Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: November, 2014

Der Kurier

Schon wieder. Schon wieder auf der Strasse, schon wieder dunkel. Aber etwas muss immer von A nach B, sagt mein Chef. Er hat diese gleitende Powerpointpräsentation, wenn er bei Firmen vorspricht. Sie gleitet erst langsam, nimmt Tempo auf und vollzieht dann seltsame Wirbel auf dem Sternenhintergrund, so dass der Zuschauer glaubt, durchs All zu schweben. Etwas muss immer von A nach B schon wieder. Diese gleitende, wirbelnde Powerpointpräsentation, als Bewerbung für einen Fahrradkurier, dem selbst der Kosmos nicht unverschlossen scheint. Schon wieder so dunkel sogar, dass der Schein dieser Fahrradlampe keine Leiche mehr auf der Strasse erkennen lassen würde, höchstens noch Mauern, grosses Gefälle und spiegelndes Wasser, so dunkel und schon wieder so kalt, dass es durch die Winkel meiner Finger in die Handschuhe zieht, aber etwas muss immer von A nach B und wenn es nur eine Idee ist, ein Gedanke, damit hatte er die Zuhörer in der Tasche, ganz am Ende der Powerpointpräsentation, wenn er das brachte, alles muss von A nach B, und wenn es nur eine Idee ist, sie merkten auf, als sie längst vergessen hatten, dass sie für Immaterielles auch E-Mails schreiben könnten. Aber es gehört zu unseren Kunden, dass sie eine Idee für etwas Anfassbares, Verpackbares halten, nicht weil sie es nicht besser wüssten, sondern weil sie Anfassbares glücklich macht, durch die Winkel der Finger. Etwas muss immer von A nach B, und mein Knie brennt. Ich habe vor langer Zeit um eine neue Lampe gebeten, der Kegel meiner Funzel fürchtet sich vor der Dunkelheit und duckt sich vor den Schatten weg, mein Chef hat mir eine neue versprochen, er hat sie mir sogar zweimal versprochen, Sicherheit geht vor. Schon wieder ist es dunkel, die allerletzte Lieferung auf meinem Gepäckträger, aber dann ist wirklich Betriebsschluss, auch wir haben unsere Lieferzeiten. Oben sehe ich durch die pechschwarzen Äste hindurchschimmernd einen verdreckten Nachthimmel. Im Industriegelände spüre ich den Weg der Holpersteine nach, lasse mich von ihnen führen, von A nach B, ich sehe jetzt auch keine Leiche mehr auf der Strasse, aber auch keine Mauern und kein Wasser, nichts, nur das Plantschen von fliehenden Tieren manchmal von der linken Seite. Und wenn es nur eine Idee ist, ein Papierhäuschen erschien im Weltall, aus dem eine aufleuchtende Lampe trat, die Lampe bewegte sich eine Weile durch die Galaxien und schlüpfte dann in ein weiteres Häuschen hinein, und wenn es nur ein Gedanke ist, die Lampe verpuffte zu einem Wölkchen. Das Knie brennt und der Hintern, und ich spüre hinter mir wie sich der Karton aus dem nach unten pressenden Griff des Gepäckträgers schiebt, aber ich halte nicht an. Autos sind schnell auf der Strasse, aber Ihr Unternehmen ist ein modernes Unternehmen. Autos sind schnell auf der Strasse, aber Ihr Unternehmen ist nicht auf der Strasse, Flugzeuge sind schnell in der Luft, aber Ihr Unternehmen ist nicht in der Luft, es ist überall. Nur Velos sind schnell überall.
Die vergitterten Fabrikhallen rechts von mir, der Zaun gleitet vorüber, der Geruch von Sulfaten, mein Knie brennt, die Finger frösteln und ich muss später, wenn alles vorbei ist, noch von B nach A. Ich habe den Raum verlassen müssen, wenn die Powerpointpräsentation kam, die Bilder schwirren auf Knopfdruck des Chefs über die Leinwand und die zehntausend Sterne, alle mögliche Sonnen belebter Planeten, alle Wiegen neuer Leben und Geheimnisse, sprenkeln die Wand und mir ist oft schlecht geworden vom blossen Zusehen in diesem Taumel. Sicherheit geht vor, hat er gesagt, aber am Wichtigsten ist mir deine Sicherheit. Wenn du nicht von A nach B kommst, wer anderes und was anderes sollte es schaffen? Schon wieder. Schon wieder zu spät, kurz vor Betriebsschluss, aber dann ist wirklich Schluss, Dringendes, Express-Lieferung. Schon wieder kalt, stockdunkel jetzt, und der Stummelfinger meiner Leuchte wühlt sich kaum fünf Meter vor. Der Zaun öffnet sich auf der rechten Seite und ich biege ab auf die Zufahrt, schon wieder biege ich ab und rumple über die Holpersteine und das Packet knirscht hinter mir, aber es sitzt noch, die Nase läuft aus, ich bin von A nach B, ich bin gekommen, schon wieder, wieder in der tiefsten Dunkelheit, Vorbetriebsschlussdunkelheit, denn es ist überall, das Moderne, nicht in der Luft, und nur Velos sind schnell überall, von A nach B und auch wenn ich nur eine Idee bin, ein Gedanke, ein Wirbel im Kosmos. Schon wieder habe ich etwas nicht gesehen, der Mann ist aus der Dunkelheit gekommen, ist entgegengekommen, die Arme aufgespannt um das Paket zu empfangen oder Strahlung aus dem Kosmos, ist da gestanden und fliegt, er stöhnt noch auf, während sein Knie nach innen klappt, der Schädel poltert von A nach B gegen den Lenker, es ist kalt und durch die Winkel meiner Finger spüre ich warmes Zähflüssiges, vor mir fällt er niedergestreckt in den Wühlfinger der Lampe, in deren schwachem Licht auch eine Leiche nicht ganz tot aussieht. Anhalten, quietschen, vielleicht ist es keine Leiche. Schon wieder. Sicherheit geht vor, du musst von A nach B, was oder wer anderes, wenn nicht du, und wenn du auch nur eine Idee bist, ein Gedanke, auch wir haben unsere Lieferzeiten, und komm mir wieder zurück, von B nach A, gib das Packet ab, sie mögen das Anfassbare.

Der Satz (LXV)

Onkel Marek sass — klein und bucklig, mit sterilem, geschlechtslosem Gesicht — in seinem grauen Bankrott, ausgesöhnt mit dem Schicksal und im Schatten grenzenloser Verachtung, in dem er auszuruhen schien.

Bruno Schulz, Die Zimtläden.

Peter Weiss

Ich sah Peter auf dem Balkon, wie er sich mit der rechten grobgeäderten, schwieligen Hand, um nach unten zu schielen, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, die unter ihm körnig knackten, auf dem kalten Geländer aufstützte und mit dem anderen Arm, zum Ellbogen eingeklappt, der unter dem bis zum ersten Ausdehnen des Bizeps aufgerollten Hemdärmel faltig und knittrig hervorknisterte, einen Ort zum Aufstützen suchte, keinen Halt für den Knorpel fand. Er stellte die Beine etwas zurück und legte schliesslich den Oberarm statt des Ellbogens auf das Geländer, um seine rechte Wange in die Faust zu stemmen. Neben ihm stand Anja, die, die Hand auf seinem Rücken, sich links, indem sie die Achse der Schultern, während die Beine entgegenstrebend verankert sind, fast in den rechten Winkel zum Zimmer drehte, und dessen Inneres durch die geöffnete Tür betrachtete. Im sähmigen Schimmer des Abendlichts leuchteten ein Couchtisch, ein knisterndes Sofa, eine Leselampe, ein Wandschrank, ein staubiges Brettspiel und gebeiztes Parkett auf. Sie bewegte ihren Mund, und ihre Mundwinkel, die von Natur aus nach unten fallen möchten, wurden in den Worten, die sie schusterte, nach oben gezwungen und ich vermeinte durch die deutliche, aber stumme Lippenbewegungen ihr Gesagtes vernehmen zu können. Oben, selten gesehen, vielleicht eine Wolke, schnell mal, ich dir sagen, vielleicht was anderes, viel zu gross. Und Peters Maul, das, nach unten zur Strasse gewandt, sich verzog und nur wenig für mich Verständliches hervorbrachte; daran glaube ich nicht, auch Vögel, verspreche ich dir, die Baustelle.
Nachdem sich Anja mit ausgestreckten Armen gewehrt hatte, nachdem sie nach dem Geländer gegriffen hatte, nachdem sie nach oben gezogen worden, nachdem das Raumschiff über ihnen erschienen war, begann sie zu rufen, strampelte sie, schlug sie die Handgelenke gegen den Stahl, verschwand sie im Bauch des Schiffs. Peter schwenkte die Arme in der Luft, äusserte einen gellen Schrei und einen matten zweiten und klemmte den Schuh unter das Geländer, um nicht hinunterzufallen, während sein Blick unnachgiebig an den Hausmauern vorbei nach oben auf die Scharniere, Düsen, Kühlerrohre, vergilbten Fluglichter, auf die kleinen Lüftungsklappen unter stählernen Verriegelungen zielte.
Peter zog die Beine wieder nach vorne, reihte sie nebeneinander auf, schob die Hand in die rückwärtige Hosentasche, wühlte darin und zog ein Taschentuch hervor, entknitterte es, atmete unter Zuhilfename eines Fingers durch das linke, dann das rechte Nasenloch seinen Schleim aus, hob das Taschentuch ratlos, winkte dem UFO zum Abschied, machte einen Schritt zurück, drehte eine Runde auf dem Steinbalkon, senkte den Blick und sah zum Geländer, hinter dem dreissig Meter Absenkung, an dreissig Verösungen eines Metallrohrs entlang, nach unten zur Baustelle auf der Strasse führten. Und dann sah ich, wie sich sein Schatten aus den zackigen Schroffen der Balkonkanten löste und wie sich der Schatten von Peter mit den ausgestreckten Armen in den Schatten der gegenüberliegenden Häusermauer einkerbte, während die Schatten seiner Beine zuckend daraus hervorsprangen. Der Schatten wogte noch im Balanceversuch und wühlte sich in das Gitter der Balustrade und füllte seine Rechtecke mit dem wankenden Körper von Peter, während die Schatten der Beine in die Hocke gingen, den Körper zusammenklappten, ihn verkürzten, stauchten, übereinanderhievten und schliesslich in einen grossen dunklen Schatten eingehen liessen, der plötzlich wieder den ganzen, ausgestreckten, nun hinwegspringenden Körper gebar. Auch sah ich, wie sich dieser hervorspringende Schatten von den anderen Schatten löste und von ihnen davon stürzte, aus dem Gitter des Geländers sich befreiend, hastig am Metallrohr entlang, tiefer zur Baustelle hinab.


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