Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Mai, 2014

Wir (Ein-Satz-Review)

WeWe by Yevgeny Zamyatin
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Was genau hier passiert, kann ich nicht sagen, aber es ist bestimmt etwas Grosses, wenn sich in die Welt der mathematischen Perfektion plötzlich Metaphern einschreiben, die völlig unkontrolliert sind, Metaphern, wunderschöne, die aus der Luft gegriffen scheinen, die Metaphern für andere Metaphern sind, verirrte Metaphern, nur angetönte Metaphern, Metaphern, die sich selbstständig machen, und die eine sprachliche Dystopie sprachlich überwältigen, wobei das Wir — das verrückte «Wir» dieses Textes — von Zeile zu Zeile in eine andere Richtung geschoben wird und alles über den Haufen wirft, was man von utopischer Literatur zu wissen geglaubt hat.

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Als ich kleiner war

Als ich kleiner war, hatte ich einen Freund,
den ich später nicht mehr hatte.
Ich sagte, er sei abstossend,
als er aus Versehen
auf mein Bett gespuckt hatte.
Ich sagte wirklich abstossend,
glaube ich.
Wer aus deinem Leben als Erster verschwindet,
hat es als Erstes geschafft.
Nach ihm wirst du suchen
wie man einen schlechten Geruch
zu erschnuppern gezwungen ist.
Auf einer Bank im Wald
zwischen den Feuerstellen
sitzt manchmal ein Labrador
verschüchtert, ohne Besitzer.
ngstschw, so viele Konsonanten hintereinander
denke ich, so viele Konsonanten hintereinander.
Ich sitze drinnen, erinnere,
alles scheint mir momentan
und von hier aus zu schwierig.
Aber ich könnte schreiben, tue es,
das T-Shirt klebt
Sexgeräusche
Tastatur kalte Finger
überüberall Perlen von
Einflussangstschweiss.
So viel so viel hintereinander, aber
die Hälfte von allem vergesse ich
und die andere Hälfte
habe ich schon vergessen.
Ich bin zufällig durchschnittlich, denke ich,
aber das Geräusch die Spucke
der Labrador.
Und so, eine Hand auf dem Ohr,
rück ich weiter auf dem Blatt vor.

Die Zukunft des Zitats // Kontaminierte Texte

Schöne neue Literatur! Sie wird noch besser. Ich habe vor einiger Zeit über die Plagiatsmethode der Medizinhistoriker mit einigem Wohlwollen geschrieben. Auch von den Urheberrecht-Wasserzeichen, die die Originaltexte verändern. Die automatisierten Headliner-Haikus, nicht-lesenden Professoren, die sich selbst in Patente umwandelnden Textprogramme kommen dazu. Und neuerdings gibt es noch etwas Weiteres, auf das ich mit Vorfreude blicken kann: Die Zukunft des Zitats.
Vorgeschichte ist ein Streit im Literaturclub, der mich nicht interessiert: Stefan Zweifel wurde als Moderator abgesetzt und hat den Literaturclub verlassen — unter anderem, weil er das SRF vergeblich darum bat, dass Elke Heidenreich sich für ihr Heidegger-Zitat entschuldigen müsse. Das hingegen ist interessant.
Hier der kurze Mitschnitt über Heidegger, mit dem fraglichen Zitat:

Es war Heidenreichs gutes Recht, das Buch auf den Tisch zu knallen! Schliesslich sind noch nicht alle für das Zitieren der Zukunft offen, ich hätte dasselbe getan. Man muss die Menschen empfänglich machen. Heute erschien zum Glück im Tages-Anzeiger eine Klarstellung von Elke Heidenreich, wo sie erklärt, wie sie das Zitat gemeint hätte:

Dann sagte ich: «Einen Satz wie ‹Die verborgene Deutschheit› (das wörtliche Zitat las ich vorsichtshalber ab, Band 96, S. 29) ‹müsse man entbergen›» (dieses Wort stammt aus einem Artikel in der SZ vom 25. März 2014 von Thomas Meyer zu Heidegger, enthalten im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte; ich fand das Wort «entbergen» so originell, dass ich es hier verwendete) – dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»

Natürlich ist es schade, dass sie die ersten drei Wörter noch aus dem Original abgelesen hat, aber man muss das verzeihen, denn in Kürze steigert sie ihr Verfahren merklich: «entbergen» benutzte sie, weil sie es so originell fand. Das ist nicht nur legitim, sondern richtig so. Spannende, lustige Wörter gehören in ein Zitat. Umso besser ist, dass das ‹originelle› «entbergen» in jedem zweiten Text Heideggers vorkommt, die Originalität ist nicht fadenscheinig, sie liegt auf einer Meta-Ebene: Es als originell zu bezeichnen, darin liegt Heidenreichs starker Ausdruck der Originalität.

Vieles der Wirkung dieser neuen Zitierweise ist jedoch auch Heidenreichs Rhetorik geschuldet. Sie hätte ja das Wort («entbergen») ein bisschen versetzt aussprechen können, aber sie schaffte es, es nahtlos einzufügen. Hinzu kommt, dass man ihre Bewunderung für das Wort nicht gerade anmerkt, sie faucht es fast und setzt damit die Originalität auf eine subtilere Ebene.
Diese Stärke zeigt sie schon in der Einleitung, in einer leichten Abwandlung der captatio benevolentiae: «Also ein Satz wie — ich kann ihn ja kaum lesen, also auch Klügere als ich verstehen ihn nicht, ich schäme mich dessen nicht, dass ich vieles nicht verstehe.»
Damit hat uns Heidenreich gezeigt, wie wir der neuen Welt zu begegnen haben: Zitate müssen schön sei, sie müssen klingen — sie müssen originell sein, indem sie ausserordentlich unoriginell sind. Zitate müssen nicht aus Büchern stammen, man soll sie nicht verstehen, nicht lesen, Zitate soll man bringen und aufsagen, und mit eigenen Sätzen, mit kaum hörbaren Fragezeichen ergänzen, alles wird so nur virtuoser, Zitate sollen nicht länger als drei Worte am Stück sein, Fazite sollen aus einem Zitat und einem schönen Wort gezogen und lückenlos ans Ende des Satzes angefügt werden, aber das Wichtigste: Man muss diese Art zu zitieren gegen jede Stumpfheit verteidigen, komme, was wolle. Auch in der Öffentlichkeit, in Stellungnahmen. Zitate sind die Pflastersteine unserer Zukunftswege.


 

Ich möchte dennoch ein Bedenken aufwerfen, das sich auf den zweiten Teil von Heidenreichs Rechtfertigung bezieht. Erneut versucht sie, Heidegger nationalsozialistisch zu färben. Sie macht das mit nichtssagenden Zitaten, die im Diskurs der Zeit — auch dem jüdischen — keine Auffälligkeiten bilden. Ich will Heidegger nicht verteidigen, er ist nicht zu verteidigen, vor allem ist mir das aber einfach zu blöd.

Hier ist etwas offensichtlich und öffentlich bedroht: das Lesen. Hier wird falsch gelesen und der Öffentlichkeit aufgeschwatzt. Für das Lesen noch viel fataler aber ist die Vorstellung von kontaminierten Texten. Heidenreich sieht Drohendes in Heideggers Text und fragt, «inwieweit man die Philosophie all derer, die von ihm beeinflusst wurden, auch mal neu überdenken muss mit diesem Hintergrund.» Die Vorstellung, Texte seien krank, ist für sich genommen schon gefährlich: Bereits der Glaube, es müsse einen Index für Bücher geben, halte ich für eine Zumutung. Gefährlich ist es hingegen, wenn eine Gesellschaft nicht weiss, wie man liest und wie man über das Lesen spricht. Es gibt keine kranken Texte.
Der Glaube an Unterschwelliges, an das Eigentlich-so-gemeint-Sein ist die Hauptgefahr für das Lesen. Das erinnert an die Argumentation aus Saladins Prozess, wo Bücher zwar nicht «per se» als Pornografie bezeichnet werden, aber es eigentlich doch sind. In diesem oder jenem Kontext. In der Fülle… Texte sind zwar keine Personen, man kann sie interpretieren, sie wollen nichts Böses. Aber eigentlich — im Innersten — in Wahrheit doch. So lautet die Vorstellung dieser Leute.
Das ist eine echte Bedrohung für das Lesen. Denn Texte haben kein Eigentliches. Keine eigentliche Absicht. Keine eigentlichen Ideen. Und dass sie andere Texte in ihrer Verseuchtheit anstecken können, gar Nachfolgetexte von innen zersetzen (denen man es bis jetzt nicht angemerkt hat, dass sie eigentlich böse sind — (moment, was?) —, die latent krank sind, deren Krankheit noch nicht ausgebrochen, vielleicht rezessiv, aber lauernd, zeitbombentödlich ist).  Gegen dieses Bild muss man sich früh genug wehren. Auch deshalb:

Lesen statt Hetzen

 

Nilpferde

Dann, wenn die Nilpferde, die gefährlichsten Tiere der Welt, endlich von unserem Erdboden verschwunden sind, wird sich die ökologische Infrastruktur merklich verbessern. Wir werden alle nackt durch die Pfützen springen können und Schlammbäder in den Steppen nehmen, ohne Gefahr, von einem Hippo erdrückt zu werden. Auch Wasserbüffel werden sich die Bäuche streicheln lassen und dabei verzückt mit den Hufen zappeln. Die Löwen müssten sich endlich nicht mehr in dieses graue, zähe Fleisch vergraben, wenn sie eine Beute erlegen wollten, und würden spürbar ausgeglichener im federnden Schritt. Die Fische könnten sich etwas gemächlicher durch die Flüsse bewegen und die Ufer würden weniger verschlammt, wofür die Flamingos mehr Schlick hätten, in dem sie nach Essen wühlen könnten. Wir wären alle so glücklich, und deshalb haben wir alles Recht zu hoffen auf die Evolution mit ihrem hufestampfenden Fortschritt. Sie kann schlagartig eintreffen, hat das früher schon getan. Die Flügel der Nilpferde sind in greifbarer Nähe.

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns

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Indigo (Ein-Satz-Review)

IndigoIndigo by Clemens J. Setz
My rating: 5 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Wahrscheinlich muss man ein bisschen böse sein, um dieses Buch zu mögen — was bin ich, wenn ich es liebe?

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Humes Picknick an der schottischen Küste

Er steht auf der Klippe und streichelt seinen Oberlippenbart. Mit der Fussspitze scharrt er einen Kiesel auf die Kante, dann stösst er ihn darüber. Der Stein scheint für einen Moment zu zögern, als würde er sich entscheiden wollen. Dann schwirrt er durch die Luft und schrammt beim Vorbeischiessen seine Wange. Das sirrende Geräusch verliert sich im blauen Himmel. Hume betrachtet das Blut, das von seiner Wange an den Fingern klebt. Das war also der Ausreisser. Er streichelt seinen Oberlippenbart.