, der im deutschsprachigen Raum immer wichtiger zu werden scheint. Zu verdanken ist diese Entwicklung einem Querdenken, das zwar akademisch ist, aber doch manchen vor den Kopf stösst, und der Wahl seines Themas: In der Hauptsache geht es ihm um das Verdeckte der Kultur, die hervorbringt, was sie eigentlich vergraben will, unsere Kultur, die die Lust verbietet (Zigaretten, Völlerei, Alkohol usw.) und im selben Zivilisationsprozess aber das Verbotene woanders sucht. So zumindest stellt sich die ungefähre Richtung seiner populären Bestseller dar. Für die Spielwissenschaft am interessantesten ist dabei ein konkretes Werk.

Interpassivität — das Auge der Kamera erspart das Sehen

»Die Illusionen der anderen« (2002) hat diesen Weg vorbereitet und das Thema auf einer theoretischen und medialen Ebene abgewickelt: Die Interpassivität ist Schlagwort und Ausgangspunkt der gesamten Untersuchung. Das Konzept ist jedoch nicht allein auf seinem Mist gewachsen, sondern von Zizek in…

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Die Kante am Fuss des Mäuerchens

Sie wollte sich am Fuss des Mäuerchens hinlegen, dort, wo der Asphalt von Hundepisse gesotten war, und manchmal eine hündische Nasenspitzen hinfuhr, um die Markierungen zu beschnuppern, dort, wo ausser Hundenasen und Hundepisse niemals irgendetwas war. Darüber thronte zwar ein Helm, der auf dem Mäurchen lag und dessen Visier geborsten war. Die Dellungen schienen auf einen Unfall hinzuweisen, der sich an der nahen Kreuzung abgespielt haben könnte, und schon einige Monate zurücklag. Dafür aber war der havarierte Helm schon wieder zu suggestiv, er fügte sich eher in das Arrangement von Porzellankugeln, die blau und in der grösstmöglichen Harmonie in den Gärten plaziert waren, und sich manchmal bis auf eine Treppenstufe hochgewagt hatten, wo sie der ständigen Bedrohung eines unachtsamen Tritts ausgeliefert waren. Manchmal rankte sich eine Efeupflanze auf der anderen Seite des Mäuerchens hoch, wo ihr alle paar Wochen der Anwohner mit einer Rosenschere Einhalt gebot und siein ihre enge Heimat zurrte. Die Sehnsucht des Efeus war ihre Sehnsucht — sie war nicht der Mensch, der wollte. Sie war nicht jemand, der floh oder reiste, und Erfolg sagte ihr nichts, es gab nur getane und ungetane Dinge. Aber am Fuss des Mäuerchens, in der Kante zwischen Trottoir und kniehoch aufragendem Beton, dort hätte sie liegen wollen mit ihrer Efeusehnsucht, die sich nur auf das Greifen nach oben erstreckte, Zentimeter um Zentimeter, nicht einem himmlischen Himmel entgegen, einfach ein bisschen weiter, die ohne echtes Ziel war. Das einzige einlösbare Versprechen bei der Erfüllung dieser Sehnsucht war, zum Gewucher zu werden, und für sie, die sie sich in Ordentlichkeit vergraben hatte und von Plänen umwoben war, die ihr der Mangel an Sehnsucht ermöglichte, war das Wuchern eine grosse Verführung. Sie wollte sich hinlegen, wuchern und das wäre dann schon ein Erfolg. Zwar wusste sie nicht, was das war. Aber es gab doch immerhin getane und ungetane Dinge.