Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Juni, 2014

Gute Dinge

Ein Jahr Snowdenleaks und du likest Bilder vom Essen.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Ballernde Gotteskrieger vor den Türen von Baghdad und du kennst Isis als ne Rockband.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

FIFA schanzt sich Länder zu und du zahlst ihr die Steuern.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Boko Haram klaut Internate und du surfst durch Schulmädchenporn.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Israel sucht drei Teenies und die Westbank wird geräumt.
Wir sind guter Dinge, wir sind alle guter Dinge.

Aller guter Dinge sind drei
und gut Ding will Weile haben,
macht: eine lange Weile.

Wir sind alle langer Weile,
alle guten Dinge sind uns.

Madame Bovary (Ein-Satz-Review)

Madame BovaryMadame Bovary by Gustave Flaubert
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Die Geschichte des Ehebruchs findet man schöner in Effi Briest, aber ohne die Selbstermächtigung, die Emma Bovary auszeichnet und sie zur faszinierenden Figur macht und die schliesslich ihre Nebenfiguren — der Apotheker, ihr Mann Charles und Léon — zu Abklatschen degradiert; dann wiederum ist es eigentlich gar keine Geschichte des Ehebruchs, sondern die nirgendwo quälender aufgerollte Geschichte der Verschuldung und eines unweigerlichen ökonomischen Abstiegs — Emma Bovary ermächtigt sich durch Geld und nicht durch Betrug.

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Neue Kurzgeschichten: Im Narr, im Lasso

Zwei weitere Kurzgeschichten. Diesmal weniger schwer und endlich ein bisschen mehr Pulp: Einmal Science Fiction, einmal Mittelalter!

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Im NaRr #13 findet man «Helden», einen bisher unveröffentlichten Text über die physischen und psychischen Voraussetzungen, ein Held zu sein. Ritter und Riesen spielen sie durch.

Im Lasso-Magazin (mit dem allercoolsten Cover!): «Eine effiziente Stadt», die Überarbeitung einer früheren Kurzgeschichte auf diesem Blog, die von einer perfekten Ökonomie des Alltags träumt.

Kain und Abel

Er näherte sich zögerlich, während er mit der Hand den Rauch vor dem Gesicht vertreiben wollte, als wäre er eine Fliege. Im Profil sah sein Bruder mehrere Jahre jünger aus und er erinnerte sich, dass er ihm gezeigt hatte, wie man aus Stroh eine Pappfigur bastelte und wie man Frauen erschreckte. Kain schritt langsam näher, achtete auf das Krachen der trockenen Zweige unter seinen Sohlen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er versuchte so zu tun, als käme er beiläufig und würde das Feuer des Bruders erst jetzt sehen.
«Hast du ~?» Er räusperte sich. Abel sah auf und lächelte, als er ihn sah. Von vorne schien er erwachsener und kräftiger: ein markantes, kantiges Gesicht in den besten Jahren.
«Hey, hab dich gar nicht gehört, tut mir leid.» Abel bot ihm etwas Wein an und er trank davon, um seine ausgeräucherte Lunge zu besänftigen. «Was gibt´s?», fragte er freundlich.
«Hast du Feuer?»
«Wie bitte?»
«Hast du…» Kain blickte um sich, als hätte es jemand anders gesagt. «Du warst so ein süsses Kind.»
Hatte er das wirklich gesagt? Er wich dem fragenden Blick aus. Das war ihm peinlich, und er hätte ihm gern die Hand geschüttelt, um die Begrüssung noch einmal von vorne zu beginnen. Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, das er ihm in die Hand drücken konnte, damit ihm noch einmal verziehen würde, hatte aber sein letztes unterwegs ausgegeben. Er hatte auch kein Mitbringsel, das den letzten Satz vorübergehend vergessen machen konnte. Kain drückte seinen Rücken durch, um sich die Beschämung nicht anmerken lassen, und ihm fiel ein, wie er sehr zerstreut und absichtslos einen schön glänzenden Stein auf dem Weg gefunden und mitgenommen hatte.
«War ich das?», fragte Abel mit kritisch zusammengekniffenen Augen. «Ein süsses Kind?»
Kain schwieg peinlich berührt, blickte in das Feuer, dessen Qualm sich schwarz aus sich selber entwirrte, wie ein rollendes Fadenknäuel.
«Sag mal, wolltest du nicht etwas von mir?»
Da er nichts anderes hatte, blieb ihm nichts anderes übrig. Er holte den Stein aus der Hosentasche und prügelte auf Abel ein. Das vor Anstrengung pochende Blut in seinem Kopf verdeckte die Schamröte, während er ihn betrachtete, der jetzt mit schreiendem Mund so viel älter aussah, gar nicht mehr wie jener, mit dem er einst Datteln geklaut hatte — da hielt er inne. Aber die Erinnerung des kleinen Jungen kam wieder zurück, wie sie nach dem Dattelfressen unter den Bäumen gelegen hatte, sich windend unter Bauchschmerzen, und gefurzt hatten, dass man es bis ins Tal hinunter hören konnte, und er umarmte ihn und schlug noch härter zu, bis der Hinterkopf zerplatzte.

Der Satz (LIX)

Es fällt mir nur wieder ein, dass darin Zitronen vorkamen, oder Orangen, ich weiss nicht mehr welche Früchte, und für mich ist es eine Leistung, behalten zu haben, dass Zitronen oder Orangen darin vorkamen, denn von anderen Liedern, die ich in meinem Leben gehört habe, und ich habe wer weiss wie viele gehört, denn es ist praktisch unmöglich, sagen wir, zu leben, selbst so wie ich lebte, ohne singen zu hören, wenn man nicht taub ist, habe ich nicht das geringste behalten, kein Wort, keinen Ton, oder so wenige Worte, so wenige Töne, dass, dass was, dass nichts, dieser Satz hat lange genug gedauert.

Samuel Beckett, Erste Liebe.

Eltern trennen

»Weisst du, wie man es macht?«, fragte Simona.
»Aber ich will meine Eltern gar nicht trennen.«
»Es ist ganz leicht.«
»Nein, das ist bestimmt nicht leicht«, sagte Leonidas. »Die lieben sich.«
»Doch, ganz leicht, hat Papa gesagt. Und Mama hat gesagt, man müsse nur klatschen, dann sei das noch viel einfacher. Man sollte es einfach vermeiden vor einem Hurenkind.«
»Was?«
»Oder einer Witwe, was übrigens das Gleiche ist.«
»Halt die Fresse«, sagte Leonidas, stellte das Kickboard auf und fuhr weiter. Er wollte schon aus der Strasse abbiegen, da hörte er hinter sich noch Simonas laute Stimme.
»Elt,
Ern,
El,
Tern,
El-«
Selber Hurenkind, dachte er.

Das Alpaka

Als die Füsse zu sehr schmerzten, setzte er sich auf einen Stein und blickte ins Tal. Das Dorf war nicht mehr weit, die Kamine rauchten und er hatte Hunger. Ein Mann mit einem Alpaka kam vorbei und nahm ihn zu sich nach Hause. Er ass gut und schlief im Stall auf einer dicken Wolldecke neben dem Tier. Wann immer er es ansah, schien es zu kauen, auch als er die Augen nur einen winzigen Spalt öffnete, um zu sehen, ob es nur so tat. Am nächsten Morgen fühlte er sich wunderbar leicht, denn er spürte seine schweren Glieder nicht mehr, als hätte man ihn davon befreit. Das Alpaka war dicker geworden.

Die Treppe

Sie stieg die Treppe hoch. Bei jedem Schritt zitterte ihr die Fusssohle und sie versuchte mit dem ganzen Bewusstsein des Körpers, ohne hinunterzuschauen, ihre Stellung und Lage abzuschätzen und sie vorsichtig, mit innerer Fernsteuerung, auf die nächste Stufe zu setzen. Tausende von Menschen, spürte sie, sahen ihr zu. Sie war die Einzige, auf die ihre Augen gerichtet waren, doch sie hütete sich davor umzudrehen, während sie mit möglichst bestimmten Bewegungen und ohne im Tempo nachzulassen weiter hinaufstieg. Irgendwann erreichte sie die letzte Stufe. Ein brausendes Klatschen brandete gegen die lange Steintreppe, einige Menschen jubelten ihr zu, sie lächelte stolz. Sie hatte die Treppe bestiegen, warf Kusshände. Sie hätte auch umfallen können.