Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Mai, 2015

Die Wut, kein Freund zu sein

Der Song heisst Focker.

Er schlenkert seine Gummiarme, die wie Tentakel an die Wände der Häuser klatschen. Beim Klatschen kommen Papageien unter der Handfläche hervor, die ihre farbigen Federn verlieren. Er lacht, sein auf den Schultern drehender Kopf quietscht und singt, bis ihm das Feuerwerk aus dem Mund schiesst. Er verfolgt dich mit seinen farbigen Rauchwolken, den aufblitzenden Funken, die aus seinen Ohren sprühen: Er trägt ein oranges Shirt, immer das gleiche orange Shirt, und du musst dich hinter den Mäuerchen verstecken, damit er dich nicht findet.
Dabei hat es etwas Tragisches. Er will dein Freund sein. Er ruft, er wolle doch nur dein Freund sein. Dein «Freu- heu-heu-heund, oh ja!» Er versteht es nicht. What have I said, give me a clue, what have I done to you? Und dabei rennt er an den Häuserfassaden hoch, macht den Kopfsprung durch die Basketballkörbe, hebt die Container hoch, bietet allen, an denen er vorbeikommt, Samosas und Chiliwraps an, die Augen kollern, es stinkt nach Diesel und er möchte, möchte doch nur dein Freund sein.

Dann wird er langsamer, bleibt stehen. Es lässt den Kopf sinken, als wäre er müde. Ist er tot? Oder geht er nur nach Hause?

Regungslos — bis er aufspringt, in die Lüfte hüpft, den Helikopterrotor aus der Schädeldecke fährt, dich hinter jedem Mäurchen wittert und noch immer freundlich lächelt und etwas irr, diesmal breiter als sonst. Das ganze Dorf feiert und tanzt besinnungslos.
Doch es gibt einen Moment in diesem Zustand der letzten Ekstase, ein kleines Loch, ein Zittern, wo die Rotorenblätter zurückschnellen statt weiterzudrehen, nur ein kleines Flackern in Sekunde 2:56 — nur das verrät seine Wut.

sonntagabendsong

Interview für Clowd Magazine

Drüben beim Clowd Magazine haben sie ein Interview mit mir veröffentlicht.

clowdmagazineinterview

Das Clowd Magazine will eine Online-Zeitschrift für Netzliteratur werden. Genau das hat gefehlt: Dass das Internet für Literatur nutzbar wird, dass man endlich weiss, wo in diesem Universum sich die guten Texte verstecken. Ausserdem ein Projekt, das gut in der Schweiz verankert ist und das vielleicht für den Literaturbetrieb in diesem Land das lang ersehnte Sprungbrett ins digitale Zeitalter bedeuten könnte.

Ich murmle da etwas, was zwischen Kulturpessimismus und Aufbruchstimmung verrenkte Spagate macht. Es ist der erste Beitrag auf der Webseite, deren erste Ausgaben erst im Herbst erscheinen soll. Damit bin ich sowas wie Aushängeschild der literarischen Bloggerszene, haha, Flaggschiff, Gallionsfigur und so weiter.

Schaut doch rein und folgt den Jungs auf Facebook.

Wochenrückblick

productivity30mai

43% Produktivität. Ich würde gerne sagen, dass das mager sei, aber es ist Durchschnitt. Jetzt, in der Prüfungsphase, wird sich das ändern müssen.

Lesetipps

Auf dem delirium-Blog wird die Geschichte von Simon, „Umbruch„, viel gelesen. Christoph Simon ist zweifacher Poetry-Slam-Schweizermeister und hat in dieser Geschichte einen sehr ruhigen, sehr klaren Ton getroffen. Man könnte einwenden, dass es gefährlich wenig Handlung gibt, aber der Text ist kurz und rettet sich mit sprachlichem Können.

Arme schlenkern ist schon mehrere Wochen alt, bin aber erst jüngst darauf gestossen. Es scheint harmlos, ist aber abgründig und bringt den Kopf zum Schlenkern.

Ein Schriftsteller-Kollege und Redakteur bei Vice, Benjamin von Wyl, hat sozusagen in meiner Nachbarschaft eine Woche draussen gelebt. Hinter einer kleinen Holzbarrikade, am Escher-Wyss-Platz, ohne Dach, auf Fallhöhe neben der Limmat. Das Ganze war eine Performance vom Theater Neumarkt („draussen“). Von seinen Erlebnissen, das heisst vor allem von den bitterkalten, verregneten Nächten, hat er hier gebloggt und sich mit unseren Limmatbrummern, den mysteriösen Falterfreunden, anfreunden müssen.

Veranstaltungen

Am Mittwoch war Literarisches Speeddating von Jung im All in Lenzburg. Der kurze Austausch von 20 Minuten mit 4 anderen Autoren oder Autorinnen war sehr erfrischend – die Eindrücke müssen ungefiltert wiedergegeben werden, weil die Zeit drängt: „Das gefällt mir, und das hat mich verwirrt!“ Zu viel ausgeklügelteren Analysen reicht es kaum. Zum Glück, denn so spürt man den Stolpersteinen nach, die sich in den Text gelegt haben.

Zu zweit

image

Das ist der Kapitalismus. Und ich bin diese Mutter.

(Handy#7)

Eine Liebe, die stärker ist

Es gibt für jeden Menschen
Einen Menschen,
Hat meine Grossmutter
Im Lehnstuhl gesagt
Und den Hund aus Versehen
Mit dem Fuss angestupst

Ich will aber keinen Menschen
Sagte ich
Und wollte den tobenden
Hund haschen.
Der Mann im Kasten
Reicht mir aus.

Und ich ging zum Kasten
Und nahm den Mann heraus
Öffnete sogar das Halsband
Und stellte ihn
Stolz neben uns.
Der Hund raste.

So habe ich es nicht gemeint
Sagte sie
Und kickte den Fuss
In den Kiefer des Hunds
Es gibt eine Liebe
Die stärker ist.

Ich nickte
Und nahm den Mann
Nach draussen, liess ihn den
Kopfstand machen
Und seufzte, weil der Hund
wieder ins Haus rannte

Zu Grossmutters Schoss.

Der Satz (LXVIII)

Tristrant haut zu, spricht:

Ich hoff, es wer dir nicht so gut.

Hans Sachs, Von der strengen lieb herr Tristrant mit der schönen königin Isalden. Tragedia mit 23 personen unnd hat 7 actus.

Die Geschäftsreise

image

Ulan Bator. Seltsamer Ort für ein Meeting. Aber er war schon an vielen seltsamen Orten gewesen. Die Stadt wuchs schnell und konnte bald Kapitalzentrum Nordasiens werden. Nur hoffte er, dass sein gestern schon gebrauchtes Hemd reichen würde und in der versmoggten Stadt kaum auffiele. Zum Glück ging es nicht darum, einen guten Eindruck zu machen, sondern eine Absage zu erteilen. Das Geschäft mit dem mongolischen Staat war zu heikel und finanziell unsicher, weshalb sich seine Firma von den Verhandlungen zurückzog. Also keine guten Gründe sich vorzubereiten. Er versuchte trotzdem, endlich auf Flughöhe, eine Powerpoint durchzuklicken, wurde aber schnell abgelenkt. Er spürte einen Schlag im Rücken. Hinter ihm sass eine Frau, die ihn entschuldigend anlächelte. Er lächelte verständnisvoll zurück. Er musste auf die Toilette und als er durch den Gang ging, fiel ihm ein Mann auf, der mit dem Sitz langsam in senkrechte Position glitt. Der niedergesunkene Kopf mit den starren Augen sah einem Roboter ähnlich. Dabei zuckte sein Hals seltsam und er runzelte mechanisch die Stirn, als wäre sein Motherboard ausgefallen. Und tatsächlich brummte es eigenartig unter seinem Sitz. Doch er hatte keine Zeit länger zuzuhören, weil er sich nicht zu lange dort aufhalten konnte. Es hätte ihn allerdings interessiert, weshalb er den blauen Vogel, eine Art Ara, in den Händen hielt. Beim Vorübergehen sah es aus, als wäre er tot, aber ein lebendiges Tier wäre bestimmt auch nicht durch die Bordkontrolle gekommen. Sogar die Finger, die um den Hals des Tiers gelegt waren, knirschten wie bei einem Roboter, dessen Zentralsteuerung überhitzt und ausgefallen war.
In der Toilette trocknete er den Schweiss von der Stirn und sah sich an. Auch wenn das Motherboard ausgefallen war, war die Gefahr längst nicht gebannt. Im Gegenteil, die übertaktete CPU schaltete den Roboter in den Handlungsmodus. Er klopfte auf die Aktentasche, die er aus Vorsicht auf die Toilette mitgenommen hatte. Sie antwortete mit einem Glucksen. Er tastete an den Rücken, wo ihn die Passagierin getreten hatte. Was, wenn…? Sie kam ihm bekannt vor. Sie sass direkt vor dem Roboter. Vermutlich hatte sie ihn warnen wollen. In welchem Auftrag nochmal? Er wusste es nicht, aber es spielte keine Rolle. Die Firma wusste es bestimmt.
Und er wusste, dass der Roboter den Vogel auf keinen Fall loslassen durfte. Er richtete seine Krawatte, atmete tief durch und trat aus der Toilette. An der Bordsteuerung, für die er keine Befugnis hatte, drückte er auf einen Knopf. Wie erhofft fielen die Lampen aus und es wurde, bis auf die Notfall-Lichter, stockfinster. Die Flight Attendants riefen aus, einige kamen hergerannt. Er ging ihnen scheinbar verwirrt entgegen, stolperte im Korridor. Jemand stand auf, um ihm zu helfen, es war aber nicht der Roboter. Ein Seitenblick verriet ihm, dass der auch im Dunkeln noch auf seinen Vogel starrte, als hätte er sein Hinfallen nicht bemerkt. Er rappelte sich hoch, ging zu seinem Platz zurück, nahm seinen Mantel, warf der Frau durch die Dunkelheit einen Blick zu, der ihren für einen Zehntelssekunde traf. Dann sahen beide weg. Er zog sich den Hut an und schlüpfte, indem er auf den Sitz stieg, in die Gepäckablage. Die Leute riefen wild durcheinander und waren teilweise aufgestanden, weshalb er kaum auffiel. Er legte sich ganz vorsichtig in die enge Ablage und machte sich so flach wie möglich, dann zog er die Klappe zu. Neben sich legte er den Aktenkoffer. Jemand, der flüchtig hineingeschaut hätte, hätte ihn übersehen und für Tasche und Kleidungsstücke halten können. Dort verharrte er eine halbe Stunde, eine ganze. Der Nacken taub vor Schmerz betete er, dass das Motherboard unter dem Roboter durch eine Notschaltung wieder in Betrieb gekommen war. Vielleicht hatte auch seine mysteriöse Helferin bei der langen Ruhe die Hand im Spiel.
Dann hörte er das Krächzen und ihm blieb das Herz stehen. Ein Flappen, das vom probeweisen Schlagen mit starken Flügeln stammte, drang herauf. Er griff reflexartig nach dem Handy in der Tasche. Aber es war zu spät, sich von Freundin und Kindern zu verabschieden – das Handy war im Flugmodus. Ein Pochen und Schnattern wurde hörbar. Es scharrte an den Wänden. Er begann trocken zu weinen. Er klopfte auf die Aktentasche neben sich. Es klang hohl. Plötzlich wurde es hell – die Tür zur Gepäckablage wurde geöffnet… Wie klug von ihm, dass er die Aktentasche ausgetauscht hatte, als er sein Stolpern vorgetäuscht hatte. Der Roboter käme nie darauf, dass ausgerechnet der Mann hinter ihm einen Aktenkoffer aus dem Zoll tragen würde, in dem es lustig schwappte. Und in Ulan Bator würde der stechende süssliche Geruch, der daraus hervordrang, schnell im Schmutz der Stadt untergehen. Er lächelte stolz, als er in einem Meer von blauen Federn untertauchte.

image

(Handy #6)

Versuch über die Glocken

Being held_google search

Der Song heisst Being Held.

Er besteht aus etwa 8 Tönen. Drei davon machen den grössten Teil des Liedes aus und schwingen regelmässig von Anfang bis Ende. Sie sind das Herzstück. Sie sind nicht gerade schrill, aber auch nicht dunkel wie ein Gong. Es sind Glocken. Dazu gesellen sich im Laufe des Lieds ein summender Bass und kurze Einwürfe eines insektenartig hohen Klangs. Mit Ausnahme der Glocken, die am ehesten von Schiffsglocken eines Frachters auf See stammen, lässt sich keines der Geräusche einem Instrument zuordnen. Erst das Schlagzeug. Es setzt fast unhörbar bei Minute 1:30 ein und flüstert, als dürfte es die Glocke nicht hören. Es begleitet sie und wird Takt für Takt klarer, bis es die Glocken, die sich bis zu diesem Zeitpunkt fast ins Gehör geschrammelt haben, ins Trommelfell tättowiert. Erst bei 2:38 übernimmt das Schlagzeug ganz und dominiert die Melodie. Das Tempo zieht an, als würde es auf einen Höhepunkt oder eine Auflösung zugehen. Glocken, Schlagzeug, Bass. 8 Töne. Das ganze Lied. — Und natürlich gibt es keinen Höhepunkt.

Being Held klingt wie ein Prädikat, ist aber eine Eigenschaft. Statischer geht es nicht: Die Aktion geht von etwas anderem aus: jemand oder etwas hält. Dazu kommt, dass man selbst noch festgehalten, also unbeweglich ist. Zur Bewegungslosigkeit gehört auch die Bewegungslosigkeit der Glocken, die unablässig und ohne Pause durch das Lied klingen. Being Held heisst nicht I am being held oder You oder We are being held, und es sagt nichts darüber aus, ob man umarmt wird — zärtlich, schützend, liebend oder freundlich — oder ob man festgehalten wird — aggressiv, gewalttätig, unabwendbar.

In der Dunkelheit höre ich das Lied, wenn ich nach Hause laufe. Die Welt kommt mir dann vielleicht eng vor. Ich fühle mich wirklich beklemmt, ich kann das Lied nur einmal am Tag hören und ich kriege Atembeschwerden in der Hälfte. Es ist ein bisschen zu laut, die Glocken lassen fünfeinhalb Minuten keinen Freiraum in den mittleren Frequenzen. Es ist unheimlich, aber nicht gruselig. Es ist, wie es sich für Postrock gehört, stimmungsvoll, aber es lässt seltsamerweise keine Welten entstehen. — Am frühen Morgen höre ich es, wenn es mir sehr schlecht geht. Es geht mir dann besser. Vielleicht so, als würde mich jemand festhalten, ohne dass ich wüsste, wer.

Das, was ich für eine der besten Kompositionen halte, die die Musikgeschichte hervorgebracht hat, ist vielleicht gar keine Musik.
Die Glocken bringen in ihre hermetische Welt ein bisschen Realität, allerdings wie durch den Vorhang eines Wasserfalls  hindurch. Die Schiffsglocke ist verzerrt. Man müsste sich den rostenden Frachter vorstellen, die Matrosen, die auf diesem öden Ozean leben. Gezeichnete, die die andauernde Nichtstille ertragen, und aus lauter Gewöhnung ein Klingeln in den Ohren hören, wenn sie einmal an Land gehen, wo sie es nur ein paar Tage aushalten.

Aber nein, muss man nicht! Muss man sich nicht vorstellen. Man kann es fast nicht. Man möchte wohl. Möchte ein wenig herumdenken. Aber mehr als daran zu denken, dass man das möchte, kann man nicht. Hier scheint man von Pawlow dressiert. Die Glocken halten den Gedanken auf der Stelle fest.

sonntagabendsong