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Monat: August, 2015

H.G. Wells vs. Stalin, und was John Maynard Keynes dazu sagt für einen Schilling

Eines der Vorhaben von WRAG! war ja, offener darüber zu schreiben, was los ist. Und es ist einiges los. Da wäre der Aufenthalt in Israel, der Abschluss der 5. Ausgabe von delirium, eine Fertigstellung von zwei Schreibprojekten und das Ende des A4 gewinnt-Wettbewerbs von Jung im All. Zu allem werde ich zu gegebener Zeit Weiteres erzählen – im Moment bin ich fast vollständig damit beschäftigt eine alte, lange aufgeschobene Arbeit zur Ökonomie in der Science Fiction-Literatur abzuschliessen.

Ich bin im Moment an einem Kapitel zu H.G. Wells‘ The First Men in the Moon. Und gerade habe ich das Interview von Wells, einem klassisch britischen Gentleman mit Schnauzer und Anstand, Verfechter wissenschaftlicher Prinzipien und einflussreichster Autor der frühen Science Fiction-Bücher, und Stalin (na ja, dem Stalin) gelesen.

Das war 1934 und ist in dieser ziemlich grossartig illustrierten Broschüre abgedruckt worden („Shaw-Wells-Keynes on Stalin-Wells-Talk. One Shilling“). Das Gespräch selbst ist wunderbar intellektuell, so richtig bemüht intellektuell, aber es bringt doch ziemlich nachvollziehbar und argumentativ die Verschiedenheit zweier sozialistischer Positionen zur Geltung. Davon abgesehen, dass die beiden ein wenig aneinander vorbeireden, ist es sehr leicht zu lesen. Sie begegnen sich mit Geduld und fast ulkigen Höflichkeitsfloskeln. Das heisst nicht, dass für einige witzige Uneinigkeiten, die niemals aufgelöst werden, kein Platz wäre:

[Stalin:] But you have imperceptibly passed from a question of revolution to questions of reform. This is not the same thing. Don’t you think the Chartist movement played a great role in the reforms in England in the nineteenth century?

[Wells:] The Chartists did little and disappeared without leaving a trace.

[Stalin:] I do not agree with you.

Zentral ist für meine Arbeit natürlich die ökonomische Position von Wells („There is no need to disorganise the old system because it is disorganising itself enough as it is“ … „But under modern conditions, when the system is collapsing anyhow, stress should be laid on efficiency, on competence, on productiveness, and not on insurrection“), die so und anders auch im Roman auftritt.

Aber richtig Spass machen eigentlich erst die Antworten der drei anderen linken Intellektuellen auf das Interview, die in jener 1-Schilling-Broschüre ebenfalls abgedruckt sind. Bernard Shaw, Literaturnobelpreisträger, der deutsche Exilant und Pazifist Ernst Toller und der Wirtschaftsklassiker John Maynard Keynes äussern sich in einer hitzigen Diskussion.

Shaw hebt Stalins fundiertes Theoriegebilde und die Fähigkeit zum Zuhören hervor und zersäbelt dabei Wells:

But nothing can shake Wells’s British conviction that Stalin, being a foreigner, and having never attended a meeting of the Institute of International Affairs in St. James’s Square nor read The Round Table, has no grasp of the possibilities of Clissoldism and has had his mind destroyed by a malicious degenerate named Marx.

„Clissoldism“ fügt der Kritik noch eine Hinterhältigkeit hinzu: William Clissold heisst die Figur in H.G. Wells längstem, autobiographisch angehauchten Buch. „‚Clissoldism‘ had become in public parlance a term of ridicule, a word for the pretentious meddling of any busybody who sets out to reshape the world according to a blueprint of his own making“ (The Spinster and the Prophet)

David Lows Karikatur von Keynes

J. M. Keynes hingegen verschont Shaw nicht mit seiner harten Kritik:

Wells is a searcher, an inquirer. But Shaw is such a dogmatist by now that it makes but little difference to his enthusiasm whether it is Stalin or Mussolini. He would have a good word for the Pope (as we see in St. Joan), if it were not that His Holiness is so mild and broadminded.

Sehr unterhaltsame Lektüre. Und ein gutes Vorbild dafür, wie intellektuelle schriftliche Debatten vielleicht wieder klug und unterhaltsam sein können

Loopings

Wenn ich in meinen Facebookstream schaue — und ich muss feststellen, dass es das ist, womit ich mich am meisten in meinem Leben auseinandersetze — sehe ich bedrückende Neuigkeiten. Vor allem die Flüchtlinge sind es im Moment, gegen die im Internet gewettert wird, denen der Tod und die Vertreibung gewünscht wird. Nicht nur im Internet, unzählige Straftaten werden schon gegen sie begangen. Offenbar ist es aber auch salonfähig geworden, rassistische und hetzerische Kommentare online und unter eigenem Namen zu posten. Es schien so unwahrscheinlich, dass man lange die Augen davor verschlossen hatte, aber es fallen Sprüche einer unmenschlichen Verachtung und Aggressivität, als wäre es selbstverständlich, so zu reden.
Natürlich sehe ich diese Kommentare selbst nicht. Ich lese nur darüber, lese wie Zeitungen über sie berichten oder meine Freunde vor ihnen warnen. Ich lese von Til Schweiger, der sich gegen diese Idioten zu wehren versucht. In meinem Facebookstream sehe ich das Video der Tagesschau-Sprecherin, die sich gegen das Problem ausspricht, ich lese von einem Busfahrer, der auch anders konnte als diese Hetzer und Asylanten in seinem Bus mit der Ansprache «Welcome!» begrüsst hatte. Den Mund aufmachen müsse man. Man müsse sich dagegenstellen.
Und zum ersten Mal mag ich gar nicht zustimmen. Ich versuche den Grund zu erahnen. Abgestumpft werde ich doch nicht sein — egal ist es mir nicht. Irgendetwas, so merke ich jedoch, ist faul. Nicht, dass etwas an den Fakten nicht stimmte, aber vielleicht an der Emotion, die sie verursachen. Etwas an der Empörung, der ich mich gern hingegeben hätte, ist faul. Gegen wen eigentlich den Mund aufmachen, wenn alle um einen rum schon gegen Rassimus und Fremdenfeindlichkeit sind? Gegen wen soll man sich eigentlich wehren? Das Problem ist nicht, dass wir den Rassisten nicht übers Maul gefahren sind, sondern dass wir mit ihnen gar nichts mehr zu tun haben. Dafür sorgen wir und die automatisierte Abkapselung von Facebook und anderen Diensten, die mit personalisierten Neuigkeiten nur das verstärken, was wir selbst schon versuchen: Eine Individualisierung, eine Abnabelung von dem, was uns schadet, uns hindert und bremst. Die Ökonomie dessen führt selbstverständlich dazu, dass ich mit Rassisten nichts zu tun habe, und vielleicht am Ende dazu, dass der Graben zwischen mir und ihnen so gross geworden ist.
Ich habe erst diese Woche, gemerkt, wie sehr mir alles, was ich sehe, bekannt vorkommt. Es erstaunt mich selten mehr etwas, was ich lese, und so viel ich auch versuche, Zizek- und Philosophie-Seiten zu besuchen, ich schaffe es nicht, mich vor den Kopf zu stossen. Ich habe früher zwar oft von «Shitstorms» reden hören und den Begriff als Modewort nie so recht ernst genommen, aber nun scheine ich zum ersten Mal ein Gefühl dafür zu haben, was es heisst, in einem solchen «Shitstorm» zu sein. Es fühlt sich ruhig an, wie im Auge eines Sturms, man suhlt sich fast in der Empörung, die einem serviert wird, und man befindet sich immer, ohne sich entziehen zu können, in einem. #landesverrat oder Flüchtlingshetze. Diese Stürme sind tatsächlich Wirbelstürme, sie drehen sich um sich selbst und befeuern sich immer weiter. Dieser wirklich fundierte Beitrag einer meiner Lieblingsblogger spricht über Wutkommentare und Hate Speech im Internet und seine These ist, dass nicht etwa mehr wütende Menschen im Internet zu einer Stimme kommen oder dass ihnen die Anonymität die Möglichkeit gibt, sich unverblümter auszulassen, sondern dass die Menschen tatsächlich wütender werden durch das Internet, dass sogar die Intensität der Emotion einem Netzwerkeffekt unterliegt.
Und ja, vielleicht ist es das, was Pfaller in anderem Zusammenhang eingeführt hat: Eine Illusion der anderen. Auch im negativen Sinn: Irgendjemand hasst Flüchtlinge, der Andere hasst sie, der faschistische Geist ist da, aber nicht in mir und in dir ist er auch nicht, und eigentlich in keinem, wenn man ihn fragt. Es scheint eine diffuse Instanz zu geben, an die man glaubt, die einem aber auch bequem Anlass dazu gibt, sich hochzuschaukeln. Doch die Rassisten posten völlig abseitige Kommentare nicht einfach um ihre Befindlichkeit zur Schau zu stellen. Es ist nicht nur eine Artikulation ihres Innern, ihr Inneres wird durch solche Artikulationen produziert. Rassisten sind eher mit Rassisten befreundet und werden, in schleichender Weise, immer weiter in jene Richtung abdriften, in die sie sich schon natürlicherweise, wie ein auf sickerndem Grund gebauter Kirchturm, neigen. Rassisten lernen Rassisten kennen und Gutmenschen lernen Gutmenschen kennen und je weniger sie miteinander zu tun haben, desto ‹rassistischer› oder ‹besser› können sie sein.
Mit den Informationen ist es nicht anders. Viele Blogger haben gerade in diesem Sommer ein Befremden über das Internet geäussert. Clickbait, die Suche nach schnellen Klicks, hat es stärker verändert, als am Anfang vermutet. Es gab einen bedeutenden paradigm shift: Inhalte werden relevanter, je älter sie sind, weil sie erst über eine gewisse Etablierung relevant werden. Dem können sich auch die Blogs, die früher neue Impulse gegeben und die Schnelligkeit gesucht haben, nicht entziehen. Der Diskurs ist viel mächtiger als früher: Wichtig ist, wo der Shitstorm weht, deshalb kann von Shitstorm gar keine Rede mehr sein. Das, wogegen er klatscht, wird wichtig, nur durch sein Gegenklatschen.
Unsere Informationen sind geloopt. Deshalb wissen wir auch, was uns morgen im Facebookstream erwartet — und wir werden trotzdem hineinschauen. Das ist kein Widerspruch. In den Spiegel schauen wir auch, obwohl wir wissen, was uns erwartet.
Nun ist mein ganzes Leben geloopt. Wir befinden uns in den Loopings dessen, was wir waren. Davon abgesehen, dass wir so vielleicht Fremdenhass produzieren, habe ich eigentlich keine Lust mehr darauf.

Magazin gegen Literatur?

delirium

Warum denn das — hat uns die Literatur etwas getan? Auch das noch. Als hätte die Literatur nicht schon genug auszustehen. Als würde sie in einer Zeit der kurzen Aufmerksamkeiten nicht schon längst den Kürzeren ziehen, als wäre sie in den Augen der Menschen nicht jetzt schon eine verstaubte Angelegenheit, als wäre sie nicht schon immer die erste, die unter staatlichen Budgetkürzungen und unter Streichungen in der Feierabendökonomie zu leiden hätte.

Aber sicher! Sicher: Die Literatur hat uns etwas angetan.
Sie hat uns im Stich gelassen.

Gegen?

Sie versteckt sich hinter alten Gesichtern von alten Menschen, aus denen sie gar nicht mehr herauszugrübeln ist. Und manchmal bricht das Unglück irgendwo über einer kleinen Buchhandlung herein und ein krächzender Autor liest an einem knarzenden Tisch aus seinen Texten. Die Literatur ist dann bei ihm und drückt ihm die Hand, ohne dass man es sieht. Dagegen sind wir. Ganz sicher nicht gegen…

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