Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Februar, 2015

Die Brücke

Es ist nicht sicher, wie rege die Brücke, gebaut 1992, wirklich benutzt worden ist. Es ist keine wirkliche Brücke, eher ein breiter Baumstamm, der halbiert und mit Stahlschienen seitlich verstärkt worden ist. Wenn drei Leute gleichzeitig darauf stehen, stöhnt sie und beginnt für den geneigten Zuhörer im Quirrlen des Wassers, das darunter vorbeispült, leise Lieder zu summen. Es ist allerdings nicht leicht vorstellbar, dass drei Leute zugleich auf der Brücke stehen. Sie liegt in einer hinteren Schleife des Baches, die bereits tief im Wald der Auen versenkt ist, manchmal wird sie eine ganze Woche nicht benutzt. Ein Schrei verhallt in den Nadelvorhängen, in die die Baumstämme gehüllt sind, und wird kaum gehört werden.
Das Supermodel setzt seinen Fuss auf die zwanzigjährige Brücke. Sie hat sich beim Joggen verirrt, doch in solchem Ausmass, dass sie es nicht unwillentlich getan haben kann. Ihr Blick scheint auch nicht irrend, wenn sie vorwärts schreitet und die Wirbel im Wasser betrachtet. Ihr Blick ist fest und zufrieden. Sie spuckt in den Bach. Sie stützt sich auf das kalte Geländer und weint lange.
Glauben die Bachmenschen. Durch die Brechung, die das Licht oberhalb der Wasseroberfläche erfährt, sieht es aus, als liefen Tränen über die Wangen des Models. Die Bachmenschen sind traurig über den Anblick, einige erheben die Stimme, ob man ihr nicht helfen könne. Aber das ist, wie die Ältesten signalisieren, unmöglich, es gibt keine Hilfe für eine der Oberen. Je heftiger das Wasser in Bewegung ist, desto weiter zieht es ihre Mundwinkel herunter und das Mitleid macht die Bachmenschen völlig wehrlos und taub.
Das Model aber weint gar nicht, es lacht. Ihr Lachen wird von den Nadelbäumen verschluckt. Die Eichhörnchen erstarren mit zitternden Nüstern, nur die Bachmenschen sind nicht still, sie verwirbeln in traurigem Marsch stärker das Wasser, das rauscht und rauschend das Trommeln des nun einsetzenden Regens fast verschluckt. Das Holz der Brücke verdunkelt sich mit der Nässe und knarrt empfindlich, auf dem Stahl sammeln sich Tropfen zu pickeligen Einzelhügeln an, von denen keiner den anderen berühren will.
Sie lacht. Man hat ihr gesagt, sie würde sich verlaufen. Jetzt hat sie sich wirklich verlaufen.

(Handy#5)

Die Vorrichtung

Die Vorrichtung befestigt den Arm am Hinterkopf, wo ihm, ausser ständigem Kratzen, keine Bewegungsmöglichkeiten gegeben sind. Sie schnürt ausserdem die Beine nach oben, so dass man mit der Kniescheibe die Kieselsteine spürt. Sie sind so klein und man so schwer, dass man wähnt, sie bald zu knacken. Die Vorrichtung erlaubt über den Blick in zwei vor den Augen befestigten Spiegel, den Himmel zu betrachten, über den die Wolken, mal schneller, mal langsamer, als spielten schlechte Statisten Verkehrstreiben nach, ziehen.
Man darf sich am Hinterkopf kratzen, das ist sicher das Menschlichste und Ausgetüfteltste an der Installation. Solange man sich am Hinterkopf kratzen kann, gewinnt man eine leicht ironische Distanz und denkt nicht nur, sondern zeigt vorsichtig, ohne gleich zynisch und weltleugnerisch zu wirken, dass man an der ganzen Sache seine Zweifel hegt. Es vermag sogar weit über den Schmerz der Kieselsteine zu tragen, wegen denen man sich den Kopf kratzen könnte, und über die blendende Grelle des Himmels, über die man die Stirn runzeln darf. Die Vorrichtung ist nicht teuer und kann frei Haus geliefert werden. Ein Gürtel um den Bauch sorgt für den sicheren Halt. Eine aufsetzbare Schiene, die sich in den Kiefer schieben lässt, öffnet den Mund noch zu staunendem „Oh“, der den Anblick verwirrter Ehrfurcht mit zweifelndem Stutzen zu koppeln vermag.

(Handy#4)

Der Egel

Der wissenschaftliche Leiter hob das Papier mit der Pinzette an und liess es rasch wieder fallen. Vorsicht des Hebens und Überstürztheit des Loslassen standen im Widerspruch.
„Das ist ein ganz eigenartiger Fall“, sagte er.
Der Assistent schrieb etwas in sein Notizbuch, im umgedrehten Rhythmus eines Dreisprungs: den Tag, den Monat, das Jahr jeweils mit lautem Punkt, dann, nach einem winzigen Zögern, einige trippelnde Buchstaben („eigenartig“ oder „eigenartiger Fall“ oder „ganz eigenartiger Fall“).
„Das ist wirklich völlig sonderbar.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Assistent.
„Das.“ Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier. Ein pochender Egel klebte an der Rückseite und zog sich nun, vom Licht der Wärmelampe erschreckt, ein wenig zusammen. „Bis jetzt gingen wir davon aus, dass er sich fälschlicherweise an den Text saugt, weil er sich zu ernähren hofft. Aber trotz des ausbleibenden Stoffwechsels ist er weiterhin vital, als verliehe ihm etwas besondere Kräfte.“
„Als würde er den Text lesen und vergässe, gefesselt von seinem Inhalt, seinen Hunger.“
„Hm.“ Der wissenschaftliche Leiter zuckte mit den Schultern, biss sich auf die Unterlippe.
„Oder als wäre er verliebt, und schmiegte sich an den Text.“
Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier wieder um. Dann ging er zum Assistenten zurück und legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. „Das schreiben Sie aber nicht auf?“
Der Assistent hielt inne.
„Schreiben Sie Anomalie.“
„Anomalie“, sagte der Assistent, als könnte er den Schleim des Wortes zerkauen.
Sie beide nickten, als gäben sie sich damit noch Weiteres zu verstehen, aber das Gespräch war zu Ende. Eine Stelle des Papiers beulte sich raschelnd, dann glättete sie sich wieder und das Blatt lag friedlich unter der Lampe.

(Handy#3)

Zwischenfall

Der Mann stapfte durch den Schnee. Selten sah er über die Schultern zurück, kniff im gleichmässigen Glimmen des Wintertages die Augen zusammen und prüfte, ob ihm der Bär noch folgte. Wenn er den Blick spürte, versenkte der Bär seine Schnauze im Schnee, als schämte er sich ein wenig.
Ein Busch, von dem sich der Mann einen kleinen Abhang hinuntergleiten lassen wollte, brach. Der Mann stürzte, schlug sich das Becken an einer Baumwurzel und landete am Ufer eines Tümpels, so dass seine rechte Seite im eisigen Wasser unterging. Als er blinzelte und sich den Schwindel vertrieb,  sah er den Bären, der am Kamm des Abhangs stand und mit seiner Schnauze im Schnee wühlte.
„Hilf mir!“, rief der Mann.
Doch der Bär bewegte sich kaum, schob nur weiter seinen Kopf durch den Schnee. Es knarrte und ein kleines Schneebrett löste sich, das den Abhang hinunterrutschte. Darunter kam das grünbraune Gras zum Vorschein, das unter dem weissen Gewicht plattgedrückt worden war. Es schimmerte feucht, schien dicht und saftig, und reizte dazu, die Hände in es wie in Frauenhaare zu schieben.
„Danke!“, sagte der Mann und stand auf. Er schüttelte seine Ärmel aus. Der Bär versteckte sein Gesicht unter der Pfote. Es war ihm alles ein wenig peinlich.

(Handy#2)

Die Flucht

Unter der Maske trägt er eine zweite Maske. Er hat längst vergessen, wie die untere aussieht, an die obere hat er sich, wie ein Schaumstoffkissen an ein Geschwür, gewöhnt. Das Kissen besteht aus Memoryschaum, er hat es in der Ikea gekauft, weil es ihm unangenehm war, das billigste zu nehmen. Es erinnert sich an den Tumor, mit dem es beschlafen wird.
Jetzt, die Waffe in der Rechten, der blutige Schal um die Hüften, kommt der Anruf. Die Stimme des Chefs: Die Maske muss ab, und raus aus dem Gebäude. Im Eimer lächelt er sich noch einmal zu, sein Gesicht fühlt sich befreit an, noch spürt es die Erinnerung der gespannten Wangen und der gewölbten Stirn, aber weil es jetzt kühle Luft ist, die er dort spürt, ist das eine Erinnerung. Dabei ist sein Gesicht noch nicht ganz befreit.
Er möchte nur über die Strasse, ins gegenüberliegende Hotel, um in einer Spiegelwand sein neues Aussehen zu überprüfen, aber dazwischen stellt sich ihm eine Frau in den Weg und möchte ein Foto von ihm. Wenig später trägt ihn eine Menschenmenge aus der Strasse, sie jubeln und loben ihn. Der Anruf des Chefs nimmt er, auf Händen durch die Strasse geschoben, entgegen: Er hätte nicht gleich beide Masken abziehen dürfen. Das wars dann. Keine Aufträge mehr und viel Spass auf der Flucht. Er fasst sich ins Gesicht, aber es fühlt sich nicht echt an, soviel Erinnerung liegt darauf, es vergisst nicht. Der Tumor pocht. Er fragt sich, wenn einer den Mülleimer öffnet, wer ihm dann von da unten schlabbernd entgegenlächelt und wer darunter als zweite Maske ins Lächeln rückwärtig hineinlächelt, dem Hineinschauenden nicht sichtbar und eigentlich unheimlich.

(Handy#1)