Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: November, 2015

Ich habe die Kohlenmina

Der Song heisst Size Queen.

Main Vater hat immar gesagt: Aber, machst du schon. R hat mir immar auf die Schultern geklopft. Wenn R ins Tunnel hinabstieg, sagte R, ich steige jetzt tief, tief ins Tunnel hinab. R sagte, ich steige durchs Tunnel, so komm ich zur U-Bahn und dort zur richtigen Arbeit. Und wenn du alt genug bist, gehst du auch raus und siehst die Welt.

Ich bin andars als main Vater. Ich staige nicht ins Tunnal. Ich habe die Kohlanmine, ich tanze ums Feua.

R hat SI sonntags immar ausgefüart. Ich allain, mit der Schwesta und dem Cadillac. Wir manchma durch die verbotane Untafüerung zur Küste, wir und die jugandliche Grösse, in die wir uns aufpumptan. Lange Gänge, lange Schächte, achthundart Löcher, wo das Magma dampfte, am Pazifikstrand, die Kohleabfälle lagen über- und überall am ganzen Strand. Wir fuhren mit der Gütarlore, dessan Glais aus dem Bodan kam und ins Meer füarta ins schwarze Wasser und plantschten. Wir; Schwester, ich, der Cadillac und die varrussten Arbeiter, die in ihren Overalls steckten und im Sand die Füsse spraizten. In der Surfabar spialte die Wüstanband löchrige Songs, die hörten wir.

Wenn du alt genug bist, wirst du vielleicht von der Ostküste wegkommen. Du führst dann den Laden hier, sagte R, treibst das Geld ein an der Oberfläche. Atmest all die frische Luft, kommst weg von dieser Hitze, dem Russ und der Dunkelheit dieser Höhlen. Und SI gab ihm ainen langen Kuss, bavor R abtauchte. Als sie spät nachts rain torkalten, waren ich, die Schwester und der Cadillac wiader zurück und stellten uns schlafend. R schaute noch in unsere fenstalosen Zimmer und SI gab uns einen Kuss auf die blaiche Stirn. Sie stanken nach Whiskay.

Ich bin andars als main Vater. Ich staige nicht ins Tunnal. Ich fahre den Cadillac an die Küste. Ich mache aine Wüstenband, die mache ich. Ich habe die Kohlanmine, ich tanze ums Feua.

sonntagabendsong

Mein Kind, ein kleiner Sohn

Mein Kind, ein kleiner Sohn, kam am 19. September 2008, am gleichen Tag wie die Asset-Backed Commercial Paper Money Market Mutual Fund Liquidity Facility zur Welt. Ich stand mit dem Handy im Spital und tat, was etwas wie ein Nicken war, mit meinem Vaterkopf. Denn die Krise, in die wir das Kind geboren hatten, die in Stürmen durch altmodische Börsenhallen peitschte und gepflegte, starke Männer am anderen Ende der Welt in einer kleinen Telefonkabine zum Weinen brachte, war meine. Sie war meine Überstunden, sie war meine Beförderungsbedingung, sie war mein Trainingsprogramm, an dem ich jeden Tag sass, sie war der Stoff meiner alltäglichen und unter aufwachenden Augenlidern flackernden Träume. Meinem Chef hatte ich nicht einmal gesagt, dass es kommt.
Das fleischige Gesicht meines Sohnes. Mir lief der Stolz im Mund zusammen. Seine Austauschbarkeit neben den Brutkästen der anderen Frischlinge, die alle weinten ausser ihm. Ich hielt die Hand an die Scheibe. Es war ein kleines Gitternetz in ihr eingelegt. Das Netz legte sich über das mir zugewandte Babygesicht. Das mit der Hand fand ich auch echt dämlich. Wie aus einem ganz schlechten Film. Aber ich liess sie da beim Telefonieren, sie war weit über dem Kopf, viel zu weit oben, das Jackett spannte. Mein Sohn öffnete stumm seinen fleischigen Mund. Die Bewegungen waren im Gitternetz undeutlich, sie waren unregelmässig und glichen einem Sprechen. Ohne den Blick abzuwenden, telefonierte ich und was mein Chef auch sagte, das Kind schien es gerade so mit den Lippen zu formen.
The AMLF is designed to provide a market for ABCP that MMMFs sought to sell, sagt das Fed, erklärt mein Kind.
Meine Hand bringt das Glas ein wenig in Schwingung. Mit jener Deckung und dem Quantitative Easing, 45 Milliarden jeden Monat, wendete sich vielleicht etwas in der Lage, wie ich die Welt im Dunkeln zurück gelegt und zugedeckt hatte, und alles sah anders aus, wie wenn man die Tischplatte von unten betrachtet oder das erste Mal überhaupt etwas sieht. Was schlägst du vor, fragt er, kaum einen Tag alt, was schlägst du vor, willst du das neu gewichten im Portfolio? Zuerst müssen wir wissen, wer und wie an die Facility — ich will Namen, ich will eine Liste. Mein Sohn tritt mit seinem winzigen Fuss gegen das Plexiglas seines Brutkastens. Ich will diese Sachen bis morgen Abend, weil Nordamerika haben wir gekippt, schon vorgestern, du sollst das noch nicht erfahren, erst nächste Woche ist das Briefing, aber ich sag dir das jetzt schon, vertraulich und direkt, das kommt von ganz oben: Nordamerika haben sie gekippt, zumindest bis sich das fängt, 16, 17 Monate haben sie gesagt.
Ich war euphorisch und wollte den Chef einweihen. Mein Sohn, sein Lachen, seine Bewegungen, ich wollte sie allen zeigen, aber zuerst sagte ich: Sie schaffen mein Portfolio ab? Ja, ja, aber dich nicht — Südamerika, sie schicken dich rüber, Brasilia, usw. Du kennst dich doch aus? Hablas espagñol, hehe, nein, musst einfach die Indizes zusammenpeilen, ein bisschen die Rechenschieber zusammenkugeln, nichts Riskantes jetzt. Klar, sagte ich. Lachte mein Sohn? Er wand und drehte sich auf die andere Seite.
B´dann! Die Stimme des Chefs war leiser geworden. Vielleicht war die Sekretärin ins Zimmer gekommen und er hatte den Hörer abgedeckt um zu reden. Ruf dich gleich noch einmal an! — Warte, sagte ich. — Ja? — Endlich konnte ich meine Hand vom Fenster nehmen. Ich steckte sie in die Tasche der Anzugshose. Ich zögerte. Wie heisst das Packet nochmal? — AMFL. Merk dir einfach AMFL. — Ok. — Sorry, tut mir leid für dich, aber wir werden alle noch auf die Welt kommen.

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (Ein-Satz-Review)

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im SchattenIch werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten by Christian Kracht
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Vom Gemisch der geschichtslosen Erzählungen, den Anspielungen an Klischees, dem Wechsel zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Registern, der Aufzählung von Telegrafen und Artillerien aus dem 19. Jahrhundert, die der Schweizerischen Sowjetrepublik des bizarren 20. Jahrhundertklons quer stehen, möchte man nicht allzuviel halten, wenn einem gleichzeitig historische und literarische Anspielungen wie Joseph Conrad und Conan Doyle um die Ohren gehauen werden — nur ist die Art wie Kracht hier mischt meisterhaft vorsichtig und statt einen Witz nach dem anderen auszukosten, den sein schwarzer kommunistischer Söldner, der über alte Minen durch die Schweizer Winterlandschaft stackelt, zuliesse, oder sich für allegorisch bedeutend zu nehmen, steht die Erzählökonomie, auch wenn die Erzählung sie gegen Ende überschiesst, im Vordergrund; ein Gedankenspiel wie dieses auf weniger als 150 Seiten zu packen, sind schon eine Kunstfertigkeit für sich.

View all my reviews