Wrag!

Der Egel

Der wissenschaftliche Leiter hob das Papier mit der Pinzette an und liess es rasch wieder fallen. Vorsicht des Hebens und Überstürztheit des Loslassen standen im Widerspruch.
„Das ist ein ganz eigenartiger Fall“, sagte er.
Der Assistent schrieb etwas in sein Notizbuch, im umgedrehten Rhythmus eines Dreisprungs: den Tag, den Monat, das Jahr jeweils mit lautem Punkt, dann, nach einem winzigen Zögern, einige trippelnde Buchstaben („eigenartig“ oder „eigenartiger Fall“ oder „ganz eigenartiger Fall“).
„Das ist wirklich völlig sonderbar.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Assistent.
„Das.“ Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier. Ein pochender Egel klebte an der Rückseite und zog sich nun, vom Licht der Wärmelampe erschreckt, ein wenig zusammen. „Bis jetzt gingen wir davon aus, dass er sich fälschlicherweise an den Text saugt, weil er sich zu ernähren hofft. Aber trotz des ausbleibenden Stoffwechsels ist er weiterhin vital, als verliehe ihm etwas besondere Kräfte.“
„Als würde er den Text lesen und vergässe, gefesselt von seinem Inhalt, seinen Hunger.“
„Hm.“ Der wissenschaftliche Leiter zuckte mit den Schultern, biss sich auf die Unterlippe.
„Oder als wäre er verliebt, und schmiegte sich an den Text.“
Der wissenschaftliche Leiter drehte das Papier wieder um. Dann ging er zum Assistenten zurück und legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. „Das schreiben Sie aber nicht auf?“
Der Assistent hielt inne.
„Schreiben Sie Anomalie.“
„Anomalie“, sagte der Assistent, als könnte er den Schleim des Wortes zerkauen.
Sie beide nickten, als gäben sie sich damit noch Weiteres zu verstehen, aber das Gespräch war zu Ende. Eine Stelle des Papiers beulte sich raschelnd, dann glättete sie sich wieder und das Blatt lag friedlich unter der Lampe.

(Handy#3)

Zwischenfall

Der Mann stapfte durch den Schnee. Selten sah er über die Schultern zurück, kniff im gleichmässigen Glimmen des Wintertages die Augen zusammen und prüfte, ob ihm der Bär noch folgte. Wenn er den Blick spürte, versenkte der Bär seine Schnauze im Schnee, als schämte er sich ein wenig.
Ein Busch, von dem sich der Mann einen kleinen Abhang hinuntergleiten lassen wollte, brach. Der Mann stürzte, schlug sich das Becken an einer Baumwurzel und landete am Ufer eines Tümpels, so dass seine rechte Seite im eisigen Wasser unterging. Als er blinzelte und sich den Schwindel vertrieb,  sah er den Bären, der am Kamm des Abhangs stand und mit seiner Schnauze im Schnee wühlte.
„Hilf mir!“, rief der Mann.
Doch der Bär bewegte sich kaum, schob nur weiter seinen Kopf durch den Schnee. Es knarrte und ein kleines Schneebrett löste sich, das den Abhang hinunterrutschte. Darunter kam das grünbraune Gras zum Vorschein, das unter dem weissen Gewicht plattgedrückt worden war. Es schimmerte feucht, schien dicht und saftig, und reizte dazu, die Hände in es wie in Frauenhaare zu schieben.
„Danke!“, sagte der Mann und stand auf. Er schüttelte seine Ärmel aus. Der Bär versteckte sein Gesicht unter der Pfote. Es war ihm alles ein wenig peinlich.

(Handy#2)