Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juli, 2015

24

Es soll Menschen geben, die an ihrem Geburtstag gestorben sind, geschieden wurden, einen lebensgefährlichen Infekt an ihrer Party entdeckt haben und sich dann die Hand amputieren lassen mussten. Andere Menschen soll es geben, die ihre Geburtstage einfach geniessen. Obwohl das eine das andere ja nicht zwingend ausschliesst. Es gibt auch Menschen, die ihre Geburtstage vergessen. Es sind dies fast immer Figuren aus Büchern, wie Nick Carraway oder Harry Potter. Wenn man an seinem Geburtstag früh aufsteht, wird man mit einem Sonnenaufgang belohnt, sofern das Wetter nicht schlecht ist. Wenn man früh schlafen geht, hat man sich die Unwichtigkeit eines einzelnen Tages und den eigenen entspannten Umgang mit dem Alter bewiesen. Manche lesen an ihrem Geburtstag ein Buch, vielleicht weil sie es geschenkt bekommen haben und es aus Höflichkeit anfangen. Es gibt viel Streit an Geburtstagen und Tränen fliessen überdurchschnittlich viel. Aber eigentlich sind Geburtstage etwas Schönes. Das darf man nicht vergessen, und wenn man darüber oder über etwas Misslungenes an diesem Tag weint, hat man über etwas Schönes geweint. Vielleicht auch nur deshalb, weil man nicht damit einverstanden ist, dass die Gesellschaft gerade dieses für schön halten will oder weil das Schöne in der Erwartung, die es mit sich bringt, immer alles vernichtet, was auf Gefühle, Wohlwollen und abgemessene Feinfühligkeit angewiesen ist. Das Schöne ist, wie Geburtstage, ziemlich stur und ohne viel Humor.
Man kann an einem Geburtstag oft Geschenke auspacken, wofür man, wenn man denn kann, sehr dankbar sein sollte, und um der Verlegenheit anderer Menschen aus dem Weg zu gehen, packt man sie lieber zu Hause aus, aber nur weil einem an diesem Tag alles irgendwie selbst in Verlegenheit bringt. Man wacht schon geziert auf und drückt die rot angelaufenen Wangen ein wenig ins Kissen, bevor man aus Scham, es noch schlimmer zu machen, doch endlich aufsteht. Geburtstage sind überaus peinlich und weil man den Umgang mit peinlichen Situationen, peinlichen Menschen und peinlichen Bemerkungen, die jemandem herausgerutscht sind, besser geübt ist als den Umgang mit peinlichen Tagen, ist die Fahrigkeit, mit der wir uns rasieren und mit der wir bereits durch den Korridor schielen, als wäre er an diesem Tag ein anderer, besonders ausgeprägt und selbst schon wieder irgendwie peinlich.
Es soll auch Menschen geben, denen Geburtstage nicht peinlich sind, zum Beispiel, weil bei ihnen doch alles perfekt läuft, sie von morgens bis abends ein Lächeln auf dem Gesicht haben, in Überraschungsparties stolpern, an denen sie mit alten Freunden endlich wieder Witze machen können, den besten Kuchen aller Zeiten essen und abends in den Armen ihrer Liebsten einschlafen. Aber diesen Menschen ist überhaupt nichts peinlich. Und die meisten würden zumindest irgendwann dazwischen, wenn sie gerade auf der Toilette sitzen, wegen des ganzen Kitsches und darüber, wie sehr alles gelungen ist, das Gesicht verzerren, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Dagegen lässt sich nichts machen.
Wenn man zum Beispiel 24 wird, dann ist das schon ziemlich peinlich, man möchte gerne wegsehen, 23 ist jetzt auch nicht viel besser, 38 erst recht nicht, aber irgendwie wäre es einem doch im Moment lieber, ausgerechnet der 24. scheint sich gerade so wichtig zu nehmen und aufzudrängen. Aber, bewahre!, man werde darauf nicht angesprochen. Das wäre so, als hätte man sich im Chemieunterricht eine Augenbraue versehentlich blau gefärbt und alle täten, als würde es ihnen nicht auffallen. Manche Menschen schämen sich so sehr vor dem Schämen, dass sie lieber an ihrem Geburtstag sterben würden, als aufzuwachen. Aber die trifft es meistens einen Tag oder zwei später, und das ist auch ganz richtig so, denn wenn sie in der Arztpraxis stünden und jemand ihre Identitätskarte verlangte; wenn die Angehörigen den Totenschein und später den Grabstein ausstellen müssten; wenn sie die Krankenkassenkarte für den Infekt an ihrer Hand zücken müssten; würde wieder eine Stimme, vielleicht die der Frau an der Rezeption oder die des Assistenzarztes, das Geburtsdatum vorlesen oder zumindest murmeln und sie wüssten dann nicht einmal wohin schauen, weil alle Umstehenden schon zu den unverfänglichen Stellen des Zimmer schauen aus lauter Beschämung. Da würde man den Geburtstag doch lieber vergessen, aber man ist ja nicht aus einem Buch. Niemand ist aus einem Buch. Ausserdem sind Geburtstage in Büchern schon sehr traurig. Da sind mir meine doch etwas lieber.

Der kleine buddhistische Mönch (Ein-Satz-Review)

Der kleine buddhistische MönchDer kleine buddhistische Mönch by César Aira
My rating: 1 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Umschlag und Aufmachung des Buches versprechen Überraschungen, aber ausser der unendlichen Anzahl von Schreibfehlern und Grammatikschnitzern, die in dieser Matthes&Seitz-Ausgabe sogar völlig unironisch einen Hund «rapportieren» lassen, zeichnet sich der kurze Band nur noch durch jene Unerwartetheit aus, dass er sehr viel ruhiger und linearer ist, als erwartet, so sehr, dass die Geschichte — ein kleiner buddhistischer Mönch ist aus Verehrung für die westliche Gesellschaft eurozentristischer Intellektueller geworden, der in der Hoffnung, Aufmerksamkeit von Europäern zu finden, einem französischen Künstlerpärchen eine seltsame Pagode zeigt, wobei nicht nur die Winzigkeit des Mönchs, sondern auch die seltsamen Bahnhöfe unterwegs und die Fotoaufnahme des Fotografen unheimlich scheinen und ein zum Ende hin ‹gelöstes› Rätsel mit sich tragen, — hier, ohne dass die matte Freude an der plumpen und kurzen Lektüre verdorben werden dürfte, ganz kurz erzählt werden darf.

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Der Donut

Der Song heisst Autopower.

«Sag mal», sagt er im Ton eines 80er-Jahre-Films, während er auf der Kühlerhaube des Polizeiautos sitzt und in den Donut beisst.
«Wie meinst du?», fragt der andere, der den Afro zurückkämmt und die grosse Fliegerbrille aufsetzt.
«Ist die Pause nicht schon vorbei?»
«Wie meinst du vorbei?», sagt er und lächelt.
Dann kurven die beiden mit stillem Blaulicht durch die Strassen, der Sand von Floridas Küste fegt ihnen durch die geöffneten Fenster in die so bemüht unbewegten Gesichter und sie blicken hinaus auf den mattgetönten Goldnachmittag, während ihre Kurven laute und stinkende Bremsstreifen in den Asphalt schrauben, und sie knisternde Meldungen aus dem Walkie Talkie plärren hören, sie blicken kalt, stolz und zufrieden, wie man nur blicken kann, wenn man Verbrecher in einer Welt jagt, in der man sie selbst dann dingfest machen kann, wenn man noch vom Chef rausgeworfen oder in eine Affäre mit einer der hübschen Cheerleaderinnen verstrickt werden sollte, aber es ist ein sehr rechtschaffener Blick.

sonntagabendsong

Vor der chinesischen Stadt

Das Lied heisst 3-3.

Der glatteste Ozean scheint unbezwingbar, seine Spiegelfläche lädt keine Schwimmer ein: In der Nacht ist er die Dunkelheit selbst und atmet nur an seinen Ufern aus. Eine chinesische Stadt, Millionen Menschen schwer, sieht Tag für Tag hinaus, völlig vergessen, was von dort, dem verdüsterten Horizont, entgegen geflogen kommt, pechüberzogene Schwalben, die sich von verirrten Mücken ernähren, während die Füsse fast den Ölteppich streifen, unter dem die Wasseroberfläche ruht, darunter das dickflüssige Wasser, in dem es glitzert, mit seinen verlorenen Fischen und Kilometer für Kilometer glitzernde Dunkelheit. Korallen. Das, was da unten atmet, ein Seeungeheur mit Nüstern, aus denen Luftblasen tausende Kilometer nach oben steigen, so dass es aussieht, als würde es irgendwo, mitten im Ozean, brodeln, ist unser Seeungeheuer. Es würde uns auf seinem Rücken tragen, uns in der Kälte wärmen, Schiffsbrüchige retten. Es schläft noch, doch wenn es einatmen muss, spürt die Stille des Ozeans eine Spannung kurz vor dem Bersten, die Oberfläche platzt, und das Ungeheuer steigt in den Himmel: unser Ungeheuert lacht uns zu und die Schwalben vertrinken vor Angst. Unsere Liebe greift bis zu den leuchtend schwarzen Seepferdchen und dem Plankton unter tausen Tonnen schwerem Wasser, und von dort reicht sie auch hinauf. Unsere Liebe reicht durch den Meeresgrund hindurch.

sonntagabendsong