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Monat: Mai, 2015

Der Satz (LXVII)

Ich praktiziere einen Kinofilm. Ich praktiziere einen Kinofilm ist eine sehr kehlmanneske Erzählung und handelt von einem Mann, der ins Kino geht und hinterher das Gefühl hat, dass die Gesten eines bestimmten Schauspielers auf seinen eigenen Körper übergegangen sind.

Clemens J. Setz, Glücklich wie Blei im Getreide.

So spät noch ein Kind

Schau mal da, hinter dir.
Er drehte sich nicht um, sondern presste den Kopf mit geschlossenen Augen ans Sitzpolster als wäre es ein flauschiges Kissen.
Schau mal, das Kind sieht genau aus wie du.
Er blickte stattdessen nach links zum Zugfenster, wo er nur sie, eine junge Frau mit einer konzentrierten Stirnfalte, und ihn, abgerockt und chancenlos müde, im Abteil sitzen sass, weil es draussen dunkel war.
Sie begann in der Tasche zu nesteln.
Aber ganz genau so wie du. Wenn du dich nicht umdrehen willst, werde ich ein Foto machen.
So spät noch ein Kind, sagte er.
Sie hatte das Handy hervorgeholt, einige Tasten gedrückt und kniff ein Auge zu, um besser zu zielen.
Was hast du gesagt?
Es klickte.
So spät noch ein Kind.
Sie wollte ihm das Bild zeigen, doch er war eingeschlafen.

Der Ursprung des Kunstwerks (Ein-Satz-Review)

Der Ursprung des KunstwerkesDer Ursprung des Kunstwerkes by Martin Heidegger

My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Ein Erzähler erklärt uns, dass es ganz wichtig ist zu verstehen, was ein Kunstwerk ist, und tut das, indem er unendlich lange und fachgerecht «Dinge» und «Zeug» unterscheidet, die aber beide weder Kunst noch Werk und schon gar kein Kunstwerk sind, um sich dann zu fragen, ob wir einen Schritt weitergekommen seien und rechtfertigt die Bemühungen mit einer eleganten Unsicherheit und einem Zweifel seiner eigenen Argumentation gegenüber, der auch jeder anderen Philosophie schmeicheln würde, bis ein zitternder Moment kommt, eine augenblickliche Ungeduld, die seine Stimme bricht und uns ein paar Bauernschuhe als Beispiel für gewöhnliches Zeug vor Augen stellen will — zwar «bedarf es nicht einmal der Vorlage wirklicher Stücke dieser Art von Gebrauchszeug», denn jedermann «kennt sie», aber «da es doch auf eine unmittelbare Beschreibung ankommt, mag es gut sein, die Veranschaulichung zu erleichtern», wofür «eine bildliche Darstellung» genüge, und man sich daher auf (ja warum denn auch nicht auf die!) van Goghs gemalte Schuhe stützen könnte, die er dann sprachlich zu beschreiben anfängt und dort, spätestens dort, endet die Suche nach dem Kunstwerk, und ein neues, eigenes, sprachliches beginnt, warum?

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Editorial

Ich durfte ein paar einleitende Überbordungen zur vierten Ausgabe von delirium schreiben.

delirium

Der Aufstieg von delirium in den bisherigen zwei Jahren war steil: Auf den folgenden Seiten findest du seinen drohenden Untergang. Es knarrt ein wenig gelenkig, wenn man die Seiten blättert, wie wenn man den Kopf einer Hauskatze weit in den Nacken zieht, oder wie die geblakte Diele im Estrich.

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Wrag! – Relaunch

Dieser Blog hatte einiges durchzustehen als Wellenbrecher in der nicht wirklich brandenden Brandung des Internets. Doch die Vernachlässigung, wenn sie auch Gründe hatte, findet ihr Ende.

Was passiert?

«Quappe und die Welt» heisst jetzt «Wrag!».

Lange nichts gebloggt. Lange keine Kurzgeschichten, keine Gedichte geschrieben. Ich hatte aufgehört, weil ich glaubte, dass das, was ich tat, nicht zum Blog passte. Das war ein Irrtum: Ich hätte darüber nicht schweigen dürfen. Ich hätte über die Tatsache bloggen müssen, dass das, was ich tat, nicht mehr zum Bisherigen passte. Vielleicht hätte ich dann herausgefunden, warum.

In gewissem Sinne hatte der Blog immer schon den Zwiespalt: Müllhalde zu sein, und Herzensangelegenheit. Ich bloggte nie über Privates, sondern über säuberlich als fiktiv markierte Fiktionen. Der Widerspruch lag darin, dass sie genauso privat und peinlich waren wie Tagebucheinträge. Zwar konnte ich mich oft zurückhalten, dümmliche theoretische und philosophische Überlegungen, wie sie mir im Leben begegnen, zu veröffentlichen. Aber andererseits ist die Vorstellung, es gäbe damit etwas zu verschandeln, trügerisch und hochmütig.
Ich bin mir nicht mehr sicher, wie wichtig Sauberkeit im Internet ist. Dieser Blog ist am Ende doch nicht genug, um Portfolio zu sein. Er ist und bleibt ein skizzenhaftes Arbeitsbuch. Er kann, indem er Texte der letzten 5 Jahre versammelt, gar nichts anderes sein als ein Skizzenbuch. Daher sollte keine Entwicklung im Schreiben, die mich umtreibt, zwanghaft verschwiegen werden. Selber zu schreiben und originell zu scheinen, ist wichtig, aber manchmal ist Kleines, worüber man stolpert, wichtiger.

«Wrag!» ist ein Schrei aus dem Nichts, kein schöner, klingender Urschrei, kein Schrei der Lust oder des Kampfes oder des Leids, «Wrag!» ist ein schreiendes Krächzen, das den Kiefer schnappen lässt. Eine Cartoonfigur könnte es machen, bevor sie mit der Liane in einen Baumstamm knallt, oder man selbst, wenn man im Urlaub merkt, dass man seit Tagen in der falschen Stadt ist. Versprach «Quappe und die Welt» leicht ironisch mehr als es je halten wollte, verspricht «Wrag!» hoffentlich gar nichts. Es schnappt nach Luft, ein bisschen verzweifelt oder nur überrascht, und ruft ins Internet hinein, existenziell, so existenziell wie eine Cartoonfigur eben kann.

«Bin wieder da.»

deliriumeintauchen

Was läuft?

  • Auftritte. Man konnte mich an der Lesung in Zofingen im Februar und bei der Moderation der Vernissage von János Mosers neuem Buch «Der Graben» sehen.
  • Theater. Ich arbeite am neuen Szenart-Projekt, das «ortsgebundenes Theater» in der Telli in Aarau aufführen wird. Ein kurzes Stück von mir wird dort im Oktober gespielt werden. (Webseite)
  • delirium-Redaktion. Ich bin neu in der Redaktion von delirium (Webseite | Blog | Facebook) (von dem ich früher berichtet habe, weil damals ein Text von mir veröffentlicht und inszeniert wurde). In der Diskussion über Literatur und im Austausch zwischen Schreibenden begeht die Zeitschrift neue Wege: Zu jedem literarischen Text gehört eine Kritik. So werden die Texte endlich einem Publikum vorgestellt, das dazu angeregt wird, sich eine Meinung zu bilden. Zugleich zeigt sich so, dass das Reden über Literatur, also literaturkritisch zu sein, nicht Sache von Spezialisten ist. Kritik kann befreien, lustig und klug sein, klüger als die Texte, die sie kritisiert, und dennoch nicht überflüssig. Indem die Zeitschrift Bezüge zwischen ihren Ausgaben herstellt, unterschiedliche Autoren publiziert und sie aufeinander treffen lässt, ist vielleicht bald das erreicht, was noch so unmöglich scheint: Eine Plattform für junge Literatur in der Schweiz.
    Nie wurde ich so oft angefeindet wie in dieser Redaktion: delirium ist kontrovers, ein schwieriges Heft, und das macht es wertvoll. Ich und sechs Freunde investieren einen Tag pro Woche in die Arbeit an delirium, das stetig wächst und Grosses vorhat. Unterstützt das Projekt! Auf Facebook, als Gönner, als Leser oder als Beitragende! Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, das Heft und den Blog im Auge zu behalten.
  • ETH. Ich arbeite weiter an der ETH als Hilfsassistent an der Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft.
  • Bookstar. Ausserdem betreue ich die Informatik von bookstar.ch (Webseite | Facebook), einem Projekt zur Leseförderung, das Jugendliche dazu anspornen soll, gelesene Bücher zu bewerten und zu kritisieren. Schulklassen und Einzelne können mitmachen. Ich finde die Idee gut. Nur über die kuratierenden Bemühungen grösserer Internetgemeinschaften kann Literatur interessant werden. Es müssen Meinungen gebildet werden, es müssen Subkulturen, Strömungen, Fangemeinschaften entstehen, und vor allem muss sichtbar sein, dass es das überhaupt gibt: Leserinnen und Leser.
  • Jung im All. Und wie immer laufen die Projekte und Wettbewerbe von Jung im All (Webseite | Facebook), das dank einem neuen und verstärkten Team in diesem Jahr mit besonderem Elan und Abwechslung auftritt.

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Das Dritte Reich (Ein-Satz-Review)

Das Dritte ReichDas Dritte Reich by Roberto Bolaño
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Im Kern eine Spielerei mit dem Vorwurf von Faschismus, den der Leser dem Deutschen Udo Berger, Weltmeister im Brettspiel „Das Dritte Reich“ und junger Bildungsbürger im Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg, gerne machen würde und doch nicht ganz kann — ausserhalb des Kerns ein Mantel von unheimlichen Begegnungen in einem verschachtelten Hotel, die so unverständlich wie bei Kafka, so voll unguter Ahnungen wie bei Clemens Setz sind und Udo in eine ständige Alarmbereitschaft versetzen (warum nur sagt Hanna nicht, dass sie vergewaltigt wurde? Warum lügen alle darüber, wie böse die Welt ist?) — und in der zarten Hülle eine fiese Sprache, hochtrabend im Tagebuchstil, gleichzeitig lakonisch platt in Schilderungen und in manchen Kapiteln wie «Meine Lieblingsgeneräle» eine perfekte Gratwanderung zwischen Jux und Ernst, Antifaschismus und Anti-Antifaschismus, in einem schwebenden Zustand politischer und moralischer Gleichgültigkeit aufgelöst.

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