Wrag!

Cédric Weidmann, 26, schreibt.

Monat: März, 2016

Der Satz (LXXIV)

Oft ist es auch ganz nett.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern.

Der Satz (LXXIII)

Denn unsere Leidenschaft ist es, zum Wachstum deines Unternehmens beizutragen.

Facebook for Business, E-Mail zur Bewerbung von „Deine Business Story“.

Szenen hassen

Szenen hassen. Man merkt, dass sie da hin müssen, dass es sie braucht, und je mehr es sie braucht, desto mehr sind sie verhasst.
Natürlich liesse sich sagen: Geplante Szenen, auf die man keine Lust hat — und damit würde man schon zeigen, dass man das Problem nicht versteht, denn es ist «die man hasst», nicht «auf die man keine Lust hat» —, könne man sich besser gleich sparen. Ein Text sollte nicht durchgeplant werden und der Hass des Schreibenden bezeugt schon, dass es jeder Leser hassen wird.
Aber das sind meistens Leute, die nicht sehr lange Texte schreiben: Das Faszinierende am Romane-und-längere-Erzählungen-Schreiben ist, dass es nicht die Perfektion des Künstlers braucht, denn die ist, wenn auch immer bewundernswert, gar nicht so selten. Es ist die Faszination für die grausame Ökonomie des Verwalters, der am Schreibtisch Todesurteile über hübsch formulierte Perspektivwechsel oder witzige Szenen vollstreckt, bevor sie mühsam geschrieben werden konnten, der aber auch gegen den Willen aller Angehörigen lebenserhaltende Massnahmen bei Charakteren walten lässt, die man besser längst aufgegeben hätte.
Man teilt eben grössere Ziele und kleinere Ziele ein. Was man erzählen will, ist eben nicht immer, was man mit jedem Atemzug erzählen will. (Ausser Perfektionismus hätte tatsächlich einmal zur Perfektion geführt — in meinem Fall höchstens zu ein paar hübschen Sätzen.)

Trotzdem, wer ist schon Verwalter? Manche Szenen, denen man ihre Funktonalität ansieht, die man zusammen operiert und die auch auf Dauer nicht schön verheilen, muss man einfach hassen. Sie zu «schreiben» bedeutet etwas anderes, als schreiben.

Die Ampel

Der Song heisst Portugal.

Da ist der Morgen, aus dem die Sonne herausscheint wie eine Mango durch einen Plastiksack. Auf der Strasse liegt noch der Regen der Nacht oder Tau, sonst sind alle Strassen sauber gewischt, die Läden haben noch nicht geöffnet. Da ist diese Ampel, die ein wenig länger als nötig auf Rot steht. Es sind vielleicht nur die drei, vier Sekunden, in denen alle Autos und alle Fussgänger zugleich Rot haben, aber sie reichen als Zeitspanne aus, sie innerlich zu beschädigen. Sie hasst diese Ampel, besonders am Morgen, wenn weder Autos fahren, noch Menschen da sind. Sie hasst es, wie sie ihren Nachhauseweg künstlich, über jedes nachvollziehbare Mass, verlängert und wie sie sie zwingt, sich in den Bereich der Illegalität zu begehen, wenn sie morgens zu spät dran ist und bei Rot über die Kreuzung huscht.
Eduard hat ihr erklärt, was das soll. Die Rotwelle ist künstlich verzögert, damit weniger Autos in die Stadt kommen. So kann die Stadtverwaltung dafür sorgen, dass die Strassen nicht überfüllt sind. Eduard weiss es und hat es ihr deutlich erklärt und sie hat sich gegen seine Brust geschmiegt, zufrieden mit der Erklärung oder wenigstens nachgiebig und aufopferungsvoll, weil in der Welt nun einmal alles mit rechten Dingen zu und her gehen müsse und weil drei oder vier Sekunden verlängerte Wartezeit nicht dasjenige sei, was zu den unrechten Dingen gezählt werden müsste. Aber jetzt wo sie draussen steht und der nasse Wind in ihr Gesicht weht und sie friert in ihrer Bluse, für die erst in einigen Stunden die richtige Temperatur herrscht, scheint ihr diese Frau, die an Eduards Brust klebt, fremd und lächerlich.
Da ist diese erste Sekunde, wo sie den Drang, die Hände vors Gesicht zu schlagen, unterdrückt, ein Hund ist auf der anderen Strassenseite, der Hund nagt an einer Eisenkette, seine Hoden knallen gegen die Eisenkette, als er sie markiert und zur Überprüfung beschnüffelt, sie will nicht mehr am Leben sein und sie steht breitbeinig da und schaut den grauen BMW an und da ist die zweite Sekunde, der BMW-Fahrer sieht ihren Blick, erwidert ihn, er trägt eine dicke Hornbrille und einen Anzug und neben ihm sitzt ein Jüngerer in dunklem Pullover, vielleicht sein Sohn mit einem Bart. Da ist die dritte Sekunde und ihr Blick fällt auf den Mann der gegenüber steht, fährt an seinen kräftigen Beinen hoch, er steht aufrecht und sieht ihr ins Gesicht, die Hand streichelt nachdenklich über die glattrasierte Wange und als sie ihren Blick auf sein Gesicht richtet, kantig und ohne ein einziges Versprechen, das über Unfreundlichkeit hinausgeht, lächelt er. Ihr fällt ein, dass sie ihn öfters hier gesehen hat, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie atmet erstaunt aus, sie liebt diesen Mann. Wie hat er ihr immer entgehen können? Sie ist sehr kurzsichtig.
Da ist das Grün der Ampeln und nun schleppt sie sich fast gelähmt über den Fussgängerstreifen und der Mann geht an ihr vorbei.
„Alles in Ordnung?“, fragt er sie.
„Ja“, antwortet sie und lächelt zurück. Der Mann nickt und geht weiter bis zur anderen Strassenseite und sie beginnt, den Rest ihres Wegs fortzusetzen. Die Männer aus dem BMW schauen sie ausdruckslos an und sie bemerkt, wie schön sie alle sind. Es ist alles in Ordnung, denkt sie, die Ampel wird gelb. Es ist ein bisschen wärmer geworden, als sie auf der anderen Strassenseite ankommt und sie zieht die Ärmel der Bluse ein wenig zurecht.

sonntagabendsong

Der Satz (LXXII)

die Hoffnung, man könne technisch originell und gleichzeitig in seiner Darstellung gewandt sein, wird von der Geschichte der Literaturwissenschaft nicht bestätigt.

Paul de Man, Semiologie und Rhetorik.

Ein-Satz-Review (In Stahlgewittern)

In StahlgewitternIn Stahlgewittern by Ernst Jünger
My rating: 4 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Jünger, ein Meister des Gegenteils vom Erlebnisbericht, das sich noch in jedem Nebensatz als solchen ausgibt, ich wollte sagen, «beschreibt», aber das ist falsch, «erzählt», «konstruiert», Unsinn, dieser Text ist nicht auf eine solche Weise gemacht, er liest sich nur wie Honig.

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