w-archiv

Monat: Januar, 2014

Überwacht

In den Strassen roch es nach geborstenen Haselnüssen. Von lautem Knacksen begleitet, staksten wir durch die über den Asphalt versprengten Schalen. Sie glitt vorsichtig über das Schlachtfeld, in eine dicke Jacke eingewickelt und bei Jonas untergehakt, ihre Fussspitzen suchten wie Adler den Weg zwischen den Trümmern. Ich folgte ihnen nach und reckte den Kopf über die Hecken, um zu sehen, was aus all den Häusern geworden war. Mit einigem Erschrecken stellte ich fest, dass sie noch so waren, wie vor zwanzig Jahren. Ein ausgehöhlter Pool stellte die Ausnahme dar und doch fiel seine Neuheit, umringt von all dem alten Zeug, das ich aus der Schule kannte, in sich zusammen. Von aussen sah es aus wie eine gewöhnliche Nachbarschaft. Erst der zweite Blick konnte die verheissungsvollen Mulden und tückischen Sackgassen erkennen, die auf der Flucht entscheidend sein konnten. Meistens war ich unter den Hecken hindurch gekrochen und hatte mich vor Jonas versteckt, der mit einer Wasserpistole bewaffnet hinter mir herjagte. Noch heute, bemerkte ich, suchte ich nach Schlupflöchern und Verstecken im Unterholz, als würde sich Jonas von Julia lösen, herumdrehen und mit Gebrüll auf mich losrennen. Doch sie blieben vor mir, ineinandergeschlungen, und ich folgte nach. Ich folgte immer nach.

Wir betraten das Haus unserer Eltern. Julia nahm mir die Jacke ab und wies mich ins Wohnzimmer. Das verdriesste mich ein wenig, denn es war lange Zeit mein eigenes gewesen, doch als ich die Stube betrat, fand ich sie verändert vor. Das Haus war, noch lange vor dem Tod der Eltern, an Jonas und Julia übergegangen, die es zur Pflicht gemacht hatten, jene altmodische Atmosphäre zu tilgen, die auf der elterlichen Einrichtung lag. Ein teurer hölzener Esstisch stand in der Mitte und veredelte Chromstahllampen verbreiteten Licht. Jonas war IT-Spezialist für eine Grossbank und verantwortlich für die Datenauswertung der Nutzer ihres Internet-Services. Er erstellte aus Informaionsbündeln Profile und Verhaltensmuster. Ich vermutete schon längst, dass er im Geheimdienst tätig sei, denn wieso sonst brauchte er einen Alibi-Job, den er niemandem verständlich machen konnte?

«Natürlich bin ich im Geheimdienst tätig. Meinst du, ich habe dich als Kind aus Spass verfolgt und gejagt und dein Tagebuch gelesen?», konterte er.

«Du hast mein Tagebuch gelesen?» Ein Grinsen unterhöhlte meine gespielte Entrüstung.

«Ach, Brüderchen, so ist das nunmal.»

Meine Gabel verharrte unterwegs und ruhte auf Brusthöhe. Ich sah auf und mein Blick traf den Julias. In ihren braunen Augen funkelte es, doch ich wandte mich schnell ab. «Was hast du denn gelesen?»

«Ach, von deinen Mondreisen, die du dir geträumt hast. Und Jonas hat mein Buch geklaut, Jonas lässt mich abends nicht schlafen. Jonas spielt mein Videospiel. Und solchen Quatsch. Ich schwöre dir, nach drei Seiten habe ich es weggelegt, weil es so langweilig war.»

Wir lachten. Wir vermieden es, den Tod unserer Mutter anzusprechen. Die Erbschaftsangelegenheiten wollten wir morgen klären. Wir bemühten uns, das Thema auszulassen, kaum weil einer von uns mit der Trauer nicht hätte umgehen können, sondern aus reiner Höflichkeit: Dabei, fand ich, hätte es dazu doch auch gar nichts zu sagen gegeben. Julias Lippen taten als würde sie essen, sie bewegten sich sanft. Mir aber war es, als hätte sie nie hinuntergeschluckt und sich erst ein Mal die Gabel in den Mund gesteckt. Ich versuchte, das Thema zu wechseln.

«Weisst du, letzthin fiel mir eine Geschichte jener Tage ein. Weisst du noch, die Festplatte? Hast du die noch? Ich dachte, wenn du heute IT-Spezialist geworden bist und alles…»

«Die Festplatte.» Wir schmunzelten uns an.

Julia unterbrach ihr Kauen, schluckte und fragte: «Was ist die Festplatte?»

«Die Festplatte: eine alte externe 16-GB-Harddisk. Wir mussten acht oder neun gewesen sein. Wir standen auf, als draussen schon ein Januarsschnee an die Scheiben klopfte, du weisst schon, so ein richtig fetter, nasser Schnee, unter dessen Flocken das Glas wummert. Noch am Morgen ging ich, um Rico hinauszuführen, in den grossen Garten. Im Schnee lag eine Festplatte. Es gab keine Fussspuren, die zu ihr führten, und das, obwohl sie in der Mitte des Gartens lag. Die Festplatte war wie von Zauberhand dahin geraten. Sie hatte nicht aus der Luft kommen können: Für ein Werfen war es zu weit, unser Garten war mit Zäunen umfriedet, die alle Wege von der Strasse auf fast zwanzig Meter Entfernung hielten. Bäume, von denen es jemand fallen gelassen haben könnte, gab es keine. Und doch war sie da, mit einer ganz dünnen Schicht Neuschnee überzogen, als wäre sie erst in der Nacht dort hingelegt worden.»

«Was war denn drauf?»

«Das ist das grosse Rätsel. Wir haben sie nicht öffnen können, die Dateien waren verschlüsselt, vielleicht waren es auch nur die Abfälle von alten Systemdateien, die man nicht zuordnen konnte.» Er wandte sich mir zu und lächelte schelmisch. «Ein paar Dinge, Stefan, habe ich in den letzten Jahren entschlüssen können, doch das meiste ist mir noch schleierhaft. Immer noch arbeite ich daran, wenn mir die Zeit dazu bleibt, spiele herum, probiere was aus, und eines Tages werde ich auch wissen, wie die Festplatte dorthin gekommen ist.»

«Was? Was hast du entschlüsselt?», fragte ich und musste feststellen, wie aufgeregt ich war.

Jonas nahm einen Schluck Wein und dehnte die Stille. «Das werde ich euch nicht verraten.»

«Ach, komm schon, Schatz, was ist das für eine Kinderei.» Julia schüttelte den Kopf.

«Ich meine es nicht böse», sagte Jonas gewunden und seine ausgestreckte Handfläche vermittelte eine Entschuldigung. «Es ist nur so, dass das mir gehört. Ich habe dieses Projekt, im Gegensatz zu dir, Stefan, nie vergessen. Jede Woche habe ich daran gearbeitet, es war eine idée fixe und es war mit ein Grund dafür, weshalb ich IT-Spezialist geworden bin. Dieses Rätsel ist sozusagen mein Ziel, mein Geheimnis, mein Tagebuch, meines, das nur mir gehört, mir.»

Er sah den Schatten des Unmuts auf unseren Gesichtern und fügte dann hinzu: «Es ist überhaupt nichts Spannendes darin: Es geht nicht um grosse Geheimnisse und erstaunliche Neuigkeiten. Für euch wäre das alles bedeutungslos, das weiss ich genau. Es ist wie damals, als ich Stefans Tagebuch gelesen habe: Das gelüftete Geheimnis wäre für euch hinfällig, aber für mich, für mich eben nicht. Denn es ist mein Rätsel. Und ich weiss genau, dass ihr wisst, was ich meine. Stefan hat auch mein Tagebuch gelesen und weiss, dass so etwas immer öde ist! Man erfährt dabei nichts Spannendes. Es sei denn, das Lesen des Tagebuchs selbst wäre schon das ganze Abenteuer, das man sich verspricht.»

«Natürlich habe ich mich gelangweilt», antwortete ich und zwinkerte. «Ständig dieses Julia ist die Schönste, liebt mich Julia, ich glaube, sie hat mich angeschaut, liebt sie mich, wie hack ich die Festplatte?, Liebes Tagebuch, heute habe ich Julia zum Essen eingeladen…»

Wir kicherten und unser Gespräch wandte sich neuen Ufern zu, die ich noch während dem Gespräch nach und nach vergass. Ich erinnere mich nur noch an Rico, den alten Hund, der ins Wohnzimmer schlitterte, weil er einem Schatten nachjagte. Von Jonas gerufen, hielt er inne und machte ungelenk Platz. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft spürte ich einen Schmerz in meinem Körper. Es war ein säuerliches Gefühl zwischen Magen und Herz, etwas verkrampfte sich und es war nicht meiner Eltern wegen. Die Schnauzhaare des alten Hundes waren ergraut, sein Blick noch klar, aber das Alter machte ihm zu schaffen. Ein Tumor beulte den Bauch unförmig aus. Er sah nicht so schlecht aus für sein Alter, denn er hatte schon zwanzig Jahre in diesem Haus zu verbuchen. Aber mich überfiel ein Gefühl des Eingesperrtseins, Rico hier zu sehen, immer noch im gleichen Haus, das für mich nur noch schattenhaft existiert hatte. Er war in der Erinnerung gefangen, dort, wo ihn ein kleiner Stefan gelassen hatte, als er aus dem Haus gezogen war. Er hatte nicht sterben dürfen, wie die Eltern, nein, er musste immer bereit sein. Mit einem mulmigen Gefühl entsann ich mich der Kisten mit Spielzeugen und Plüschtieren, die irgendwo in diesem Haus lagern mochten, und begriff, dass auch sie eingesperrt waren in der Vergangenheit und darauf warteten, dass ein kleiner Junge käme, der hineingriffe und sie ans Licht zerrte. Das Gefühl, dass sie, wie Rico, umsonst warteten, drang wie ein kleiner Stachel in mein Bewusstsein.

Zugleich freute ich mich auch, Rico lebend und mehr oder weniger vital zu sehen, doch das, was darauf geschah, tat mir im Innersten weh. Julia warf ihm einen Ball zu, und er wollte danach haschen, doch er fiel ihm aus dem Mund. Er versuchte es erneut. Mit schnappendem Geräusch bemühte Rico sich, den Schaumstoff zu ergattern, aber kaum hatte er ihn gefasst, fiel er ihm wieder aus der Schnauze. Je weniger es gelang, desto beflissener versuchte er es. Auch nach dem siebten Mal hörte er nicht auf. Unerbittlich stürzte er auf ihn los und das, was ich zuvor als seine unversiegte Energie gedeutet hatte, kehrte sich in etwas, das mir nicht behagte. Keiner von uns lachte, als wir ihn betrachteten, wie er schnappte, biss, auf das Parkett geiferte, und verdutzt feststellte, dass es ihm weiterhin misslang, und den anderen musste aufgefallen sein, wie mich das Erschrecken übermannte. Sie zeigten mir bald das Gästezimmer. Es war mein altes Kinderzimmer. Ich dachte, es müssten tausend Erinnerungen aufblitzen, aber nichts geschah. Ein neues Bett stand darin. Ich schlief rasch ein.

|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||

«Wie meinst du das?»

«Was meinst du mit Wie meinst du das?», fragte ich Julia, die mit mir auf einen Spaziergang gekommen war, während Jonas wegen eines Notfalls ins Büro musste. Wir wanderten durch die kleinen, entlaubten Wälder, die ausserhalb der Nachbarschaft standen. Ein Rascheln begleitete unsere Schritte. Früher waren wir alle, Julia, ich und Jonas, hier unterwegs gewesen. Diese Wäldchen gehörten zu unserem Quartier. Julia war immer hier geblieben, ihr mussten die Erinnerungen nicht auf einmal hochkommen, sondern sich langsam überschichten. Bei jedem Spaziergang würde sie ein bisschen mehr davon abwälzen müssen. Für mich hingegen tat sich ein einziges Feld voller spriessender Erinnerungen auf, die meinen Kopf durchwucherten.

«Ich meine damit: Warum willst du zur Hinteren Laube gehen?»

Die Hintere Laube war eine Bank auf der Hinterseite des Wäldchens. Dort war man geschützt vor Blicken und nur einige Eichhörnchen und Rehe kamen manchmal vorbei.

«Ich dachte einfach… Es gehört zu meiner Erinnerung. Ich wollte nichts Bestimmtes. Ich wollte nur hingehen und noch einmal die gleiche Luft atmen, die vor zwanzig Jahren in meiner Lunge war.»

Sie gab schliesslich nach. «Gut, wir setzen uns kurz auf die Bank und kehren dann zurück.»

Wir beide betrachteten die Welle aus Laub, die wir vor uns herschoben. Die Hintere Laube war noch dichter zugewachsen als früher, zwei Weisstannen hatten ihre Äste wie schützende Hände gespreizt und bildeten eine Art Glocke über der Bank, auf die wir uns setzten. Julia rückte näher zu mir heran, unsere Hände lagen beide auf der Bank, dicht nebeneinander, ohne sich jedoch zu berühren. Aus den Augenwinkeln sah ich eine ihrer blonden Strähnen im raschen Atem tanzen, aber ich traute mich nicht, sie anzusehen.

«Damals…», begann ich, und sie schien sich ganz leicht zu verkrampfen. Ich fuhr unbeirrt fort: «Damals, in jener Nacht. Ich kann mich noch an alles erinnern, oh ja, ich werde sie schliesslich nie vergessen… aber etwas fällt mir erst jetzt wieder ein: Das Eichhörnchen.»

«Das Eichhörnchen?»

«Ja, ausgerechnet in jener Nacht gab es ein Eichhörnchen, und ich kann dir nicht sagen, warum, aber es hat mich gestört. Ich wollte diese Augenblicke mit dir, und zwar ungeteilt, und ich hatte keine Aufmerksamkeit, um mich noch um so ein süsses Tierchen zu kümmern.»

Julia lächelte. Schweigend betrachteten wir die sanfte Wallung, die durch die Tannennadeln ging.

«Nachdem, wie er sich gestern benommen hat», begann sie zögerlich, «bin ich ganz froh, dass nicht nur Jonas ein Geheimnis hat, sondern auch wir unseres.»

Ich nickte.

Ich war nicht fähig zu entscheiden, ob das eine Drohung oder eine Vergebung war. Ich war mir ziemlich sicher, dass es beides zugleich war. Nachdenklich bog ich den Kopf zur Seite und erstarrte. Sie wollte diese Geschichte zu den Akten legen, aber mir wurde alles wieder in den tiefsten Farben präsent. Ich hörte unser Keuchen, meinen jungenhaften Atem, und fühlte auf meiner Netzhaut das Zwielicht des Abends, spürte die Mischung von Hitze und Kälte auf unseren Häuten, mein Herz raste und das Rascheln der Skijacken, das Knarren der Reissverschlüsse war mir im Ohr, als wäre es heute, als hätte es zwanzig Jahre nicht gegeben. Aber die zwanzig Jahre machten, dass ich sass, die Hände neben mir auf der Bank ausgestreckt, und Julia sass und ihre Hände meine nicht berührten. So viel vermochten zwanzig Jahre anzurichten, ein Wimpernschlag in den Äonen der Welt.

Ein Eichhörnchen erwiderte meinen Blick. Frech und unberührt hing es kopfüber an einem Stamm und starrte mir in die Augen. Es schien erinnernd, warnend, zuzwinkernd. Ich brauchte nicht nachzudenken, um zu wissen, dass ich dieses Eichhörnchen kannte. Es besass denselben fragenden Blick und jene argwöhnend nach hinten gelegten Ohren. Ich zuckte zusammen. Dieses Eichhörnchen war nicht bloss ein Eichhörnchen. Es war Teil der Natur. Es war Teil des grössten Archivs aller Zeiten. Nie, seit es Menschen gab, hatte jemand ein Verbrechen begannen, nie einer ein Versprechen abgegeben, ohne dass sie als Zeuge dabeigestanden wäre. In ihren wachsamen Geschöpfen und den Windungen ihrer Landschaften, in den lauschenden Heuschrecken, den Vögeln, den aufmerkenden Bergdisteln steckte jeder einzelne Verrat und jedes Liebesgeständnis. Nichts war ihr je entgangen. Noch hatte sich das Archiv nicht geöffnet, es schluckte die Informationen, still, kommentarlos: Es schwieg über den Untergang von Atlantis oder die Identität von Jack the Ripper. Doch was, wenn sie sich erinnert? Was wenn sie den Speicher abruft und eines Tages zurückschlägt? Wer hätte da nichts zu befürchten?

«Komm, Stefan.» Das Eichhörnchen zuckte zusammen, die Nasenflügel bebten, dann huschte es rasch in die Baumkrone. Unsäglich müde stemmte ich mich hoch.

Der Satz (LI)

Sobald man von unsern Augen und Fernröhren nicht das Unmögliche verlangt, so wird das, was mir diese geleistet haben, wenn es der Verstand bearbeitet, immer soviel Ausbeute liefern, dass auch der Unbilligste kaum mehr erwarten könnte.

Franz von Paula Gruithuisen, Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner, besonders eines collossalen Kunstgebäudes derselben.

Anmerkung:

Fernröhre der grössten Art, die eine Summe von 5.000 bis 20.000 Gulden kosten, konnte ich nicht anwenden. Unter meinen drei Frauenhöfer’schen Fernröhren von 18, von 30 und von 60 Zoll hat das grösste vier Pariser-Zoll Oeffnungen. Grössere Instrumente brauchen viele Mühe, oder kostbare Gebäude, um sie schnell aufzustellen und verlangen äusserst gute (reine, ruhige) Luft, um damit gut zu sehen. Und so habe ich durch grossen Fleiss und treffliche Sehorgane schon mit dem 30zolligen Tubus ganz unverhoffte Dinge am Himmel gesehen.

The Moon Metal (Ein-Satz-Review)

The Moon MetalThe Moon Metal by Garrett P. Serviss
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Inflation durch Inflation und diese wieder durch Inflation bekämpfen — eine abgefahrene Idee und, man möchte glauben, eine amerikanische Strategie, aber der Mond hat dann auch noch seine Hand im Spiel, um das wertvolle Element Artemisium zu produzieren: Ein kurzer Roman über geldgierige Bösewichte (die Hauptfiguren), die gegen geldgierige Bösewichte (der Gegenspieler, der Science Magician) vorgehen, der mindestens so sinnlos wie spannend komponiert ist.

View all my reviews

Die Zukunft des Mars (Ein-Satz-Review)

Die Zukunft des MarsDie Zukunft des Mars by Georg Klein
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte — quasireligiös im Erklärungsmangel und sprachlich in sperrigem Ton gezimmert — ein Rückfall zu einer Primitivität der postapokalyptischen Erzählung, die das Wilde, zu dem sich die vormalig russische Kolonie und heute völlig verwahrloste Marsbevölkerung hingezogen fühlt, naiv zelebriert, und es fällt erst im Laufe der Lektüre das Zeitgemässe und Versponnene daran auf, das in der Überspitzung der Kommunikation zu finden ist: Lange nach dem Zusammenbruch des Internets auf der Erde ist der Versuch einer Aufrechterhaltung von Ferngesprächen mit dem Don-Phon ebenso schwierig wie die Sprachvielfalt, die in dieser Post-Globalisierung aufkommt, dennoch ist dieses ‚kommunikative Nicht-Handeln‘ durchbrochen vom Dialogischen Terrorismus und von Bruderbanden, die durch das ganze Buch als genealogische Anker verstreut sind und einen religiösen Anspruch vorzubringen scheinen („Dialogische Brüder“ der Terroristen; verblüffend ähnliche Zwillinge der beiden Opa Sprithoffer; Zwillinge auf dem Mars, die nur für einander verständliches Brabbeln von sich geben; sowie die politischen „Brüder“: Der weisse Khan, Der Alte Ogo und Don Dorokin), und es zeigt sich ein Zukunftsentwurf, in dem der Kommunikationsteilnehmer in der Kommunikation völlig aufgegangen und überflüssig geworden ist — wie Freund Mockmock, der aus dem Innern des Mars hervorbrechende Lebensspender, der ein Kollektiv von einzelnen kleinen Kugeln mit Beinchen ist, vaporisiert die Menschheit in ihrem Verschwistern in einem grossen, überindividuellen, erlöserbildartigen, leblosen Ganzen.

View all my reviews

Offene Strasse

Der Tau strömt in den Mulden, die der Asphalt bildet, zu kleinen Pfützen zusammen, in denen der Himmel und die weissen Wölkchen, die dem Hintergrund so unendlich weit weg scheinen, schimmern. Die Bäume tragen fast keine Blätter mehr, zwei Krähen streiten um die Überreste eines Apfels, die Sonne steht gerade so hoch, dass sie in den Nacken scheint. Ich gehe die leere Hauptstrasse entlang und zwei Autos, eines blau, eines von grossmütterlichem Beige, fahren rasch vorüber; man kann die Gesichter der Insassen nicht sehen. Auf einem Balkon steht ein Fahrrad, kopfüber, und das Rad dreht sich noch. Aus den Schornsteinen qualmt es sanft in die Höhe, wo der dunkle Rauch in die weissen Wölkchen aufgeht. Es sieht so aus, als wäre der blaue Himmel unendlich, dabei ist er es nicht, und wenn man weit hinausflöge, glitte man vom Blauen ins schwarze All. Eine sixtinische Gaukelei, denke ich, dessen Urheber nicht leicht auszumachen ist. Ich streife durch die Schmiedgasse, gehe gebückt, damit mich keiner zufällig erkennt, der aus den verdunkelten Fenstern schaut. Auf dem Boden sehe ich erstaunliche Formen, die von etwas wie Blut stammen, sie ziehen sich wie ein sich zergliederndes Spinnennetz von der einen zur anderen Strassenseite, wo sie an einer kleinen Treppe, die zur Tür eines Hinterhofs führt, enden. Es riecht nach Gipfeli und dem seltsam einheitlichen Gestank der Müllsäcke, aus denen manchmal ein rotes Plastikspielzeug oder die Etikette einer Verpackung hervorlugt. Die Gasse ist eng und wenig Licht dringt hierher, aber das Dampfabzugsrohr eines Wirtshauses spiegelt die Sonne grell in die Schlucht der zu beiden Seiten aufragenden Häusermauern. Dort gehe ich weiter zum Platz, an dem der Fluss vorbeistreift, und mit seinem Treiben wird auch der Blick mitgeschwemmt, den Alleen entlang, am Plattenladen vorüber zum weit entfernt liegenden Münster, dessen Türme sich gegen den getürkten Himmel abheben. An der Ecke zu einer Seitenstrasse, die nur über eine Kreuzung befahrbar ist, an der alle Ampeln immer auf Rot stehen, glaube ich noch die Andeutung eines Menschen zu sehen, seine Fusssohle blitzt kurz hinter der Häuserkante auf, bevor sie ganz verschwindet, aber ich und die Sohle sind übereingekommen, dass ich sie nicht gesehen habe. Von dort gehe ich weiter den Tramgleisen entlang und achte auf die Geräusche, aber es ist nur das plätschernde Wasser und ein Presslufthammer weit in der Nähe. Mein Blick gleitet immer wieder hinauf zum blauen Himmel, der eigentlich schwarz sein sollte, und die Wölkchen scheinen mich auf meinem Weg zu begleiten, der mich durch die verschiedenen Strassen zu meinem Ziel führt. Auch sonst bin ich unterwegs niemandem begegnet.