Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: März, 2014

Der Verkehrskundeunterricht

«Und was seht ihr hier?», fragte der Fahrlehrer und sah über die Schulter auf das sich von rechts hereinschiebende Bild der Präsentation. Eine gerade Strasse mit einem entgegenkommenden Fahrzeug, hinter dem ein zweites leicht versetzt zum Überholen auszuheben schien. Zu beiden Seiten breitete sich mattes Gras mit vereinzelten Apfelbäumen. Der Gelbstich und die pelzige Frisur des Fahrzeugfahrers ergänzten das Foto aus den 80er-Jahren.
«Zwei Autos», rief Andrea, die Älteste.
«Gut. Ist das eine gefährliche Situation für uns, wenn wir auf der Strasse fahren?», fragte der Fahrlehrer und zupfte an seinem Spitzbärtchen. Er schwenkte den Blick zu den vorderen Reihen der Schüler, in der Hoffnung, dass auch sie etwas sagten. Insbesondere um die eine — eine junge Fahrschülerin, die sich auch in den Stunden sehr einsilbig gab — war er besorgt.
«Klar», sagte schliesslich, als wäre es ein ins Kauen des Kaugummis eingefügtes Geräusch, der Junge neben ihr.
«Klar! Richtig! Aber warum?»
«Weil wir nichts tun können», rief Andrea aus der hintersten Reihe. «Wir sterben.»
Der Fahrlehrer lächelte. «Nicht unbedingt. Könnte sein. Es wird auf jeden Fall eng. Für uns und ihn. Ausweichen ist auch nicht gut, wenn man die Bäume sieht. Ausserdem könnte er dasselbe machen. Was also tun?»
«Signale geben. Lichthupe», rief Andrea.
«Genau, oder?»
«Langsamer fahren, vorsichtiger schauen, notfalls eben langsam ausweichen.»
«Genau. Aber eigentlich: können wir hier fast gar nichts mehr machen.»
«Wir sterben.»
Der Fahrlehrer zupfte sich am Spitzbärtchen und schlug eine laut hämmernde Taste seines Computers an. Die altmodische Präsentation löste sich in grosse Pixel auf, die sich zu einem neuen Foto zusammensetzten.
«Und was seht ihr hier?», fragte er.
«Menschen! Trams. Ein Schild.»
«Genau, was ist das für ein Schild?» Er zeigte auf Yan, den kauenden Jungen.
«Ein Nicht-Parkieren-Schild.»
«Seht ihr sonst noch was?»
«Ja, da, ein Kind im Schatten.»
«Richtig, Andrea. Auf die Kinder müssen wir achten, auf die Schatten, auf die Schilder, denn wo Nicht-Parkieren-Schilder sind, sind entweder die Wege sehr eng oder es könnten Einfahrten vorhanden sein. Fahren wir hier schnell durch?»
«Nein, langsam», rief es von hinten.
«Genau. Also, was müsst ihr bei einer solchen Situation beachten?»
«Vorsichtig fahren, verschiedene Verkehrsteilnehmer im Blick haben. Die Tramgleise beachten, wegen Velofahrer und so.»
«Genau», murmelte der Fahrlehrer und wollte schon auf die laute Taste hauen, um den nächsten Slide einzublenden. Doch dann fuhr die Hand neben Yan hoch. Es war die schweigsame Anita.
«Aber da ist doch noch etwas…», sagte sie langsam und so leise, dass sich Andrea hinten über den Tisch lehnte.
«Wo denn?», fragte der Fahrlehrer sie freundlich ermutigend und drehte sich zum Bild.
«Na da, hinter dem Sicherungskasten…»
Die ganze Klasse beugte sich vor, um einen deutlicheren Blick zu haben. Dort, neben der Allee, im Schatten hinter dem Kind, ragte etwas hinter dem Sicherungskasten hervor. Erst schien es nur eine Täuschung, aber bei stärkerem Hinsehen war die Deutlichkeit nicht zu bestreiten, und die Konturen zeichneten sich, wie beim Aufwachen in der Dunkelheit, mit fast brennender Genauigkeit, ab. Andrea stiess einen gellenden Schrei aus. Yan murmelte etwas. Der Fahrlehrer war bleich geworden und rupfte grob an seinem Spitzbärtchen. Seine Hand glitt wie automatisch zur Taste, um das Bild weiterzuschalten, aber sie verharrte zehn Zentimeter über der Tastatur und bewegte sich nicht. Immer noch sahen sie das handartige, umgestülpte, grausige Gebilde auf dem dreissig Jahre alten Foto an, neben dem der normale Tagesbetrieb auf der Strasse herrschte. Ein Geräusch erklang, als ein Junge in Ohnmacht, sein Kopf hart auf den Tisch und sein New Era-Cap zu Boden fiel.

Der Satz (LV)

Der Rumpf dieser Katze galoppierte 2 — 3 Sekunden, aber der eines alten Katers that dieses viel länger, und als er aufgehört hatte, fasste ich ihn mit der Hand öfters schnell an den Ribben, worauf er allemal sogleich wieder zu galoppiren anfieng.

Franz von Paula Gruithuisen, Ueber die Existenz der Empfindung in den Köpfen und Rümpfen der Geköpften und von der Art, sich darüber zu belehren.

Der Bergkönig

Der Bergkönig legte sich unter den Baum und liess sich die Nüsse in den Schoss rieseln. Die Krone juckte und er legte sie neben sich, während er sein Schwert wegschleuderte, dass es schirrend in den Boden fuhr. Ein Murmeltier schnuppert an seiner Zehe und leckte kurz daran, verzog sich darauf hastig in eine Höhle. Das UFO kam, als es dämmerte, und grüne Wesen sprangen zu Boden.
Bleiben Sie sitzen, machen Sie sich keine Umstände, sagten sie, und der Bergkönig lachte und grüsste höflich, als sie schon fast wieder verschwunden waren. Der Regen kam, als der König schlummerte. Ein Rinnsal verschlang weitere zu einem kleinen Strom, und die Krone wurde sanft, wobei sie nach einigen Zentimetern innehielt, als möchte sie die letzte Möglichkeit bieten, nach ihr zu greifen, weggetrieben. Als der Bergkönig erwachte, war er kein König mehr und seine Kleider dampften in der Sonne. Er klopfte sich auf den Bauch und sah sich um. Niemand war zu sehen. Ein anderer wurde Bergkönig, der sich an die Berge schmiegte und den man an den Säumen der Wanderwege im hohen Gras liegen sah. Das Schwert, früher oder später entdeckt, hing an seinem Gurt. Auf dem Gipfel erklomm er den höchsten Felsen und überblickte von oben die weiss beschäumten Täler, die sich vor ihm erstreckten. Er warf sich oft müde in einen Karst und stapelte Steine. In den Wäldern wanderte er rauschend durch das Laub. Manchmal sah er nach oben, wenn laute Rotoren über seinem Kopf erklangen. Der Bergkönig spielte mit den jungen Steinböcken und kämpfte mit ihnen um Knochen, um ihre Stärke zu erproben. Immer häufiger sah er die grünlichen Wesen durch das Tal ziehen, doch wenn er ihnen zurief, schreckten sie zusammen und kehrten um. Regen konnte sich in Sekundenschnelle zusammenbrauen und heftig niederprasseln, doch eine sichere Höhle war nie weit entfernt.

Lesung auf Litradio und eine Handvoll Text in Literaturzeitschriften

Ich muss verrückt sein, das hier zu posten — ich halte es kaum aus —: Die Aufnahme meiner Lesung aus dem Zürcher Literaturhaus auf Litradio. Zum Verschlucken von Wörtern und Verhaspeln gibt es zu sagen: Wir wussten nicht, dass wir aufgenommen werden, und freilich habe ich alles, was hätte stören können, mit Gestik und Mimik wettgemacht, die in der Tonaufnahme verloren gegangen sind, (nicht). Die vier Bier, die ich davor hatte, seien hier unerwähnt. Schade auch, dass die Diskussion weggeschnitten wurde.

Was noch so ansteht?
Erfreulicherweise wird es schwierig werden, im 2014 ein Schweizer Literaturmagazin zu ergattern, in dem kein Text von mir zu finden ist: Im Delirium (Drei Geometrieaufgaben), in Denkbilder (Ein Irrer im Dunkeln), in der Narrgenda (Eine Dreifaltigkeit), im Narr (Helden) und im entwürfe (Das Shoppingcenter) wird es jeweils einen Text von mir geben. Wenn alles gut läuft, krieg ich noch was hin. Ihr wisst ja: Catch ´em all!

Und hier noch der Flyer zur Delirium-Vernissage, an der ich nicht lesen werde. Aber ein Satz aus meinem Text prangt auf einem coolen Bild, sowas verpflichtet:

Der Satz (LIV)

Zerhacke die Haut von einem Aale in viele kleine Stücke, und wirf sie in einen schwammichten Weyer ; so wird man in einer Monatsfrist Aalenbrut davon bekommen.

Carl von Eckartshausen, Aufschlüsse zur Magie aus geprüften Erfahrungen über verborgene philosophische Wissenschaften und verdeckte Geheimnisse der Natur.

Zwei lesen, einer lacht

Auf einer Bank unter einem Birnbaum sitzen zwei Männer. Beide lesen, einer lacht. Sie tragen täglich frische Anzüge und schlagen die Beine übereinander. Der Lachende kommt meist am späten Vormittag und klappt sein dickes Buch auf. Er schmunzelt, manchmal geschieht es früher, manchmal später, aber immer im Laufe der Lektüre. Das Schmunzeln breitet sich auf seinem rasierten Gesicht, während seine Augen über die Seiten fliegen, Zeile für Zeile weiter aus, bis es schliesslich zum Grinsen wird, das den baldigen Ausbruch seines hellen, durch den Park fliehenden Lachens ankündigt.
Sein Nachbar zur Linken ist oft schon am Morgen da und liest unbewegt. Nur selten spitzen sich seine blassen Lippen und entspannen sich wieder nach wenigen umgeschlagenen Seiten. Er bleibt nachmittags eine halbe Stunde alleine dort, bevor er nach Hausegeht.
Der Lachende sucht den Blick der Umstehenden, vielleicht um sich zu entschuldigen oder um sich zu erklären. Der Stille schielt knapp über den Buchrücken, erwidert seinen Blick, zieht die Mundwinkel bekräftigend nach oben und fährt mit dem Lesen fort.
»Entschuldigen Sie«, rief der Lachende unter Tränen. »Ich störe sie immer.«
»Überhaupt nicht«, versetzte der andere und las weiter.
Der Lachende verstummte höflich und sah seinen Nachbarn neugierig an. Eine Weile beobachtete er, wie dessen Blick stumm über die Buchstaben glitt, ohne die geringste Regung auf dem Gesicht zu zeitigen.
»Entschuldigen Sie meine Frage: Aber was lesen eigentlich Sie?«
Der Stille klappte das Buch zu und verdeckte es mit der anderen Hand. »Nichts besonderes«, sagte er.
»Ach?« Der Lachende überlegte sich, ob er von seinem Buch erzählen sollte, aber der andere sah ihn kühl an, und er wollte nicht wie ein alter Mann wirken, der unaufgefordert aus seinem Leben ausplauderte. Er verabschiedete sich am Nachmittag und der Stille lächelte zum Abschied. Eine Woche später sassen sie wieder auf der Bank und wieder lasen zwei und einer lachte.
»Lesen Sie immer noch das gleiche Buch?«, fragte der Lachende, nachdem sein lautes Johlen verebbt war.
»Ja, ja.«
»Immer noch den Novalis?«, denn er hatte beim letzten Abschied auf den Umschlag gelinst, und den Titel Autor erkannt.
Der andere ruschte auf der Bank hin und her. »Ja…«
»Sie lesen seit einer Woche dasselbe Buch?«
»Ja…«
»Oder lesen Sie es erneut?«
»Ja…«
Der Lachende hatte sein Buch zur Seite gelegt und lehnte sich mit dem ganzen Körper hinüber, dem Stillen auf den Leib rückend. »Und immer noch die gleiche Seite? Oder habe ich ihr Blättern übersehen?«
»Eigentlich lese ich gar nicht darin«, erwiderte der andere, unangenehm berührt..
Der Lachende machte ein verblüfftes Geräusch. »Sie lesen gar nicht im Buch?.«
Einige Sekunden druckste der andere herum und gestand dann: »Ich lese in Ihrem Buch.«
»In meinem — ?«
»Ich lese nie in meinem Novalis.« Er diene nur als Ablenkung, wenn er in den Büchern von anderen lese. Es sei immer etwas Neues dabei und spare Bibliothekskosten. »Ausserdem interessierte mich, was Sie so lustig finden..«
»Sie haben aber nie gelacht«,stellte der Lachende, nun ernst und nachdenklich, fest.
»Nun ja«, sagte der Stille, »so einer bin ich nicht.«

God Games EINS ; Halbgötter in Schweiss & die Hand Gottes

Mein erster Beitrag über das Phänomen „God Games“.

Freies Feld

Von CÉDRIC WEIDMANN.

«Plötzlich sah ich in der Mitte des Raums einen Operationstisch, der zuerst leer war; plötzlich sah ich [den Maler] Strauch auf dem Operationstisch angeschnallt. Plötzlich hatte ich eine vor mir schwebende griffbereite Instrumentensammlung. Strauch lag unbeweglich angeschnallt auf dem Operationstisch, der sich dauernd halb rotierend bewegte. Das Fürchterliche war, dass sich der Operationstisch fortwährend bewegte; wenn ich nur an ihn ankam, bewegte er sich, und ich sah, dass ich auf diesem Operationstisch nicht würde arbeiten können. «Nein!» schrie ich. Die Ärzteschaft, die draussen stand, drohend, brach aber in Gelächter aus. Sie schrie: «Operieren Sie! Operieren Sie nur!» und lachte. In dem Gelächter der Ärzteschaft hörte ich immer wieder den Assistenten sagen: «Schneiden Sie doch! Warum warten Sie! Schneiden Sie doch! Sie müssen schneiden! Fangen Sie an! Sehen Sie nicht, dass Sie schneiden müssen? […]» Da fing ich an zu operieren; ich weiss nicht mehr, was für eine…

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Katzen folgen

Er schleicht den Katzen nach und folgt den Spuren, die sie durch die Nachbarschaft treibt. Er hüpft über die Holzlatten eines niederen Zaunes und streift den Hausmauern entlang. Wenn man eine Katze sieht, ist seine Gestalt nicht fern, mit der Brille auf dem Gesicht und dem kleinen Hut, der ihn vor heftiger Mittagssonne schützt. Zwischen Stauden raschelt es hörbar, wenn er einen Riegel auspackt und ihn isst. Auch auf Bäumen will man ihn, der in der Gegend wohnt, gesehen haben. Die Katzen nehmen ihn wie einen Umweltfaktor hin: Eine Temperaturschwankung oder gelegentliche Trockenheit. Manchmal bricht ein Lachen aus ihm heraus, das den Anwohnern verrät, wo sich ihre Schützlinge aufhalten. In diesem Viertel ist noch nie ein Haustier verschwunden.