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Monat: Oktober, 2013

Begegnung

Der frühe Rilke
trifft den späten Rilke
und fragt: „Wo ist der mittlere?“
„Der dacht er blieb sich und
hat sich drob grad selbst vergessen.“
Der frühe seufzt und lehnt sich rüber:
– „Ich rechnete mit mehr der Zeit“ –
Da war er schon im späten drin,
gedanklich, und der schmunzelt bloss,
verständnisinnig.

Konjunkturprogramme

Sie sehen jetzt immer den Mond. Er geht nicht mehr unter, ewig prangt er wie eine Erinnerungsnotiz auf dem schwarzen Himmel, denn die Erde dreht nur noch einmal im Monat. Durch den Mond, der die Erde über die Jahrmillionen entschleunigt und die Präzession verringert hat, sind die Neigung der Erdachse und die Pole verschwunden. Die Temperaturschwankungen sind gering. Ausser einer Sonnenfinsternis herrscht selten Dunkelheit, denn Wolken treiben nur gelegentlich mit dem schläfrigen Passat vorbei. 14 Tage scheint die Sonne, sonst leuchtet der Mond.
Sie arbeiten jeden Tag. Emsig kümmern sie sich um die Geschäfte und verdienen Geld. Es ist eine dankbare Tätigkeit, die den langen Tagen ihren Rhythmus gibt. Am Ende des Tages, bevor die scheinbar ewige Nacht anbricht, erhalten sie das Geld und sind zufrieden. Einkaufen können sie nicht. Viel haben sie gelernt aus der Vergangenheit, Geld ist nicht mehr ungebunden. Der genau definierte Wert steht auf den Noten: Ein Haus, ein Hund, ein Sofa. Besitz genügt ihnen wie er schon früheren Generationen genügt hat, deshalb sind sie erpicht auf diese Gelder. Sie stimmen allerdings darin überein, dass die Güter nicht bei ihnen zu Hause herumstehen, sondern in einem tiefen Tresor verwahrt werden sollen, wo sie sicher, aber auch schwer zu erreichen sind. Sie wissen, dass sich der Hund, das Haus, das Sofa verstaut unter ihren Füssen befindet und viel mehr braucht es gar nicht zum Leben. Sie geniessen karge Räumlichkeiten, denn zu Hause brauchen sie nur Schlaf und einen Apfel zum Frühstück.
Ihr einziger Besitz, den ihre Währung nicht mit einem Geldstück oder einer Banknote verbürgen kann, ist Arbeit und auf die sind sie besonders stolz. Dabei sind Jobs nicht knapp: Alle haben Arbeit. Das liegt in der Form der Arbeitsteilung. Toiletten können nur von versierten und erfahrenen Handwerkern, beziehungsweise Forschern, ausgeführt werden. Ein Müllmann wird daher nicht schlecht bezahlt. Er trägt schliesslich auch grösste Verantwortung, denn das Wesen des Mülls ist komplexer geworden. Insbesondere die reaktiven, die reflexiven und die hochintelligenten Abfälle sind tückisch. Er braucht nicht nur körperliche Robustheit, um die Schläge des aggressiven Mülls zu ertragen, auch die Trennung der einzelnen Abfälle sorgt für Kopfzerbrechen, bei dem gewisse Materialien mehrmals überprüft und in Gesprächen verhört werden müssen. Nachdem er sich so den ganzen Tag mit dem Müll gerauft, sich den Bekehrungsversuchen dessen religiöser Ableger widersetzt und in intelligenten Fällen diplomatisch mit ihm geeinigt hat, muss er am Abend in die Ethikkommission, in denen ausgiebig die Kategorien und die nötige Verhaltensweise diskutiert werden, die die Müllmänner im heiklen Gebiet empfindsamen Mülls anzuwenden haben.
Auch die Zeitungsverträgerinnen haben es nicht leicht, denn die Nachrichten müssen für die Kunden personalisiert und zusammengebastelt werden. Die Minenarbeiter verfügen über das Wissen und die Fähigkeit explosives und implosives Anthrazit von normalem zu unterscheiden. Und von den Putzfrauen braucht man gar nicht erst anfangen. Auf diese Weise haben sich alle Berufe spezialisiert, was Angebot und Nachfrage stetig verschärft hat. Die Nachfrage ist so gross wie früher, dafür gibt es keine unqualifizierten Jobs mehr (mit Ausnahme der Politiker, weshalb auch nur Sans-Papiers im Parlament einsitzen, die sich aus der Wildnis oder barbarischen Kommunen in die Zivilisation gerettet haben und sich Zeit ihres Lebens nie in eine Arbeit haben vertiefen können). Deshalb ist das Angebot knapp. Die Löhne für die unangenehmen Arbeiten, wie das Überzeugen, Verprügeln, Verfrachten von Müll oder das aufwändige Bändigen, Beruhigen, Beschwichtigen und schliessliche Putzen der WC-Schüsseln sind hoch, denn niemand ist in der Lage, ohne Ausbildung diese Aufgaben zu übernehmen. So ist die Armut aus ihrer Gesellschaft getilgt, weshalb auch niemand von ihnen den Reiz verspürt, seine Besitztümer in Augenschein zu nehmen, solange er sie in der Bank lassen und die entsprechenden Geldnoten in der Brieftasche tragen und notfalls durchblättern kann.
Diese Errungenschaften verdanken sie den Bemühungen früherer Konjunkturprogramme zur Förderung der Nachhaltigkeit, die den Müll präpariert, unter den früheren Anthrazit explosiven gemischt und tief in den Bergen vergraben, sowie viele weitere gerechtigskeitfördernde Massnahmen bemüht hat. Das ist selbstverständlich nicht zu aufwändig gewesen, denn der Erfolg ist für jeden sichtbar und man hat schliesslich ausreichend Zeit, wenn die Nacht so lange dauert, wie vierzehn Nächte von früher. Man legt sich ins Gras, wartet den Morgen ab und fechert sich mit den Geldnoten Luft zu, freudig erregt, weil bald die Arbeit beginnt.

Der Schrank

Das Heulen begann stärker zu werden. Ich wirbelte herum. Es war ein Luftzug, der mich erschreckt hatte. Verächtlich schüttelte ich den Kopf. Der Korridor lag in völliger Dunkelheit, schliesslich war niemand hier drin. Ich setzte meinen Weg fort. Ich musste im alten Haus die Katzen meiner Nachbarin füttern, die aufgrund eines Schlaganfalls vorübergehend im Krankenhaus lag. Die Nachbarin hatte ihr Haus nie verlassen, sie war geradezu besessen davon gewesen, und dieser erste unfreiwillige Auszug musste für sie eine ärgerliche Umstellung bedeuten. Meine Frau hatte mir deshalb angeraten, mich um die Katzen zu kümmern, damit sich die Alte keine Sorgen machen müssten. Als ich durch den Korridor streifte, roch es überall nach alten Menschen, die den Duft ihres Alterns in die Spannteppiche verwoben hatten. Auf der Suche nach der fehlenden Katze streifte ich durch die Räume, die riesig erschienen in der Dunkelheit, die sich noch aufzufalten und zu erweitern schien durch die tanzenden schwarzen Schatten, welche unverständliche und monströse Gegenstände warfen.
Wieder drehte ich herum, denn ich hatte das Geräusch erneut gehört. Es waren eindeutig keine Katzen, das verriet die Schwere und Heimlichkeit des Geräuschs, die es dennoch nicht leise machte. Ich änderte meine Richtung und ging langsam den Korridor zurück. Es wurde lauter und kam einem eigenartigen Flüstern gleich. Das Licht an der Decke flackerte manchmal auf und hinterliess für mehrere Minuten stockfinstere Wände. »Vielleicht hatte die Alte die Stromrechnungen nicht bezahlt«, dachte ich. Dann erkannte ich, woher das Geräusch kam. Ich stiess eine Tür auf, die knarrend aufschwang. Es drang aus einem Schrank, vor den ich mich zögerlich stellte. Es war ein grosser Wandschrank, gut doppelt so hoch wie ich und breit genug für drei Personen, die sich hineingezwängt hätten. Etwas lebte, bewegte sich darin. Die Deutlichkeit war unzweifelhaft und ich wusste nicht, was mich erwartete, was überhaupt erwartbar war. Schweissperlen pufften mein Gesicht, ich zitterte merklich und je länger ich zögerte, desto grausamer wurde die Qual und desto schwerer die Aufgabe, den Schrank zu öffnen. Jetzt kratzte es, es ribschte im Innern, als würde der Schrank gleich aufspringen und etwas mich hineinzerren, doch er blieb geschlossen. Ich riss die Augen auf, als ich begriff, was es war… stürzte hinaus, griff mir ans Herz, das so schnell schlug, bis es zu einem Ton angeschwollen war, meine Gänsehaut war so schmerzhaft, dass ich glaubte, ich würde mich häuten. Ich stürzte zu Boden und spürte in meinem Mark den schrecklichen Klang des kratzenden Stiftes, der in dicke Blätter kerbte. Dieser so ahnungsvolle Klang des Grauens, der nicht verhehlte, welcher Schrecken in diesem Schrank auf mich lauerte — der Autor, der dort schrieb, mit grinsendem Gesicht und bösartig spitzen Augenbrauen schrieb, der lachte und schrieb und lachte. Als ich stolpernd nach draussen gelangte, sank ich erschöpft gegen die Wand und die nahen Laternen vermochten mein Gemüt ein wenig aufzuhellen. Nach einigen Minuten war das Gefühl einer Röhre, die man in meine Kehle gerammt hatte, verschwunden und ich begann mich wieder als Besitzer meines Atems zu fühlen. Schnell verdrängte ich und schon lachte ich über die Vorstellung des Schreibers im Schrank, das so verängstigende Bild des bösartig lächelnden Autors, aber es war ein blasphemisches, abgründiges Lachen, ein hässliches Lachen, das mich selbst erschaudern liess bis in die Zehen, denn noch spürte ich in mir das Gefühl, Teil eines Niedergeschriebenen zu sein, spürte ganz leicht, dass ich nicht entronnen war — spürte meinen Leib: gekerbt in dicke Blätter.

Der Satz (XLVI)

Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer!

Alfred Kubin, Die andere Seite.

Unsichere Philosophen

Vor einiger Zeit habe ich mit Yoshi ein Gespräch darüber geführt, wie Philosophen einen bedrängen.

Denk das

Yoshis Beobachtung

Tatsächlich haben die grössten Philosophen immer noch den einen Fehler, dass sie behaupten — auch wenn das vielleicht nur strategisch ist —, dass ihre Meinung die richtige sei. Dieser Mangel könnte eine weitere Hürde sein, die zu nehmen wäre, um der Wahrheit gerecht zu werden, denn es gehört zu einem guten Argument, dass es nicht immer gilt. Dubito ergo sum, Ich weiss, dass ich nichts weiss, dürften ja eigentlich nicht leere Phrasen gewesen sein und sich nicht nur auf das Ausserhalb des Philosophierens beziehen.
Um dieses Gedankenexperiment durchzuspielen, habe ich an den Texten grosser deutscher Philosophen gefummelt und ihnen (die typisch schweizerische) Unsicherheit angehängt. Erst dachte ich, man müsste da mit einem Makro schnipseln, aber ein einfaches »Suchen & Ersetzen« tut seinen Dienst völlig. Daher in chronologischer Reihenfolge die Philosophen mit dem eingestandenen Zweifel:

Kant: Kritik der reinen Vernunft (Schlüsse aus diesen Begriffen)

a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert; denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre, glaube ich irgendwie. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden, glaube ich irgendwie.
[…]

Hegel: Phänomenologie des Geistes (Vorrede)

Eine Erklärung, wie sie einer Schrift in einer Vorrede nach der Gewohnheit vorausgeschickt wird – über den Zweck, den der Verfasser sich in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das Verhältnis, worin er sie zu andern frühern oder gleichzeitigen Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt – scheint bei einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der Natur der Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig zu sein, glaube ich irgendwie. Denn wie und was von Philosophie in einer Vorrede zu sagen schicklich wäre – etwa eine historische Angabe der Tendenz und des Standpunkts, des allgemeinen Inhalts und der Resultate, eine Verbindung von hin und her sprechenden Behauptungen und Versicherungen über das Wahre –, kann nicht für die Art und Weise gelten, in der die philosophische Wahrheit darzustellen sei, glaube ich irgendwie.
[…]

Marx: Der 18. Brumaire des Louis Napoleon (I)

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen, glaube ich irgendwie. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden, glaube ich irgendwie. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen, glaube ich irgendwie. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Nietzsche: Der Wille zur Macht (Vorrede)

1.
Große Dinge verlangen, daß man von ihnen schweigt oder groß redet: groß, das heißt cynisch und mit Unschuld, glaube ich irgendwie.

2.
Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte, glaube ich irgendwie. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus, glaube ich irgendwie. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke, glaube ich irgendwie. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt, glaube ich irgendwie.
[…]

Adorno: Negative Dialektik (Einleitung)

Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward, glaube ich irgendwie. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloss interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt misslang, glaube ich irgendwie. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre, glaube ich irgendwie. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhiess, glaube ich irgendwie. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, lässt nicht theoretisch sich prolongieren, glaube ich irgendwie.
[…]

Koalabär

Sie haben die Fäuste zum Gruss erhoben. Längst von ihnen entdeckt, pirsche ich mich an die Reihen heran. Es sind mächtige Gestalten mit grobschlächtigen Nasen. Muskeln dellen ihre Körper aus und sie grölen und johlen mir zu. Ich nähere mich zitternden Schrittes, gehe hin und her, damit mir die Knie nicht einsinken. Die Waffen rasseln, Füsse stampfen, und tausend tödliche Augen sind auf mich herab gerichtet. Sie warten auf die Ansprache. Ich trete einen Schritt auf das Heer zu, in der unbegründeten Hoffnung, in ihm verschwinden zu können, doch es springt vor Schreck zurück. Man wartet unruhig und andächtig auf meine Worte. Ich fühle mich wie ein Koalabär, der verloren an seinem Eukalyptus hängt. Ein bisschen will ich süss gucken, aber das Gefühl von Verlorenheit überwiegt. Viel von dem was ist, könnte auch nicht. Wir sind verloren auf weitem Feld. Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit, und nichts zählt, was man vergessen kann.
Ich feuchte meine Lippen an, endgültig dazu gezwungen, mir Worte abzuringen, und reibe die Hände aneinander. »Wallenstein!«, ruft ein Bote und erlöst mich. »Eine dringende Depesche.« Ich nicke dem Heer verständig zu, hebe die Faust zum Gruss und ziehe mich wortlos in mein Zelt zurück.

Robert Pfaller ; Interpassivität und Spiel

Ein neuer Bibliotheks-Eintrag auf Freies Feld zum Philosophen und Psychoanalytiker Robert Pfaller.

Freies Feld

Von CÉDRIC WEIDMANN

Robert Pfaller ist ein österreichischer Philosoph, der im deutschsprachigen Raum immer wichtiger zu werden scheint. Zu verdanken ist diese Entwicklung einem Querdenken, das zwar akademisch ist, aber doch manchen vor den Kopf stösst, und der Wahl seines Themas: In der Hauptsache geht es ihm um das Verdeckte der Kultur, die hervorbringt, was sie eigentlich vergraben will, unsere Kultur, die die Lust verbietet (Zigaretten, Völlerei, Alkohol usw.) und im selben Zivilisationsprozess aber das Verbotene woanders sucht. So zumindest stellt sich die ungefähre Richtung seiner populären Bestseller dar. Für die Spielwissenschaft am interessantesten ist dabei ein konkretes Werk.

Interpassivität — das Auge der Kamera erspart das Sehen

»Die Illusionen der anderen« (2002) hat diesen Weg vorbereitet und das Thema auf einer theoretischen und medialen Ebene abgewickelt: Die Interpassivität ist Schlagwort und Ausgangspunkt der gesamten Untersuchung. Das Konzept ist jedoch nicht allein auf seinem Mist gewachsen, sondern von Zizek in…

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Die Kante am Fuss des Mäuerchens

Sie wollte sich am Fuss des Mäuerchens hinlegen, dort, wo der Asphalt von Hundepisse gesotten war, und manchmal eine hündische Nasenspitzen hinfuhr, um die Markierungen zu beschnuppern, dort, wo ausser Hundenasen und Hundepisse niemals irgendetwas war. Darüber thronte zwar ein Helm, der auf dem Mäurchen lag und dessen Visier geborsten war. Die Dellungen schienen auf einen Unfall hinzuweisen, der sich an der nahen Kreuzung abgespielt haben könnte, und schon einige Monate zurücklag. Dafür aber war der havarierte Helm schon wieder zu suggestiv, er fügte sich eher in das Arrangement von Porzellankugeln, die blau und in der grösstmöglichen Harmonie in den Gärten plaziert waren, und sich manchmal bis auf eine Treppenstufe hochgewagt hatten, wo sie der ständigen Bedrohung eines unachtsamen Tritts ausgeliefert waren. Manchmal rankte sich eine Efeupflanze auf der anderen Seite des Mäuerchens hoch, wo ihr alle paar Wochen der Anwohner mit einer Rosenschere Einhalt gebot und siein ihre enge Heimat zurrte. Die Sehnsucht des Efeus war ihre Sehnsucht — sie war nicht der Mensch, der wollte. Sie war nicht jemand, der floh oder reiste, und Erfolg sagte ihr nichts, es gab nur getane und ungetane Dinge. Aber am Fuss des Mäuerchens, in der Kante zwischen Trottoir und kniehoch aufragendem Beton, dort hätte sie liegen wollen mit ihrer Efeusehnsucht, die sich nur auf das Greifen nach oben erstreckte, Zentimeter um Zentimeter, nicht einem himmlischen Himmel entgegen, einfach ein bisschen weiter, die ohne echtes Ziel war. Das einzige einlösbare Versprechen bei der Erfüllung dieser Sehnsucht war, zum Gewucher zu werden, und für sie, die sie sich in Ordentlichkeit vergraben hatte und von Plänen umwoben war, die ihr der Mangel an Sehnsucht ermöglichte, war das Wuchern eine grosse Verführung. Sie wollte sich hinlegen, wuchern und das wäre dann schon ein Erfolg. Zwar wusste sie nicht, was das war. Aber es gab doch immerhin getane und ungetane Dinge.