Wrag!

Cédric Weidmann, 27, schreibt.

Monat: Juni, 2016

Loribeths Missgeschick

Einige Gedanken zum Roman „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ von Michelle Steinbeck.

Bloggen statt schlegeln

Mein Vater und ich, wir kamen früher jeden Tag hierher, um Sie zu besuchen. Sie waren sein grosses Vorbild. Er hat Sie um Rat gefragt für sein Buch, wissen Sie noch? Ich hätte heute auch fast angefangen, etwas zu schreiben. Dann ist mir ein Missgeschick passiert, und ich wurde abgelenkt. Was, meinen Sie, hat das zu bedeuten? (34)

Nerven

Im ersten Absatz, bevor die Erzählerin auch nur einen Schritt tut, macht das Kind vor dem Haus eine klare Ansage. „Gestern habe ich geträumt, ich hätte alle beleidigt.“ Von Anfang an ist sicher: Das wird keine harmonische Angelegenheit. Ein Kampf wohl eher. Daher nimmt es der Text schon auf den ersten Seiten mit allem auf: mit Kafkas Unglücklichsein, dessen Setting – allein, nervös im Zimmer mit Blick aus dem Fenster, schreiend, als ein zu kluges Kind wie aus dem Nichts eintritt – Steinbeck gleich übernimmt; mit Murakamis Der zweite Bäckereiüberfall,

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Der Krieg im Garten des Königs der Toten (Ein-Satz-Review)

Der Krieg im Garten des Königs der TotenDer Krieg im Garten des Königs der Toten by Sascha Macht
My rating: 2 of 5 stars

Ein-Satz-Review

Dieses Buch ist eine Enttäuschung, die so gross ist, wie sie ein schlechtes Buch niemals bedeutete, denn es hält immerhin die Versprechung von Fantasie, jonglierenden Klischees und gespreizten Erzählsituationen, die mir Sascha Machts Gewinnertext des New German Fiction-Preises «Nach den Spionen» letztes Jahr gemacht hatte, indem auch hier die Handlung auf einer Just Cause-ähnlichen Abziehbild-kubanischen Insel spielt, wo die Klischees regieren, nicht nur als korrupte Generäle, kommunistische Sekten, deutsche Touristen, sondern auch in der Coming Off Age-Handlung selbst, als ein von den Eltern einsam zurückgelassener Junge namens Bruno Hidalgo, der sich in billige Horrorfilme, die auch nur schlechte Klischees von sich selbst und deren Inhaltsangaben oft lustig zu lesen sind, flieht und zu einem Filmfestival reist, um aus dem gelangweilten Elend der Existenz hinauszukommen, doch das Buch — trotz diesen gehaltenen Versprechungen — enttäuscht, weil die Sätze so lieblos zusammengeschustert sind wie die einzelnen Ideen und fantasievollen Schnipsel, deren Reihungen sie sofort in ein ironisches Licht rücken, wo, so spürt man, eben nichts so wirklich gemeint und alles nur das Spiel eines unglaublich bemühten Spassmachers ist, der sich an jedem sprachlich vulgären Register vergreift, in der Hoffnung, es münde in die Dreistigkeit eines Clemens Setz, auf der er leider einen grossen Rückstand hat.

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Das Geräusch aller fallenden Smartphones

Ich habe in meinem Leben schon so viele Smartphones zu Boden fallen sehen. Natürlich handelt es sich einfach um jenen Gegenstand, der überdurchschnittlich oft und, wenn man gewisse Fälle betrachtet, über Gebühr in der Hand gehalten wird. Dennoch ist es erstaunlich. Eben schlug ein iPhone krachend neben mir im Flughafen Kopenhagen auf. Das Geräusch ist fast vertraut.
Wie wäre das schön, wenn alle auf der Welt gleichzeitig zu Boden fielen. Amerikanische Banker und afrikanische VHS-Verkäufer würden mit kaum schockierten, angesichts des bevorstehenden Ärgerlichens leicht verblüfften Blick dem fallenden Handy hinterhersehen. Ein kleiner Einbruch in der Volkswirtschaft, ein paar tausend kaputte Geräte, mehr nicht, dafür: Terror durch das Alltägliche, spürbar gemacht. Unter dem wurde schon mehr gelitten als unter allen Kriegen zusammen. Nur merkt es keiner. Man denkt: „So ist das Leben. Es lagert sich eben Staub ab, wenn man nicht jede Woche wischt.“ Und denkt gar nicht daran, wie uns der Staub, der sich zu kleinen Terrorzellen sammelt, terrorisiert.
Aber man muss sich schon fragen: Ist der Mensch wohl nicht zum Halten von Smartphones gemacht (und nicht umgekehrt, wie jene Apple-Designer denken, die das sogenannte Handling perfektionieren wollen)? Liegt die Obszoleszenz nicht im Gerät sondern in der Behändigung durch unsere dürren Finger? Wie oft haben sie nicht schon gezittert und vor dem Einschlafen gezuckt!

Rezension zu „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“

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Neue Rezension im Coucou, mit der zweiten „Lies mal Delirium“ Rubrik, die von delirium gestaltet wird.

Zeitschrift gegen Kritik!

Kritik ist wie Atommüll: Jeder hat sie, keiner will sie und niemand weiss, was damit machen.

Ein Essay von mir auf delirium über Wesen und Ungeheurlichkeiten der Kritik.

delirium

I

«Wenn dergleichen Anzeigen frey und offt geschehen/ so ist kein Zweiffel/ es giebt der Käuffer/ der Verleger solcher unnützen Bücher und folglich der Stümper weniger.» (Neue Bibliothec, oder Nachricht und Urtheile von neuen Büchern. Und allerhand zur Gelehrsamkeit dienenden Sachen 1715:5)

Meinungen sind nicht gerade selten.

Wenn Peter sein erstes Saxophonkonzert gibt, wird ihm seine Tante danach bestimmt sagen, dass er nicht in sein Blatt sondern ins Publikum hätte schauen sollen. Die Tante kann nicht anders, sie muss so, und sie denkt noch, sie tut gut daran. Peter bringt das natürlich wenig. Das nächste Mal wird er ins Publikum schauen: Ausser dass er das bis zum nächsten Jahreskonzert durch den Kopf wälzt und sich schon vorgängig unter totaler Beobachtung wähnt, wird es seine Art vorzuspielen kaum nennenswert verbessern. Möglich ist, dass Peter, der alte Selbstoptimierer, gerne so etwas hört, weil er den Einbezug des Publikums perfektionieren möchte. Es liegt…

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