Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juli, 2014

Sand (Ein-Satz-Review)

SandSand by Wolfgang Herrndorf
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein bisschen wie Thomas Pynchons „Inherent Vice“ — oder anders gesagt: die etwas dümmliche Verfasstheit des Protagonisten aus „Kiss Kiss Bang Bang“, verschmolzen mit dem überhöhten Plot und den Perspektivwechseln aus „Burn After Reading“ — oder anders gesagt: ein perfides Spiel mit Gattungen, Klischees und etwas, was vielleicht das Ende der Postmoderne darstellt — oder anders gesagt: klare Sprache trifft durchdachten, verehrungswürdigen Plot — anders gesagt: Folterung trifft auf Witz, und — kurz gesagt — ein Eindruck für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur.

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Stark abgekürzt zusammengefasst

Ich gehe, zusammengefasst, durch die Strassen. Ich hebe die Hände in die Luft wie ein Jubelnder und habe die Naht meines Ärmels unter den Achseln eingeklemmt. Meine Fäuste ragen weit über mir, ich lache, die Leute schauen mich an und so weiter, zwei Erinnerungen, eine vergangene Liebe, kurz, ein Fuchs hatte sich zwischen zwei Tanksäulen eingeklemmt und humpelte, als ihn die Angestellte am Morgen befreite, über den Parkplatz davon. Vor dem Hintergrund dieser Angelegenheiten suche ich lange nach meinem Rückweg und eine Frau liegt in der Wiese, die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben, vor dem Hintergrund all dessen sind die Lider nur scheinbar unbeweglich wie über Kinder gelegte Decken geschlossen, ein paar summende Fliegen, ein summender alter Mann und dann all das vor dem Hintergrund davon. Im Licht des Vorangegangenen, etwa des Morgens, setze ich mich auf einen Stein und so weiter. Hinter Hecken plätschert Wasser, die Hände sind noch in der Luft, angesichts von ihnen werde ich heiter. An einer spinnenförmigen Wäschestange winken sich kleine rote und orange Kleider zu. Man werde nicht jetzt hineingehen können, so eine Mutter, das Gewitter bahne sich erst an. Das schliesse sich aus dem Vorangegangenen, stark abgekürzt. Die Sonne sieht lustig aus, so ich. Zwei Fensterläden klatschen sich in den Windstössen gegenseitig zu, man könnte wie ein Flipperkastenball zwischen ihnen hindurchschlüpfen, aber es wäre schwierig. Ich erinnere mich gerne an sie, wie sich abschliessend feststellen lässt. Dann schlendere ich, «schlendere», und nehme die Fäuste kurz herunter, schwinge sie dicht an meinem Körper, sie bewegen sich langsam haftreibend durch die Luft. Ich setze mich hin, öffne den Rucksack und so weiter, ich bin, kurz, der glücklichste Mensch aller Zeiten. Das ist allgemein bekannt. Ich habe es herumerzählen gehört. So denke ich, während ich auf dem Stein sitze und ein Güterzug fährt vorbei. Ich nage, stark abgekürzt zusammengefasst, an einem Wassermelonendrittel.

Geräusche

Ich sah den neuen Insassen an. Seine Füsse, die den Boden kaum streiften, vollführten rasante, kreisende Bewegungen, als dribbelte er. Unsere Blicke wichen einander aus und jagten rastlos über die Kacheln, bis sie, in einem Abstand, in dem der Hebel noch am Blickfeldrand sichtbar blieb, zur Ruhe kamen. Er wagte nicht, sich zu bewegen und lehnte sich lässig gegen die Wand. Mit den Fingernägeln kratzte er die Pritsche. Den Schluckauf hatte er, seit ich ihn kenne, aber er war zerdehnt worden und mit so langen Pausen, dass man ihn regelmässig vergass, und in einem solchen Ton, dass man geneigt war, “Entschuldigung” zu sagen. Ich erhob mich und näherte mich dem Hebel. Da riss er die Augen auf und sprang auf mich zu. Wir standen einige Sekunden nebeneinander und schielten auf den aus dem Boden ragenden Knüppel.
“Ich möchte.”
Ich trat, nach kurzem Zaudern, einen Schritt zur Seite. Er bückte sich, zog mit aller Kraft am Hebel, der sich seufzend lockerte und schliesslich dem Zug nachgab. Es knarrte und raschelte, Eisenketten klirrten und das Rattern wie von Zahnräder rumpelte unter den Füssen. Ein kleines Loch öffnete sich im Boden. Es war völlig finster darin. Ich rannte darauf zu, rief hinein, es hallte einen halben Meter tief und der Schall floh dann horizontal in ein Kanalsystem. Ich stieg mit dem Fuss hinein. Draussen gab es ein metallenes Geräusch, als eine schwere Tür zufiel. Die Augen des Insassen weiteten sich, wir starrten uns an. “Schnell, schnell”, flüsterte er, aber ich verharrte und lauschte, wie der Knüppel des Wärters gegen die Eisenstangen schlug und näher kam. Er stiess mich weg, sprang hinab. Es gab das Geräusch einer Landung, ansonsten war es sehr still. Dann erklang ein Flirren, das Knacken von Knochen, ein zerklüfteter Todesschrei: Nur ein Stöhnen blieb wie ein aufsteigendes Rauchwölkchen von ihm übrig. Ich zog die Beine aus dem sich schliessenden Loch, stand auf. Ich versteckte den Kugelschreiber, den ich ans Gitter geschlagen hatte, unter der Matratze und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich von einem Niesen geweckt. Ich öffnete die Augen einen Spalt, erblickte den Neuen auf der Pritsche und wälzte mich schmatzend auf die andere Seite. Aber ich war schon wach geworden.

Der Satz (LX)

Some people have maintained, in my hearing, that they have been drunk upon green tea; and a medical student in London, for whose knowledge in his profession I have reason to feel great respect, assured me, the other day, that a patient, in recovering from an illness, had got drunk on a beef-steak.

Thomas De Quincey, Confessions of an English Opium-Eater.