Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: Dezember, 2015

Der Lerner

Er sass immer in seinem Zimmer und lernte sehr laut. Es wurde viel darüber gemunkelt, was er lernte. Er lernte mit einem Elch in seinem Zimmer. Er lernte auch in der Nacht und an Silvester. «Schau mal da oben», sagte man und zeigte auf das geöffnete Fenster, in dem eine kleine Tischlampe brannte. Die Schnauze des Elches kam aus dem Zimmer und der Dampf seines Atems verschwand aus dem Schimmer der Partylichter. Man ahnte sein Aufsteigen in den Sternenhimmel nur.

«Warum muss er nur immer so laut lernen?», beklagten sich seine Mitbewohner beieinander, wenn sie es nicht mehr aushielten. Sie sahen ihn so selten, dass sie gar nicht wussten, was sie ihn fragen sollten. Er tauchte gelegentlich mit Einkäufen in der linken und einem grossen Eimer gefrorener Beeren in der rechten Hand auf, und verschwand in seinem Zimmer, nachdem man ihn gefragt hatte, was er denn eigentlich lerne, und er antwortete, für sein Studium; und auf die Frage, ob er wirklich einen Elch im Zimmer halte, mit der Schulter zuckte; und erwiderte hatte, er sei gerade mit der Freundin im Kino gewesen, als man ihn fragte, wo er gewesen sei. Er lernte besonders laut im Winter. Den Kot des Elchs warf er direkt aus dem Fenster, direkt in das Beet im Hintergarten, das sich eines blühenden Wachstums erfreute. Die Freundin hatte man nie wirklich gesehen, man kannte wohl einen, der sie gesehen hatte, aber sich nicht mehr erinnern konnte, und beteuerte, sie sei vollkommen vergessenswürdig gewesen.

Es war nicht einmal so, dass die WG willentlich die Augen verschloss oder besonders unbeteiligt war. Oft stand einer in der Küche am Kochen, hörte ihn von oben lernen, und fragte sich, was es mit dem Elch, was es mit dem ständigen Lernen auf sich hatte. War die Fragerei weit getrieben, näherte er sich entschlossen der Zimmertür, hob die Hand schon zum Klopfen und zögerte erst beim Gedanken, ob er den Reiz und den Charme dieses Menschen und dieser Wohnung nicht zerstören würde, wenn er Genaueres erführe, was selbstverständlich ein ganz irrer und als heillos romantischer Gedanke sofort erkennbar war, und meistens pfiff der Kochtopf oder die Eieruhr klingelte, bevor er sich zu einer Entscheidung hatte durchringen können.

Ausserdem war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man selbst diejenigen, die in blanker Verzweiflung das Pult umklammerten oder die in langen Phasen des Studiums kümmerlich über einer Tischlampe verbogen waren und selbst bei Bedenken über ihre gesundheitliche Verfassung, nicht aus dem Schockzustand erlöste, solange man von ihnen wusste, dass sie lernten, denn jeder lernte immer nur für sich.

Metanetz. Eine Fantasie

Freies Feld

Von CÉDRIC WEIDMANN.
Es gibt kein Internet-an-sich mehr. Weil die Hardware personalisiert wurde, ist sie mit dem gewöhnlichen Internet, das vom Kühlschrank über den Kleiderschrank, den Tram-Fahrplan, die Wetterprognose, bis hin zum Hormonhaushalt viel Nützliches koordiniert und verbunden hat, nicht mehr ohne Weiteres kompatibel. Natürlich hätte es viel von seinem Sinn verloren, wenn das Internet nicht mehr seine ursprüngliche Eigenschaft, Menschen miteinander zu verbinden, mit sich brächte. Das ist immer noch möglich. Es bedeutet aber, dass man sein Internet (sowie die Kollektivverbindungen innerhalb von Freundes- und Familiengruppe, wenn man innerhalb dieser Gruppen kurzfristige Hochleistungskommunkationsnetze spannt), nur an bestimmten Stellen und Anknüpfungspunkten mit dem Internet anderer verlinkt. Die Überschneidung ist überschaubar und begrenzt. Einige Dinge sind nicht mehr möglich: Man kann nicht mehr per Zufall auf andere stossen, es ist unwahrscheinlich, die grosse Liebe zu finden oder jemanden kennenzulernen, der dich davon überzeugt, dass du dein Leben komplett anders leben müsstest…

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Adventszeit

Der Song heisst Dead Can.

Auch in der Adventszeit ist er immer mit dem Rucksack unterwegs. Wenn er durchs Dunkel nach Hause geht, immer die Feuchtigkeit seines Atems im Gesicht und an der Holztür ruckelt, um den Hausschlüssel drehen zu können. Wenn er an einem Kinderwagen die Schuhe vom Schnee freiklopft und die Treppe in Angriff nimmt, während er sich mit einer Hand den Schal vom Hals zerrt und mit der anderen den Schlüssel vor sich hinhält. Wenn er die Kopfhörer von den Ohren zieht, die Wohnung betritt, in der Hitze keuchend Jacke, Pulli und Hose abstreift und nur mit der Unterhose ins Bett seines finsteren Zimmers fallen will, dann wirft er den schweren Rucksack, diesen Rucksack, der das Gewicht von nassem Schnee aufgenommen zu haben schien, in die Ecke seines Zimmers.
Und er würde ein Geräusch hören können, das der Himmelauffalter dabei macht. Tief in seinem Rucksack steckt der und scheint ein eigenes Leben zu führen. Bis auf das Aufjaulen beim Sturz auf den Zimmerboden ist er still. Er nimmt fast keinen Platz im Rucksack ein, den man noch locker befüllen kann.
Er schläft die ganze Nacht in Unterhose und steht am nächsten Morgen mit schwindligem Kopf im Türrahmen, um nicht umzufallen. Es ist Adventszeit, er erledigt Einkäufe. Abends trifft er sie unter der Weihnachtsbeleuchtung, sie wollen Glühwein trinken. Ihre dicke Winterjacke ist geöffnet, darunter beweget sich ihre Brust zu den lachenden Lippen, er, ein bisschen angetrunken, steigt durch die Feuchtigkeit ihres Atems, küsst sie. Sie schlingt sich um ihn, sie ruckeln an der Holztür, um den Hausschlüssel drehen zu können, sie ziehen sich die Schals von den Hälsen, sie streifen, als sie die Wohnung betreten, keuchend Jacke, Pulli, Hose ab, der Rucksack landet in der Ecke und das Aufjaulen verschwindet unter Seufzern im Finstern.
Nur zwei Wochen später zeigt er ihr den Himmelauffalter, er greift per Zufall nach ihm im Rucksack und zieht ihn hervor. Er faltet über ihnen den glitzernd umwölkten Himmel auf, der sich von Kopf bis Fuss über sie spannen liess. Er scheut sich nicht, darüber zu sprechen, wenn er den Himmelauffalter auspackt, er packt ihn ja auch mehr aus Zufall aus, erst, wenn er vergessen hat, dass er den noch in seinem Rucksack hat. Er spricht von den anderen Frauen, denen er den Himmel schon aufgefaltet hat und wie er es immer anders gemacht hat, manchmal unsicherer, manchmal sicherer, er sei immer nervös davor, aber wenn er erst einmal aufgefaltet sei, könne man ihn auf sich wirken lassen. Danach sei alles anders. Und besser. Nicht unbedingt für beide, und nicht für beide gleich schnell. Aber meistens besser.
Auch danach trifft er sie manchmal, sie arbeiten ja im gleichen Büro. Sie sprechen noch miteinander, auch wenn der Himmel zwischen ihnen aufgefaltet worden ist, aber sie bleiben kurz angebunden und verabschieden sich immer erleichtert. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen.
Er hat den Himmelausfalter nicht immer selber aus dem Rucksack genommen. Einmal, er war schwer verliebt, fand ihn das Mädchen im Rucksack, als sie nach einem Stift suchte und er einkaufen war. Sie probierte den Ausfalter selbstständig aus. Er merkte es erst, als er in die Wohnung zurückkam, ihre Jacke und Schuhe weg, der Himmel aufgefaltet.
Jedes Auffalten ist jedenfalls ein wichtiger Schritt für ihn gewesen und hat ihn geprägt. Wenn er auch nicht sagen kann, ob er sich wirklich immer freut oder ängstigt, bevor er es tut, so wächst er doch mit den Himmeln und sie wachsen vielleicht auch mit ihm. Sicher überfordert er seine Freundinnen nicht mehr so damit wie früher, er ist behutsamer. Und mehr als früher kann er das Spektakel geniessen, den das Auffalten bietet. Er verspürt schon eine milde Verständigkeit, wenn er seine Finger, die im Rucksack wühlen, den Himmelauffalter berühren.

Wie es andere per SMS machen können, will ihm nicht in den Kopf. Er hält es für eine Stillosigkeit. Er hat seine Himmel immer vor Ort auffalten lassen.

sonntagabendsong

Der Hyperkapitalismus kommt aus der Kohlenmine

Auf dem delirium-Blog habe ich einige Gedanken zum Hunger Games-Film geschrieben: Man darf Katniss Everdeen nicht als Revolutionärin lesen, aber erstrecht nicht als wache Kritikerin der Revolution, die im verstiegenen Humanismus Mitleid für Freunde und Feinde hegt: Sie fühlt nichts, sie denkt wenig, sie will nichts. Sie ist der Hyperkapitalismus.

delirium

Auf Kulturmutant hat der Filmkritiker Gregor Schenker eine wohlmeinende Rezension zum neuen Hunger Games-Streifen geschrieben. Leider hat er, wie viele andere, einige Dinge verkehrt: Er ist noch viel besser, als er denkt.

Der neuste Film, der zweite Teil des dritten Buches, Mockingjay Teil 2, beginnt mit einem Porträtshot auf Katniss Everdeen. Ihr verletzter Hals wird von schwarzen Frauenhänden geformt und gedrückt, als wäre sie eine Gipsskulptur, der man den rechten Schliff geben muss. Bis dahin war die vielen Todesgefahren entronnene Heldin schon dutzende Male im Krankenhaus aufgewacht, man fürchtet, häufiger als Harry Potter im Krankenflügel. Es wird auch in diesem Film nicht das letzte Mal sein.

Die Hände sind fertig, sie verschwinden aus dem Bild: Eine Frauenstimme bittet Katniss zu sprechen. Sie krächzt. Ihre Stimmbänder seien angeschwollen, hört sie sagen. Nur langsam kommt ihr Sprechen zurück. «Sprich mir nach», heisst es. «Mein Name ist Katniss Everdeen. Ich bin…

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