Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Juni, 2015

Der Satz (LXX)

Eines der CiniMinis hat sich verdoppelt und dabei gedreht, findest du es?

Kellogg’s, CiniMinis.

Diesseits des Van-Allen-Gürtels (Ein-Satz-Review)

Diesseits des Van-Allen-GürtelsDiesseits des Van-Allen-Gürtels by Wolfgang Herrndorf
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Herrndorf möchte unaufgeregt wirken, das liebe ich, nur scheint die Form der Kurzgeschichte ihn zu einer Aufregung zu zwingen, die die Frage aufwirft, warum man es gerade hier geendet, gerade dort begonnen hat, eine Frage zuviel für die Belanglosigkeit der Figuren, und es ist kaum verwunderlich, dass die meisten Geschichten in chaotischen Settings aufgezogen sind, überworfenen Parties, in unaufgeräumten Häusern oder einem seltsam zusammengezwirbelten Fernen Osten, wo es einmal lakonisch heisst: «Langsam wurde es unübersichtlich», wo die chaotische, amoralische, aber immer präzise komponierte Welt wie in Herrndorfs übrigen Büchern einem die Faust ins Gesicht schlägt, was nur deshalb kein Problem ist, weil er manchmal eben doch nicht so tut, als wäre er unaufgeregt und zufällig, wenn, wie in der Kurzgeschichte «Herrlich, diese Übersicht», alle Fäden der anderen Geschichten zusammengesponnen und als bedeutsames Gesamtpacket verschnürt werden, nur ist das dann, und das macht es vielleicht aus, auch ganz erfrischend bedeutungslos: Herrlich, wie wenig uns die Übersicht geholfen hat.

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Der Satz (LXIX)

Und doch erwachen immer wieder Einige, die sich im Hinblick auf das vergangene Grosse und gestärkt durch seine Betrachtung so beseligt fühlen, als ob das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönste Frucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, dass früher einmal Einer stolz und stark durch dieses Dasein gegangen ist, ein Anderer mit Tiefsinn, ein Dritter mit Erbarmen und hülfreich — alle aber Eine Lehre hinterlassend, dass der am schönsten lebt, der das Dasein nicht achtet.

Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.

Glücklich wie Blei im Getreide (Ein-Satz-Review)

Glücklich wie Blei im GetreideGlücklich wie Blei im Getreide by Clemens Setz
My rating: 3 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Setz fasst die Plots seiner frühen Geschichten zusammen, bis von ihnen nur die ungebändigte, respektlose und bezaubernde Kreativität übrigbleibt, die man sich im Halbminutentakt, wie einen wohligen Zaubertrank, zuführen kann, nur der nicht geneigte Leser könnte bemängeln, dass man eben daran sehe, dass es die Ideen seien, nicht die Literatur, von denen sich dieses Buch speise, psst, ruhig nur, flüstert der Trank, lass deine Literatur, ich hab eine neue Idee für deine Literatur.

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Mit den Schuhen klappern

Der Song ist ein Drum-Solo von Jaki Liebezeit.

Aufstehen und den Schrank verrücken, weil er immer gegen die Wand ruckelt, wenn man ihn öffnet. Zieh ihn weit genug, vermisse das Ruckeln, geh durch die Strassen wie durch eine Autowaschanlage, halte den Blick gesenkt und blinzle, als wärst du gerade aus einer kleinen Taucheinlage an die Oberfläche gestossen, wische mit dem Ärmel über die Stirn, einfach so, und klappere mit den Schuhen gegen die Tür der S-Bahn, klopfe die Finger an die Stange, schau jeden an, dass er weiss, wie es in deinem Inneren tobt, dein Herzschlag, nur weil du einmal dabei gewesen warst, ein einziges Mal in einem Keller um 1970 in Köln, und spreize die Hände als würdest du etwas Grosses auf ihnen tragen, Hauptsache, du hüpfst dabei und springst auf einen Betonpfeiler und hör nie auf, besonders nicht, wenn man es von dir erwartet, weil du nicht gerade dann müde bist, wenn du an den Drahtmaschen eines Zauns zupfst. Wenn du nach Hause kommst, den Schrank zurückstellen. Dann schwingen die Türen auf.

sonntagabendsong
 

Wochenrückblick

delirium hat die Eingaben für die 5. Ausgabe erhalten. Es waren viele sehr überzeugend mit überraschend klaren Bezügen. In einer langen Nacht haben wir in der Redaktion die anonymisierten Texte diskutiert und ausgewählt.
Wegen zahlreicher Missverständnisse in der letzten Ausgabe wird ein Teil unserer Bemühungen darauf verwendet werden, das Projekt verständlich zu machen. Der erste Schritt ist ein Disclaimer, der in Erinnerung ruft, dass die Kritiken im Heft, extern und nicht von der Redaktion sind. Der zweite Schritt besteht darin, die Beziehungen zu früheren Ausgaben zu verdeutlichen, einerseits in Übersichtsdarstellungen andererseits indem die Kritiker_innen angeleitet werden, die Bezüge offenzulegen.
Lektorat und die Suche nach Kritiker_innen stehen an.

Das Clowd-Magazine macht einen Aufruf zum Crowdfunding: Sie suchen nach Geldern, damit die Schreibenden ihrer Ausgaben finanziell eine kleine Entschädigung erhalten. Das Projekt ist grossartig. Ich werde schauen, dass ich 100€ reinschmeissen kann.

Ausserdem habe ich gerade ein Narr-Abo gekauft. Empfehle es natürlich gerne weiter, der Service ist schnell und die Heftchen wirklich wunderschön

Und dann kam noch das hier:

Lesetipps

Ich empfehle keine Nachrufe, deshalb nichts von Harry Rowohlt. Dafür wieder einmal ein Zizek-Interview gelesen, das grossen Spass gemacht hat:

Wir glauben, die Araber zu kennen. Aber was wissen wir schon? Die Liberalen mögen es eben, sich schuldig zu fühlen. Deshalb geben sie beispielsweise dem Neokolonialismus die Schuld an den Massakern in Ruanda – als wären Schwarze zum Sadismus gar nicht fähig.

Und zum Verlagswesen:

Sogar die Verlagshäuser, die meine Bücher veröffentlichen, machen mir oft einen Strich durch die Rechnung. Die Leute vom Penguin-Verlag strichen bei „Trouble in Paradise“ (2014) einfach das Wort „Kommunismus“ aus dem Untertitel, erpressten mich mit der Ansage, andernfalls werde das Buch nicht erscheinen. Mit Suhrkamp bin ich auch unzufrieden, daher steige ich jetzt zu Fischer um. Suhrkamp brachte 2014 ein Buch heraus, das ich gar nicht mag: „Zizek’s Jokes“.

Auch die Süddeutsche macht sich übrigens über Herrndorfs Ausstellung her, ein bisschen weniger wollüstig als die Zeit, aber naja: «Probieren, was geht»

Wochensicht

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Finde nur ich, dass das etwas Obszönes hat?

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Jung im All produziert.
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Aus dem Dictionary of Minor Planet Names.

Edgy oder das grösste anzunehmende Potenzial des Internets

Edgy White-Liberal hat alles verändert.

Ich stiess dazu, als er noch 700 Fans hatte. Das konnte irgendjemand sein, bis 1000 Likes ist man noch nicht wichtig. Deshalb sah mir die Seite an und versuchte zu verstehen, was das für ein Typ war. Edgy ist ein weisser, gepflegt, aber nicht zu modisch angezogener Mittdreissiger, glatt rasiert, aber mit lässiger Jeans. Er ist kein Hipster und er ist kein Yuppie. Er ist kein Neoliberaler, nur konsequent liberal. Er repräsentiert die «Creative Class», aber nur insofern sie innovativ ist, er steht für Nachhaltigkeit und eine offene Gesellschaft. Er verachtet Krieg und Homophobie, verurteilt die Haltung der rechten Politik und eigentlich findet er die Welt nicht so schlimm wie sie ist, weil sie besser wird. Im Grunde meine Meinung.
Er spricht mit Hashtags von seinen Konzepten, er benutzt Wörter wie «leverage» oder «innovate», «synergize», «diversity». In seinen Statements setzt er sich für die #underwealthed society ein (den Begriff der poverty lehnt er ab). Einige seiner Kernideen sind unter seinen Fans sprichwörtlich: #donth8innov8, #designthinking, #jargonmuch (wenn er linke Angriffe auf seine Position pariert), #straightbutnotnarrow (für LGBT-Rechte), #racetogether (gegen Rassendiskriminierung) und mein Liebling: #failingforward (#iterative).

Wenn es um Feminismus in der Entrepreneurship geht, ist er an vorderster Front.

thisiswhatafeministlookslike

Die Frage zu beantworten, ob das alles ein Witz ist, ist auf Anhieb gar nicht so leicht. Eine halbe Stunde lang klickte ich mich durch seine Statusnachrichten, um herauszufinden, ob Edgy eine Kunstfigur war oder das, was er sagte, ernst meinte. Oft stand es so auf der Kippe, dass nur der Name «Edgy White-Liberal» den Ausschlag gab, es ironisch zu lesen.

Das Grossartige an diesem Konzept ist die Sprache, die die Position untergräbt. Seine Meinung deckt sich meist mit meiner. Er kommentierte die Wahlen im UK kritisch und sprach davon, wie die politische Rechte die Möglichkeiten zur Innovation untergraben wird. Er ist gegen Abschottung, gegen Klimaerwärmung. Darin ist er nicht zu belächeln. Es ist jedoch die Sprache, mit der er diese Haltung verfechtet, voller Jargon und ideologischen Konzepten (selbst wenn sie «fortschrittlich» scheinen). Edgy ist aus meiner Sicht praktisch nicht angreifbar, er denkt wie ich und viele meiner Freunde denken — aber er führt uns vor. Mit Wörtern, die ausserhalb eines neoliberal durchtränkten 21. Jahrhundert-Weltbilds (eben eines edgy Weltbilds), gar keine Funktion haben, wie z. B. «leveraging» durchbricht er diese Aussagen. Leveraging ist nicht nur ein besonderes Wort, das selten verwendet wird, es ist ein Konzept, das so nicht existiert. Das Wort trägt in sich eine Idee über die Beschaffenheit der Welt, die ideologisch aufgeladen ist.

Einer kommentierte an Edgys Pinnwand. „Every one of my design instructors talks like this. #designthinking“
Edgy:

The question is whether they walk the talk, though, isn’t it, Thomas? Is their innovation rhetoric matched by the presence of flipped classrooms, MOOCs, and Lego-based exams? If not, they’re just empty words used to project a hip and bright progressive identity.

Zwei gute Freunde, die in Rotterdam Management of Innovation studiert haben, sind seit meiner Bekanntmachung mit ihm grosse Fans und geben zu, dass in ihren Kursen teilweise so gesprochen wird. Ich kenne ja selbst solche Menschen und habe so oder ähnlich mit meinem eigenen Mund schon argumentiert. Es gibt Twitteraccounts, die klingen als wären sie Edgy, die es aber völlig ernst meinen. Edgy retweetet sie hämisch.

wordcloudedgy

So subtil war Ironie im Internet noch nie: Und sprachlich so spielerisch und intellektuell so durchgängig.

Es kam so weit, dass Edgy den besten Kommentar zum Nahost-Konflikt abgegeben hat, den ich kenne. Er beginnt einen Satz, als wäre er palästinenserkritisch, stülpt ihn aber dann, wie unfreiwillig, in eine messerscharfe Kritik an Israel um:

But ultimately, we need to be working toward a borderless world: if we tear down the walls, our problems are solved. The ensuing nomadism would allow innovators to leverage ideal climates for their start-up projects, eliminating extreme underwealthedness within a quarter century by some estimates. The elimination of walls would also allow dialogue and thus end conflict. Take the case of the ancient, primitive, religious conflict in the Middle East, especially that of Israel and the Palestinians. Tear down the security barrier and the problem is solved, as the Palestinians would recognize the naked humanity of their Israeli neighbours and thus realize that there is no need for violence (or, for that matter, for hand-wringing over past grievances like who stole whose land, who exiled whom, who broke what international humanitarian laws, or who robbed whom of basic dignity for decades upon what amount of decades). ‪#‎coexist‬

Kennt ihr das Gefühl, dass ihr wölfisch losheulen möchtet vor Begeisterung?
Ich habe es im Internet schon lange nicht mehr gehabt.

…und dennoch, ist es immer noch ruhig in der Gegend?

Der Song heisst …Still, It Is Quiet Around Here.

Wir hatten alles, das Garagendach gleich vor dem Fenster im zweiten Stock, man brauchte es nur zu öffnen und mit vorsichtigen Tritten auf die Dachziegel langsam zum Giebelkamm hochzusteigen. Dort war man das Leuchten einer Zigarre, die sich langsam rauchte, man war vielleicht jemand, der dort im Schneidersitz sass, mit dem Blick in das Hinterland einer Schweizer Bauerngegend. Man sah weit: Von dort her zündeten in einer langen Reihe angeordnete Strassenlaternen aus dem Tau, der sich nachts durch die kleinen Hügeltäler schob, um sich gegen Morgen auf die Felder zu legen. Am Friedhof fuhr selten ein Motorrad vorbei, ein junger Mann, der noch bei seiner Freundin gewesen war: Und er flackerte zwischen den Schatten auf, die die Strassenlaternen auf den Asphalt warfen. Der Zug quietschte durch die Fugen, auch spät in der Nacht sah man ihn, wie ein langsames, schnaufendes Tier, das dem Menschen aus dem Weg gehen mochte.
Wir hatten Instrumente, die wir auf das Dach mitnahmen, wir lockten uns auf die Strasse, indem wir Kieselsteine gegen die Fenster warfen, um die Eltern nicht zu wecken. Wir trugen Kopfhörer, wohin wir auch gingen, und leihten uns gegenseitig Speicherstände für die Playstation aus: Immer glaubten wir, dass es wenige von uns gab. Im Gegensatz zu den Hauskatzen, die ebenfalls über die Dächer streunten und deren Herrschaftsgebiete sich überschnitten, konnten wir ziemlich gut aneinander vorbeileben. Es war kein Stadtleben und dafür waren wir ganz dankbar, wir hatten meistens kein Geld für Vinyl, an manchen Nächten war es vollkommen windstill, auch Pools plätscherten, Sex, Liebe hatten wir praktisch keine.
Durch diese Gegend konnte man gehen, Strasse für Strasse ablaufen und plötzlich hörte man Schritte hinter sich und später vor oder neben sich: Wir waren immer bei uns. Der Himmel stand uns offen. Wir verstanden uns ohne zu reden, aber wir redeten auch. Und eigentlich verband uns vieles, wir hatten alles. Es war nur nicht ganz so geheuer.

Wir hörten bis spät in der Nacht solche Musik, auch alleine in den dunklen Zimmer, wenn wir so betrunken waren, dass wir uns kaum mehr bewegen konnten. Und dann hörten wir das Lied, so leicht es beginnt und schwierig es endet: Und wir hörten den knarzenden Stuhl zwischen Sekunde 13 und 14. Den knarzenden Stuhl oder die knarzende Diele eines Menschen, dessen Gewichtsverlagerung in einem Tonstudio in Tokio den Supervisors entgangen war, alles viele tausend Kilometer entfernt. — Das hören wir im Zimmer und draussen fahren die Traktoren los. Es ist das Einzige, was man hört, denn die Müllmänner hieven ohne zu seufzen.

sonntagabendsong